Bewertung der Lernsoftware
 "Erzähl mir mehr: Deutsch als Fremdsprache" vom Cornelsen Verlag

(Grundlagen meiner Bewertungskriterien)

Das Programm auf einen Blick:
Bei dem von mir untersuchten Lernprogramm handelt es sich um  "Erzähl mir mehr: Deutsch als Fremdsprache" vom Cornelsen-Verlag aus dem Jahre 1998. Der Preis beträgt etwa 100,-DM.
Es wendet sich sowohl an Anfänger ohne Vorkenntnisse, als auch aufgrund seiner verstellbaren Schwierigkeitseinstellungen und unterteilten Lektionen auch an Lerner mit Vorkenntnissen und an Fortgeschrittene. Durch die individuelle Handhabung scheint es mir für den Unterricht nicht geeignet, sondern wendet sich an den einzelnen Benutzer.
Laut Cornelsen-Verlag wurde diese Software von einem "Spezialistenteam für Sprachlehrmethoden" erarbeitet und behandelt verschiedene Bereiche, die zum Erlernen einer Sprache wichtig sind: mündliche und schriftliche Ausdrucksfähigkeit, Hör- und Leseverständnis, Aussprache durch Spracherkennung, Vokabeln und Grammatik.

Die Systemvoraussetzungen sind PC 486DX4, 100 Mhz, Windows 95, 8 MB RAM,   30 MB freier Speicherplatz, Double-Speed-CD-Rom-Laufwerk, 16-bit-Soundkarte, SVGA-Video-Karte, Mikrofon und Lautsprecher oder Kopfhörer. (Empfohlen wird ein Pentium mit 120 Mhz und ein Achtfach-CD-Rom-Laufwerk.)

Didaktische Analyse

Wer soll das Programm benutzen?
Das Programm ist ebenso für Jugendliche geschrieben, wie auch für Erwachsene; scheint aber mit seiner wissenschaftlichen und anspruchsvollen Präsentation eher auf Erwachsene zu zielen. Laut Hersteller ist diese Lernsoftware sowohl für Anfänger als auch für Fortgeschrittene geeignet. Die Installation ist sehr einfach und die Bedienung der Oberfläche ist nach schnellem Zurechtfinden mit den vielen Symbolen auch ohne Probleme.

In welchen größeren Rahmen ist das Programm einzuordnen?
Das Lernprogramm scheint mir in erster Linie auf den individuellen Gebrauch zugeschnitten zu sein. Die Vorteile einer angeleiteten Gruppenarbeit, die so nur im Unterricht möglich ist, können durch solch ein Programm nicht ersetzt werden. Das Programm versucht ein weitmöglichstes Spektrum an Zielpersonen abzudecken. Die Lerninhalte sind sehr allgemein gehalten. Ein auf eine bestimmte Gruppe zugeschnittener Wortschatz ist nicht vorhanden. Den Hintergrund für das Lernen soll ein Film sein, in dem der Lernende agiert. Dieses Motiv verschwindet aber schnell hinter den Übungen, die sich nicht sehr von bekannten Übungen unterscheiden.

Wozu soll das Programm benutzt werden?
Laut Packungsbeschreibung und einführendem Demo wurde dieses Sprachprogramm von "einem Spezialistenteam für Sprachlehrmethoden erarbeitet und ist das Ergebnis mehrerer Jahre Forschungs- und Entwicklungsarbeit". Welches diese zugrundegelegten Ergebnisse sind, bleibt offen. Tatsächlich werden alle für das Sprachenlernen wichtigen Bereiche abgedeckt: mündliche und schriftliche Ausdrucksfähigkeit, Hör- und Leseverständnis, Aussprache durch Spracherkennung, Vokabeln und Grammatik. Diese Bereiche können durch Einstellen von Schwierigkeitsstufen individuell angepaßt werden. Allerdings beschränken sich solche Einstellungen zum Beispiel auf die Anzahl von falschen Antworten bei Multiple-Choice-Verfahren und die Kästchenanzahl bei Kreuzworträtseln. Es erfolgt eine Protokollierung des Lernfortschritts. Bei dieser wird aber lediglich die erreichte Punktzahl nach den Lernbereichen unterteilt und jeweils addiert. Die einfache Darstellung, ohne Erklärungen finde ich weder motivierend, noch sonderlich fördernd zur Erkennung des Lernfortschritts.

Wie werden Inhalte und Ziele umgesetzt?
Das Lernprogramm "Erzähl mir mehr: Deutsch als Fremdsprache" ist in verschiedene Lektionen unterteilt. Diese Lektionen sind jeweils noch einmal unterteilt in die folgenden Bereiche:
-Dialog: Mit Hilfe einer Spracherkennung wird ein Dialog simuliert. Nach einer kurzen
             Einführung in die Situation, kann der Lerner zwischen drei Möglichkeiten
             wählen und den Dialog beeinflussen. Leider machen Bilder und Erwiderungen
             des Programms nicht immer einen Sinn. Aber die Illusion ein tatsächliches
             Gespräch zu führen ist gelungen. Dies fördert das Hörverständnis und macht
             auch Spaß.

-Aussprache: Anhand einer grafischen Darstellung der gesprochenen Worte, soll das
                     Nachahmen der Aussprache gefördert werden. Dies erscheint mir
                     fragwürdig, da schon derselbe Vokal von verschiedene Personen
                     ausgesprochen, ein sehr unterschiedliches Bild ergibt. Ebenso sind
                     Lautstärke und Pausen zwischen Worten für die Beherrschung der
                     deutschen Sprache nicht so entscheidend. Für Sprachen bei denen die
                     Intonation über die Bedeutung entscheidet, könnte so ein Hilfsmittel
                     tatsächlich nützlich sein.

