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Locus Ausgabe Nr.14
Ein ach-so-alltäglicher Vorgang
Ob Frühstückskaffee, Schokomilch, O-Saft; Corn Flakes, Toastbrot, Gummibärchen oder Kartoffelsalat mit Currywurst (weiß man, was manch` einer zum Frühstück verspeist?) - alles macht sich irgendwann, meistens jedoch in der Schule, bemerkbar.
Kein Problem, denkt Ihr jetzt vermutlich, dazu gibt es ja die Toiletten - auch wenn nicht jede in unserer Schule als solche ausgewiesen ist. Als Schulinsider liegt es uns sozusagen im Blut, die richtige Tür in der richtigen Etage zu finden - und das auch ohne Strichmännchen bzw. -frauchen- Symbolik. Frau weiß eben, daß sich hinter Tür Nummer 313 (oder war es 312?, naja, auf jeden Fall am Ende des Ganges) die als solche nicht ausgeschilderte Mädchentoilette befindet. Gleiches gilt für Mann: Die Massen stürmen zu einer magischen, neuen, ergo schildlosen (?)Tür in Etage zwei. Die seltenen Fälle, in denen erst in den heiligen Gefilden der Etagenirrtum bemerkt wurde, können auf Schülerschusseligkeit- und nicht etwa auf mangelnde Hinweisschilder - zurückgeführt werden.
Neue Schüler müssen genauso wie eventuelle Schulbesucher durch diese vertrackte Situation. Letztere haben eben Pech gehabt, wenn sie gerade bei uns jenes Bedürfnis verspüren und keine Beziehungen zu dem schlüsselbesitzenden Lehrkörper zwecks Benutzung der uns Schülern vorenthaltenen, mit goldenen Wasserhähnen ausgestatteten (das war es doch, was die Legende sagt, oder?) Entleerungsanstalten in Etage Numero eins haben. Da heißt es eben, sich fragend seinen Weg zu bahnen. Fazit: Dank Schildlosigkeit wird zwischenmenschliche Kommunikation gefördert, wofür wir wirklich dankbar sein können.
Es ist doch ein schönes Thema für einen gelungenen Gesprächsstart: Das stille Örtchen unserer Schule. Mit stolzgeschwellter Brust werden wir erwähnen, daß im Zuge der Schulrenovierung auch die Toilettenräume aufgepäppelt wurden. Unser Gast - nehmen wir an, er sei weiblich - wird somit zur frohlockenden Erstnutzerin.
Beim Betreten der heiligen Gefilde wird sie sicher begeistert sein vom strahlendem Weiß der Decke1), so wie auch wir immer wieder aufs Neue in eine apatische Deckenanhimmlung und Danksagung verfallen - und das als Urendlichdauernutzer. Der helle Glanz zieht eben jeden sofort in seinen Bann. Doch Vorsicht! Diese Begeisterung kann gefährliche Ausmaße annehmen, und zwar dann, wenn es - bedingt durch das starre Nach-Oben-Schauen - zum Zusammenstoß mit einem Mitbenutzer, zu Genickstarre oder zum Ausrutschen in einer nicht wahrgenommenen, jedoch recht alltäglichen Flüssigkeitslache am Boden (hoffentlich nur Wasser) und im Extremfall zum damit verbundenem Beinbruch kommt. Diese Gefahren werden jedoch von vielen Nutzern in Kauf genommen. Ja, es gibt Schüler, die scheinbar so von dem WC-Deckenkunstwerk fasziniert sind, daß sie sogar ihre Schulstullen in heiliger Deckenanbetung verspeisen ...
Doch zurück zu unserer Erstnutzerin. Nach einer angemessenen Bewunderungszeit macht sich deren Blase wieder bemerkbar und zwingt sie damit - zum Zwecke der Kabinentürfindung - die Anhimmlung der Decke zu unterbrechen. Da ihre Augen noch völlig von der Schönheit der Styroporplatten geblendet sind, wird sie sich halbblind zur erstbesten Tür vortasten, daraufhin diese öffnen, schließen und verriegeln ... Verriegeln? Spätestens hier wacht die entleerungswillige Erstnutzerin auf und fühlt sich nun wie die enttäuschte Wüstenwandererin, der sich die eben noch vor den eigenen Augen flimmernde Oase als Fata Morgana enttarnt. Denn: Ein verbogener Riegel verriegelt nicht. Alles halb so wild, denkt sich die optimistische Erstnutzerin. Tür wieder auf, Aufreißen der nächstbesten Tür, Schließen, Vorfreude aufs Verriegeln. Aber da hat sie sich zu früh gefreut. Auch hier Fehlanzeige - von einem Riegel keine Spur. Leicht genervt, aber immer noch optimistisch, geht es nun an die gegenüberliegende Tür. Öffnen, sofortiges (frau ist schließlich lernfähig) Riegel examinieren. Und? Eine weitere Niete.
Trotz zu Tage tretender Zweifel gibt unsere Erstnutzerin nicht auf, sondern geht zum Riegelcheck mit System über: Von rechts nach links sieben Türen, von links nach rechts auf der gegenüberliegenden Seite noch vier weitere Chancen. Schon die vierte Tür scheint ihrer systematischen Suche Recht zu geben: Ein wunderschöner gerader Riegel (längst vergessen die strahlende Decke) ist an die Tür geschraubt. Erleichterung. Tür zu, endlich Verriegeln ... Verriegeln? So wie man nicht den Tag vor dem Abend, sollte man auch nicht den Riegel vor dem Verriegeln loben. Anders ausgedrückt: Zum erfolgreichen Verriegeln benötigt man einen an einer Tür befestigten funktionstüchtigen Riegel u n d einen dazugehörigen, im richtigen Abstand in den Boden einbetonierten Türrahmen. Tja, und diese Idealbedingungen treffen eben nicht immer zu.
