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Ausgabe #12

Locus Ausgabe Nr.12



Umdenken oder Versumpfen


Die Luft ist raus! Seit etwa einem Jahr gleichen die Versammlungen der Gesamtschülervertretung unserer Schule eher einem kollektiven Gammeln und Palavern, als lebhafter Diskussion mit dem Ziel, Ergebnisse zu erzielen und bestimmte Projekte zu organisieren. Es wird rumgesessen, getratscht, irgendwelche Spaßvögel versuchen sich im lustig sein und der einzige produktive Akt beschränkt sich auf eine Unterschrift in der Anwesenheitsliste. Ein trauriger Zustand.
Die Zeiten des großen Arbeitens und Diskutierens sind vorbei: Das Schulhaus ist fast vollständig saniert, demnächst eröffnet die Cafeteria ihre Pforten, an der Turnhalle wird fleißig gewerkelt und auch das Biologie-Projekt weist erste sichtbare Ergebnisse auf.
Erinnert sei hierbei nur an den Teich, von dem viele nicht einmal wissen, daß es ihn überhaupt gibt. Von Problemen mit LehrerInnen, Kritik am Unterricht oder ungerechter Bewertung ganz zu schweigen. Sie existieren an unserer Schule nicht. Wir verstehen uns wirklich prima hier - eine Musterschule, wie sie im Buche steht.
Im Ernst. Es scheint, daß sich auch an unserer Schule die viel beschimpfte Generation X-Lethargie ausbreitet, welche sämtliches Interesse an der Benennung von Problemen, Ängsten und Wünschen hemmt, eifrige Diskutierer und Streithammel zu erbärmlichen Opportunisten degradiert und den einzigen Lebenssinn in Parties und "abhängen" sieht. Perspektiven für die Zukunft: Keine.
Abgehangen wird auch in den Versammlungen der Gesamtschülervertretung, in der selten mehr als zwei Drittel der gewählten Schülervertreter (insgesamt 72) anwesend sind und somit die Beschlußfähigkeit oft nur knapp erreicht wird.
Neben dem Desinterresse überhaupt etwas in der Schülervertretung zu tun (Das einzig positive sind doch die Freistunden, nicht wahr?), existieren zwei Probleme, die wohl die schwerwiegensten Auswirkungen auf den derzeitigen Zustand haben. Zum einen: Das Gefühl vieler, nichts mehr tun zu müssen, da unsere Schule, zumindest rein äußerlich, einen recht ordentlichen Zustand aufweist. Ein Zustand, der sämtliche Probleme, die daneben existieren verschleiert, der zum Gammeln einlädt oder um alten Tagen nachzutrauern. Doch anstatt den guten alten Zeiten ('90-'92), in denen alles möglich war, hinterher zu weinen, wäre es sinnvoller, die Arbeit der Schülervertretung in Zukunft in andere Wege zu leiten. Zum Beispiel der Organisation von regelmäßigen Veranstaltungen (nicht nur einmal jährlich) , die von Sportfesten, Theaterinszenierungen und Konzerten bis hin zu Schüleraustauschen (...) reichen können. Abgesehen davon, daß unsere Schule um einiges an Attraktivität gewinnt, wenn sie solche oder andere Projekte von Seiten der Schüler (!) regelmäßig anbietet, ist das auch die Chance, daß sich Schüler mit ihrer Schule identifizieren und in ihr mehr sehen als eine tote Lehranstalt - vielleicht sollte man sich in diesem Punkt am "Big Brother" auf der anderen Seite des großen Teiches orientieren.
Zweites Problem: Die viel zu hohe Anzahl der Schülervertreter (72!), die jeden Versuch effektiv zu arbeiten, von vorn herein ausschließt. Zu viele Leute diskutieren um ein Problem - dabei einen Konsens zu finden, ist fast unmöglich. Ebenso hinderlich: die durch die hohe Vertreterzahl bedingte Anonymität. Kurzfristige Endscheidungen können nicht gefällt werden und fallen somit weg. Das meist hilfreichere Pausengespräch zwischen einzelnen Vertretern zu akuten Problemen findet ebenso wenig statt.
Festgelegt ist diese hohe Anzahl von Schülervertretern im Schulgesetz, das in der Sekundarstufe II vorschreibt, "für fünfzehn Schüler einen Schülervertreter" (§ 38, Absatz 1) zu wählen. Für die Sekundarstufe I werden "zwei Klassenschülersprecher" (§ 30, Absatz 1) vorgeschrieben. Aus diesen zwei Gruppen formiert sich die Gesamtschülervertretung, die dann noch durch den Schülersprecher und seinen Stellvertreter ergänzt wird - macht für unsere Schule 72 Vertreter.
Vielleicht sollte man sich an dieser Stelle einmal überlegen, inwieweit es sinnvoll ist, diese viel zu hohe Anzahl von Vertretern beizubehalten. Sinnvoll wäre eine Halbierung der Schülervertretung, in der dann auschließlich die Schüler sitzen, die sich nicht der Freistunden wegen wählen lassen haben, sondern an richtiger Schülerarbeit, Problemlösung und Organisation interessiert sind. Auch wenn mit einer Halbierung gegen das Schulgesetz verstoßen wird - in erster Linie geht es um eine effektivere Arbeit der Gesamtschülervertretung, die dann auch wieder an Glaubwürdigkeit gewinnen würde. Denn das Vertrauen ihrer Mitschüler ("Gammelverein!") geniessen die Vertreter kaum noch.
Mut zu neuen Wegen ist angesagt und erforderlich - alles andere ist ein Schritt zurück und bestätigt nur die Meinung der Kritiker die dann, wenn auch mit einiger Verspätung, wieder einmal Recht behalten hätten.
Alex