HS Das Internet
WS1997/98
Referenten: A.Schubert, G.Quaas


Geistigbehindertenpädagogik und Internet ?


Sind Sie auch der Meinung, daß bereits in der Überschrift unseres Referates ein Widerspruch steckt? Denken Sie , daß einem Menschen mit einer geistigen Behinderung dieses Medium verschlossen bleiben wird? Wenn ja, stehen Sie mit dieser Meinung nicht alleine da. Das dachten wir nämlich auch, aber im Verlauf unserer Recherchen wurden wir eines besseren belehrt.

Was ist eigentlich die grundlegende Voraussetzung, um das Internet nutzen zu können?
*  die Fähigkeit, zu lesen  *

" Aus der unterrichtlichen Erfahrung lassen sich folgende drei Gruppen geistigbehinderter Kinder hinsichtlich ihrer Leselernfähigkeit unterscheiden:
1. Eine geringe Zahl von Kindern, die keinerlei Schriftbild, auch keinen Buchstaben als Laut, deuten können,
2. eine größere Zahl von Kindern, die bestimmte Namen, Aufschriften und Schilder wiedererkennen und deuten können,
3. eine geringere Zahl von Kindern, die neue Schriftbilder und Texte erlesen können.", Speck, Otto

--> Scheinbar ist also eine sinnvolle Internetnutzung nicht möglich. Diese Annahme wird auch durch die Tatsache bestätigt, daß an der deutschlandweiten Initiative "Schulen ans Netz" nicht eine einzige Schule für Geistigbehinderte teilnimmt.

Damit müßten Sie sich nunmehr am Ende dieser bis jetzt nicht sehr aufregenden Seite befinden, wir waren zumindest kurz davor, das Thema zu wechseln.

Aber das Internet wird ja nicht nur als Informationslieferant sondern auch als Kommunikationsmittel genutzt. Man könnte beispielsweise mit Hilfe von e-mail oder auch Videokonferenzen Kontakte zu anderen Schulen knüpfen, den Schülern Briefpartner vermitteln und ihnen auf diesem Weg ein Medium, das unsere Zukunft bestimmen wird, näherbringen.
Aus diesen Überlegungen ergeben sich allerdings zahlreiche Fragen, die zumindest wir nicht einfach so beantworten konnten.
~ Haben die Schüler an so einem Unterricht überhaupt Interesse?
~ Würden die Lehrer dieses Wissen für wichtig und vermittelbar halten?
~ Ist so ein Unterricht in der Praxis umsetzbar, oder übersteigen die Kosten den Nutzen?
Um verläßliche Informationen zu diesen Fragen zu erhalten, entschlossen wir uns den Ort des Geschehens aufzusuchen. Wir führten mehrere Interviews an einer Schule für Menschen mit geistiger Behinderung in Potsdam durch.


I. Interview


Das erste Interview wollten wir mit zwei Lehrerinnen, die in einer Werkstufenklasse für erwachsene Geistigbehinderte unterrichten, durchführen. Auf unsere schriftliche Anfrage erhielten wir zuerst einen ablehnenden Brief, der uns zu verstehen gab, daß wir uns an jemand anderen wenden sollten, da die beiden Lehrerinnen über keine hilfreichen Informationen zu diesem Thema verfügen. Schließlich ließen sie sich aber überzeugen und waren bereit, unsere Fragen zu beantworten.
Aus dem Gespräch erfuhren wir, daß es in der Schule Computer gibt, die privat organisiert wurden. Z.Z. des Interviews existierten vier Computer, ausgerüstet mit 386er Prozessoren,die allerdings nicht internettauglich sind. Bei der Nutzung der Computer ergeben sich zahlreiche Schwierigkeiten, die den Lehrkörper immer wieder von einer Nutzung dieses Mediums absehen lassen. Selbst bei der geringen Klassenfrequenz einer Schule für Geistigbehinderte reichen vier Computer für einen effektiven Unterricht nicht aus. Da die Computer in einem extra Raum untergebracht sind, gestaltet sich die Einbindung in den normalen Unterricht relativ schwierig. Die Lehrer haben ihrer Meinung nach zu wenig Wissen, um sicher mit dem Computer umzugehen, und keine Zeit, um sich weiterzubilden. Außerdem stellt die Tatsache, daß nur wenige Schüler lesen und schreiben können, tatsächlich ein großes Problem bei der Nutzung des Computers dar.
Trotz all dieser Probleme ist das Interesse an der Arbeit mit Computern vorhanden und viele Schüler haben mit Hilfe dieses Mediums schon unerwartete Fortschritte gemacht.
Es sind gute Lernprogramme vorhanden, deren Hersteller Entwicklungsgemäßheit anstreben und die individuelle Möglichkeiten zur Förderung jedes einzelnen Schülers bieten. Viele Schüler lernen sehr schnell, mit der Technik umzugehen. Oft erreichen sie schon nach kurzer Zeit den Wissensstand ihrer Lehrer und überholen sie sogar. Der Umgang mit dem Computer erhöht in vielen Fällen die Motivation der Schüler. Zur Erläuterung: gerade Menschen mit geistiger Behinderung haben oft zusätzliche Schwierigkeiten im Bereich der Feinmotorik. Deshalb scheitert das Erlernen des Schreibens häufig an nichts anderem als an der Tatsache, daß das zu schreibende Wort nicht zu Papier gebracht werden kann. Diesen Faktor kann man mit Hilfe des Computers fast völlig ausschalten (ein Knopfdruck genügt).
Allerdings haben all diese Fakten keinerlei Verbindung zu einer Nutzung des Internets und als das Interview abgeschlossen war, hatten wir sozusagen immernoch nichts, außer einen Hinweis auf eine weitere Lehrkraft, die speziell für den Computerunterricht zuständig ist.


