Bertolt Brecht


1898 - 1956

Ein Lebenslauf

1898
10. 2.: Geburt Brechts in Augsburg Taufe auf den Namen »Eugen (Rufname) Berthold Friedrich«(20.3.). Umzug der Familie Brecht in ein Stiftungshaus der Papierfirma Haindl, Bleichstrasse 2.

1904-1917
Besuch der Volksschule und des Koeniglich Bayerischen Realgymnasiums.

1913
Aus der Zeit ist Brechts Tagebuch No 10 ueberliefert (auf 105 Seiten mehr als 80 Gedichte, Dramen- und Romanentwuerfe sowie Alltagserlebnisse).

1914
Beginn des ersten Weltkriegs (1.8.). Erster veroeffentlichter Text »Turmwacht« (8.8.)in einer Tageszeitung (gezeichnet mit: »Berthold Eugen«). Publikation weiterer »Augsburger Kriegsbriefe«. Erste Veroeffentlichung (14.9.) einer Literaturkritik (Lyriksammlung »Trautelse« von Karl Lieblich).

1915
Gruendung eines Interessenkreises (»Brecht-Clique«).

1916
Brechts Schulaufsatz ueber Horaz-Ausspruch »Suess und ehrenvoll ist es, fuer das Vaterland zu sterben« erregt Anstoss und fuehrt zu einer Schulstrafe. Mit dem »Lied von der Eisenbahntruppe von Fort Donald« (13.7.) wendet sich Brecht von der bis dahin bevorzugten Kriegsthematik ab und zeichnet mit dem Namen »Bert Brecht«.

1917
Not-Abitur am das Augsburger Realgymnasium. Bekanntschaft mit der Arzttochter Paula Banholzer. Studium in Muenchen an der Philosophischen Fakultaet der Ludwig-Maximilians-Universitaet (ab 2.10.).

1918
»Lieder fuer die Gitarre«. Seine Beziehung zu Paula Banholzer wird intensiver. Er schreibt fuer sie Gedichte und nennt sie »Bittersuess« (abgekuerzt: »Bi«). Als Gegenentwurf zu Johsts Grabbe-Drama »Der Einsame« schreibt Brecht das Stueck »Baal« (1. Fassung).

1919
Kriegsdienst als »Militaerkrankenwaerter« in einem Reservelazarett (1.10.1919-9.1.1919). Spartakusaufstand in Berlin (5.-12.1.) dient als Stoff fuer das Stueck »Spartakus« (spaeter: »Trommeln fuer die Nacht«). Paula Banholzer erwartet von Brecht ein Kind. Auf Veranlassung ihrer Eltern muss sie die Zeit bis zur Geburt in einem Dorf verbringen. Lion Feuchtwanger urteilt guenstig ueber Brechts Stueck »Trommeln in der Nacht«. Geburt von Frank Banholzer, Sohn Brechts und Paula Banholzers (30.7.). Fertigstellung von fuenf Einaktern. In der neuen Augsburger Tageszeitung der USPD »Der Volkswille« erscheint (am 13.10.) die erste Theaterkritik Brechts (vom 13.10.1919-2.1.21 insgesamt 27 Rezensionen und Polemiken).

1920
Erste Reise nach Berlin. Bekanntschaft mit Schriftstellern, Schauspielern, Kabarettisten und Verlegern. Tod der Mutter (1.5.).

1921
Bekanntschaft mit der Opernsaengerin Marianne Zoff. Beginn der Arbeit an dem Stueck »Im Dickicht« (September). Zwischenaufenthalt bei Marianne Zoff in Wiesbaden, wo sie jetzt als Saengerin engagiert ist. Bei zweiter Berlinreise (7. 11. 1921-26. 4. 1922) Abschluss von Vertraege. Bekanntschaft mit Arnolt Bronnen.

1922
Einlieferung in die Berliner CharitÈ (3.1.) wegen Unterernaehrung und Nierenentzuendung. Bekanntschaft mit dem Theaterkritiker des »Berliner Boersen-Courier« Herbert Jhering. Urauffuehrung von »Trommeln in der Nacht« (29.9.) an den Muenchener Kammerspielen (Regie: Otto Falckenberg). Erstdruck von Brechts Stueck »Baal« im Kiepenheuer Verlag. Dramaturgenvertrag mit den Muenchener Kammerspielen. Heirat Brechts mit Marianne Zoff in Muenchen (3.11.). Verleihung des Kleist-Preises an Brecht fuer seine Stuecke »Trommeln in der Nacht«, »Baal« und »Im Dickicht«. Premiere von »Trommeln in der Nacht« (20.12.) im Deutschen Theater. (Regie: Otto Falckenberg.) Erstdruck von »Trommeln in der Nacht.

1923
Fertigstellung des Films »Mysterien eines Frisiersalons« (einzig ueberlieferter Stummfilm Brechts). Geburt von Hanne Brecht, der Tochter Brechts und seiner Frau Marianne (12.3.). Bearbeitung von Marlowes »Leben Eduards des Zweiten von England«. Urauffuehrung »Im Dickicht« (9.5.) am Residenz-Theater Muenchen (Regie: Erich Engel, Buehnenbild: Caspar Neher).. In Berlin verhandelt in Berlin mit Verlagen und Theatern. Bronnen macht auf die Wiener Schauspielerin Helene Weigel aufmerksam. Als Dramaturg an den Muenchener Kammerspielen. Urauffuehrung von »Baal« (8.12.) am Alten Theater Leipzig (Regie: Alwin Kronacher).

1924
Brecht leitet die Proben zu »Leben Eduards des Zweiten von England«. Urauffuehrung von »Leben Eduards des Zweiten von England«(19.3.) nach Christopher Marlowe in den Muenchener Kammerspielen. Einige Tage in Berlin bei Helene Weigel. Da sie von Brecht schwanger ist, nimmt sie in diesem Jahr keine Rollen mehr im Theater an. Urlaubsreise mit seiner Frau Marianne und Tochter Hanne auf die Insel Capri und nach Positano (April-Juni). In Berlin Arbeit mit Hermann Kasack an der Zusammenstellung frueher Gedichte ( »Hauspostille«). Umzug nach Berlin (September). Dramaturg am Deutschen Theater. Premiere von Brechts Stueck »Dickicht« (29.10.) in Berlin. Geburt von Brechts Sohn Stefan Weigel (3.11.). Anfang Dezember: Arbeit an »Mann ist Mann«. Premiere von »Leben Eduards des Zweiten von England« (4.12.) am Staatlichen Schauspielhaus Berlin; Regie: Juergen Fehling.

