Humboldt-Universität zu Berlin
16.12.1998Philosophische Fakultät IV
Erziehungswissenschaftliche Institute
HS: Lernen mit Multimedia
Dozent: Prof. Dr. Peter Diepold
Referent: Hannes Reuter
Analyse der CD-ROM:
"Erlebnis Geschichte - Deutschland seit 1945"
I. Das Programm auf einen Blick
Name
Erlebnis Geschichte - Deutschland seit 1945
Autoren
Dr. Hans Walter Hütter ( und weiter Mitarbeiter des Hauses der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Bonn), Stefan Wolters (Ernst Klett Verlag, Stuttgart). Produziert und entwickelt von TC-Studios, Ludwigsburg. Keine näheren Angaben.
(Die CD-ROM orientiert sich an der Dauerausstellung des Hauses der Geschichte.)
Verlag/Vertrieb
HEUREKA-Klett Softwareverlag
Postfach 1170
71398 Korb
Preis
99 DM
Kurzbeschreibung
Benutzer
Keine Altersbegrenzung seitens des Verlages ("...für alle, die diese Zeit bewußt erlebt haben, und für alle, die sich für die Zeit ihrer Eltern und Großeltern interessieren.") Als Voraussetzung sollte man dennoch die Grundschule erfolgreich absolviert haben. Nutzung hauptsächlich durch Einzelne.
Einsatzort
"Nachmittagsmarkt". Da es sich um eine "Edutainment"-Software handelt und die Informationen für den konkreten Gebrauch im Unterricht nicht ausreichen, ist die schulische Nutzung auf das Vorführen von Bild- und Tonmaterialien mittels softwarekompartiblen Overhead-Projektor oder das "Kennenlernen" von computergestütztem Lernen beschränkt.
Art des Programms
Edutainment für den "Nachmittagsmarkt".
Lernziele
Aneignung oberflächlicher (politik-, kultur-, sozial- und wirtschafts-) geschichtlicher Kenntnisse, allgemeiner Überblick über 50 Jahre deutscher Geschichte, selbständige und unterhaltsame "Kontaktaufnahme" mit Geschichte.
Inhalt
"Erlebnis Geschichte - Deutschland seit 1945" bietet einen chronologischen Überblick über die Zeitgeschichte bis 1995. Als "Roter Faden" dient die Politikgeschichte, anfangend bei "Kriegsfolgen", endend bei "Maastrichter Vertrag" und "Globalisierung". Alle herausragenden politischen Ereignisse werden behandelt und erscheinen in Form von anklickbaren Bildern und kurzen Stichworten auf einem "Zeitband", welches man hin- und herscrollen kann. Das gleiche gilt für kultur-, wirtschafts- und sozialgeschichtliche Themen (u.a. die Presselandschaft nach dem Krieg, die Jugendkultur in den 50ern, der "Alltag" in der DDR), die ca. ein Fünftel der gebotenen Informationen in Anspruch nehmen. Die Oberfläche ist sehr bedienerfreundlich, Computerkenntnisse sind fast nicht nötig. Indem man die Hauptthemen aufgerufen hat, kann man in höchstens drei Schritten weiter in "Innere" der CD-ROM, zu den Unterthemen, vordringen. Dort erwartet den Benutzer eine angenehme Vielfalt von Ton- und Bilddokumenten, Lebensläufen, weiteren Bildern etc. Durch Hyperlinks ist es möglich, sich zu bestimmten Themen vorwärts oder rückwärts in der Zeit zu bewegen. Ferner bekommt man auf dem Hauptmenü durch drücken des Info-Feldes Zugang zu einem Stichwort- bzw. Personenregister und einer kompletten Liste der zur Verfügung stehenden Bild- und Tonmaterialien, um direkt an die gewünschte Stelle im Programm zu gelangen.
Benötigter Zeitaufwand
Da es sich nicht um eine interaktive Software zur Übung oder Abfragung sondern um einen enzyklopädisch anmutenden Informationsgeber handelt, gibt es keinen determinierten Zeitraum. Fall sich der Benutzer nur über ein einzelnes Thema informieren möchte, dauert dies, resultierend aus den oberflächlichen Informationen, nur einige Minuten. Möchte man die ganze CD-ROM durcharbeiten, sollte man sich mehrere Stunden Zeit nehmen.
Nutzungsbedingungen
Kommerzielle Software, Preis: 99 DM.
Technisches
Systemvoraussetzungen bzw. Mindestanforderungen:486-DX2 66 PC, WIN 3.1x o. WIN 95, 8 MB Arb.-speicher, 10 MB frei auf Festpl., Double-Speed CD-ROM Laufw., 14 Zoll Monitor mit VGA Grafikkarte, Soundkarte, Lautsprecher, Maus.
