Seit 1. Mai 1996 ist Prof. Dr. Jürgen Baumert Direktor des
Forschungsbereichs Erziehungswissenschaft und Schulsysteme im
Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin.
Herr Baumert hat 1968 seine
Promotion in den klassischen Sprachen und Philosophie an der
Universität Tübingen abgelegt. Weitere Studien in Psychologie
und Erziehungswissenschaft führten zu seiner Habilitierung in
Erziehungswissenschaft an der Freien Universität zu Berlin
(1981).
Von 1975-1991 war er Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für
Bildungsforschung Berlin und von 1989-1991 Professor für
Erziehungswissenschaft an der Freien Universität Berlin. 1991
folgte er einem Ruf zum Direktor der erziehungswissenschaftlichen
Abteilung des Instituts für Naturwissenschaftlichen Unterricht
(IPN) der Universität Kiel und von 1992-1996 war er
Geschäftsführender Direktor des IPN, bis er zum MPIB berufen
wurde.
Herr Baumert ist seit 1991 Gutachter für die Deutsche
Forschungsgemeinschaft für den Bereich Lehre und Forschung. Er
hat Forschungsaufträge von der DFG, BMFT und der National Center
for Education Statistics (NCES) / National Science Foundation
(NSF) (USA) bekommen. Ihm wurde der Vorsitz mehrerer Kommissionen
für die Reform der Gymnasialoberstufe (KMK) bzw.
Umstrukturierung der Geisteswissenschaften (Universität
Osnabrück) übertragen.
Eine Liste seiner Veröffentlichungen finden Sie in den
Web-Seiten oder durch Recherche in der MPIB-Bibliotheksdatenbank
(http://www.mpib-berlin.mpg.de/DOK/ehome.htm).
Mit seinem Amtsantritt als
Nachfolger von Peter Martin Roeder, Direktor des
Forschungsbereichs Schule und Unterricht, hat Herr Baumert ein
neues Forschungsprogramm und neue Forschungsschwerpunkte gelegt,
die sich in der Namensänderung des Forschungsbereichs
widerspiegeln.
Folgende Beschreibung seines Forschungskonzepts hat Herr Baumert
dargelegt (Text teilweise gekürzt wiedergegeben):
1. Forschungsbereich "Erziehungswissenschaft und
Bildungssysteme"
Der Forschungsbereich "Erziehungswissenschaft und
Bildungssysteme" wurde 1982 unter dem Namen "Schule und
Unterricht" eingerichtet. Sein erster Direktor war bis 1995
Peter Martin Roeder. Der Name des Forschungsbereichs wurde 1996
geändert, um ...die über schulische Einrichtungen hinausgehende
institutionelle Perspektive zu betonen, unter der individuelle
Entwicklungs- und Lernprozesse analysiert werden. Der Kundige
wird im übrigen leicht sehen, wie weit das jetzige
Forschungsprogramm den Arbeiten Peter Martin Roeders verpflichtet
ist. "..." Der wissenschaftliche Mitarbeiterstab ist
multidisziplinär zusammengesetzt...
1.1 Erziehungswissenschaftliche Forschung im Institut für
Bildungsforschung
...In einem Institut für Bildungsforschung, in dem die
Disziplinen Erziehungswissenschaft, Psychologie und Soziologie in
gemeinsamer konzeptueller Orientierung am menschlichen Lebenslauf
zusammenwirken, scheint die spezifische Perspektive des
Forschungsbereichs "Erziehungswissenschaft und
Bildungssysteme" vorgezeichnet zu sein: Während
gesellschaftliche und individuelle Sichtweisen primär Geltung in
den übrigen Forschungsbereichen beanspruchen, sollen hier
individuelle Entwicklungs- und Lernprozesse unter einer
institutionellen Perspektive untersucht werden. In dieser
Orientierung erhält das Forschungsprogramm Spezifität und
Identität und schließt zugleich an die Arbeiten der übrigen
Forschungsbereiche des Instituts an.
1.2 Konzeptuelle Orientierung des Forschungsprogramms
Der konzeptuelle Rahmen und die methodischen Präferenzen des
Forschungsprogramms des Bereichs "Erziehungswissenschaft und
Bildungssysteme" sollen im folgenden in fünf theoretischen
Überlegungen skizziert werden.
(1) In einem systemtheoretischen Ansatz werden Bildungs- und
Erziehungssysteme als funktional spezifische gesellschaftliche
Subsysteme verstanden, die - anderen gesellschaftlichen
Subsystemen vergleichbar - relative Autonomie gewinnen, indem ein
stabiler Binärcode, an den die zentralen Systemfunktionen
gebunden sind, von variierenden Handlungsprogrammen getrennt
wird. "..." Luhmann hat darauf hingewiesen, daß in
Bildungs- und Erziehungssystemen die Graduierung von Leistungen
oder allgemeiner: Performanzen den stabilen binären Code
(bessere/schlechtere Leistung) darstellt, wobei
Bildungsprogramme, die den Gegenstand der Bewertung vorgeben,
sich verändern oder auch ausgetauscht werden können.