1925
Zusammenarbeit mit der Lehrerin und Journalistin Elisabeth Hauptmann, die bis zu seinem Lebensende eine der wichtigsten Mitarbeiterinnen wird. Umzug in die Atelierwohnung Spichernstrasse 16 . Reise nach Wien.

1926
Berliner Premiere vom »Lebenslauf des Mannes Baal« (14.2.) mit der Jungen Buehne. Brecht erfaehrt von der Liaison seiner Frau mit dem jungen Schauspieler Theo Lingen. Aufkuendigung aller Zahlungen. Mit Caspar Neher Reise ueber Koeln nach Paris. Mit Elisabeth Hauptmann nach Wien (Juli). Gespraeche mit einem ÷konomen ueber Vorgaenge an amerikanischen Boersen. Gleichzeitige Urauffuehrung von »Mann ist Mann« am Hessischen Landestheater in Darmstadt und am Duesseldorfer Schauspielhaus (25.9.). In Berlin Studium des »Kapitals« von Karl Marx.

1927
Als Preisrichter Ablehnung eines Preises fuer einen der ueber 400 jungen Lyriker, die Gedichte eingeschickt hatten. Urteil ruft zahlreiche Proteste hervor. Bekanntschaft mit dem Komponisten Kurt Weill, mit dem er in der Folgezeit vielfaeltig zusammenarbeitet. Erstdruck von Bertolt Brechts »Hauspostille« im Propylaeen-Verlag, Berlin. In Baden-Baden inszeniert Brecht (11.-18.7.) das Song-Spiel »Mahagonny«, Musik: Kurt Weill. Scheidung von Marianne Zoff-Brecht (22.11.).

1928
Erfolgreiche Berliner Premiere von »Mann ist Mann« (4.1.) an der Volksbuehne Berlin (Regie: Erich Engel). Auf der Grundlage einer Ðbersetzung der »Beggar's Opera« von John Gay (durch Elisabeth Hauptmann) bearbeitet Brecht die alte englische ballad opera. Urauffuehrung der »Dreigroschenoper« (am 31.8.) im Theater am Schiffbauerdamm. Bisher groesster Erfolg eines Brecht-Stueckes. Umzug in die Hardenbergstrasse 1A, Berlin (30.10.). Mit Kurt Weill Arbeit an einem Radiolehrstueck ueber den amerikanischen Fliegers Charles Lindbergh ( »Der Flug der Lindberhgs«).

1929
Mit Slatan Dudow und Elisabeth Hauptmann Arbeit an dem »Badener Lehrstueck vom Einverstaendnis«. Heirat Brechts mit Helene Weigel (10.4.). Starker Eindruck des »Berliner»Blutmai« (1.5.) auf Brecht. Plagiatsvorwurf Alfred Kerrs: Brecht habe in den Songs der »Dreigroschenoper die Villon-Ðbersetzung von K.L.Ammer« benutzt. »Gesellschaftsvertrag« Brechts mit dem Verlag Felix Bloch Erben (bis zum 1.6.1936). Bekanntschaft mit Walter Benjamin. Urauffuehrung vom des »Badener Lehrstuecks vom Einverstaendnis« (28.7.) in Baden-Baden, Musik von Paul Hindemith; Regie: Brecht. Mit Kurseinbruechen an der New Yorker Boerse (»Schwarzer Freitag«, 25.10.) beginnt die Weltwirtschaftskrise. Konzertauffuehrung von »Der Lindberghflug« (5.12.) in Berlin.

1930
Fertigstellung einer ersten Fassung der Schuloper »Der Jasager«. Arbeit an dem Lehrstueck »Die Massnahme«, erstmals zusammen mit dem Komponisten Hanns Eisler. Urauffuehrung der Oper »Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny« (9.3.) im Neuen Theater Leipzig fuehrt zu Theaterskandal. Fertigstellung der 1. Fassung des Lehrstuecks »Die Massnahme«. Arbeit an »Die heilige Johanna der Schlachthoefe«. Beginn der Buchreihe »Versuche« im Verlag Gustav Kiepenheuer (bis 1933: acht Hefte). Urauffuehrung der Schuloper »Der Jasager« (23.6.; Leitung: Heinrich Martens) durch Schueler von Berliner Lehranstalten Vertrag mit der Nero-Film AG ueber Verfilmung der »Dreigroschenoper«. Brecht wird aber von Arbeiten am Drehbuch ausgeschlossen. Wegen Nicht-Einhaltung des Vertrags Klage (30.9.) Brechts gegen die Nero-Film AG. Geburt von Barbara Marie Brecht (28.10.), Tochter von Brecht und Helene Weigel. Bekanntschaft mit Karl Korsch und Hermann Duncker. In dem Rechtsstreit mit der Nero-Film AG schliesst Brecht Vergleich (19.11.). Die Urauffuehrung des Lehrstuecks »Die Massnahme« im Haus der Berliner Philharmonie (13./14.12.).

1931
2.: Bei der Premiere des von Brecht ueberabeiteten Stuecks »Mann ist Mann« (6.2.) im Staatlichen Schauspielhaus kommt es zu Theaterskandal. Urauffuehrung der deutschen Version des Films »Die Dreigroschenoper« (19.2.) im Berliner Film-Lichtspieltheater Atrium. Arbeit an einem Filmdrehbuch mit dem Titel »Weekend - Kuhle Wampe« Teilnahme Brecht an den Dreharbeiten von »Kuhle Wampe« teil. Gleichzeitig mit Guenther Weisenborn, Hanns Eisler, Slatan Dudow und Elisabeth Hauptmann Bearbeitung von Maxim Gorkis Roman »Die Mutter« fuer die Buehne.