II. Interview

Das zweite Interview führten wir dann eine Woche später mit der Direktorin der Schule und einer Lehrerin, die sehr interessiert an der Arbeit mit Computern war. Diese Befragung verlief wesentlich erfolgreicher und lieferte endlich Informationen zum Thema unserer Arbeit.
Die Direktorin berichtete, daß die ganze Schule zur Zeit an einem Projekt arbeitet, das nach dem berühmten Mathematiker und Didaktiker COMENIUS benannt ist. Teil dieses Projektes ist ein Theaterstück, an dem noch zwei weitere Schulen für geistigbehinderte Menschen beteiligt sind. Diese beiden Schulen befinden sich allerdings nicht in Deutschland sondern in Großbritannien und in den Niederlanden. Das Ziel des Theaterprojekt ist ein gemeinsames Stück der drei Schulen, das in jedem Land einmal aufgeführt werden soll.
Im Laufe der Zeit wurde es allen Beteiligten immer klarer, daß die allgemein üblichen Kontaktmöglichkeiten, wie Besuche, Telefonate und Briefe, die gemeinsame Arbeit erheblich einschränkten und das Fortkommen sehr verlangsamten. Man machte sich Gedanken über eine eventuelle Alternative, die den Schulen billigere und regelmäßigere Kontakte miteinander ermöglichen sollte.
Die Leitung der deutschen Schule bewarb sich daraufhin in der zweiten Runde für die Initiative "Schulen ans Netz" , wurde allerdings nicht in die engere Wahl gezogen. Über private Kontakte der Direktorin kam eine Zusammenarbeit mit der Universität Potsdam zu Stande, die der Schule einen Internetanschluß ab 1998 für ein Jahr verschaffte. Allerdings mag der Nutzen des Internets für die Schule inzwischen zwar jedem klargeworden sein, die alles entscheidende Frage ist aber doch, wie die Schüler selbst davon profitieren können.
Unsere beiden Interviewpartner meinten, daß sie noch keine in der Praxis gesammelten Erfahrungen hätten (zum Zeitpunkt der Unterhaltung war der Anschluß noch nicht installiert). Sie gingen aber davon aus, daß die Attraktivität einer "mail-Partnerschaft" höher ist als die einer Briefpartnerschaft, und das nicht etwa nur für Geistigbehinderte sondern auch für die Mehrheit der Gesamtbevölkerung. Das kann ja jeder mal an sich selbst testen, ich jedenfalls produziere seit meiner Mitgliedschaft in der e-mail Familie wesentlich mehr interessante Lebenszeichen für meine Mitmenschen als früher. Außerdem hielten es beide für sehr wichtig, allen Schüler, die Interesse zeigen, den Zugang zu einem Medium zu ermöglichen, das immer mehr den Alltag ihrer Umgebung durchdringt. Dadurch könnte auch die Akzeptanz durch nicht behinderte Gleichaltrige gesteigert werden.
Insgesamt zeigte sich aber, daß z.Z. des Interviews eher die Erleichterung der Arbeit der Schule im Fordergrund stand, was natürlich keinen Mangel darstellt, da diese Arbeit den Schülern zu Gute kommt. Wenn man mit ihnen spricht, merkt man sehr deutlich, wie stolz sie auf ihre Arbeit am "Comenius-Projekt" sind, das ja auch mit Hilfe des Internets so erfolgreich gestaltet werden konnte. Das Theaterstück wird übrigens international im Herbst in Potsdam aufgeführt.


Diese Fallstudie an einer Schule in Potsdam spiegelt sehr deutlich die allgemeine Disskussion um das Internet wieder, denn eigentlich begegnet man doch immer wieder zwei Parteien, die einander lautstark Übertreibung und Voreingenommenheit vorwerfen. Die eine hält am Alten fest und bringt tausend Gründe, die sie davon abhalten, sich mit dem Neuen zu beschäftigen, und die andere stürzt sich auf alles Neue, ohne es zu hinterfragen und zu prüfen.
Vielleicht tut man am besten daran, einfach den Nutzen dieses Mediums für sich selbst herauszufinden, ohne dabei gleich alles, was bisher nützlich war, über Bord zu werfen. Diese Schule kam zum Internet, weil es bereits existierende Probleme lösen konnte, und jetzt beginnen die Lehrer gerade zu entdecken, daß es ihnen vielleicht auch in anderen Bereichen eine große Hilfe sein kann. Was beweist, daß ein Internetanschluß für eine Schule mit geistigbehinderten Schülern auf keinen Fall eine abwegige Idee ist. Man kann nur hoffen,daß die Vermutung, gerade diese Schulen wären bei der Vergabe von Anschlüssen durch die Initiative "Schulen ans Netz" systhematisch übergangen worden, nicht den Tatsachen entspricht.



INTERESSANTE Adressen:
gesine.quaas@student.hu-berlin.de(meine, die Kritik bitte nicht zu hart, das war mein erster Versuch)
http://www.gsn.org (global school net in America)
Vorstellung von Lernprogrammen des "Arbeitskreises Computerunterstützte Förderung in sonderpädagogischen Arbeitsfeldern" am IFL-SO-Hamburg