II. Didaktische Analyse
Wer soll das Programm benutzen? ("anthropogene Voraussetzungen")
Das Programm ist nicht für eine besondere Altersgruppe geschrieben. Dennoch sollte man über ein begrenztes Vorwissen verfügen, welches aber unter den Anforderungen der Sekundarstufe I liegt. Für wissenschaftliches Arbeiten ist diese CD ungeeignet.
Die Software wurde keinesfalls zum Einsatz in der Schule konzipiert. Kein Themenfeld kann mit den spärlichen Informationen befriedigend ergründet werden, allenfalls läßt sich ein grober Überblick über die Zeit vermitteln. Ein Lehrer kann die Ton- und Filmmaterialien dennoch zum Vorführen im Unterricht benutzen. Es handelt sich zwar um jeweils kurze Sequenzen, die jedoch anschaulich sind, und das Lernen auflockern. Der Lehrer sollte jedoch Quellen nennen und originale (z.B. Wochenschau-) Aufnahmen kommentieren bzw. erklären können. Beides vermißt man auf der Software zumeist. Inhaltlich dürfte ein Geschichts- oder Sozialkundelehrer mit der CD-ROM keine Probleme haben. Im Gegenteil wird er sich über zu oberflächliche Informationen ärgern.
Für die Benutzung des Programmes sind, außer zum installieren, keine besonderen Computerkenntnisse erforderlich. Die Oberfläche ist einfach und anschaulich strukturiert, man kann sich nicht "verlaufen" wenn man via Hyperlinks durch die CD "surft". Ein "Zurück"-Knopf bringt den Benutzer - oft zum Ärger desselben - spätestens nach dem zweiten Anklicken wieder zur Hauptleiste, auch wenn dies nicht dem davor eingeschlagenen Weg entspricht. Man ist also nicht auf Hilfe Dritter angewiesen, sondern bestimmt die Thematik und den im Programm zu verweilenden Zeitraum selbst.
In welchen größeren Rahmen ist das Programm einzuordnen? ("sozialkulturelle Voraussetzungen")
Wie bereits erwähnt, ist das Programm für den Nachmittagsmarkt konzipiert. Es steht in keinem direkten Zusammenhang mit Lehrplänen, doch ist es durchaus möglich, die Software als Vorbereitung, als "reinschnuppern", in die - auch in Geschichte und Sozialkunde unterrichtete - Nachkriegsgeschichte zu verstehen. Im allgemeinen richtet sich die CD jedoch an alle, die einfach nur interessiert sind oder vielleicht ihr Allgemeinwissen in der Breite vergrößern (nicht vertiefen!) wollen. Durch - leider oft unkommentierte und ohne Quellenangaben versehene - Informationen aus der BRD und (erfreulich, da vom Haus der Geschichte der BRD mitentwickelt und auf deren Ausstellung basierend) der DDR, wird ein relativ neutrales Grundwissen vermittelt, das, jeweils zum Thema, für Schüler und alle restlichen Bürger dieses Landes Standard sein sollte. Es hat also in einem gewissen Grad gesellschaftlicher Relevanz.
Wozu soll das Programm benutz werden? ("Intentionen")
Das Programm soll hauptsächlich "Spaß machen" und "einen lebendigen Zugang zur deutschen Geschichte" bieten (so die Hersteller). Tatsächlich ist das Programm gut gestaltet, die Medien werden gut eingesetzt, es macht anfangs Spaß, die Software zu erkunden. Sie kann für "Geschichtsmuffel" durchaus einen spannenden Einstieg bieten. Man kann das Thema selbst auswählen ist zeitlich unabhängig, hat die Möglichkeit, neben "harten politischen Fakten" auch z.B. die angeblichen Lieblingslieder der Studentenbewegung zu hören.
Das Programm ist kein interaktives Lernprogramm. Es ist nicht zum üben oder abfragen gedacht, hat keine Lernkontrolle etc. Wie bei der Benutzung eines Lexikons oder Handbuches bestimmt man selbst über Länge und Frequenz der Benutzung, auch wieviel man dadurch lernen kann bzw. will (bis zu den nicht großzügig angelegten fachlichen Grenzen des Programms).
Geschichtliches Verständnis und gesellschaftliche Entwicklungen werden vermittelt.