1932
Urauffuehrung von »Die Mutter«(17.1.) im Komoedienhaus am Schiffbauerdamm. Beginn der Zusammenarbeit und Freundschaft mit der Kontoristin und Arbeiterschauspielerin Margarete Steffin. Mehrfaches Verbot des Films »Kuhle Wampe oder Wem gehoert die Welt?«. Die Verbote loesen in der linken und in der liberalen Presse verbreitet Entruestung aus. Schliesslich Freigabe des Films mit Auflage von Schnitten. Unter Beteiligung von Brecht und Eisler Urauffuehrung des Films »Kuhle Wampe« (14.5.) in Moskau. Berliner Premiere des Films »Kuhle Wampe« (30.5.). Bei Bearbeitung von Shakespeares »Mass fuer Mass« bezieht Brecht auch Margarete Steffin ein. Kauf eines Landhauses in Utting am Ammersee (8.8.). Durchsicht der Umarbeitung von »Mass fuer Mass oder die Salzsteuer« und Ablieferung an den Verlag.

1933
Reichspraesident von Hindenburg ernennt Hitler zum Reichskanzler (30.1.). Der Berliner Reichstag geht in Flammen auf (27.2.). Die Brandstiftung lasten die Nationalsozialisten der KPD an und setzen deshalb (am 28.2.) eine Notverordnung zum »Schutz von Volk und Staat« und gegen »Verrat am deutschen Volk und hochverraeterische Umtriebe« durch. 28. 2.: Flucht Brechts mit Helene Weigel aus Deutschland nach Prag. Sohn Stefan kommt mit dem Flugzeug nach, Tochter Barbara wird von Brechts Hausangestellter Maria Hold nach Augsburg gebracht. 16-17 Arbeiten fuer die Schublade und Bemuephungen zu ueberleben Brecht, Helene Weigel und Stefan kommen zunaechst in Wien bei deren Vater unter (4.-12.3.). Reise in die Schweiz (13.3.-Juni). Brecht faehrt nach Lugano und trifft sich mit der im nahegelegenen Agra befindlichen Margarete Steffin. Die in Wien mit Stefan zurueckgebliebene Helene Weigel gewinnt eine englische Quaekerin dafuer, die Tochter Barbara in Augsburg abzuholen und (als ihr eigenes Kind) ueber die Grenze zu bringen. In Paris schreibt Brecht das Ballettlibretto (Mitte April) »Die sieben Todsuenden der Kleinbuerger« (Musik: Kurt Weill). Im Juni nimmt er an den Proben teil. Im Juni Beginn der Arbeit an dem »Dreigroschenroman«. Helene Weigel uebersiedelt mit ihren Kindern von Lugano auf Thuroe, eine Insel in der Naehe der Kleinstadt Svendborg (auf Fuenen), wo sie bei der Schriftstellerin Karin Michaelis Unterkunft findet. Urauffuehrung des Balletts »Die sieben Todsuenden« im ThÈ’tre des Champs-ElysÈes in Paris( 7.6.). Brecht trifft (am 22.6.) auf Thuroe ein (bleibt dort bis 8.9.). Im Juli Beginn der Arbeit an der Gedichtsammlung »Lieder Gedichte Choere«. Reise nach Paris (bis 16.9.). Durchsicht und Ergaenzung der von Margarete Steffin vorbereitete Gedichtsammlung »Lieder Gedichte Choere«. Mit Margarete Steffin Reise (17.9.-17.10.) nach Sanary/Var zu Lion Feuchtwanger. Ðbersiedlung nach Svendborg (bis 22. 4. 1939), wo inzwischen Helene Weigel das neu erworbene Haus Skovsbostrand 8 eingerichtet hat.

1934
Die Gedichtsammlung »Lieder Gedichte Choere« erscheint (im April) in Paris. Reise nach London (3.10. 1934-20. 12.1935). Verhandlungen mit Verlagen und Arbeit an Liedern und Filmstories. Erstdruck des »Dreigroschenromans« erscheint ( im Oktober) in Amsterdam.

1935
Reise nach Moskau (14.3.-17. 5.). Er sieht mit grossem Interesse die Auftritte des chinesischen Schauspielers Mei Lan-fang und seiner Truppe. Beginn der Zusammenarbeit und Freundschaft mit Ruth Berlau (im Juni). Ausbuergerung Brechts aus Deutschland (8.6.). Brecht nimmt in Paris (15.- 26. 6.). am I. Internationalen Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur teil. Brecht arbeitet (Mitte Juli) an dem Schulstueck »Die Horatier und die Kuriatier« und an der Umarbeitung von »Die Rundkoepfe und die Spitzkoepfe«. Reise nach New York (7.10.1935-16.2.1936), wo Brecht zusammen mit Hanns Eisler an den Proben von »Die Mutter« teilnimmt. In der Phase der Endproben verschaerfen sich wegen Verstuemmelung des Textes die Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit der Autoren mit dem Theater. Premiere von »Die Mutter« mit der Theatre Union am Civic Repertory Theatre (19.11.).

1936
Rueckreise Brechts nach Daenemark (5.-26.2.). Reise nach London (6.3.-28.7.). In Moskau erscheint (am 21.7.) die erste Ausgabe der literarischen Monatsschrift »Das Wort«, fuer die als Redaktion Bertolt Brecht, Lion Feuchtwanger, Willi Bredel zeichnen. Urauffuehrung von »Die Rundkoepfe und die Spitzkoepfe« im Theater Riddersalen Kopenhagen (4.11.).

1937
Hanns Eisler haelt sich (vom Januar bis September) in Svendborg auf und arbeitet mit Brecht an zahlreichen Projekten, u.a. an einer Oper »Goliath«. Brecht arbeitet am »Tuiroman« und an zahlreichen Aufsaetzen ueber den Verfremdungseffekt. Seit April arbeitet Brecht an einem Stueck ueber den spanischen Buergerkrieg, das er in der 1. Fassung »Generaele ueber Bilbao« nennt (spaeter: »Die Gewehre der Frau Carrar«). Zur Abschlussveranstaltung des II. Internationalen Schriftstellerkongresses traegt Brecht seine »Rede zum II. Internationalen Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur« vor. Reise nach Paris und Sanary (12.9.-13.10.). Brecht beteiligt sich an der franzoesischen Inszenierung der »Dreigroschenoper«. Helene Weigel beginnt mit Slatan Dudow die Proben zu »Die Gewehre der Frau Carrar«. Zurueck in Paris, nimmt Brecht an den Endproben von »Die Gewehre der Frau Carrar« teil, die am 16. 10. in der Salle Adyar uraufgefuehrt werden.

