Seminar "Rechtliche und ethische Probleme der Computernutzung" WS 1996/1997


Kryptologie und die neuen Medien

Inhalt

I. Einführung

II. Einige Grundbegriffe der Kryptologie

III. Warum Kryptographie im Internet?

IV. Die rechtliche Situation

V. Staatliche Kontrolle - Pro und Kontra

VI. Kryptologie in der Schule?

VII. Literatur

III. Warum Kryptographie im Internet?

Liest man heutzutage einen Zeitungsartikel oder sieht man einen Fernsehbeitrag, in dem es in irgendeiner Form um das Internet geht, so wird darin oftmals nur ein Thema angesprochen: Die negativen Seiten des Internet. Der Laie gewinnt den Eindruck, im Internet trieben nahezu ausschließlich nur Kriminelle, Rechts- und Linksextremisten ihr Unwesen, jede zweite WWW-Seite sei voll von gewaltverherrlichendem und/oder pornographischem Material. Hört oder liest er dann noch über die neuesten Forderungen nach der Kontrolle und Überwachung des Internet und der in ihm fließenden Informations- und Datenströme, so scheint ihm das durchaus plausibel. Schließlich müssen kriminelle oder extremistische Machenschaften verhindert werden, und wer dann privat Kryptographie einsetzt, kann ja eigentlich nur etwas zu verbergen haben.

Doch wie sieht es tatsächlich aus? In Wirklichkeit ist das Internet ein Medium, das der Kommunikation und dem Datenaustausch dient. War es früher vorrangig ein Wissenschaftsnetz, welches Wissenschaftlern und Studenten die Möglichkeit gab, miteinander zu kommunizieren und Forschungsergebnisse auszutauschen, so erlebte es mit der Entwicklung des World Wide Web einen nie gekannten Aufschwung. Innerhalb kürzester Zeit entwickelte es sich zu einem Netzwerk, in dem Menschen in aller Welt miteinander reden, Firmen sich und ihre Produkte anpreisen und verkaufen, mit Geschäftspartnern kommunizieren und und und. Das Internet ist heute ein Informations- und Kommunikationsmedium für nahezu jedermann.

Das Internet wird heute für Dinge genutzt, die zu Zeiten seiner Entstehung zum Teil gar nicht denkbar oder aber gar nicht beabsichtigt waren. Das hat jedoch zur Folge, daß die technische Realisierung des Internet auf diese Dinge gar nicht vorbereitet ist.

Kommunikationen und Datentransfer im Internet basieren meist auf dem sogenannten TCP/IP-Protokoll. Alles, was zu übertragen ist, wird in Pakete aufgeteilt (sogenannte IP-Packages), die dann ihren Weg zum Empfänger nehmen. Da sie numeriert sind, lassen sie sich dort leicht wieder zusammensetzen. Nun besteht zwischen zwei Rechnern, die miteinander kommunizieren, meist keine direkte Verbindung über eine feste Leitung. Stattdessen ist das Internet ein Netzwerk von verschiedensten Rechnern, über die die zu übertragenden Daten geleitet werden, bis sie auf dem Rechner des Empfängers ankommen. Das erhöht die Flexibilität bei der Datenübertragung, da damit immer irgendeine Verbindung zum Zielrechner gefunden werden kann, hat aber auch den Nachteil, daß Daten an den Zwischenstationen abgefangen und gelesen, verändert oder gar unterschlagen werden können.

Nun ist gerade letzteres jedoch ein großes Problem, wenn man vorhat, vertrauliche Informationen über das Internet zu versenden. Und Anwendungen, die das erfordern und die weit jenseits jeder kriminellen Aktivität liegen, gibt es genügend. Ein paar Beispiele:

