Im Taumel der Technik
oder
Wen interessiert das Internet?
Das Internet ist Mode.
Seit der Erfindung des WWW ist ein unglaublicher Hype ausgebrochen: Das Internet ist das Medium der Zukunft, niemand wird daran vorbeikommen, und im Jahr 2003 werden uns unsere Schuhe per eMail benachrichtigen, sobald sie geputzt werden müssen. Die Zukunft wird digital, papierlos und damit umweltfreundlich und vor allem total vernetzt.
Neben der Freude an der schönen Technik wird oft hervorgehoben, was für ein demokratisches Medium das Internet sei, wie wichtig die globale Kommunikation und wie glücklich man sich schätzem dürfe, daß ein solches Medium, weil kostengünstig, allen zu Verfügung stehe.
Diese Behauptungen sind, das kann man gefahrlos festhalten, ein Haufen Unfug.
Das Schlagwort von der virtuellen Realität ist insofern zutreffend, als das die meisten Überlegungen in Zusammenhang mit dem Internet völlig an der Wirklichkeit vorbeigehen. Mir liegt nichts daran, ein faszinierendes Medium schlechtzumachen. Trotzdem schafft das Internet mehr Probleme, als es jemals lösen wird. Das Internet und die zunehmende Computernutzung bedeutet die Fortschreibung neoliberaler, menschen- und umweltfeindlicher Wirtschaftspolitik; die positiven Effekte sind allenfalls Nebenwirkungen.
Standards im Internet werden vom W3 (für WWW) -Konsortium gesetzt. Die Mitgliederliste liest sich wie das "Wer ist Wer" der Zukunftsbranche Internet; es sind darauf Soft- und Hardwarehersteller, Telekommunikationsunternehmen, Banken und Versicherungen - und gelegentlich ein schüchternes Forschungsinstitut. Wo sind die Regierungen, NGOs und gesellschaftlichen Interessenverbände? Auf welche Weise wird die Meinung der Internetnutzer berücksichtigt? Offenbar ist für "die andere Seite" von den Anbietern nur ein Konsumentenstatus vorgesehen. Das macht auch Sinn: Die Mitglieder von W3 sind Wirtschaftsunternehmen und damit, per Definition, zum Geldverdienen verpflichtet.
Um das Internet nutzen zu können, benötigt die AnwenderIn einen Computer. Computerchips werden aus Silizium hergestellt. Das ist zwar eines der häufigsten Elemente in der Erdkruste, kommt aber nicht in Reinform vor. Für jeden Computerchip müssen Tonnen von Erz unter erheblichem Energieaufwand bewegt und verhüttet werden; die Reinräume der Chiphersteller haben mit ihren Filteranlagen den Strom- und Wasserbedarf von Kleinstädten. Am Ende dieses Prozesses steht ein fingernagelgroßes Stück Technik, das ein paar hundert lächerliche Dollar kostet und nach drei Monaten so veraltet ist, das es durch ein neues ersetzt werden muß - das jedenfalls versuchen Computerhersteller zu suggerieren.
Damit die Anschaffung eines neuen Rechners attraktiv wird, muß ein Bedürfnis geschaffen werden - am einfachsten geht das über neue, noch komplexere Software, auch für das Internet. Während nur eine Handvoll Computerbesitzer überhaupt die vielfältigen Möglichkeiten ihrer Betriebssysteme und Anwendungen nutzen kann, wird bereits die nächste Version mit einem noch höheren Bedarf an Prozessorleistung und Speicherbedarf auf den Markt gedrückt - allen voran nun Windows98, daß sich durch eine Unzahl von Bedienfeldern auszeichnet, die ihr Opfer auf Knopfdruck ungewollt ins Internet befördern. Die Aufrüstung ist spätetens dann notwendig, wenn Programme mal wieder derart proprietär' daherkommen, daß sie zu ihren eigenen Vorgängerversionen nicht mehr kompatibel sind - zumal etwa Microsoft mit den jährlichen Updates auch den Support für die vorhergehenden Versionen einstellt. Das wäre weniger ärgerlich, wenn die Programme wenigsten reibungslos funktionieren würden.
Ist der Maschinenpark daheim endlich komplett, darf sich der Benutzer endlich auf das Internet stürzen - nur das jemand auf dieser schönen Spielwiese offenbar einen Mülleimer ausgeleert hat.
Nicht nur, daß sich zwischen Javascripts, ActiveX-Controls und VRML-Welten oft nur noch vereinzelt ein kleiner Text verbirgt - was diese Texte behandeln, läßt einen geistig gesunden Menschen (hoffentlich) am Sinn dieser Veranstaltung zweifeln. Die Homepage des Erfrischungsgetränks, die Website zum Wiener Würstchen, die Pornoseite zum Telephonsexangebot und, Triumph der Selbstreferentialität, die Internetseite zum Internet lassen die Frage aufkommen, was am Ende dabei herauskommen soll. Die Antwort ist natürlich einfach:
Geld.
