Peter Diepold

Elektronische Informationsdienste
für Wissenschaftler
am Beispiel des Internet

Was braucht der Wissenschaftler?

Er muß

- die Übersicht zum Stand der Forschung in seinem Gebiet behalten, also insbesondere über neuere Arbeiten informiert werden,

- die neueren Arbeiten selbst, insbesondere Aufsätze und Bücher, möglichst schnell erhalten,

- seine eigenen Konzepte, Fragestellungen und Ergebnisse öffentlich machen und

- sie mit Fachkollegen diskutieren.

Das ist schwierig, denn es gibt zwischen 100.000 und 300.000 Zeitschriften auf der Welt; das sind 3 bis 10 Millionen Aufsätze im Jahr. Täglich werden 2.000 Bücher veröffentlicht; davon allein ein Drittel auf Englisch, Deutsch oder Französisch (230.000 jährlich). Täglich produzieren Wissenschaftler weltweit 7000 Arbeiten. Jährlich werden 800.000 Patente angemeldet. Kann er diese Informationsflut noch beherrschen, oder gilt: Er dürstet nach Wissen, aber ertrinkt in Informationen?

Wie können ihm elektronische Informationsdienste seine Aufgabe erleichtern?

Um diese Frage zu beantworten, werde ich im 1. Teil etwas Grundsätzliches zu elektronischer Information und Kommunikation ausführen, im 2. Teil die im Internet verfügbaren Informations- und Kommunikationsdienste für den Wissenschaftler beschreiben, im 3. Teil die Nutzung an Beispielen aus dem eigenen Arbeitsbereich darstellen und im 4. Teil einige Anmerkungen zu den Möglichkeiten des elektronischen Publizierens machen.

1 Elektronische Information und Kommunikation

1.1 Der informationelle "Quantensprung" des 20. Jahrhunderts

In der Geschichte menschlicher Informationsverarbeitung hat es mehrere "Quantensprünge" gegeben, die Information und Kommunikation auf eine qualitativ neue Stufe gehoben haben.

- Der erste informationelle Quantensprung ist die Entwicklung der Schrift, genauer: die Erfindung des Alphabets im 2. vorchristlichen Jahrtausend im semitischen Sprachraum. Er ermöglichte es, sprachliche Informationen durch nur 22 Zeichen kodierbar zu machen.

- Der zweite ist Gutenbergs Druckpresse zu Beginn der europäischen Neuzeit. Er ermöglichte die mechanische Vervielfältigung von Wissen.

- Der dritte ist die Informations- und Kommunikationstechnik des 20. Jahrhunderts.

Was elektronische Informationsverarbeitung bedeutet, läßt sich an einem Vergleich zu traditioneller Informationsverarbeitung nachvollziehen.

Verarbeitungsgeschwindigkeit. Ein mit 40 MHz "getakteter" Tischcomputer kann in einer Sekunde etwa 10 Millionen Befehle ausführen. Nehmen wir an, ein Mensch schaffte zwei Befehle in der Sekunde, dann bräuchte er dafür 5 Mio Sekunden, das sind 83.000 Minuten oder 1.400 Stunden oder 36 Arbeitswochen. Wozu der Computer eine Sekunde benötigt, braucht ein Mensch also ein dreiviertel Jahr.

Um den Inhalt einer CD-ROM mit Volltexten zu indizieren, wären 833 Mannjahre nötig; der Computer braucht dazu 20 Minuten.

Speichermöglichkeit. Eine CD, ein inzwischen weitverbreitetes Speichermedium für Bibliographien, Volltexte, Grafiken und Bilddateien, faßt 660 Megabyte an Informationen. Das entspricht dem Inhalt von 45 lfd. Meter Stellfläche, nämlich 1.500 Büchern. Im Vergleich zum traditionellen Speichermedium, dem Buch, benötigt die CD an Platzbedarf, Herstellungskosten, Materialaufwand weniger als ein Tausendstel. In Verbindung mit der Verarbeitungsgeschwindigkeit von Computern ist sie dem Papiermedium millionenfach überlegen (vgl. Abb. 1: "Technologievergleich CD-ROM <-> Buch").