1938
Gemeinsam mit Margarete Steffin hat Brecht (im Februar) die Arbeit an einer Ðbersetzung der »Erinnerungen« von Martin Andersen Nexoe begonnen. Deutsche Truppen marschieren (am 10.4.) in ÷sterreich ein. Urauffuehrung von Szenen aus »Furcht und Elend des III. Reiches« in Paris (am 21.5.); Regie: Slatan Dudow, u.a. mit Helene Weigel. Die Musik komponiert und spielt Paul Dessau. Ende Mai erscheinen zwei Baende »Gesammelte Werke« von Brecht im Malik-Verlag, London. Brecht schreibt (im Juli) den »Aufsatz Weite und Vielfalt der realistischen Schreibweise« als einen Beitrag fuer die Realismusdebatte im »Wort«, in dem er sich kritisch mit Georg Luk·cs' Formalismus- und Dekadenzbegriff auseinandersetzt. Brecht schreibt (von Ende Oktober bis 23.11.) das Stueck »Leben des Galilei« (daenische Fassung).

1939
Die Zeitschrift »Das Wort« wird (am 29.3.) eingestellt und mit der deutschen Ausgabe der Zeitschrift »Internationalen Literatur« zusammengelegt. Im Maerz beantragt Brecht im Konsulat der USA fuer sich, Helene Weigel und die beiden Kinder ein Einwanderungsvisum und die Aufnahme in die Einreisequote. Ðbersiedlung nach Stockholm / Lidingoe (vom 23.4.1939-16. 4. 1940). Erstdruck der Gedichtsammlung »Svendborger Gedichte« (im Juni), 1.9.: Ðberfall Deutschlands auf Polen, Beginn des 2. Weltkriegs. Arbeit an »Mutter Courage und ihre Kinder« (27.9.- 3.10.). Arbeit an dem Hoerspiel »Das Verhoer des Lukullus«.

1940
Deutsche Truppen marschieren (am 9.4.) in Daenemark ein und beginnen, auch Norwegen zu besetzen. Flucht aus Schweden (am 17.4.), weil er sich bedroht fuehlt. Aufenthalt in Helsinki (vom 22.4. » 5.7.). Um die Einreise Brechts in die USA zu forcieren, wird ihm durch Vermittlung von Freunden in New York eine Dozentur angeboten. Brecht beendet (am 20.6.) im »grossen und ganzen« den »Guten Menschen von Sezuan«. Da die amerikanischen Visa noch nicht erteilt werden, Brecht faehrt mit seiner Familie auf das Landgut Marlebaeck der finnischen Dichterin Hella Wuolijoki (vom 5.7. » 6.10.) und bezieht dort ein kleines Bauernhaus. Arbeit an »Herr Puntila und sein Knecht Matti« (vom 2. »19.9.).

1941
Fuer das amerikanische Theater schreibt Brecht »Der Aufstieg des Arturo Ui«. (vom 10.-29.3. Urauffuehrung von »Mutter Courage und ihre Kinder« im Schauspielhaus Zuerich (am 19.4.). Brecht reist mit seiner Familie, mit Margarete Steffin und Ruth Berlau (am 15.5.) von Helsinki ab und faehrt ueber Leningrad nach Moskau. Dort verschlechtert sich der Gesundheitszustand von Margarete Steffin; sie muss in eine Klinik eingeliefert werden und stirbt (am 4.6.). Von Wladiwostok aus reist Brecht mit seienr Familie und Ruth Berlau nach Amerika. Waehrend der Ðberfahrt erfahren sie (am 22.6.) von dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion. Ðbersiedlung in die USA (21.7.1941 » 31.10.1947).

1942
Da Brecht noch nicht 45 Jahre alt und deutscher Abstammung ist, muss er sich (am 16.2.) als Kriegsdienstpflichtiger und als »enemy alien« (feindlicher Auslaender) registrieren lassen. Brecht und der Hollywooder Filmregisseur Fritz Lang schreiben (im Mai) eine Filmstory ueber das Attentat tschechischer Patrioten auf den Stellvertretenden Reichsprotektor von Boehmen und Maehren Heydrich in Prag. Brecht wird daraufhin in einem Buero der Filmfirma United Artists in Hollywood angestellt und arbeitet mit dem Filmschreiber John Wexley weiter an dem Lang-Film. In Santa Monica Umzug in ein neues schoeneres Haus in der 26. Strasse, Nr. 1063 (am 12.8.).

1943
Brecht und Lion Feuchtwanger schliessen (Anfang Februar) die erste Fassung des Stueckes »Die Gesichte der Simone Machard« ab. Am 4.2. Urauffuehrung von »Der gute Mensch von Sezuan« am Schauspielhaus Zuerich (Regie: Leonard Steckel; Buehnenbild: Teo Otto). Reise nach New York (8.2. » 26.5.) Brecht trifft viele deutsche und oesterreichische Emigranten und bemueht sich um Buchausgaben und Theaterauffuehrungen. Brecht beginnt (im April) mit Hoffmann Hays und Elisabeth Hauptmann eine Bearbeitung von John Websters »Duchess of Malfi« fuer Elisabeth Bergner. Urauffuehrung von »Galileo Galilei« im Zuericher Schauspielhaus (9.9.; Musik: Hanns Eisler; Regie: Leonard Steckel, der auch die Titelrolle spielt; Buehnenbild: Teo Otto). Brechts unehelicher Sohn Frank Banholzer, bei der deutschen Luftwaffe eingesetzt, wird nach Genesung von einer Verletzung in einem Landjaegerregiment an der Ostfront eingesetzt und kommt (am 13.11.) bei einem Bombardement ums Leben. Reise nach New York (9.11. 1943 » 22.3.1944). Er lernt den Theologen Paul Tillich kennen und nimmt an dem ersten Treffen von Exilpolitikern teil, bei dem die Gruendung eines Councils for a Democratic Germany beschlossen wird. Ziel des Councils ist die Einigung der deutschen demokratischen Kraefte im Exil.

