[anklickbarer menubar]

Ausgabe #10

Locus Ausgabe Nr.10



The Great Mrs Baudisch

AP-Level Class

Samstag, 9.12.1995, kurz vor 18.00 Uhr, Möbelfabrik. Charlston der guten 20er Jahre quäkt durch den Raum, eine mollige Wärme, wie sie nur aus einem alten Kamin sein könnte, verbreitet Gemütlichkeit, die einen fast erdrückt, wenn da nicht diese unheimliche Spannung in der Luft läge. Ein Gemisch aus Lampenfieber, Nervosität und verhaltener Freude. Keine Frage:
Das ist Premierenstimmung - Aufregung vor der Inszenierung "The Great Gatsby" nach dem gleichnamigen Roman von F.Scott Fitzgerald.
Es ist das zweite Projekt dieser Art an unserer Schule. Nach der Inszenierung "Die Entführung aus dem Serail", eine Aufführung des Musikkurses von Herrn Schmidt, die Weihnachten 1993 Premiere im FEZ hatte, war nun auch Frau Baudischs ("English is fun!") Englisch-Leistungskurs an der Reihe, seine schauspielerischen Qualitäten unter Beweis zu stellen.
Doch kommen wir zum Stück an sich. Für alle, die bis jetzt nicht das doch sehr fragwürdige Vergnügen hatten, "The Great Gatsby" im Unterricht zu behandeln, hier eine kleine Inhaltsbeschreibung: Jay Gatsby, ein durch dunkle Geschäfte zum Reichtum gelangter Mann, lebt an einem See auf Long Island/New York. Dort gibt er regelmäßig berauschende Partys, in der Hoffnung, seine Jugendliebe Daisy wiederzutreffen. Daisy - kurz charakterisiert: zickig, eitel, verwöhnt und natürlich wohlhabend - ist inzwischen mit dem nicht viel ärmeren Frauenheld Tom Buchanan verheiratet und lebt mit ihm - wie sollte es anders sein - auf der anderen Seite des Sees. Natürlich kommt es zu einem Wiedersehen zwischen dem großen Jay und Daisy. Allerdings ist ihre wieder aufgewärmte Liebe mit allerlei Problemen behaftet, die man, zusammengefaßt, in die Spalten gesellschafliche Zwänge und Persönlichkeitswandel einordnen kann. Die in dieser Dreiecksbeziehung auftretenden Probleme, die auch durch andere Charaktere (Nachbar Nick Carraway, Daisys Freundin Jordan Baker) forciert werden, lösen (?) sich schlagartig durch die Ermordung Jays, die der Erzählung den tragischen Touch verleiht.
Kommen wir zum Stück an sich, das übrigens nicht orginalgetreu übernommen wurde: "Die Dialoge haben wir größtenteils selbst geschrieben, da das Buch nur wenige oder für unsere Aufführung kaum verwertbare Dialoge hergab", erklärt Karoline Sermann (Nick - Erzähler) mit glänzenden Augen nach der Premiere, um gleich noch stolz hinzuzufügen: "Das alles haben wir in vier Tagen auf die Beine gestellt. Eigentlich waren es nur zwei, die anderen beiden Tage waren Generalprobe", korrigiert sie sich.
Die einschneidenste Veränderung ist allerdings das Ende, das von der Vorlage weit abweicht und sich völlig anders gestaltet. Zwar segnet den großen Jay auch hier das Zeitliche, doch zu einem völlig andere Zeitpunkt (der gut gewählt ist) und auf andere Art und Weise: Er stirbt einfach so an einem heißen Sommertag. Bei einem Autounfall, irgendwo draußen in New York.
Das eigentlich erstaunlichste und überraschendste an diesem Stück ist jedoch die Leistung der SchauspielerInnen selbst. Das Vorurteil, solche Spartenaufführungen strotzen nur so vor Dilettantismus, wurde innerhalb kürzester Zeit der Möbelfabrik verwiesen. Selbst die größten Theatermuffel ließen sich von der frischen und amüsanten Spielweise der Darsteller anstecken und mitreißen. Egal, ob das nun die stöckelnde Daisy (Malwine Jennrich) mit ihrer dermaßen überzogenen Schicki-Micki-Masche oder der so verdammt cool agierende Tom (Karsten Schmidt) waren - sie und die anderen Darsteller gaben dem Stück eine gewisse Ungezwungenheit, die den Theaterbesuch nicht zur Pflichtveranstaltung degradierten, sondern wieder einmal bewiesen: Gutes Theater kann man auch auf einem relativ niedrigen Level gestalten. Respekt!

Alexander Eschment