"..." Die Graduierung erfolgt grundsätzlich funktional
spezifisch: Ein Schüler oder Student wird im Hinblick auf
spezifische Aufgaben oder Ziele beurteilt, nicht in seiner
gesamten Persönlichkeit. Diese Spezifität ist ein wichtiges
Merkmal moderner institutionalisierter Bildungsprozesse, die
diese von der diffusen Orientierung der Familie unterscheiden.
"..."Wenn man die funktional spezifische Graduierung
als eine zentrale Systemleistung auffaßt, gewinnt man einen
konzeptuellen Rahmen, der ein Verständnis für die
mehrdimensionale Struktur formalisierter Bildungsprozesse
eröffnet:
(2) Das Programm des Forschungsbereichs ist institutionell
orientiert. Das institutionelle Gefüge einer Bildungseinrichtung
wird als Gelegenheitsstruktur für individuelle Lern- und
Entwicklungsprozesse konzipiert, die spezifische
Entwicklungsmöglichkeiten begünstigt und gleichzeitig andere
versperrt. Die institutionelle Struktur definiert den Rahmen für
individuelle Gewinne und Verluste sowie für
Kompensationsmöglichkeiten. "..."
(3) Die dritte konzeptuelle Überlegung bezieht sich auf das
strukturelle Paradox institutionalisierter Erziehung.
Erfahrungen, die im Rahmen formalisierter Bildungsprozesse
angeboten werden, sind immer stellvertretende Erfahrungen -
ausgewählt und präpariert mit dem Ziel, Lernprozesse anzubahnen
und zu unterstützen, die gleichwohl, um erfolgreich zu
verlaufen, als persönliche und authentische Erfahrungen
wahrgenommen und verarbeitet werden müssen. Dieses Paradox ist
nicht zu umgehen. "..."
(4) Die vierte Überlegung betrifft die doppelte Zeitperspektive
institutionalisierter Bildung und Erziehung. Formalisierte
Bildungsprozesse weisen über sich selbst hinaus. Sie richten
sich auf zukünftige, unbestimmte Lebenssituationen, in denen
Individuen autonom und verantwortungsvoll entscheiden und handeln
sollen. "..." Gleichzeitig aber konstituieren
Bildungseinrichtungen, die einen erheblichen Teil des Zeitbudgets
von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen beanspruchen,
Lebenswelten eigenen Rechts. Gegenwärtige Lebenszeit ist nicht
gegen Zukunft aufrechenbar. Das soziale Regelwerk von
Bildungseinrichtungen schafft nicht nur die Voraussetzungen
systematischer Instruktion, sondern definiert gleichzeitig den
Rahmen unmittelbarer Alltagserfahrungen, die reflexiv auch wieder
zum Gegenstand der Instruktion gemacht werden können.
Untersuchungen zu individuellen Entwicklungs- und Lernprozessen
in Bildungsinstitutionen müssen diese doppelte Zeitperspektive
konzeptionell berücksichtigen.
(5) Die dargestellten Überlegungen beeinflussen unmittelbar die
methodische Anlage des Forschungsprogramms:
Das neue Forschungsprogramm legt Wert auf Längschnittstudien mit
einem Mehrebenen-Ansatz, der intraindividuelle Entwicklung,
interindividuelle Unterschiede und Unterschiede zwischen
Schulklassen bzw. zwischen Schulen berücksichtigt. Ein Teil der
Projekte ist kulturvergleichend angelegt.
Überblick über die Hauptforschungschwerpunkte:
1. Fortsetzung der Kooperation zwischen dem IPN in Kiel und dem
MPIB Berlin. Eine Längsschnittstudie, die bereits seit 1991
unter Herrn Professor Baumert in Kiel in Kooperation mit
Wissenschaftlern des MPIB hinsichtlich der Umwandlung des
Einheitlichsschulsystems der ehemaligen DDR in das dreiteilige
Bildungssystem der alten Bundesländer angefangen wurde, wird
fortgesetzt und mit Follow-up-Studien ergänzt, als die Schüler
nun den Übergang von der Schule in die Arbeitswelt annähern.
2. Das MPIB beteiligt sich an der Third International Mathematics
and Science Study (TIMSS) der IEA mit Partnerinstituten in
Deutschland (Humboldt-Universität zu Berlin, IPN in Kiel etc.).
TIMSS-Deutschland ist als Längsschnittstudie konzipiert. Ferner
wird ein Vergleich des Mathematikunterrichts in der 8. Klasse in
den USA, Japan und Deutschland unter Benutzung einer digitalen
Videoaufnahmetechnik durchgeführt.
3. Drei weitere, ineinander verknüpfte Forschungsprojekte decken
vier verschiedene Interessengebiete ab:
4. Schwerpunkt einer weiteren Längsschnittuntersuchung (CIVICS)
ist der Bereich politischer Bildung und Sozialisation.
Weitere mikroanalytische Forschungsprojekte sind noch in der
Konzeptionsphase.
Weitere Informationen zu diesen Projekten sind im Annual Report
des Instituts erhältlich (im Druck) und in den Web-Seiten des
Forschungsbereichs zu finden (URL
http://www.mpib-berlin.mpg.de/SuU/r-cssi1.htm).
Diann Rusch-Feja