Während in den vergangenen Jahrhunderten das menschliche Wissen in Büchern festgehalten und in Bibliotheken gesammelt wurde, wird heute das Welt-Wissen zusammengefaßt in derzeit ca. 6.000 großen Datenbanken, ist hervorragend strukturiert und indiziert, so daß beliebig kombinierbare Ab-fragen in Sekundenschnelle die Antworten liefern. Viele Datenbanken enthalten nicht nur die Information über Quellen (wie z. B. Literaturdatenbanken oder die elektronischen Kataloge der öffentlichen Bibliotheken), sondern die Quelle selbst als sog. Volltext-Datenbanken. Von ihnen kann man Auszüge als elektronische Kopie auf Diskette, als Fax oder als "Download" auf den eigenen Rechner erhalten.

Solche für Erziehungswissenschaftler wichtige Datenbanken sind beispielsweise:

- die deutsche Nationalbibliographie,

- Dissertation Abstracts,

- Forschungsinformationssystem Sozialwissenschaft (FORIS),

- Mathematik Didaktik (MATHDI),

- aktuelle Umweltdaten der Umweltlandesämter,

- Datenbanken der Presseagenturen (ap, Reuters, dpa),

- Texte der überregionalen Zeitungen (FAZ, SZ),

- System für Information über Graue Literatur in Europa (SIGLE),

- Sozialwissenschaftliches Literaturinformationssystem (SOLIS),

- Genios-Wirtschaftsdatenbanken,

- die OPACS ("online public access catalogs") der wissenschaftlichen Bibliotheken).

Datenverarbeitung. Die fast nicht begreifbare Schnelligkeit des PC macht es möglich, in riesigen Datenmengen komplexe Suchaufträge sofort - "in Echtzeit"- durchzuführen. In einem Augenblick - einer Viertelsekunde - hat der PC eine Million Befehle abgearbeitet, Hunderte von Seiten Text gelesen, Textteile miteinander kombiniert, verglichen, bearbeitet, Indices in jeder gewünschten Reihenfolge mittels Boolscher Operatoren kombiniert und die Ergebnisse auf dem Bildschirm ausgegeben, damit man sie auf Papier ausdrucken oder auf einer Diskette abspeichern kann.

Vernetzung. Ist der Computer mit anderen Computern verbunden, kann er mit ihnen in Sekundenschnelle Kontakt aufnehmen, deren Speicher und Verarbeitungsfähigkeit nutzen und Daten übertragen, Ergebnisse übermitteln. Verbunden mit den in Tausenden von Datenbanken liegenden Informationen, wird der Tischcomputer Teil eines weltumspannenden elektronischen "Gehirns" mit millionenfach gesteigerter Gedächtnis- und Denkleistung.

Hier liegen die besonderen Möglichkeiten elektronischer Informationsverarbeitung. Sie sollen im folgenden am Beispiel des im Bereich der Wissenschaft weitverbreiteten INTERNET erläutert werden.

1.2 Entstehung und Struktur des Internet

Die Geburtsstunde des Internet - so ein weiterer Mythos mit einem wahren Kern - war Ende der 60er Jahre, als das amerikanische Verteidigungsministerium einen Auftrag erteilte, Hochleistungscomputer so zu verbinden, daß diese Verbindung trotz eines Atomangriffs weiter funktionieren könnte. Die Lösung war so genial wie einfach:

Network. Es wurde ein weitverzweigtes, "vermaschtes" Netz von möglichen physischen Kommunikationsverbindungen genutzt: Daten- und Telefonleitungen, Funkverkehr, Satellitenverbindungen. Viele Wege führen von einem Computer zum anderen. Sollte einer unterbrochen werden, wird eine Umleitung gewählt.

Protocols. Es wurden verbindliche Vereinbarungen über die Kommunikation zwischen Computern getroffen. Diese "Protokolle" abstrahieren von der zugrundeliegenden Hard- und Software. Das bedeutet: Im Gegensatz zu proprietären Netzsystemen wie AppleTalk, Novell, Banyan Vines oder Microsoft können PCs, Mac oder Unix-Rechner miteinander kommunizieren. Die Protokollfamilie des TCP/IP ist quasi die lingua franca des Internet geworden.