Die oft verbreitete Vorstellung, daß Internet sei ein billiges Medium, ist absurd. Das Internet erfordert Milliardeninvestitionen in Entwicklung und Infrastruktur. Allein für das Untersee-Glasfaserkabel FLAG, brachten die Investoren über 2,5 Milliarden Dollar
auf (1). Binnen der nächsten zehn Jahre soll die Kiometerzahl an transkontinentalen Leitungen nochmals verdoppelt werden. Wer soviel investiert, hofft auf Gewinn.
Dabei zielen die Investoren auf einen relativ kleinen Markt:
"Bereits im Jahr 2000 könnten nach Prognosen diverser Marktforschungsinstitute bereits über 170 Millionen Menschen im Netz hängen"(2) (c`t).
Bereits heute gibt es rund 6 Milliarden Menschen auf der Erde, und die meisten davon haben noch nie einen Computer gesehen. Damit löst sich schonmal der demokratisierende Anspruch des Internet in Wohlgefallen auf. Niemand gibt soviel Geld für so wenig Menschen aus, damit sie sich anschließend auf nicht profitorientierter Basis ihrer politischen Bildung widmen.
Daß das Internet bis jetzt relativ frei zugänglich war, verdankt es seiner Herkunft aus einem nur bedingt kommerziellen Bereich und dem Umstand, das es bislang schlichtweg unverhältnismäßig aufwendig war, bestimmte Gruppen auszusperren.
Auf die Dauer schadet es aber dem Geschäft, wenn der gut zahlende Premiumbenutzer genauso unter schlechten Übertragungraten leidet wie der chinesische Dissident, der seine abweichende Meinung aus dem Land schmuggelt.
Dem läßt sich aber abhelfen - mit allen Konsequenzen, die das mit sich bringt:
"Entwicklungen wie Ciscos Tag Switching Technology' ... werden den Internetverkehr energischer steuern können, als es bisher möglich ist. .... Grob gesagt, werden die Daten von besser zahlenden Kunden dann mit höherer Priorität befördert als die von Otto-Normal-
User.
...
Womöglich wird das kostenfreie Internet eine ähnlich abgrundtiefe Verflachung erfahren wie das werbefinanzierte Fernsehen, in dem ausschließlich die Zahl der Zuschauer zählt. Wer dagegen etwas tiefer in die Tasche greift, dürfte sich das inhaltliche Niveau sicherstellen."(3)
Wohlmöglich wird das gesamte Internet eine ähnliche Entwicklung erfahren wie das Fernsehen, wo ein inhaltliches Niveau selbst für Geld nicht zu haben ist.
Selbst das ist aber eine Angelegenheit von Wohlstandsbürgern, die sonst keine Probleme haben. Die wirklichen Probleme dieser Welt sind Umweltzerstörung, Wassermangel, Krieg, Hunger, fehlende Bildung und Ausbildung, Krankheiten und Seuchen, Erdbeben, Folter, politische Repression und ähnliche, natürliche oder von Menschen verursachte Katastrophen. Diese Probleme betreffen den größeren Teil der Menschheit und erscheinen den Betroffenen wahrscheinlich dringender als die Zugriffsgeschwindigkeit auf die CocaCola-Website; trotzdem werden kaum jemals auch nur 2,5 Milliarden lieber in Krankheitsprävention im Trikont statt in Glasfaser investiert.
Mir ist klar, daß dieses Schlußpamphlet nicht das geringste mit Datensicherheit im Internet zu tun hat. Ich studiere allerdings Erziehungswissenschaften und Politik, nicht Informatik, und bin allein deshalb weder fähig noch willens, über der Darstellung technischer Einzelheiten zu vergessen, welche Konsequenzen moderne Technik hat, welche Probleme wirklich relevant sind und wie schlecht es im Vergleich zu mir fast allen anderen Menschen geht.
Fußnoten
1 Cīt 6/98 Seite 303. FLAG ist natürlich auch als Telephonkabel nutzbar, wäre aber ohne das Internet nicht notwendig gewesen.
"Noch vor einem Jahr ging man von einer zehnfachen Überkapazität zwischen Europa und den USA aus. Jetzt treten bereits erste Engpäße auf. Schuld ist daran der zunehmende Internetverkehr" c't 6/98, Seite 302

2 Cīt 6/98 Seite 303


3 C't 6/98 Seite 169
