[anklickbarer menubar]

Ausgabe #11

Locus Ausgabe Nr.11



...und es machte Bumm

26. April 1986: In Tschernobyl, Ukraine, ereignete sich der bisher schwerste Unfall in der Geschichte der zivilien Atomenergienutzung. Innerhalb weniger Sekunden wurde der 4. Reaktorblock des Kraftwerks durch eine nukleare Explosion vollständig zerstört. Beton, Graphit und große Teile des hochradioaktiven Reaktors wurden in die Luft geschleudert. Rauch und Dampf bildeten eine "strahlende" Wolke. Diese stieg zwei Kilometer hoch in die Atmosphäre auf, zog über die westlichen Teile der ehemaligen Sowjetunion hinweg und weiter in Richtung Mitteleuropa. Schließlich breitete sie sich über die gesamte nördliche Erdhalbkugel aus.
Im Vergleich zu den Atombombenabwürfen von Hiroshima oder Nagasaki wurde mit dieser Wolke die 200fache Menge an Radioaktivität freigesetzt.
Die Freisetzung von mehreren Tonnen des hochradioaktiven Materials aus dem explodierten Block 4 führte zu einer weiträumigen Verseuchung des Bodens, der Pflanzen, Menschen und Tiere, sowie der Gewässer. Insgesamt ist in den drei Staaten Ukraine, Weißrußland und Rußland eine Fläche von 130.000 km2 aufgrund der Katastrophe radioaktiv belastet. Dieses Gebiet ist als Lebensraum und landwirtschaftliche Nutzfläche für Jahrzehnte unbrauchbar geworden. Weißrußland ist durch den nuklearen Unfall am meisten betroffen. Dieses Land, das selbst keine Atomkraftwerke betreibt, trägt somit die Hauptlast der Reaktorkatastrophe. Zur Zeit des Unfalls lebten in den betroffenen Regionen über 17 Millionen Menschen. Schätzungen der Vereinten Nationen gehen von rund 9 Millionen Menschen aus, welche mehr oder weniger direkt von den radiologischen Folgen der Tschernobyl - Katastrophe betroffen sind. Im Jahre 1986 starben nach offiziellen Angaben 31 Menschen an den unmittelbaren Folgen (Verbrennungen, Strahlenkrankheit) des Super - GAUs ; 200 bis 300 schwere Strahlenkrankheitsfälle wurden gemeldet. Jedoch steigt die Zahl der Strahlenopfer von Tschernobyl aufgrund der gesundheitlichen Spätfolgen (besonders aggressive Formen von Krebs, Herz- und Gefäßerkrankungen, Störungen des Nervensystems, weitreichende Immunschwäche usw.) jährlich an. Allein von den 800.000 Katastrophenhelfern, die in die strahlenverseuchten Gebiete geschickt worden waren, sind bis heute 25.000 tot, etwa 100.000 invalide. Über 400.000 Bewohner aus der direkten Umgebung des Atomkraftwerkes mußten umgesiedelt werden und haben somit ihre Heimat für immer verloren. Sogar heute noch, zehn Jahre nach dem Unfall, müssen Zehntausende die stark belasteten Gebiete verlassen.

Trotz des Super - GAUs wurden noch im selben Jahr die nicht zerstörten Blöcke des AKW Tschernobyl wieder in Betrieb genommen. Dies geschah u.a. aus politischen Gründen. Man wollte der der Welt demonstrieren, daß die angerichteten Schäden nicht besonders schwerwiegend waren. Tausende Beschäftigte wurden und werden dadurch sehr hohen Strahlenbelastungen ausgesetzt.
1991 schrillten die Sirenen erneut: Großbrand in Block 2! Daraufhin beschloß das ukrainische Parlament die endgültige Stillegung des AKWs Tschernobyl, hob die Entscheidung jedoch im Oktober 1993 mit Verweis auf die Energiekrise des Landes wieder auf.
Trotz unzähliger Abschalt - Appelle, u.a. durch das Parlament von Weißrußland, ist Tschernobyl immer noch am Netz. Dabei wäre ein Ausstieg aus der Atomenergie sicherlich möglich. Jedoch ist für den Umbau der ukrainischen Energieversorgung westliche Unterstützung in Form von Spenden in Milliardenhöhe erforderlich. Doch solange weiter auf die Atomenergienutzung gesetzt wird und insbesondere im ökonomisch überlegenen Westen kein Umdenken erfolgt, kann sich eine Katastrophe wie in Tschernobyl jederzeit und überall wiederholen ...
Katja