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Ausgabe #14

Locus Ausgabe Nr.14



Das Rentier und der Weihnachtsmann

Eine Geschichten aus dem Nirgendwo - Irgendwo - Land

Es war einmal vor langer, langer Zeit in einem Land, wo Himmel und Erde noch eins waren, wo täglich Millionen von Vulkanen explodierten, Erdbeben überall und jederzeit stattfanden, es ständig regnete - kurz gesagt, ein Sauwetter herrschte und man ständig naß wurde, da es noch keine überdachten Bushaltestellen gab. Genau aus diesem Grund dachten sich die ortsansässigen Hexen, Zauberer, Dämonen, Zwerge, Landschaftsgärtner und sonstigen Fabelwesen, daß es an der Zeit wäre, diesen Zustand zu ändern. Zuerst wurden die Erdbeben beendet, indem man sämtliche tektonischen Platten zu einer einzigen zusammenschweißte. Die konnte sich zwar immer noch bewegen, aber so waren sie nicht mehr in der Lage, mit anderen zusammenzustoßen.
Als nächstes verschloß man sämtliche Vulkane ausnahmslos mit Hilfe großer Pfropfen aus Kork (ein windiger Geschäftsmann kam übrigens später auf die Idee, das gleiche Prinzip bei Weinflaschen anzuwenden, was nicht nur zur Folge hatte, daß der größte Teil der Kronkorkenindustriearbeiter arbeitslos wurde, sondern daß der Bestand des Korkbaumwiesels stark abnahm und dieser heute kaum noch zu finden ist. Siehe hierzu auch: "Ich und mein Umgang mit dem Korkbaumwiesel - ein Ratgeber für alle Lebenslagen" aus dem Grünkohlverlag).
Außerdem begannen die Bewohner mit dem Bau von jeder Menge Bushaltestellen - was schon bald als größter Fehler dieses Planeten in die Geschichte einging. Die Wissenschaft Haltestellenbau wurde begründet und schon bald kam diese auf die Idee, daß Bauarbeiter benötigt würden, die Bauarbeiter benötigen wiederum Bier, und Bier mußte erstmal gebraut werden. Dafür mußten die Bauern Hopfen und Malz anbauen, und derselbige war auch schon bald verloren, denn es zog eins nach dem anderen nach sich. Irgendwann fingen nämlich die Bauern an, sich Kühe zu halten, die letztlich von BSE befallen wurden. Die Wissenschaftler begannen, sich mit der Frage "Warum sind Bullen blöde?" auseinandersetzen. Man baute dazu hochmoderne Forschungslabore und schon wenig später gelang es diesen, zwar nicht den BSE - Virus zu bekämpfen, aber immerhin die gesamte Umwelt zu verschmutzen, mehrere Seuchen in die Welt zu setzen und hochmoderne Kriegswaffen zu entwickeln, die auch prompt von einigen Bauarbeitern, die ein bißchen zu lange in der Sonne gehockt hatten, benutzt wurden. Die Geister, Gespenster, Drachen, Riesen und Kobolde verzweifelten fast, bis ihnen der richtige Einfall kam: um vom doof gewordenen Planeten wegzukommen, beschlossen sie, sich ein Raumschiff zu bauen.
Als sie sich dann selbst damit ins All geschossen hatten, fingen jedoch die Probleme erst richtig an ... Die Wissenschaftler waren nämlich ebenso wie die Bauarbeiter auf dem Planeten zurückgeblieben (und sollen dort noch heute leben) und niemand an Bord wußte, wie man ein Raumschiff steuert. Die einen meinten, man solle doch den linken Knopf drücken, die andere sagten, es solle doch lieber der rechte sein. Na, jedenfalls sind sie dann irgendwann abgestürzt, haben aber alle Dank eingebauter Airbags überlebt. Und da niemand wußte, wo sie abgestürzt waren, nannten sie das Land Nirgendwo - Irgendwo - Land. Und von dort stammt diese Geschichte.