-Video: Hier werden Alltagssituationen erklärt und später im Multiple-Choice-
             Verfahren abgefragt. Dabei kommt es zu Ausrutschern wie "Guten Morgen....
             Wasch Dich, kämm Dir die Haare" oder auch Begrüßungsvorschriften:
             "Wenn jemand auf der Straße nach Ihnen ruft, drehen Sie sich um und heben
             Sie die Hand."

-Übungen: Hier gibt es acht verschiedene Bereiche wie Lückentext, Diktat,
                 Verknüpfungen von Bild und Wort und auch Spiele wie Hangman und
                 Kreuzworträtsel. Dieser Bereich scheint mir gelungen, da die Übungen mit
                 Bildern und Farben unterstützt werden und die Spiele für ein wenig
                 Abwechslung sorgen. Sie berücksichtigen verschiedene Ankerplätze im
                 Gedächtnis.

-Ergebnisse: Hier werden die erzielten Punktzahlen aus den verschiedenen Übungen
                   ihren Bereichen zugeordnet und addiert. Ob diese Darstellung wirklichen
                   Einblick in Lernerfolge gibt, halte ich für unsicher.

-Glossar und Grammatik: Diese beiden Bereiche bleiben in jeder Lektion dieselben. Das
                                       Glossar beinhaltet die in dem Lernprogramm vorkommenden
                                       Worte, deren Aussprache durch Anklicken gehört werden
                                       kann. Die Grammatik ist in verschiedene Bereiche unterteilt,
                                       wie Personalpronomen und die verschiedenen Zeiten.
                                       Allerdings werden die grammatischen Formen aus dem
                                       Zusammenhang gerissen, so daß deren Funktion im Unklaren
                                       bleibt. Auch finde ich die dazugehörigen Bilder nicht
                                       sonderlich hilfreich.

 Alle diese Bereiche und Funktionen können jederzeit angesteuert werden. Durch das Optionsmenü können sie auch geringfügig verändert werden, wie oben erwähnt. Durch ein sogenanntes Demo erhält der Benutzer eine Einführung in die Oberflächennutzung.

Wie werden Inhalte und Ziele umgesetzt?
Das Lernprogramm nutzt fast alle medialen Bereiche zur Unterstützung des Lernerfolges. Es gibt Fotos, Videos, Musik, interaktive Aufgaben und Spracherkennung. Die Bedieneroberfläche ist leicht verständlich und leicht bedienbar. Der Lerner kann selbst entscheiden, in welcher Reihenfolge er die Übungen bearbeitet. Die Trennung von Grammatik in einen Extrabereich ohne Bezug zu den Übungen, halte ich eher für lernhemmend, da wie anfangs erklärt, die Funktion von grammatischen Formen wichtig ist für deren Sinn, und dieser wiederum dem Lerner das Lernen erleichtert.

Versuch einer Gesamtbewertung

Kurz läßt sich über diese Lernsoftware vom Cornelsen-Verlag sagen, daß die Präsentation der Lerninhalte gelungen ist, die didaktische Umsetzung aber noch nicht viele lerntheoretische Ansätze anzuwenden versteht. Die vielfältige multimediale Unterstützung der Lerninhalte und die große Bandbreite an Übungsaufgaben sorgt für Abwechslung, allerdings wird neben dieser Präsentation und der anschließenden Wiederholungen, nicht auf das Verbinden neuer Lerninhalte mit möglichst vielen kognitiven Bereichen geachtet. Die einzelnen Lerninhalte werden eher multimedial untermalt als wirklich unterstützt. Auch bleibt der Sinn einzelner Lernabschnitte für den Lerner oft im Dunklen. Besonders gilt dies für die Grammatik; wie ich oben erwähnte, ist für diese eine Sinnfüllung ein wesentlicher Bestandteil des Lernens. Es sollte dem Lerner konkreter gesagt werden, was der Lerninhalt einer jeden Lektion ist, und wofür diese im alltäglichen Leben nützlich ist. Dann sollte diese Form auf vielen Ebenen mit möglichst vielen "Ankerplätzen" verknüpft werden. Ein sehr vereinfachtes Beispiel ist die Darstellung eines Zuges nicht nur mit dessen Bild, sondern auch dessen Bewegung und Tönen. Ebenso sollte eine Identifikationsmöglichkeit gegeben werden mit zum Beispiel einer handelnden Person. Ist diese Person vielleicht noch witzig oder außergewöhnlich, vielleicht als Comicfigur, werden auf der affektiven Ebene zusätzliche Anknüpfungspunkte verfügbar. Solche konkreten Verbindungen von Lerninhalten und bewegten Bildern läßt sich in dieser Lernsoftware aber nicht finden. Im Großen und Ganzen halte ich das Deutschlernprogramm vom Cornelsen-Verlag schon für ein unterstützendes Hilfsmittel, deren Erfolg ohne jegliche Förderung von außen allerdings nicht allzu leicht zu erreichen sein dürfte. Allerdings weiß dieses Programm durch Nutzung neuester multimedialer Möglichkeiten und abwechslungsreicher Gestaltung das Interesse und den Spaß an der Arbeit für längere Zeit aufrecht zu erhalten, und dieser Motivationsfaktor ist nicht zu unterschätzen.
 

Grundlagen meiner Bewertungskriterien
Literatur                                                                                           geschrieben von Jens Ludwig