Packet switching. Der Datenstrom wird in kleine Pakete aufgeteilt, die mit der Adresse von Absender und Empfänger versehen, unabhängig voneinander auf den Weg geschickt werden. Wird eines beschädigt oder geht es verloren, so wird es automatisch erneut übertragen; es ist nicht nötig, daß die gesamte Kommunikation wiederholt wird. Darüber hinaus ermöglicht der Paketdienst, daß Leitungen gleichzeitig von mehreren Benutzern belegt werden können.

Name Service. Jeder Rechner hat einen Namen und (ähnlich einer Telefonnummer) eine weltweit eindeutige vierteilige numerische Bezeichnung. So hat z. B. unser Server der Abteilung Pädagogik und Informatik der Humboldt-Universität den Namen "bonsai.educat.hu-berlin.de" bzw. die Internet-Nummer "141.20.130.40"

Systemtheoretisch verblüffend ist die Analogie zu natürlichen Systemen, wie sie in der Biologie vorkommen, z. B. verteilte, ganzheitliche Informationsverarbeitung und -speicherung in den neuronalen Netzen des Gehirns, streng chaotische Struktur, dezentrale Steuerung durch das Zusammenwirken aller Teile, große Flexibilität, Fähigkeit, sich neuen Erfordernissen schnell und ohne Störung anzupassen, passive und aktive Mitwirkung aller daran beteiligter Komponenten.

Bereits 1972 wurde dieses militärische ARPANET freigegeben und entwikkelte sich zu einem Forschungsnetz, dem Internet. Zunächst nur von wenigen Insidern in Universitäten und Forschungsinstituten genutzt, hat es sich in den letzten Jahren bei exponentiellem Wachstum zu einem weltumspannenden Kommunikationsnetz entwickelt. Seit wenigen Jahren ist dieses Netz auch deutschen Wissenschaftlern zugänglich, nachdem der Verein Deutsches Forschungsnetz zunächst lange die Protokolle der OSI favorisiert hatte.

In USA wurde die Entwicklung des Internet durch eine offensive Bildungs- und Forschungspolitik gestützt. So finanziert die National Science Foundation den Anschluß einer Universität an das Internet nur, wenn die Hochschule auch alle Arbeitsplätze und studentischen Computer-Räume lokal vernetzt und mit dem Internet verbindet. Die Regierung Clinton hat Ende 1993 ein Fünf-Punkte-Programm vorgelegt, das u. a. den freien Zugang zum Netz für alle Bürger unter dem Postulat von freiem Wettbewerb und Flexibilität vorsieht.

Derzeit sind im Internet schätzungsweise 30 Millionen Computer in allen Kontinenten und in mehr als 50 Ländern weltweit verbunden. Andere Netze, wie EARN, BITNET, CompuServe, Fidonet oder NewsNet, haben sog. "Gateways", über die sie mit dem Internet in Verbindung treten und einige Dienste nutzen. "Peer-to-peer-communication" ist möglich, "jeder Benutzer des Netzes", so Vizepräsident Al Gore, "kann sowohl Konsument als auch Produzent von Information sein".

Für den Zugang zum Internet mieten die Hochschulen i. d. R. eine Standleitung vom Verein Deutsches Forschungsnetz. Die Gebühren dafür sind in Deutschland wegen des Monopols der Deutschen Telekom außerordentlich hoch; sie beginnen bei DM 25.000 und gehen bis über DM 400.000 im Jahr. Über die Universitätsrechenzentren erhalten dann die Mitglieder der Universität - Dozenten, Mitarbeiter, Studenten - auf Antrag kostenlosen Zugang zum Internet.

Für private Nutzer vermitteln zwei Vereine ihren Mitgliedern den Internet-Zugang zu moderaten Preisen, die sich nach dem Umfang an Diensten und dem Volumen orientieren. Neuerdings drängen auch kommerzielle Anbieter in das Geschäft und verändern damit den Charakter des Internet als eines Wissenschaftsnetzes.

