Begrüßung des 2. Forums der AG BFN
Liebe Kolleginen und Kollegen,
Herzlich willkommen an der Humboldt-Universität. Auf dem liberalen Geist von Fichte, Schleiermacher, Savigny und Beyme beruhend, ist sie 1810 durch Wilhelm von Humboldt als "universitas litterarum" gegründet worden, in der die Einheit von Lehre und Forschung, von Bildung und Erziehung verwirklicht werden soll.
Höhen und Tiefen charakterisieren den Weg zwischen Anspruch und Verwirklichung. Man erinnert sich in der Humboldt-Universität nicht nur der illustren Namen der 27 Nobelpreisträger - ich nenne stellvertretend Theodor Mommsen für die Sprachwissenschaft, Max Planck für die Naturwissenschaft, Robert Koch für die Medizin. Zur Geschichte der Humboldt gehört auch die schmähliche Bücherverbrennung im Mai 1933 unter den Fenstern dieses Senatssaals, die Vertreibung jüdischer Gelehrter, die Zerstörung der Universität im 2. Weltkrieg, die Spaltung von Lehrkörper und Studentenschaft, die 1948 zur Gründung der Freien Unversität führte, die Umstrukturierung der traditionellen Strukturen durch die 3. Hochschulreform von 1968, die Entwicklung zur Eliteschule der DDR.
Die deutsche Vereinigung führte zur Neustrukturierung der Universität. Heute lehren hier fast 500 Professoren - zur Hälfte aus dem Westen, zur Hälfte aus dem Osten Deutschlands. Fast 25.000 Studenten, davon ca. 2000 aus dem Ausland, sind in 200 Studiengängen eingeschrieben. Aber die Erneuerung ist längst nicht abgeschlossen; wünschen Sie uns, daß sie gelinge!
Seit 1906 gibt es eine Handelslehrerausbildung in Berlin, zunächst an der Handelshochschule, die 1930 zur Wirtschaftshochschule wurde, um 1946 als Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät in die Berliner Universität integriert zu werden. Nach der Wende etablierte sich die "Wirtschaftspädagogik als empirisch orientierte selbständige Teildisziplin der Erziehungswissenschaften"[1] und wurde eine eigenständige Abteilung am Institut für Wirtschafts- und Erwachsenenpädagogik der Philosophischen Fakultät IV.
Der Lehrstuhl "Wirtschaftspädagogik" wurde 1992 mit Jürgen van Buer besetzt. Im letzten Sommersemester erging an PD Dieter Squarra der Ruf auf die Professur für Wirtschaftspädagogik/Wirtschafsdidaktik. Er hat ihn angenommen, so daß das Lehrprogramm für die derzeit 330 Studenten der Wirtschaftspädagogik im Diplom- und im Lehramtsstudiengang gesichert ist.
Ich selbst leite die Abteilung "Pädagogik und Informatik" am Institut für Wirtschafts- und Erwachsenenpädagogik mit einem Viertel meines Lehrdeputats in der Wirtschaftspädagogik. Pädagogik und Informatik ist der erste Lehrstuhl dieser Art in Deutschland. Mit ihm hat die Erziehungswissenschaft in Berlin der Bedeutung der neuen Informationstechniken für Lehr-Lern-Prozesse Rechnung getragen. Unser wichtigster Arbeitsschwerpunkt ist multimedial gestütztes Lernen in Computernetzen.
Aber genug der Selbstvorstellung! Sie sind heute an die Humboldt-Universität gekommen, um am zweiten Forum des Berufsbildungsforschungsnetzes teilzunehmen.
Die AG Berufsbildungsforschungsnetz (AG BFN) konstituierte sich im Jahr 1991 mit dem Ziel, die Berufsbildungsforschung in Deutschland zu fördern.
Zu ihren Gründern gehören:
- die Kommission Berufs- und Wirtschaftspädagodik der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE)
- das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) in Berlin
- das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesanstalt für Arbeit in Nürnberg
Darüber hinaus zählen zu den Mitgliedern Landesinstitute, Lehrstühle der Berufs- und Wirtschaftspädagogik und weitere Institutionen, die Berufsbildungsforschung betreiben.
Drei Aktivitäten kennzeichnen die Schwerpunkte der AG BFN:
- das zweijährige Forum Berufsbildungsforschung
- die zentrale Forschungsdokumentation Berufsbildung beim IAB
- die Literaturdokumentation Berufliche Bildung beim BIBB
Ziel eines Forums ist es
- Forschungsergebnisse zu präsentieren,
- forschungsmethodologische Probleme sowie die Interdependenzen von Entstehung, Begründung und Verwertung von wissenschaftlichen Verfahren und Erkenntnissen zu erörtern,
- Informationen über durchgeführte Projekte auszutauschen,
- kritische Bewertungen von laufender Forschung zu diskutieren,
- Perspektiven künftiger Forschung zu formulieren.
Das erste Forum fand unter Beteiligung von ca. 100 Berufsbildungsforschern unter dem Thema "Modernisierung beruflicher Bildung vor den Ansprüchen von Vereinheitlichung und Differenzierung" im März 1993 in Oldenburg statt, ausgerichtet von Reinhard Czycholl, und ist dokumentiert in dem gleichnamigen Tagungsband, der in den Beiträgen für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesanstalt für Arbeit erschienen ist.
Heute nun beginnt das zweite Forum. Der Programmausschuß (dem die Kollegen Czycholl, Heimerer, Pütz und Tessaring angehören) hat das Thema "Berufliche Aus- und Weiterbildung: Konvergenzen/Divergenzen, neue Anforderungen/alte Strukturen" in sechs Unterthemen aufgefächert, die intensiv in Workshops behandelt werden.
Wir haben versucht, eine gute Balance zwischen extensiven Plenar- und intensiven Workshop-Sitzungen herzustellen: Mit einem Vortrag und anschließender Diskussion beginnen wir, dann folgt die erste Runde der Workshops. Heute abend werden wir das Plenum in lockerem Rahmen bei der AEG fortsetzen: Nach einer kurzen Einführung in die Thematik des Forums aus der Sicht eines ausbildenden Großbetriebes haben wir bei Speis und Trank Gelegenheit zum Gespräch mit Kollegen.
Morgen stehen dann wieder zwei Workshop-Sitzungen an, wir schließen mit einem Abschlußplenum um 17 Uhr und werden dort im Rahmen einer öffentlichen Mitgliederversammlung der AG BFN die Literaturdokumentation Berufliche Bildung vorstellen. Sie ist neben den zweijährigen Foren und der Forschungsdokumentation die dritte Säule der AG BFN. Nach dreijähriger Entwicklungsarbeit ist sie jetzt benutzbar.
Und nun in medias res! Unseren Referenten muß ich Ihnen wohl kaum vorstellen: Adolf Kell, Professor in Siegen, ist namhafter Vertreter der Berufs- und Wirtschaftspädagogik in Deutschland, Verfasser vieler Schriften und Beiträge, Mitverfasser der DFG-Denkschrift zur Berufsbildungsforschung in Deutschland, langjähriges Mitglied im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft, Vorsitzender der Enquete-Kommission "Erziehungswissenschaft in den neuen Bundesländern", Gründer und Herausgeber der Zeitschrift "Erziehungswissenschaft". Wir freuen uns, daß wir ihn für das Hauptreferat heute gewinnen konnten und sind gespannt auf das Thema "Kooperation in der Berufsbildungsforschung: Rückblick, Zwischenbilanz und Ausblick".