Der Verzweiflung nahe kommt in den Blickwinkel der Erstnutzerin nun ein Fuß und eine Hand einer Schülerin, die sich in einer Kabine mit geschlossener Tür befindet. Die Hand oben, der Fuß unten. Es folgt ein kurzes Geräusch: Klakk. Die Hand und der Fuß verschwinden, die Tür bleibt verschlossen. Aha, so geht das also, denkt sich unsere neuen Mut fassende Erstnutzerin. Schon greift ihre Hand über die Tür und ihr Fuß klemmt sich unter diese. Doch auch unter Aufwendung der letzten Kraftreserven bleibt ihre Aktion erfolglos - der Riegel läßt sich nun einmal nicht in den hölzern-metallenen Türrahmen hineinbohren.
Wutentbrannt und völlig selbstvergessen testet sie nun sämtliche Kabinen. Ihr Resultat? Lediglich sechs von elf Toilettenkabinen lassen sich verriegeln. Was sie allerdings nicht bemerkt hat: Eine weitere Kabine fällt wegen einer defekten Spülung aus, was da bedeutet, daß 54,54 % (für Mathemuffel: mehr als die Hälfte!) der Kabinen von der Benutzung ausgeschlossen sind.
Glücklicherweise verrät ihr niemand, daß es in der ersten Etage nicht anders aussieht, ansonsten könnte es bei ihr zu einem Nervenkollaps kommen. Wir können diese Extremreaktion natürlich nicht nachvollziehen, schließlich haben wir schon längst den Prozeß der Erkenntnis des günstigeren Entleerungsortes (nicht etwa des geringeren Übels) durchlaufen, durchrochen (Hallo aufsteigende Nikotin-Teer-Geruch-Nebel-schwaden!) und durchgeriegelt (bzw. auch nicht). Wir finden - jeden Tag aufs Neue - mit schlafwandlerischer Sicherheit (die zahlreichen Abweichungen von dieser Regel haben nichts zu bedeuten) zu einer verriegelbaren Kabine.
Was uns aber auf Dauer unverständlich bleiben wird, ist, daß die Findigkeit der jedes Jahr von neuem den Schulflur im Erdgeschoß kreischend okkupierenden Siebentklässler kaum herausgefordert wird. Die an den nebeneinander befindlichen Türen prangenden WC-Deklarierungsschildchen schließen nämlich sämtliche Verwechslungen von vornherein aus. Lediglich ihr Geduldsvermögen sowie eventuell noch ihre Fähigkeit, Prognosen aufzustellen, werden geschult (etwa so: wenn jeder Schüler durchschnittlich 77 Sekunden (inklusive
Spülen) benötigt, dann macht das bei vier vor mir Wartenden ... ehm ...308 Sekunden (danke, lieber Taschenrechner!), also circa 5 Minuten... Schade, da bleibt ja nicht mehr viel Zeit zum Austoben auf dem Flur).
Einige Schüler ziehen dem Schlange stehen (nicht nur im Erdgeschoß) den erhöhten Schwierigkeitsgrad der das Herz eines jeden Schülers höherschlagen lassenden, weil fast schon luxuriösen Sporttoiletten vor: Um sich vor eventuellen Eindringlingen zu schützen, muß man sich erst einen passenden Schlüssel feilen, besorgen, borgen etc., sonst sitzt man im Ungewissen. Es besteht sogar die Möglichkeir, eine WC-Tür- Patenschaft zu übernehmen: Man sponsore ein Schloß, baue es in die dafür vorgesehene Öffnung ein und fertig ist das Privatklo. Fehlt nur noch ein Deklarierungsschild, damit auch jeder weiß, an wen man sich wenden muß, um die Mitbenutzungsrechte (sprich einen Zweitschlüssel) zu erwerben. Das wäre mit großer Wahrscheinlichkeit ein äußerst profitables Geschäft, wenn man die laut Marktanalyse große Nachfrage bedenkt.
Vom ökonomischen Exkurs zurück zu unserer Erstnutzerin. Irgendwie irgendwann wird sie in eine verriegelbare Kabine gelangen, auch wenn sie an deren Existenz schon lange nicht mehr geglaubt hat. In ihrem erregten, bedauernswerten Zustand könnte schon ein Fehlen von Toilettenpapier zum Auslöser eines Nervenzusammenbruchs werden. Aber da weder vorausgesagt werden kann, wann, wo und wieviele Rollen solchen Papiers in den Toilettenräumen herumschwirren werden, noch welchen Regeln die Verteilung unterliegt, bleibt nichts weiter übrig, als zu hoffen. Gleiches gilt für Seife und Papierhandtücher. Sollte sie aber nach Spiegeln über den Waschbecken, einem Papierkorb in ihrer Kabine oder etwa einem Universalhaken für Jacken, Taschen etc. Ausschau halten, dann wird die Situation äußerst kritisch. Selbst noch so starke Hoffnung wird hier wohl kaum helfen können. (Wo noch nie etwas war und zur Zeit auch nichts ist, wird es morgen genauso sein wie gestern: Leer. - - - Und übermorgen?) Ob ihr der gutgemeinte Tip einer Schülerin, doch einfach ihre Ansprüche zu drosseln (O-Ton: Schließlich gehe es doch auch ohne), helfen wird, darf bezweifelt werden.
Eine Hoffnung aber bleibt: Vielleich beruhigen sie ja die wunderschönen Deckenplattenelemente. Oder aber es beflügeln sie die kunstvoll darin eingegliederten Leuchtstoffröhren.
Karo
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