1944
Brecht schliesst das Stueck »Der kaukasische Kreidekreis« (am 5.6.; 1. Fassung) ab, das er fuer die Schauspielerin Luise Rainer geschrieben hat. Seit Anfang des Jahres arbeitet Brecht an einer Serie von »Fotoepigrammen«, die bereits »ueber 60 Vierzeiler« umfasst. Ruth Berlau, die im 7. Monat schwanger ist, muss sich (am 3.9.) wegen eines Tumors in Los Angeles einer Operation unterziehen. Dabei wird ihr und Brechts Sohn vorzeitig geboren und stirbt wenige Tage danach. Beginn der Arbeit mit Charles Laughton (im Dezember) an der Ðbersetzung von »Leben des Galilei« und an einer amerikanischen Buehnenfassung (»Galileo«).

1945
An der deutschen Ostfront beginnt die sowjetische Grossoffensive (Mitte Januar). Beginn einer Versifizierung des »Kommunistischen Manifests« in der Art des Lukrezischen Lehrgedichts, als »Fleissarbeit«. 8. 5.: Kapitulation Deutschlands. Brecht und Hanns Eisler sind fuer die Teilnahme an den Proben zu »Furcht und Elend des III. Reiches« nach New York gereist (Brecht vom 19.5. » 15.7.), Premiere: 12.6.). Ein amerikanisches Flugzeug wirft ueber Hiroshima (am 6.8.) die erste amerikanische Atombombe ab und macht die japanische Stadt dem Erdboden gleich. Brecht erhaelt dadurch eine andere Sicht auf Galilei. Eine zweite Fassung des Stuecks wird (am 1.12.) abgeschlossen.

1946
Brechts Bruder Walter berichtet (am 26.6.) aus Darmstadt von seinem Geschick und dem seiner Familie sowie vom Tod Frank Banholzers, des Sohns von Brecht: »Er war ein stiller, bescheidener, ausserordentlich intelligenter junger Mensch. Wir haben ihn lieb gehabt.« Brecht faehrt mit Ruth Berlau, die er mit nach Santa Monica genommen hatte, nach New York (Ankunft 22.9.) und kuemmert sich um die Auffuehrung von »The Duchess of Malfi«.

1947
Brecht, Helene Weigel und Barbara bekommen (am 29.3.) ein »Exit- und Reenter-Permit, um in die Schweiz zu reisen«. Premiere von »Galileo« im Coronet Theatre in Beverly Hills (30.7.). Brecht erhaelt eine Vorladung, vor dem Kongressausschuss fuer Unamerikanische Betaetigungen in Washington zu erscheinen und dreist (am 16.10.) mit Helene Weigel und Barbara nach New York, am 16.10. nach Washington. Vormittags wird (am 30.10.) Brecht vom Kongressausschuss fuer Unamerikanische Betaetigungen verhoert. Am 31.10. Flug nach Paris und Weiterreise nach Zuerich. Zusammentreffen mit Caspar Neher, der fuer das Zuercher Schauspielhaus arbeitet. Er verhandelt ueber Arbeitsmoeglichkeiten. Helene Weigel und Barbara sind von New York mit dem Schiff nach Europa gefahren und kommen (am 19.11.) in Zuerich an. Umzug (am 22.11.) mit Helene Weigel und Tochter Barbara in ein Landhaus nach Feldmeilen.

1948
Probenarbeit in Chur (Januar/Februar). Urauffuehrung von »Die Antigone des Sophokles nach der Hoelderlinschen Ðbertragung fuer die Buehne bearbeitet von Brecht« im Stadttheater Chur (15.2.). Brecht leitet (im Mai) die Proben von »Herr Puntila und sein Knecht« in Zuercher Schauspielhaus. Urauffuehrung von »Herr Puntila und sein Knecht« am Zuercher Schauspielhaus. »Kleines Organon fuer das Theater« (im August) fertiggestellt. In Salzburg (am 17.10.). Gespraeche mit Gottfried von Einem. Weiterreise nach Prag und Zusammentreffen mit Hanns Eisler. Reise mit Helene Weigel nach Berlin (22.10.). Am Folgetag offizieller Empfang im Haus des Kulturbundes.

1949
Wegen eines Theaterprojekts wird Brecht zum Oberbuergermeister Ost-Berlins »geholt«. Er fuehlt »zum ersten Mal ...den erstickenden Atem des Provinzialismus«. Premiere von »Mutter Courage und ihre Kinder« im Deutschen Theater (11.1.). Die Auffuehrung wird einer der groessten Theatererfolge der Nachkriegszeit. Trotz des Triumphzugs der Auffuehrung eroeffnen die Gegner Brechts in der SED eine kritische Auseinandersetzung mit seinem aesthetischem Konzept. Rueckreise ueber Prag nach Zuerich (22.-26.2.). Er schreibt er fuer Berlin »Die Tage der Kommune«, ein Stueck ueber Sieg und Untergang der Commune von Paris 1871. Gottfried von Einem schlaegt Brecht ein »Festspiel« fuer Salzburg vor (5.3.). In einem Sonderheft fuer Bertolt Brecht der neuen Berliner Zeitschrift »Sinn und Form« erscheint u.a. erstmals »Der kaukasische Kreidekreis« und das »Kleine Organon fuer das Theater« (Maerz). Fuer das Salzburger Festspiel, das Brecht schreiben will, ist ihm ein »Ÿquivalent« eingefallen, teilt er Gottfried von Einem mit. Ein »Asyl« sei ihm, dem Staatenlosen, mehr wert »als Vorschuss irgendwelcher Art«. Er moechte fuer sich und fuer Helene Weigel die oesterreichische Staatsbuergerschaft beantragen. »Ich kann mich ja nicht in irgendeinen Teil Deutschlands setzen und damit fuer den andern Teil tot sein.« Mit Barbara Reise von Zuerich nach Salzburg (24.-27.5.). Nach einem Zwischenaufenthalt faehrt er ueber Prag nach Berlin weiter (Ankunft: 30.5.). 30-31 Experimente auf dem Theater / Auseinandersetzungen mit Kunstfeinden In Ost-Berlin erhaelt Brecht (am 10.6.) den Deutschen Personalausweis fuer Staatenlose. Mit dem Auto Reise von Berlin nach Freilassing und von dort nach Salzburg (28.8.). Gespraeche mit Gottfried von Einem ueber das Festspiel »Der Salzburger Totentanz«. Er verhandelt mit Beamten ueber seinen Antrag auf oesterreichische Staatsbuergerschaft. Brecht besucht seine Heimatstadt Augsburg und faehrt nach Berlin zurueck (4.9.). In Bonn konstituiert sich (am 7.9.) als gesetzgebendes Gremium der Bundesrepublik Deutschlands der Bundesrat und der Bundestag. Gruendung der Deutsche Demokratische Republik als selbstaendiger Staat (7.10.). In Berlin offizielle Premiere von »Herr Puntila und sein Knecht Matti« (am 12.11.), zugleich Eroeffnungsvorstellung des neugegruendeten Berliner Ensembles im Hause des Deutschen Theaters. Mit Heft 9 der »Versuche« setzt Brecht die 1933 unterbrochene Reihe seiner Werke fort. Am 23.12. Premiere der zweiten Inszenierung des Berliner Ensembles: »Wassa Schelesnowa« von Maxim Gorki (Regie: Berthold Viertel; mit Therese Giehse).