Technisch kann der Internet-Zugang auf zwei Weisen verwirklicht werden: (1) Der Arbeitsplatz-PC ist fest per Standleitung eines lokalen Netzes mit dem Rechenzentrum verbunden; oder (2) der Computer ist an einen Modem angeschlossen, mit dessen Hilfe man sich über eine Telefonverbindung - vom Arbeitsplatz, von zu Hause, von unterwegs - in das Rechenzentrum einwählt.

Mit dem Internet kann nun der Wissenschaftler auf die elektronischen Speicher von Millionen Computern, gefüllt mit dem Wissen der Welt, zugreifen, die (oben beschriebene) immense Rechnerleistung nutzen und mit anderen Wissenschaftlern in Kontakt treten. Welcher Dienste er sich dabei bedient, werde ich im folgenden zweiten Teil erläutern.

2 Informationsdienste für den Wissenschaftler

2.1 TELNET

Mit dem Befehl "Telnet", gefolgt von der vierteiligen Rechnernummer, nehme ich Kontakt zu einem externen Rechner auf. Über das Internet sind die Bibliotheken der Welt mit ihren bibliographischen Hilfsmitteln erreichbar, Katalogen, Bibliographien, CD-ROMS, sei es die nächste Universitätsbibliothek oder die Library of Congress, der Welt größte Bibliothek. Der Zugang ist öffentlich und frei.

So können Wissenschaftler folgende Dienste benutzen:

- die elektronischen Kataloge (OPAC), über die nicht nur die Bestände der öffentlichen Bibliotheken abgefragt, sondern auch Buchbestellungen aufgegeben werden könnten,

- das deutsche Verzeichnis lieferbarer Bücher oder das englische books in print,

- Datenbanken wie die Deutsche Bibliothek oder andere Nationalbibliographien,

- bibliographische Datenbanken wie SOLIS oder ERIC, die über die Literaturnennung hinaus Schlagworte und Referate (Abstracts) enthalten.

Mit Hilfe von Telnet haben wir im letzten Jahr an meinem Lehrstuhl inzwischen eine fast 7.000 Nachweise umfassende Bibliographie zum Themengebiet "Pädagogik und Informatik" aufgebaut: Es wurde in verschiedenen Datenbanken recherchiert, die Ergebnisse elektronisch in den eigenen Computer gebracht und von dort mit einem Umsetzungsprogramm in unser eigenes Format überführt, mit dem wir unter LIDOS arbeiten. Das hat uns Hunderte von Arbeitsstunden für die Datenaufnahme von Literaturnachweisen erspart. Aus dieser eigenen Datenbank haben wir dann auch gleich die Bestellungen für die neu aufzubauende Bibliothek der Abteilung ausgedruckt.

2.2 FTP

Bibliotheksdatenbanken sind nur ein Beispiel für die Datenbanken, die das Internet bereithält. Die Zahl der erreichbaren Datenbestände geht in die Legion - seien es die Satelliten-Wetterkarten, die Datenbanken der Genome oder Tausende Programme für DOS und Windows, für UNIX oder OS/2, für Macintosh, Atari oder Amiga. Es gibt kaum ein Problem, für das nicht irgendwo eine Lösung existiert, die man - im Wissenschaftsbetrieb des Internet die Regel - kostenlos erhalten kann.

Ähnliches gilt für Volltexte. Das Projekt GUTENBERG der University of Illinois hat sich das ehrgeizige Ziel gesetzt, 10.000 Titel der Weltliteratur elektronisch aufzunehmen und im Internet bereitzuhalten. Das Projekt DANTE an der Dartmouth University hat den italienischen Text der Göttlichen Komödie und wissenschaftlichen Apparat der Sekundärliteratur aus mehreren Jahrhunderten aufgenommen.

Von der mit 16 Mio Büchern größten Bibliothek der Welt, der Library of Congress, war im SPIEGEL kürzlich zu lesen, daß ihre Bestände nach und nach als Volltexte verfügbar gemacht werden sollen; bis zum Jahr 2000 sollen 5 Mio Dokumentationseinheiten elektronisch als Volltexte abrufbar sein.