Worum geht es inhaltlich in dem Programm? ("Thema")
Der Gegenstand des Programmes ist die Politik-, Sozial- und Kulturgeschichte Deutschlands nach dem 2. Weltkrieg. Dies schließt in erfreulich vielen Punkten die DDR mit ein. Fachlich ist das Thema der Zeitgeschichte, teilweise der Sozialkunde zuzuordnen. Es handelt sich aber um keine fachwissenschaftliche Arbeit, da die einzelnen Informationen der doch vielen Themen nicht über Lehrbücher der 5. Klasse hinausgehen. Auf einem Zeitband, welches sich auf der Oberfläche befindet , in 5 Zeitabschnitte eingeteilt und hin- und herscrollbar ist, kann man die verschiedenen Themen, dargestellt durch ein Bild + Stichwort mit dem Cursor berühren, worauf sich ein Menü mit Unterthemen öffnet. Dort kann man höchstens noch einen Schritt "tiefer" in das Thema eindringen oder über Links zu jeweils anderen passenden Themen gelangen. In den Untergruppen findet man eine stattliche Anzahl von Film- und Tondokumenten, Lebensläufen oder vertiefender Texte. Viele von ihnen muß man mit dem Cursor suchen, da sie unter manchen der vielen Hintergrundbilder versteckt sind. Hat man das richtige Bild gefunden, verändert es sein Aussehen, und man kann es anklicken.
Die Themenvielfalt ist sehr erfreulich. Unter den 5 groben Überschriften findet man auf dem Zeitband 46 Hauptthemen mit durchschnittlich jeweils 5 Unterthemen.
Das Programm ist in so fern wichtig, daß es ein für Alle wichtiges und wissenswertes Thema behandelt. Es kann einen - wenn auch nur oberflächlichen - Überblick vermitteln.
Wie werden Inhalte und Ziele umgesetzt? ("Methode")
Wie bereits erwähnt, handelt es sich nicht um eine Lernsoftware im eigentlichen Sinne. Man kann für sich zwar etwas lernen, jedoch nicht üben, abgefragt werden, Fragen beantworten. Man informiert sich ausschließlich. Die gebotenen knappen Informationen sind schön verpackt, multmediale Elemente werden gut eingesetzt; da das Schema für alle Haupt- und Unterthemen gleich ist, es insgesamt wenige Links gibt, wird das Programm nach einiger Zeit jedoch etwas eintönig. Dafür ist es übersichtlich (teils zu übersichtlich) und man braucht keine Orientierungshilfen. Durch partielles Einsetzen der audiovisuellen Medien kann eine Verbindung zum Unterricht hergestellt werden, steht mit ihm jedoch in keinem didaktischen Zusammenhang.
Die soziale Interaktion wird nicht explizit gefördert, es stellt einen Programmtyp dar, dessen Informationen man am besten nach eigenem Gusto für sich erschließt. Benutzung zu mehreren dürfte die Ausnahme sein.
Welche technischen Hilfsmittel werden angeboten? ("Medien")
Zur technischen Durchführung braucht man zwar nicht die allerneueste Technik, dennoch bedingt die Möglichkeit, verschiedene Medien zu benutzen, eine Ausstattung mit Sound- und Graphikkarte, mindestens 8 MB Arbeitsspeicher und 10 MB freien Speicherplatz auf der Festplatte. Das Programm läuft auf Windows 3.1x oder Windows 95.
III. Versuch einer Gesamtbewertung
Sind Programmidee und Durchführung didaktisch stimmig?
Ja.
Können angestrebte Ziele in der Regel erreicht werden?
Nein. Die breite Themenvielfalt, die benutzerfreundliche Oberfläche und der gelungene Einsatz verschiedener Medien machen nur so lange Spaß, bis man an die eng gesteckten Informationsgrenzen gestoßen ist. Weniger Themen, aber diese tiefgreifender behandelt, wäre die bessere Lösung gewesen. An forschen, was in der Einführung als Verwendungsmöglichkeit angeführt ist, ist nicht zu denken. Teilweise sind gebotene Informationen auch falsch oder unkommentiert. Daß Erlebnis- und Unterhaltungswert, die Lebendigkeit der Darstellung im Mittelpunkt stehen, ist dagegen, wie angekündigt, erreicht worden. Eine allgemeiner Überblick wird ermöglicht.
Steht der Aufwand an sachlichen, personellen und zeitlichen Ressourcen in einem vertretbaren Verhältnis zum Lernertrag?
Der Lernertrag ist leider ziemlich gering, von daher Nein. Dennoch ist der Rest der CD sehr gut gelungen, sie bietet , z.B. für ältere Kinder, einen guten Überblick, von daher Ja. Es muß nochmals betont werden, daß die Entwicklung dieses Programmes nicht unter der Prämisse eines möglichst hohen Lernertrags stand.
Welche didaktisch/methodischen Alternativen wären denkbar?
Ein wahrscheinlich genaueres und im Ganzen mehr Informationen bietendes, aber weniger motivierendes Handbuch.
Gibt es evaluative Begleituntersuchungen zum Einsatz des Programmes?
Nein.