1950
Der Unterrichtsminister Felix Hurdes bekundet (am 17.2.) das oesterreichische Staatsinteresse an Brecht; er geniesse als Schriftsteller »internationalen Ruf«. Gruendung der Deutschen Akademie der Kuenste (am 24.3.). Brecht, Helene Weigel, Hanns Eisler und Erich Engel werden als Mitglieder aufgenommen. Premiere von »Der Hofmeister«, Tragikomoedie von Jacob Michael Reinhold Lenz (am 15.4.), Regie: Brecht und Caspar Neher. Im Suhrkamp Verlag erscheint im April Heft 10 der »Versuche«. Reise nach Muenchen (Anfang September). In den Muenchener Kammerspielen beginnt Brecht die Proben von »Mutter Courage und ihre Kinder«. Erfolgreiche Premiere von »Mutter Courage und ihre Kinder« in den Muenchener Kammerspielen (8.10.), Regie: B (nach dem Berliner Modell).

1951
Premiere von »Die Mutter« mit dem Berliner Ensemble im Deutschen Theater (12.1.). Nach Diskussionen um die Oper »Das Verhoer des Lukullus« wird ein sofortiger Abbruch der Proben verlangt. Brecht setzt aber Weiterfuehrung der Arbeit durch. Auf der 5. Tagung des ZK der SED werden (Mitte Maerz) Massnahmen gegen den Formalismus in der Kunst (Beispiele u.a.: »Das Verhoer des Lukullus« und »Die Mutter«) beschlossen. Die erzwungene (einmalige) geschlossene Urauffuehrung der Oper »Das Verhoer des Lukullus« in der Deutschen Staatsoper (17.3.) wird zu einem triumphalen Erfolg fuer Brecht und Dessau. Nach Diskussionen bei Wilhelm Pieck erklaeren sich beide zu Veraenderungen des Textes und der Musik bereit. Gleichzeitig Premiere im Berliner Ensemble: Biberpelz und roter Hahn von Gerhart Hauptmann; Regie: Egon Monk; mit Therese Giehse. Brecht nimmt am Ersten Deutschen Kulturkongress in Leipzig (16.-18.5.) teil und haelt am 16.5. seine Rede »Einige Bemerkungen ueber mein Fach«. Im Suhrkamp Verlag erscheint Heft 11 der »Versuche«. Brecht bereitet im Ostseebad Ahrenshoop (10.7.-16.8.) mit seinen Mitarbeitern die Herausgabe eines Theateralmanachs im Dresdener Verlag ueber die ersten sechs Inszenierungen des Berliner Ensembles vor (»Theaterarbeit«). Nach einer Hauptprobe der von Brecht und Dessau geschriebenen Kantate »Herrnburger Bericht« wuenscht Erich Honecker die Auslassung eines Liedes, in dem Ernst Busch erwaehnt wird. Urauffuehrung des »Herrnburger Berichts« im Deutschen Theater (5.8.); musikalische Leitung: Hans Sandig, Regie: Egon Monk, der auch die Zwischentexte spricht; mit dem Chor des Mitteldeutschen Rundfunks Leipzig. »Mutter Courage und ihre Kinder«, bisher vom Deutschen Theater gespielt, kommt in einer Neuinszenierung mit dem Berliner Ensembles heraus (11.9.). Brecht verfasst einen »Offenen Brief an die deutschen Schriftsteller und Kuenstler« (26.9.), in dem er sie zum Frieden aufruft. Nach Bekanntwerden der oesterreichischen Staatsbuergschaft fuer Brecht beginnt in ÷sterreich (im Oktober) eine Pressekampagne gegen die Entscheidung und gegen Gottfried von Einem. Brecht erhaelt den Nationalpreis I. Klasse (7.10.). Urauffuehrung der veraenderten Oper mit dem neuen Titel »Die Verurteilung des Lukullus« in der Deutschen Staatsoper Berlin (12.10.). Im Aufbau-Verlag erscheint die Gedichtsammlung »Hundert Gedichte«.