2.3 E-Mail

Electronic-Mail. Über das Netz ist die schnelle Kommunikation mit anderen Wissenschaftlern möglich, wo immer sie sich auf der Welt befinden. Das ist hilfreich, wenn man z. B. längere Texte gemeinsam verfassen oder herausgeben möchte. Anders als beim Fax brauchen die empfangenen Texte nicht noch einmal eingetippt werden; Korrekturen können am Computer vorgenommen und der Text kann sogleich wieder zurückgeschickt werden - ein großer Vorteil, wenn Termine anstehen und man Druckfehler vermeiden möchte.

Die Entwicklung geht jetzt in Richtung auf Multimedia-Mail, die nicht nur Texte, sondern auch Tabellen, Zeichnungen, Bilder, Videos oder Tondateien übertragen kann.

2.4 Diskussionsforen und E-Mail-Listen

Während E-Mail als private Post zwischen Einzelnen verstanden werden kann, gibt es E-Mail-Listen und Diskussionsforen, in denen die Beiträge der Absender öffentlich gemacht sind. Internet bietet derzeit mehr als 6000 thematische Diskussionsforen und Hunderte von E-Mail-Listen an, die Wissenschaftler kostenlos abonnieren können. Zu den für Erziehungswissenschaftler interessanten gehören beispielsweise:

- European Association for Research in Learning and Instruction

- Adult Education Network

- Alternative Approaches to Learning

- American Educational Research Association

- Curriculum Development Issues

- Educational Policy Analysis Archives

- Education Research List

- The Science of Education

- Swedish Initiative for Research in Education

- Society of Teaching and Learning in Higher Education

- Education for talented and gifted students

- Education Research List

Dabei spielen Fragen an die Kollegen oder Hilferufe eine nicht unbeträchtliche Rolle: Eine neue Problemstellung, eine Sachfrage, Aufforderung zur Beteiligung an einem gemeinsamen Projekt, Stellenangebote und -suche werden in der Regel schnell beantwortet, spricht man in einem Forum doch die gesammelte Expertise von Kollegen in Europa und Übersee an.

2.5 Elektronische Zeitschriften

Die meisten Diskussionsforen sind frei, manche werden moderiert. Hier deutet sich schon der Übergang zu den neuen elektronischen Zeitschriften an. Mit der internationalen Seriennummer (ISSN) versehen und von Fachkollegen redigiert, unterscheiden sie sich von den üblichen wissenschaftlichen Zeitschriften in ihrer Aktualität und natürlich in ihrem Verbreitungsgrad. Das Abonnement der meisten von ihnen ist kostenlos, wie üblicherweise auch das aller Diskussionsforen.

Hier einige Beispiele, die für Pädagogen interessant sind:

- PSYCHOLOQUY. Refereed Electronic Journal of Peer Discussion

- CATALYST. The Community Services

- JTE-L. Journal of Technology Education

- INTERACT. European Platform for Interactive Learning.

2.6 Informationsdienste des Internet

Für den Wissenschaftler stellt sich anfangs das Problem, wie er sich in dieser Informationsflut zurechtfinden soll. Es gibt inzwischen praxisorientierte Einführungen, die ihm die ersten Schritte zeigen. Darüber hinaus stellt das Internet Informationen über Informationen zur Verfügung.

ARCHIE. Bevor man Informationen abrufen kann, muß man wissen, wo sie liegen. ARCHIE, ein weltweiter Index, greift auf die Inhaltsverzeichnisse aller öffentlicher Server im Internet zurück und verwaltet Informationen über 2,5 Millionen öffentlich verfügbarer Dateien, ihre Namen, Größe, letzte Bearbeitung sowie Fundort. Diese Informationen werden gleichzeitig auf zwei Dutzend Servern auf der Welt vorgehalten; sie sind so etwas wie ein großer OPAC aller verfügbaren Dateien.

WAIS. Während ARCHIE das Verzeichnis der Namen aller verfügbarer Dateien verwaltet, ist WAIS ("wide area information service") ein Volltext-Recherche-Dienst, der Text-Dateien indexiert und es ermöglicht, das Internet nach inhaltlichen Stichworten zu durchsuchen.