  • Bankgeschäfte (Internet-Banking):
    Hier kommt es darauf an, daß niemand die vertraulichen Kontodaten unbefugt zu Gesicht bekommen kann. Geschützt werden müssen die Daten des Kontoinhabers, sowohl seine Person als auch seine Konten betreffend. Darüberhinaus muß gewährleistet werden, daß sämtliche Informationen, mit denen er sich gegenüber der Bank identifiziert, wie beispielsweise PIN-Nummern o. ä., geheim bleiben, obwohl sie über das Netz übertragen werden. Und letztendlich ist es natürlich unerläßlich, daß sämtliche getätigten Transaktionen fälschungssicher ablaufen. Auch dürfen Transaktionen, die in Auftrag gegeben wurden, nicht abgestritten werden können.
  • Bestellsysteme:
    Im Internet öffnen beinahe täglich neue Online-Shops oder gar ganze Online-Warenhäuser. Mittlerweile finden sich sogar mehr als genügend Firmen in aller Welt, die ihre Waren ausschließlich über das Internet vertreiben. Hierbei ist es nun zum einen wichtig, Daten über die getätigte Bestellung nicht öffentlich werden zu lassen, viel wichtiger ist zum anderen aber, daß Daten, die die Zahlungsweise betreffen, geheim bleiben. Kreditkarteninformationen beispielsweise dürfen niemand anderem zugänglich sein als dem Kunden und dem Betreiber des Shops. Bestellungen, die abgeschickt werden, haben letztlich den Status eines Kaufvertrages, d.h. sie dürfen nicht abstreitbar sein.
  • Remote-Zugriff auf andere Rechner:
    Einen Remote-Zugriff auf einen anderen Rechner durchzuführen, bedeutet nichts anderes, als sich über ein Netzwerk auf diesem Rechner anzumelden und dort Prozesse zu starten und Kommandos auszuführen, während man an seinem eigenen Rechner sitzt und diesen gewissermaßen als Terminal des Remote-Rechners nutzt. Wenn dieser Zugriff nicht innerhalb des lokalen Netzwerks stattfindet, sondern auf einen geographisch entfernten Rechner gehen soll, muß dafür beispielsweise das Internet genutzt werden. Dieses stellt dafür entsprechende Dienste wie beispielsweise den Telnet-Dienst zur Verfügung. Dabei können ebenfalls sicherheitsrelevante Daten übertragen werden. Genaugenommen ist das bereits beim Anmelden auf dem anderen Rechner der Fall: Wer möchte schon, daß das verwendete Paßwort im Klartext, für alle, die es interessiert, lesbar, über das Netz übertragen wird? Tatsächlich ist jedoch genau das der Fall! Die Daten, die man dann während der Sitzung überträgt, beispielsweise der gesamte Bildschirminhalt, den man von dem anderen Rechner auf seinem eigenen übertragen bekommt, können ebenfalls vertraulicher Natur sein. Welche Firma möchte schon auf diese Weise Firmendaten preisgeben?
  • Private Kommunikation:
    Nicht zuletzt ist auch die private Kommunikation unter den Nutzern des Internet schützenswert. Kaum einer mag sich bisher darum Gedanken machen, da das Schreiben und Versenden einer Email am heimischen oder am Firmenrechner so anonym abläuft wie kaum irgendetwas sonst. Doch im Gegensatz zum Telefon besteht keine Direktverbindung zum Kommunikationspartner, so daß die verschickte Nachricht über die verschiedensten Zwischenstationen geleitet wird, wo auf sie natürlich zugegriffen werden kann. Beim Telefon geht man stillschweigend davon aus, daß der Telekommunikationsanbieter, den man für seine Gespräche nutzt, nicht heimlich mithört. Und doch werden die Gespräche meist verschlüsselt übertragen. Einen Brief, den man mit der Post schickt, steckt man in einen Umschlag, damit er nicht so ohne weiteres zu lesen ist. Doch bei einer Email macht sich merkwürdigerweise niemand Gedanken darüber, wie er sie entsprechend vor den Augen Anderer, die es nichts angeht, verbergen könnte. Und gerade hier haben unter Umständen viel mehr Unbefugte die Möglichkeit, darauf zuzugreifen, als das bei Telefon oder Post der Fall ist. Und oftmals geht es gerade im Emailverkehr um nicht ganz unwichtige Dinge, die es durchaus wert wären, dafür zu sorgen, daß Andere sie nicht ohne weiteres lesen.

Diese und andere Beispiele zeigen, daß es unerläßlich ist, Kommunikation und Datenübertragung im Internet zu schützen. Das hat nichts mit Paranoia zu tun, sondern sind durchaus legitime Anforderungen. Es kommt dabei auf zwei Dinge an: Zum einen müssen Informationen abhörsicher übertragen werden, zum anderen muß gewährleistet werden, daß die Informationen und Daten authentisch sind, also nicht verfälscht werden können, und natürlich nicht abstreitbar.

Um das zu erreichen, setzt man heute mehr und mehr kryptographische Verfahren in der Internetkommunikation ein. Einige Beispiele dafür seien hier kurz angerissen:

  • Kommunikation über Email:
    Für das Verschlüsseln von Emails stehen einige Standards bzw. Protokolle und Tools zur Verfügung:
    PEM
    Bei PEM handelt es sich um einen Vorschlag für einen Standard, der Spezifikationen für sichere Email-Übertragung über das Internet festschreiben soll. Er wurde jedoch noch nicht offiziell als Standard bestätigt. PEM steht für Privacy-Enhanced Mail.
    S/MIME
    S/MIME, das für Secure/Multipurpose Internet Mail Extensions steht, ist ein Protokoll, das sowohl digitale Signaturen als auch die Verschlüsselung von Emails unterstützt. Es setzt auf dem MIME-Standard auf, bei dem es sich um ein offiziell vorgeschlagenes Standardformat für Email handelt, das es ermöglicht, Dateien anderer Formate (Bilder, Videos, andere Textformate, ...) per Email zu versenden.
    PGP
    PGP (Pretty Good Privacy) wurde von Philip Zimmermann entwickelt. Die erste Version erschien bereits 1991. Es ist ein Verschlüsselungsprogramm, das auf der Grundlage von anerkannt sicheren Verfahren Chiffrierung mit öffentlichen Schlüsseln, digitale Unterschriften und eine dezentrale Schlüsselverwaltung bietet. Es eignet sich zum Chiffrieren von Texten und kann daher für Emails ebenso eingesetzt werden. Es gibt mittlerweile zahlreiche Frontends für die unterschiedlichsten Plattformen, und viele Mailprogramme verfügen über eine bereits eingebaute PGP-Unterstützung. PGP hat sich mittlerweile als Quasi-Standard im Email-Bereich durchgesetzt.
  • Kommunikation über WWW:

