Auszüge aus: Erhard Weinholz. Rand-Notizen.
Ein DDR-Tagebuch 1984-1990

siehe Der Fall der Berliner Mauer


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21.4.

Ein einiges Deutschland wäre ein furchtbarer Koloß, die größte Macht in Europa, von der SU abgesehen, hätte beinahe so viel Einwohner wie Großbritannien und Frankreich zusammen. Daraus könnte man vielleicht fünf oder sechs Mittelstaaten machen, auch Preußen war ja schon viel zu groß: Bayern, Baden, Württemberg, Hessen, Hannover, Sachsen und ein stark verkleinertes Preußen, dazu noch ein Dutzend oder mehr kleinere oder ganz kleine Staaten. Natürlich mit engem Wirtschaftsverbund, Zollverein usw., aber ansonsten alles schön buntscheckig. Vielfalt ist immer etwas Erfreuliches. Ein paar Freie Städte wären auch nicht schlecht, Hamburg, Bremen, Lübeck, Frankfurt, dazu noch einige kleinere. Bei uns könnten es zum Beispiel Halle und Leipzig sein.

Da kein Land so groß ist wie das frühere Preußen, sind Hegemonialbestrebungen nicht zu befürchten. Sicher würden manche Kosten dadurch etwas größer werden, da zum Beispiel ein Staatsoberhaupt ein bißchen mehr repräsentieren muß als ein Vorsitzender des Rates des Bezirkes. Aber es könnte ja alles einen etwas bescheideneren Zuschnitt haben. In jedem Staat würde die Entwicklung anders verlaufen, die Vielzahl der Zentren würde anregend auf die Geister wirken. Es gäbe dann eine Menge Zeitschriften und Verlage, und was man in einem Land nicht leiden will, ist im anderen möglich.

Thüringen, wo man besonders lokalpatriotisch ist, könnte in mehrere Länder aufgeteilt werden. Sachsen müßte ziemlich hoch in den Norden reichen. Berlin wäre, in wiedervereinigter Gestalt, etwas zu groß für Preußen. Aber die Sachsen würden dann wieder in ihr Heimatland zurückkehren (Sächsische Repatriierungskampagne), und neue zuwandern würden kaum. Marzahn könnte man abreißen.

Jedes Land hat seine eigene Flagge und Hymne, eigene Briefmarken und Münzen, eigene Uniformen (wobei man die Armeen möglichst klein halten wird, teure Waffen gibt es keine) und Orden. "Herr Geheimer Legationsrat Schulze, Träger des Großkreuzes des Greifswalder Greifenordens, ist gestern seinem lebenslangen Suff erlegen." (Meldung aus der Lokalpresse). Die Verfassungen sind höchst unterschiedlich, je nach dem, wie es die Leute wollen. In Mecklenburg ist man etwas rigide, Dreiklassenwahlrecht, und Zensur gibt es dort auch noch. Sie dient der Förderung der Sittlichkeit, wie es in der Mecklenburgischen Staatsverfassung heißt.


24.4.

Es ist ein schönes Gefühl, alles mögliche anzusammeln, schön aber auch, sich wieder davon zu trennen. Das ist vielleicht eine Art Masochismus. Oft denke ich daran, wie es sein wird, wenn endlich alle meine Hemden, alten Hosen usw. abgetragen sind. Sehnsucht nach Armut, kahlen Räumen- entspringt dem Wunsch nach Ruhe und Sicherheit (weil alles überschaubar ist).


27.4.

Was die deutsche Klassik war, ist mir nicht ganz klar. Im Grunde gab es nur zwei Klassiker: a) Goethe, b) Schiller. Eine Richtung, die aus zwei Personen bestand, ist doch etwas eigenartig. Wieso gab es keine mittleren oder kleinen Klassiker?


28.4.

Manchmal knarre ich lange mit der Zimmertür. Es hört sich an wie eine Unterhaltung zweier vom Leben enttäuschter alter Damen.

Man könnte doch einfach sagen, daß bei uns alles gut ist, und alle Beschränkungen dahingehend interpretieren, daß sie notwendig seien, um eben dieses Gute zu bewahren. Weshalb geht das eigentlich nicht? Vielleicht, weil dieses Gute nicht in irgendwelchen einzelnen "Errungenschaften" bestehen kann, sondern nur in der Möglichkeit, seine Kräfte zu entfalten- politisch, wissenschaftlich, künstlerisch. Das Gute ist wohl letztlich die gesellschaftliche Selbstbestimmung der Menschen (als Voraussetzung individueller Selbstbestimmung), und man kann nicht die Selbstbestimmung um der Selbstbestimmung willen einschränken.


10.5.

Früher war in unserem Seitenflügel noch Leben, unten Franka und Ret, oben Micha Peschke und Reinhard Hillich. Man konnte abends mal zu jemandem hingehen, es gab Feten, zum Beispiel Frankas und Michas Geburtstagsfete, die in beiden Wohnungen zugleich gefeiert wurde, man wechselte immer von der einen in die andere. Jetzt ist alles tot. Die Wohnung unter mir ist noch bewohnt, ich weiß aber nicht, von wem, und dann noch die andere auf der gleichen Etage. Peschke ist in Friedrichsfelde bei seiner Frau, Hillich in Kaulsdorf, Ret in Weissensee, Franka im Erzgebirge. Allgemeine Öde.


17.5.

Vorgestern Gespräch mit Thomas Franze über das Haus. Er ist im Mai 78 eingezogen, ein halbes Jahr vor mir. Seitdem hat in seinem Seitenflügel in allen Wohnungen, bis auf die von Peter, mindestens einmal der Inhaber gewechselt. Die Wohnung unten links, von mir aus gesehen, ist eine Stasi-Dienstwohnung, immer ziehen da irgendwelche jungen Ehepaare ohne Kind ein, die nach einem Jahr verschwinden, weil sie eine Neubauwohnung kriegen. Dann klebt der nächste dort seine häßlichen Tapeten an und zieht ein. Eine Zeit lang hatten er und andere Wohnungspolitik gemacht, Leute, die sie kannten, ins Haus, in die leeren Wohnungen lanciert. Aber auf die Dauer ging es nicht, als die einen einzogen, zogen die anderen schon wieder aus.

Ein eigenartiges Erlebnis: Ich war mit Knut Wollenberger vor etwa zwei Jahren in Bernau, er verkaufte einige Möbel, die wir mit dem Wagen hintransportiert hatten, ich half beim Auf- und Abladen, stand dann dort auf dem Hof vom A&V, neben einem Lagergebäude, dunkelroter Klinker, und wartete auf ihn. Es war ein trüber Nachmittag, an der Wand des des Lagergebäudes hingen zwei, drei verrostete alte Schilder von Feuerversicherungen, kaum zu entziffern, und während ich die Wand empor zum dunklen Himmel schaute, war ich auf einmal der Gegenwart völlig entrückt, mir war, als sei jetzt 1880 oder 1900.


19.5.

War gestern am späten Nachmittag bei Corinna. Irgendwelche Typen, die sich dort auf dem Boden herumtreiben, haben ein Hakenkreuz aus geknetetem Brotteig an ihre Tür geklebt. Ziemlich übel.


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