1952
Brecht uebernimmt (im Januar) die Endproben des »Zerbrochnen Krug« (Premieren am 23.1; Regie: Therese Giehse, Buehnenbild: Hainer Hill; mit Erwin Geschonneck als Adam). Eine Ausstellung von Plastiken Ernst Barlachs in der Akademie der Kuenste wird von der Parteipresse scharf kritisiert. In seinen »Notizen zur Barlach-Ausstellung« schaetzt Brecht den Kuenstler »fuer einen der groessten Bildhauer« Deutschlands und beschreibt seine Plastiken als »Meisterwerke«. Brecht findet (im Februar) in Buckow am Schermuetzelsee ein groesseres Pachtgrundstueck mit zwei Haeusern, das ihm und Helene Weigel zusagt. Mit Helene Weigel Reise nach Warschau und Krakow (25.2.-2.3.). Sie besuchen Theater Auffuehrungen und treffen sich mit Kuenstlern. Premiere von Goethes »Urfaust« am Landestheater Potsdam (23.4.), Gastspiel des BE; Regie: Egon Monk, Musik: Paul Dessau, Buehnenbild: Hainer Hill und Caspar Neher. Das Buch »Theaterarbeit. 6 Auffuehrungen des Berliner Ensemble« (Redaktion: Ruth Berlau, Bertolt Brecht, Claus Hubalek, Peter Palitzsch, Kaethe Ruelicke) kommt heraus. Im Sommer arbeitet Brecht in Buckow an Shakespeares »Coriolan«. Ausserdem wird das Bauernstueck »Katzgraben« von Erwin Strittmatter fuer eine Auffuehrung eingerichtet. Reise zu den Endproben von »Der gute Mensch von Sezuan« nach Frankfurt/M. (13.-15.11.). Premiere von »Die Gewehre der Frau Carrar« am Berliner Ensemble (16.11.; Regie: Egon Monk). Urauffuehrung von »Der Prozess der Jeanne d'Arc zu Rouen 1431« von Anna Seghers (23.11.); kuenstlerische Leitung: Brecht, Regie: Benno Besson. Im Dezember erste grosse Auslandstournee des Berliner Ensembles mit »Mutter Courage«, »Die Mutter«, »Der zerbrochne Krug«, sowie einem Brecht-Abend in Krakau, Lodz und Warschau.

1953
Unter Leitung Brechts Proben von Erwin Strittmatters Komoedie »Katzgraben« (24..2.-22.5.). Er laesst die Theaterarbeit protokollieren, ueberarbeitet waehrend der Proben die Notate sowie eigene Aufzeichnungen und stellt sie im Proben-Modellbuch »Katzgraben-Notate 1953« zusammen. Nach Ðbernahme der »Urfaust«-Auffuehrung aus Potsdam nach Berlin (Berliner-Ensemble-Premiere: 13.3.) kommt es zu sehr kritischen Ÿusserungen, die eine Absetzung des Stueckes zur Folge haben. An der Stanislawski-Konferenz beteiligt sich Brecht am 19.4. mit einem Beitrag ueber Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Spielweise zwischen Stanislawski und ihm. Urauffuehrung der Komoedie »Katzgraben« von Erwin Strittmatter am Berliner Ensemble (23.5.). Brecht wehrt sich gegen die Anschuldigungen des Formalismus in seinen »Thesen zur »Faustus«-Diskussion«, in denen er das Faustus-Konzept Hanns Eislers verteidigt (27.5.). Bauarbeiter der Stalinallee beginnen in Ost-Berlin (am 16.6.) einen Demonstrationszug, um die Regierung zu einer Zuruecknahme von Normerhoehung zu bewegen. Als sich die Protest-Demonstrationen (am 17.6.) gegen die DDR-Regierung ausdehnen, greifen am Mittag sowjetische Panzer ein. Brecht aeussert in einer Betriebsversammlung des Berliner Ensembles sein Verstaendnis fuer die Forderungen der Arbeiter und fordert eine »grosse Aussprache mit den Massen ueber das Tempo des sozialistischen Aufbaus«. Das »Neue Deutschland« veroeffentlicht aus Brechts Brief an Ulbricht (am 21.6.) lediglich den Satz, in dem er seine »Verbundenheit mit der SED« zum Ausdruck bringt. Brecht ist darueber sehr veraergert, protestiert aber nicht oeffentlich. Brecht haelt sich vom Juli bis September vorwiegend in Buckow auf und arbeitet an dem Stueck »Turandot oder Der Kongress der Weisswaescher« sowie an den »Buckower Elegien«. In »Kulturpolitik und Akademie der Kuenste« polemisiert Brecht (am 13.8.) gegen die bisherige Kulturpolitik der SED. Anregungen fuer die Kunst koennten nicht durch Administration wirksam werden. Umzug in eine neue Wohnung in Berlin-Mitte, Chausseestrasse 125 (9.10.). Im Suhrkamp Verlag erscheint Heft 12 der »Versuche«. Reise mit Helene Weigel und Ernst Busch nach Wien (15.-29.10.). Brecht leitet im Neuen Theater an der Scala die Endproben von »Die Mutter« (Premiere am 31.10.). Helene Weigel schreibt (am 8.11.) aus Wien, die Auffuehrung sei ein grosser Erfolg. Nach seiner Rueckkehr arbeitet Brecht in Berlin mit dem franzoesischen Schriftsteller Vladimir Pozner am Drehbuch zum Film »Herr Puntila und sein Knecht Matti«. Brecht beginnt (im November) am Berliner Ensemble mit den Proben von »Der kaukasische Kreidekreis«. Das Stueck wird mit Unterbrechungen bis Anfang Oktober 1954 probiert.

1954
Brecht beschaeftigt sich mit der Einrichtung laufender Stuecke fuer das freiwerdende Theater am Schiffbauerdamm, das in den vorangegangenen Monaten technisch fuer die Bedingungen des Berliner Ensembles umgebaut wird. Erste Vorstellung des Berliner Ensembles im Theater am Schiffbauerdamm (19.3.) mit MoliËres »Don Juan«, Regie: Benno Besson. Reise nach Amsterdam, Teilnahme am PEN-Kongress (20.-26.6.). Weiterreise nach Paris (26.6.-6.7.), wo das Berliner Ensemble anlaesslich des ersten Festivals der dramatischen Kunst mit »Mutter Courage und ihre Kinder« gastiert. Das Gastspiel wird zu einem Triumph fuer Brecht. Den Sommer verbringt Brecht, mit einigen Abstechern nach Berlin, in Buckow. Er ueberarbeitet »Turandot« und ueberarbeitet eine Buehnenfassung von Bechers »Winterschlacht. Premiere von »Der kaukasische Kreidekreis« am Berliner Ensemble (7.10.); Regie: Brecht, Assistenzregie: Manfred Wekwerth, Buehnenbild: Karl von Appen. Aus Anlass der »Kreidekreis«-Auffuehrung am Berliner Ensemble beginnt Fritz Erpenbeck - wie bereits 1949 - erneut eine »grundsaetzliche« Debatte ueber Brechts episches Theater. 18. 12.: Nachdem Thomas Mann eine Annahme des Stalin-Preises von Thomas Mann abgewiesen hat, spricht sich das Internationale Komitee fuer den Ersatzkandidaten Brecht aus. Im Suhrkamp Verlag erscheint Ende des Jahres Heft 13 der »Versuche«.