    Man möchte meinen, über das World Wide Web finde eigentlich gar keine richtige Kommunikation statt. Doch auch hier kommt man um die Verwendung kryptographischer Methoden spätestens seit dem Zeitpunkt nicht mehr herum, zu dem es möglich wurde, Daten auch vom Browser zum Webserver hin zu übertragen, und zwar über die Webforms. Sämtliche Online-Bestellsysteme, Banken usw. machen sich das zunutze, indem sie diese Möglichkeit nutzen, um Paßwörter, PINs, Kreditkartennummern etc. abzufragen. Um diese Daten sicher zu übertragen, wurden verschiedene Zusätze zum HTTP-Protokoll, das den Datentransfer von multimedialen Dokumenten über das WWW beschreibt, entwickelt.

    SSL
    Das sogenannte SSL (Secure Socket Layer) Handshake Protocol wurde von der Netscape Communications Corporation entwickelt. Es unterstützt die Authentisierung und Authentifizierung sowohl von Clients als auch von Servern. Es ist unabhängig von konkreten Applikationen und kann auf verschiedene Internetprotokolle wie beispielsweise HTTP, FTP (File Transfer Protocol, dient der Übertragung von Dateien) und Telnet aufgesetzt werden, um die Kommunikation zu sichern. Das SSL Protokoll verwendet eine Reihe von kryptographischen Verfahren, darunter RSA, RC2, RC4, DES und IDEA.
    S-HTTP
    Das S-HTTP (Secure Hypertext Transfer Protocol) ist eine Erweiterung des HTTP-Protokolls, um verschiedene Dienste für die Datensicherheit anzubieten. Ursprünglich entwickelt wurde es durch die Firma Enterprise Integration Technologies. S-HTTP wurde entworfen, um Sicherheit, Authentizität, Integrität und Nicht-Abstreitbarkeit von Daten zu gewährleisten. Dabei soll das Management vieler verschiedener Schlüssel und verschiedener kryptographischer Algorithmen möglich sein, so daß sich die Kommunikationspartner auf die verwendeten Algorithmen und Schlüssel vor der eigentlichen Transaktion einigen können. Verfahren, die unterstützt werden, sind RSA, DES, RC2, IDEA, DESX und CDMF. Im Gegensatz zu SSL hängt S-HTTP von der spezifischen Software ab, die es benutzt. Das heißt, soll eine Software S-HTTP nutzen, muß sie die Verwendung des Protokolls selbst implementieren.

    Zwischen den beiden Protokollen gibt es einen bedeutenden Unterschied: Während SSL den gesamten Kommunikationskanal verschlüsselt, chiffriert S-HTTP jede Nachricht separat. S-HTTP ist darüber hinaus an das HTTP-Protokoll gebunden, ist dafür aber in der Lage, digitale Signaturen für jede Nachricht zu erzeugen.

Mittlerweile gibt es auch einige Protokolle, die speziell die gesicherte Abwicklung des Zahlungsverkehrs über das Internet unterstützen. Auf diese und andere Verfahren und Protokolle an dieser Stelle detaillierter einzugehen, würde jedoch den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Der Leser sei hier auf die weiterführende Literatur verwiesen.

Die Ausführungen in diesem Abschnitt lassen sich abschließend wie folgt zusammenfassen:
Kommunikation, die über das Internet abgewickelt wird, ist potentiell unsicher. Es gibt jedoch zahlreiche Anwendungen, die eine gesicherte, authentifizierbare Kommunikation und einen entsprechenden Datenaustausch erfordern und bei weitem nichts mit kriminellen Aktivitäten zu tun haben. Um die Datensicherheit und Authentizität zu gewährleisten, kommen mittlerweile verschiedene Verfahren in den unterschiedlichsten Kommunikationsbereichen (Email, WWW, Telnet, FTP, ...) zum Einsatz, die wiederum diverse Algorithmen der Kryptographie verwenden. Die Kryptographie hat in der Internetkommunikation einen rechtmäßigen Platz gefunden.


Alexander Glintschert, 1998 May 13