Ein einiges Deutschland wäre ein furchtbarer Koloß, die größte Macht in Europa, von
der SU abgesehen, hätte beinahe so viel Einwohner wie Großbritannien und Frankreich
zusammen. Daraus könnte man vielleicht fünf oder sechs Mittelstaaten machen, auch
Preußen war ja schon viel zu groß: Bayern, Baden, Württemberg, Hessen, Hannover,
Sachsen und ein stark verkleinertes Preußen, dazu noch ein Dutzend oder mehr kleinere
oder ganz kleine Staaten. Natürlich mit engem Wirtschaftsverbund, Zollverein usw.,
aber ansonsten alles schön buntscheckig. Vielfalt ist immer etwas Erfreuliches. Ein
paar Freie Städte wären auch nicht schlecht, Hamburg, Bremen, Lübeck, Frankfurt, dazu
noch einige kleinere. Bei uns könnten es zum Beispiel Halle und Leipzig sein.
Da kein Land so groß ist wie das frühere Preußen, sind Hegemonialbestrebungen nicht zu
befürchten. Sicher würden manche Kosten dadurch etwas größer werden, da zum Beispiel ein
Staatsoberhaupt ein bißchen mehr repräsentieren muß als ein Vorsitzender des Rates des
Bezirkes. Aber es könnte ja alles einen etwas bescheideneren Zuschnitt haben. In jedem
Staat würde die Entwicklung anders verlaufen, die Vielzahl der Zentren würde anregend
auf die Geister wirken. Es gäbe dann eine Menge Zeitschriften und Verlage, und was man
in einem Land nicht leiden will, ist im anderen möglich.
Thüringen, wo man besonders lokalpatriotisch ist, könnte in mehrere Länder aufgeteilt
werden. Sachsen müßte ziemlich hoch in den Norden reichen. Berlin wäre, in wiedervereinigter
Gestalt, etwas zu groß für Preußen. Aber die Sachsen würden dann wieder in ihr Heimatland
zurückkehren (Sächsische Repatriierungskampagne), und neue zuwandern würden kaum. Marzahn
könnte man abreißen.
Jedes Land hat seine eigene Flagge und Hymne, eigene Briefmarken und Münzen, eigene Uniformen
(wobei man die Armeen möglichst klein halten wird, teure Waffen gibt es keine) und Orden.
"Herr Geheimer Legationsrat Schulze, Träger des Großkreuzes des Greifswalder Greifenordens,
ist gestern seinem lebenslangen Suff erlegen." (Meldung aus der Lokalpresse). Die Verfassungen
sind höchst unterschiedlich, je nach dem, wie es die Leute wollen. In Mecklenburg ist man
etwas rigide, Dreiklassenwahlrecht, und Zensur gibt es dort auch noch. Sie dient der
Förderung der Sittlichkeit, wie es in der Mecklenburgischen Staatsverfassung heißt.
24.4.
Es ist ein schönes Gefühl, alles mögliche anzusammeln, schön aber auch, sich wieder davon zu
trennen. Das ist vielleicht eine Art Masochismus. Oft denke ich daran, wie es sein wird, wenn
endlich alle meine Hemden, alten Hosen usw. abgetragen sind. Sehnsucht nach Armut, kahlen
Räumen- entspringt dem Wunsch nach Ruhe und Sicherheit (weil alles überschaubar ist).
27.4.
Was die deutsche Klassik war, ist mir nicht ganz klar. Im Grunde gab es nur zwei Klassiker:
a) Goethe, b) Schiller. Eine Richtung, die aus zwei Personen bestand, ist doch etwas
eigenartig. Wieso gab es keine mittleren oder kleinen Klassiker?
28.4.
Manchmal knarre ich lange mit der Zimmertür. Es hört sich an wie eine Unterhaltung zweier vom
Leben enttäuschter alter Damen.
Man könnte doch einfach sagen, daß bei uns alles gut ist, und alle Beschränkungen dahingehend
interpretieren, daß sie notwendig seien, um eben dieses Gute zu bewahren. Weshalb geht das
eigentlich nicht? Vielleicht, weil dieses Gute nicht in irgendwelchen einzelnen
"Errungenschaften" bestehen kann, sondern nur in der Möglichkeit, seine Kräfte zu entfalten-
politisch, wissenschaftlich, künstlerisch. Das Gute ist wohl letztlich die gesellschaftliche
Selbstbestimmung der Menschen (als Voraussetzung individueller Selbstbestimmung), und man kann
nicht die Selbstbestimmung um der Selbstbestimmung willen einschränken.
10.5.
Früher war in unserem Seitenflügel noch Leben, unten Franka und Ret, oben Micha Peschke und
Reinhard Hillich. Man konnte abends mal zu jemandem hingehen, es gab Feten, zum Beispiel
Frankas und Michas Geburtstagsfete, die in beiden Wohnungen zugleich gefeiert wurde, man
wechselte immer von der einen in die andere. Jetzt ist alles tot. Die Wohnung unter mir ist
noch bewohnt, ich weiß aber nicht, von wem, und dann noch die andere auf der gleichen Etage.
Peschke ist in Friedrichsfelde bei seiner Frau, Hillich in Kaulsdorf, Ret in Weissensee,
Franka im Erzgebirge. Allgemeine Öde.
17.5.
Vorgestern Gespräch mit Thomas Franze über das Haus. Er ist im Mai 78 eingezogen, ein halbes
Jahr vor mir. Seitdem hat in seinem Seitenflügel in allen Wohnungen, bis auf die von Peter,
mindestens einmal der Inhaber gewechselt. Die Wohnung unten links, von mir aus gesehen, ist
eine Stasi-Dienstwohnung, immer ziehen da irgendwelche jungen Ehepaare ohne Kind ein, die nach
einem Jahr verschwinden, weil sie eine Neubauwohnung kriegen. Dann klebt der nächste dort
seine häßlichen Tapeten an und zieht ein. Eine Zeit lang hatten er und andere Wohnungspolitik
gemacht, Leute, die sie kannten, ins Haus, in die leeren Wohnungen lanciert. Aber auf die
Dauer ging es nicht, als die einen einzogen, zogen die anderen schon wieder aus.
Ein eigenartiges Erlebnis: Ich war mit Knut Wollenberger vor etwa zwei Jahren in Bernau, er
verkaufte einige Möbel, die wir mit dem Wagen hintransportiert hatten, ich half beim Auf- und
Abladen, stand dann dort auf dem Hof vom A&V, neben einem Lagergebäude, dunkelroter Klinker,
und wartete auf ihn. Es war ein trüber Nachmittag, an der Wand des des Lagergebäudes hingen
zwei, drei verrostete alte Schilder von Feuerversicherungen, kaum zu entziffern, und während
ich die Wand empor zum dunklen Himmel schaute, war ich auf einmal der Gegenwart völlig
entrückt, mir war, als sei jetzt 1880 oder 1900.
19.5.
War gestern am späten Nachmittag bei Corinna. Irgendwelche Typen, die sich dort auf dem Boden
herumtreiben, haben ein Hakenkreuz aus geknetetem Brotteig an ihre Tür geklebt. Ziemlich übel.