GOPHER. Hinter diesem Dienst verbirgt sich ein leistungsfähiges Menüsystem, mit dessen Hilfe sich auch Computer-Ungeübte im Internet zurechtfinden, z. B. Recherchen in Bibliotheken durchführen, ohne daß sie sich mit Telnet, FTP und der Eingabe von Adressen abmühen müssen.

WORLD WIDE WEB. Noch einfacher geht es mit World Wide Web, einem Hypertextsystem im Internet. Wissenschaftliche Texte verweisen in Fußnoten mit "s.o." oder "s.u." auf andere Textstellen sowie auf zitierte, benutzte oder weiterführende Literatur. Solche Verweise können natürlich auch in elektronischen Texten stehen. Warum dann nicht gleich auch den Text selbst liefern? Kein Problem, wenn ein entsprechender Verweis auf die Fundstelle, ein "Link", gesetzt ist. Die über einer Menge von Daten liegende Struktur von Links nennt man Hypertext, und wenn nicht nur Texte, sondern auch Grafik, Bilder, Tondateien, Videosequenzen eingebunden sind, sprechen wir von Hypermedia. Das World Wide Web ist ein solches hypermediales Informationssystem, das sich nicht auf den eigenen Computer beschränkt, sondern, wie der Name sagt, alle Computer im Internet einschließt, die auf der Basis von HTML ("hypertext markup language") Daten zur Verfügung stellen.

3 Electronic Publishing

Das WWW markiert den Übergang zur aktiven Nutzung des Internets. Bisher habe ich - eher aus dem Blickwinkel des passiven Nutzers von Informationsdiensten - über die Nutzung externer Systeme gesprochen, den Zugriff auf Bibliographien, auf Volltexte, auf elektronische Zeitschriften und elektronische Bücher. Aber alle diese Dienste werden doch von anderen, Wissenschaftlern, Bibliothekaren, Dokumentaren, im Rahmen ihrer Tätigkeit in das System aktiv eingebracht. In den Vereinigten Staaten ist es üblich, daß Arbeiten, die aus öffentlichen Mitteln finanziert wurden, auch der Öffentlichkeit kostenlos zur Verfügung gestellt werden. Dies korrespondiert mit der Überzeugung, Information sei keine Ware, sondern ein Bürgerrecht. Was für Bücher und Zeitschriften gilt - freier, kostenloser Zugang für alle in Bibliotheken - soll auch für die elektronischen Informationsdienste gelten.

Dies erklärt die immense Masse an Daten, Programmen, Texten im Internet, in einer Qualität, die, besonders in der UNIX-Welt, kommerzielle Produkte nicht selten übertrifft.

In Deutschland nimmt die Zahl der Wissenschaftler zu, die sich dieser Tradition verpflichtet fühlen. Und in dem Maße, in dem Erziehungswissenschaftler sich am Internet beteiligen, steigt die Attraktivität der Möglichkeit, elektronisch zu publizieren. Wissenschaftler beginnen, ihre Schriften - Zeitschriftenaufsätze oder auch ganze Bücher - über FTP zu veröffentlichen. Da die meisten Texte heutzutage ohnehin auf dem Computer geschrieben und erst hinterher auf Papier gebracht werden, bietet es sich an, diese Texte auch ONLINE auf dem Server des Universitäts-Rechenzentrums vorzuhalten, in welcher Form auch immer: als reiner ASCII Text, ohne irgendwelche Formatierungen, im Format eines spezifischen Textprogramms wie WINWORD oder WordPerfect, in einem von verschiedenen Textprogrammen lesbaren Format wie RTF (rich text format) oder TECH in der Unix-Welt, oder schließlich als Druck-Datei im Postskript-Format, die dann einfach mit einem PRINT-Befehl auf dem eigenen Drucker ausgegeben werden kann.

Ich möchte dies an einem Beispiel, wieder aus meinem Institut, exemplifizieren. Wir betreiben seit einigen Monaten aktiv unter Unix einen eigenen World Wide Web Server - es ist ein einfacher 486er PC, wie man ihn auch an Schulen findet. Wenn man von irgendwo in der Welt unter dem Programm MOSAIC die Adresse

http://www.educat.hu-berlin.de

eingibt, meldet sich unser Server mit der in Abbildung 2 wiedergegebenen Bildschirmseite.