Der Weihnachtsmann stapfte tapfer durch den Schnee. Für einen Genossen seiner Zunft sah er nicht untypisch aus: Roter Mantel, roter Schal, rote Mütze. Die roten Socken hatte er vor ein paar Jahren aus politischer Überzeugung gegen grüne (naturbelassen, umweltfreundlich gebleicht und von glücklichen Schafen - so stand es auf der Verpackung) eingetauscht. Alles an ihm schien dick gefüttert: dicke Jacke, dicke Handschuhe, dicker Bauch. Vorne baumelte ein dichter, weißer Bart und hinten ein Sack, vollgefüllt mit Geschenken. Der war auch der Grund, warum er schnaufend vor sich hin stapfte. Der Wind bließ so kalt, daß selbst die Eiszapfen an den Bäumen froren und leise klirrten. Trotzdem war dem Weihnachtsmann warm, ein bißchen schwitzte er sogar. Der Sack preßte sich schwer auf seinen Rücken und eigentlich war genau das sein Problem. Jedes Jahr zu Weihnachten hatte er ein paar Tage lang soviel zu tun, daß er nicht wußte, wo ihm der Kopf stand. Immer wenn diese Tage vorüber waren, war er so geschafft, daß er zum Punker mutierte (natürlich nicht nur deswegen, sondern auch wegen der prima Musik - aber das nimmt einem ja heute kein Chef mehr ab). Nicht weit von dieser Stelle entfernt sprang ein Rentier durch die schneebedeckte Welt. Die Rentiere dieses Waldes haben eine eigene, ganz besondere Geschichte.
Vor einigen Jahrhunderten war ein kluger Kopf auf die Idee gekommen, mittels frei lebender Rentiere die ortsansässige Tourismus- , Rentierpelz- und Nahrungsmittelindustrie anzukurbeln. Kurzerhand wurden also einige Rentiere von weit, weit her in diesen Wald geholt. Da es aber noch kein Verkehrsnetz gab, die Bahn schon damals langsam war und die Flugzeuge ständig mit irgendwelchen Drachen zusammenstießen, hatten mehrere Millionen Menschen mehrere Jahre am Transport zu arbeiten.
Danach gingen die Probleme jedoch erst richtig los: Mittlerweile hatte man nämlich vergessen, wie man Rentiere erlegt (ganz zu schweigen von den vielen Bürgerbewegungen und neuen Umweltschutzgruppen). Erst viele Jahre später sollte ein findiger Radiomoderator herausfinden, daß die anverwandten Elche keine Kniee besitzen und so diesem Treiben ein Ende setzte. Damals jedoch blieben die Rentiere am Leben. Zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern entwickelten sich einige jahrhundertlang andauernde Fehden um die ausstehenden Gehälter, die dann letztlich auch zum Erliegen der Tourismusindustrie führten. Im Zuge dessen brachen mehrere Volkswirtschaften zusammen und es kam zu einer globalen Finanzkrise.
Na egal. Das Rentier, um das es hier geht, war jedenfalls sensibel und deswegen hatte es auch gerade Lust bekommen, die Hufe zu schwingen. Dabei hob es den Kopf und knörte ein bißchen in die am Untergehen befindliche Sonne - wich hier einem Baum aus, übersprang da eine Schneewehe, bog da um eine Ecke und >PARDAUZ<.
Der Weihnachtsmann und das Rentier rieben sich ihre schmerzenden Nasen. Beide blinzelten in die dicht fallenden Schneeflocken. Das Rentier klimperte schließlich zaghaft mit den Augen, der Weihnachtsmann brabbelte irgendwas in seinen Bart. Schweigend saßen sie sich ein paar Sekunden gegenüber, bevor sie anfingen, mit Schneebällen um sich zu werfen. Beide gerieten dadurch ganz schön außer Atem. Nach einer Weile - sie hatten in der Zwischenzeit aufgehört - begann das Rentier zu lächeln und der Weihnachtsmann grinste zurück. Schließlich hallte lautes Lachen durch den Wald. Und nachdem sie die Geschenke, die durch den Zusammenstoß verstreut herumlagen, wieder eingesammelt hatten, legte das Rentier seinen Huf um die Schultern des Weihnachtsmann und sie stapften gemütlich davon.

Seit dieser Zeit sieht man die zwei oft zusammen. Im Sommer gehen sie gemeinsam auf Punkkonzerte, im Winter verteilen sie Geschenke, und manchmal - wenn ihnen gerade danach ist - zimmern sie sich ein Raumschiff und fliegen zu dem Planeten zurück, von dem alle auf Nirgendwo - Irgendwo abstammen. Dort bewerfen sie dann die Bauarbeiter mit Schneebällen oder lachen ein paar Wissenschaftler aus.
Und wenn beide gerade mal in der Nähe sind und Bock drauf haben, schauen sie einfach auch bei dir vorbei.
G