1955
Premiere von »Winterschlacht« von Johannes R. Becher (12.1.), Musik: Hanns Eisler, Regie: Bertolt Brecht/Manfred Wekwerth, Buehnenbild: Karl von Appen/Dieter Berge. Zum Jahrestag der Zerstoerung Dresdens (am 13.2.) uebergibt Brecht dem Deutschen Friedensrat 176.203 Unterschriften unter eine Erklaerung gegen die Pariser Abmachungen und bittet um Weiterleitung an den Weltfriedensrat. Reise nach Hamburg zur 7. Generalversammlung des PEN-Zentrums Ost und West, auf der Brecht als Praesident wiedergewaehlt wird (22.-25.3.). In Frankfurt/M. nimmt Brecht (vom 21.-25.4.) an den Endproben zu »Der kaukasische Kreidekreis« teil; er trifft sich taeglich mit Peter Suhrkamp. Anschliessend faehrt er nach Muenchen und spricht mit Hans Schweikart und Caspar Neher ueber die geplante Inszenierung des »Guten Menschen von Sezuan« an den Kammerspielen. Mit Helene Weigel und Kaethe Ruelicke Reise nach Moskau (17.-27.5.). Er trifft sich mit Freunden und Schriftstellern, besucht zahlreiche Theaterauffuehrungen und verhandelt ueber die Edition seiner Werke. Am 25.5. wird ihm der Stalin-Preis ueberreicht.. Reise nach Paris (15.-29.6.) wegen des Gastspiels mit »Der kaukasische Kreidekreis« im ThÈ’tre Sarah Bernard. Weiterreise nach Muenchen zur Teilnahme an den Endproben zu »Der gute Mensch von Sezuan«. Wolfgang Staudte beginnt in der DEFA mit den Dreharbeiten fuer »Mutter Courage« (August). Sie werden spaeter wegen Meinungsverschiedenheiten des Regisseurs mit Brecht abgebrochen. Premiere von »Pauken und Trompeten« von George Farquhar, Musik: Rudolf Wagner-RÈgeny, Regie: Benno Besson, Buehnenbild: Karl von Appen (19.9.). Premiere »Die Ziehtochter oder Wohltaten tun weh« von Alexander Ostrowski, Regie: Angelika Hurwicz, Buehnenbild: Karl von Appen (12.12.). Nach dem Befund seines West-Berliner Arztes (Mitte Dezember) wird Brecht, der an einer Grippe mit leichtem Fieber erkrankt ist, taeglich zwei Stunden Probenarbeit gestattet. Er beginnt daraufhin mit der Inszenierung von »Leben des Galilei«. Im Dezember erscheinen die »Kriegsfibel« im Eulenspiegel-Verlag und »Versuche«, Heft 14 im Suhrkamp Verlag«. Die Wien Film stellt »Herr Puntila und sein Knecht Matti« (mit Curt Bois) fertig.

1956
Im Januar Teilnahme am Schriftstellerkongress. Am 12. 1. macht Brecht kritische »Ausfuehrungen vor der Sektion Dramatik«, am 14.1. haelt er eine Schlussrede. Im Suhrkamp Verlag erscheint Heft 14 der »Versuche«. Mit Tochter Hanne und Elisabeth Hauptmann Reise nach Mailand, um sich (an seinem Geburtstag) die »Dreigroschenoper« am Piccolo Teatro anzusehen (7.-11.2.). Die Inszenierung Giorgio Strehlers (Buehnenbild: Teo Otto) erfaehrt Brechts hoechste Anerkennung. Im Berliner Ensemble findet die (59. und) letzte Galilei-Probe Brechts statt (27.3.). Wegen seines sich verschlechternden Gesundheitszustandes muss er die Proben abbrechen und bittet Erich Engel, die Arbeit weiterzufuehren. Brecht begibt sich zur Behandlung »der Folgen einer Virusgrippe« in das Berliner Krankenhaus CharitÈ (12.4.-12. 5.). Erich Engel laesst die bisher gearbeiteten Szenen von »Leben des Galilei« durchlaufen und bricht die Proben ab (19.4.). Von der Greifswalder Universitaet wird Brecht (im April) die Ehrendoktorwuerde angeboten. Nach Entlassung aus der CharitÈ bleibt aber unter taeglicher aerztlicher Kontrolle. Er faehrt (vom 26.5.-8.8. zur Erholung nach Buckow. Dort beginnt er mit der Zusammenstellung einer Gesamtausgabe seiner Gedichte. Brecht richtet einen Appell an den Bundestag gegen die Wiedereinfuehrung der Wehrpflicht (2.7.). Nach Diskussionen ueber die Stalin-Kritik auf dem XX. Parteitag der KPdSU entstehen in Buckow (im Juli) kritische Notizen und Gedichte, die sich mit den Folgen des Stalinismus beschaeftigen. In einem Gedicht bezeichnet Brecht Stalin als »verdienten Moerder des Volkes«. Brecht nimmt (am 10.8.) in Berlin an einer Probe des »Kaukasischen Kreidekreises« fuer das Londoner Gastspiel teil (letzte Theaterprobe Brechts). Da sich sein Gesundheitszustand nicht deutlich bessert, bereitet er die Reise in eine Muenchener Klinik vor. Am 14.8. diktiert Brecht eine »letztwillige Verfuegung«. Danach ist Helene Weigel nicht nur die alleinige Erbin, »sondern auch die Verfuegungsgewalt in der Durchfuehrung« seiner Wuensche«. Er veranlasst eine Geldueberweisung fuer den Kauf eines Hauses in Daenemark, das Ruth Berlau nutzen soll, und weist seiner Frau das Recht des Einzugs von Tantiemen und der Verhandlungen in seinem Namen zu. 23.45 Uhr stirbt Brecht in seiner Wohnung Chausseestrasse 125. Nach Auskunft seiner Tochter Barbara sind Brechts letzte Worte: »Lasst mich in Ruhe!«