Auf dem Bildschirm sind eine Reihe von Begriffen blau unterlegt: Es sind Verweise ("links") auf weiterführende Bildschirmseiten, ähnlich wie die Fußnoten in einem Buch. Klickt man sie mit der Maus an, wird ein weiterer Text angerufen.

Unter dem Stichwort "Angebote der Abteilung" (Abb. 3) finden sich weitere Verweise, so auch auf "Publikationen und Programme". Klickt man sie an, werden die derzeit verfügbaren Materialien aufgeführt (Abb. 4). Darunter befindet sich die Expertise für den BMBW zum Thema "Literaturdokumentation Berufliche Bildung" ebenso wie drei Planspiele. Mit einem weiteren Klick kann man sich darüber näher informieren (Abb. 5) und diese Computerprogramme - wie auch den Text der umfänglichen Expertise - in wenigen Sekunden über das Internet auf sein eigenes Gerät kopieren.

Wenn das Publizieren im Internet so einfach ist, lohnt es sich dann überhaupt noch, Bücher zu machen? Mit wissenschaftlichen Büchern ist in der Regel kein Geld zu verdienen. Bei üblicher Kalkulation beträgt der Verkaufspreis eines Buches etwa das Sechsfache der Satz- und Druckkosten, und Auflagen über 1.000 sind im Wissenschaftsbereich eher die Ausnahme. Da ist ein 400-seitiges Buch fast nicht mehr erschwinglich. Die in den letzten Jahren gestiegenen Kosten wiederum verringern den Absatz und damit die Verbreitung des Werkes. Bei den knappen Etats der Bibliotheken kann man noch nicht einmal mehr erwarten, daß die wissenschaftliche Literatur auch angeschafft wird, die verfügbar ist. Eine Diskette dagegen faßt den Inhalt von 3 Büchern, und das für 1,00 DM Hardware- und 2,00 DM Portokosten.

Abb. 2: "Homepage" des Berliner Servers

Abb. 3: angewähltes Link: Angebote der Abteilung

Abb. 4: angewähltes Link: Publikationen und Programme

Abb. 5: angewähltes Link: verfügbare Planspiele

Die elektronische Veröffentlichung im Internet ist sogar fast kostenlos (ohne Berücksichtigung der ohnehin anfallenden fixen jährlichen Kosten für das Internet) für den Autor und seine Leser: Die Herstellungskosten beschränken sich auf die ohnehin meist im Institut vorgenommenen Texte und ihre Formatierung mit einem leistungsfähigen Text- oder Desktop-Publishing-Programm. Speicherplatz auf einem Server ist zu finanzieren - pro Buch ist das nicht mehr als maximal ein halbes Megabyte. Bei derzeitigen Preisen von etwa DM 1.- pro Megabyte ist das - über die Lebenszeit einer Platte verteilt - ein Pfennigbetrag.

Darüber hinaus braucht der Autor nicht mehrere Monate auf die Veröffentlichung seines Buches zu warten, Druckfehler können jederzeit korrigiert, inhaltlich notwendige Änderungen sofort vorgenommen werden, die Sache ist aktuell, solange sie gepflegt wird.

Einmal im Internet, sorgen WAIS und ARCHIE für millionenfache Werbung, eine E-Mail an interessierte Kollegen, eine Diskussion der Ergebnisse im entsprechenden Diskussionsforum schaffen eine Verbreitung, die sich ein Buchautor in seinen kühnsten Träumen nicht erhofft und ein Verlag nie finanzieren würde.

Ich erwarte, daß sich in wenigen Jahren die wissenschaftliche Diskussion, die sich bislang in wissenschaftlichen Zeitschriften, in Kongreßberichten und in Monographien niederschlug, zu einem großen Teil elektronisch abspielen wird. Die kommerzielle Verbreitung wissenschaftlicher Ergebnisse auf Papier wird stark zurückgehen. Dort, wo sich Autoren der Dienstleistung eines Verlages bedienen möchten, wird dies möglich sein: Auch elektronische Bücher lassen sich verlegen und vertreiben, in diesem Falle wird der elektronische Zugang zu ihnen im Internet für den Nutzer nicht mehr frei sein, sondern über das Passwort in Koppelung mit einer Kreditkarte erfolgen. Aber ich denke und hoffe, daß sich die amerikanische Einstellung, wissenschaftliche Informationen frei anzubieten, auch bei uns durchsetzen wird. Das Internet bietet die Struktur dafür, und die Entwicklung der elektronischen Informationsverarbeitung bewirkt eine solch immense Reduzierung an Kosten bei gleichzeitiger Zunahme an Leistung, daß alles andere angesichts knapper öffentlicher Mittel eine Verschwendung von Steuergeldern darstellen würde.

Wohin geht die Reise? Angesichts der Wachstumsraten von 10 % im Monat klingt eine Prognose aus dem Jahr 1992 nicht unwahrscheinlich, nach der im Jahre 2000 das Internet aus ca. 100 Mio Hostrechnern, 3 Mio Netzen und 1 Mrd. Benutzern bestehen werde.

Wir dürfen gespannt sein - auf die weiteren Entwicklungen, die immensen Probleme und auf die Lösungen. Ich möchte am Schluß nur noch stichwortartig nennen:

- Prognosen für das Internet 2000, die von 100 Mio Hostrechnern, 3 Mio Netzen und 1 Mrd Benutzern sprechen,

- technische Entwicklungen wie Packet Radio-basierte Übertragungssysteme (Übertragung zu Amateurfunk-Konditionen: äußerst preiswert) und Satellitenkommunikation,

- drahtlose Daten-Kommunikation von unterwegs,

- der Niedergang des Telekom-Monopols in Deutschland,

- wesentlich vereinfachte Benutzung elektronischer Dienste: mächtigere Suchwerkzeuge, sog. Knowbots (KNOWledge roBOTS),

- die Konsequenzen für die Bibliotheken und für die wissenschaftliche Dokumentation (z. B. hinsichtlich SUBITO (Bund-Länder-Initiative zur Beschleunigung der Literatur- und Informationsdienste)),

- die Realität von "virtuellen Bibliotheken",

- Probleme des Urheberrechts,

- Gefahren der Verfälschung und der Datensicherheit,

- Probleme des Mißbrauchs von Berechtigungen,

- der Abbau von Arbeitsplätzen im traditionellen Bibliotheks- und IuD-Bereich und die Notwendigkeit neuer Qualifikationen.

Wir haben wohl genug Stoff zur Diskussion. Darauf freue ich mich und danke Ihnen fürs geduldige Zuhören.

Literatur zum Einstieg:

Bayer, Rudolf (1994): Plädoyer für eine Nationale Informations-Infrastruktur. In: Informatik Spektrum, Bd. 17, S. 302-308

Dietrich, Carsten; Dapper, Thomas (1995): Internet. Das größte Informationsnetz der Welt. Würzburg (Vogel Computer Presse) = Chip Special Anwenderpraxis

Kalin, Sally W.; Tennant, Roy (1991): Beyond OPACs. The Wealth of Information Resources on the Internet. In: Database, Bd. 14, H. 4, S. 28-33

Krol, Ed (1994): Die Welt des Internet. Handbuch und Übersicht. (O'Reilly & Associates)

Lammarsch, Joachim; Steenweg, Helge (1994): Internet & Co. Elektronische Fachkommunikation auf akademischen Netzen. Bonn u. a. (Addison-Wesley)

Maier, Gunther; Wildberger, Andreas (1994): In 8 Sekunden um die Welt. Kommunikation über das Internet. 3., überarb. Aufl., Bonn; Paris (Addison-Wesley)

Anschrift des Verfassers:

Prof. Dr. Peter Diepold
Humboldt-Universität zu Berlin
Abt. Pädagogik und Informatik
Geschwister-Scholl-Str. 6
D-10099 Berlin
Tel: (030) 2093-3178; Fax: -3198
E-Mail: PDiepold@educat.hu-berlin.de