[anklickbar Menubar]

Ausgabe #15

Locus Ausgabe Nr.15



Buesche in Berlin

von Fritz Herbert

Einst eine Schülerband, jetzt Nr. 1 in den US-Charts. Vor einem Monat hatte ich Geburtstag. Ich lud zwei Freunde ein und spielte mit ihnen Skat. Dazu hörten wir laut Musik. Nach einiger Zeit holte einer meiner Freunde eine CD aus seiner Tüte und legte sie in den Player. Dröhnende Gitarren legten los. Ein niedergeschlagener, aber keinesfalls verängstigt wirkender Vokalist sang über kaum verständliche (im doppelten Sinne!) Dinge. Ich war hellauf begeistert. Was ich da hörte, war richtig schwerer Stoff - die neue CD der Londoner Band "Bush", Anfang des Jahres Nr. 1 in den US-Charts. Drei Wochen später hatte ich das Glück, im Berliner Holiday Inn in der Nürnberger Straße mit dem Bush-Bassisten Dave Parsons und -Drummer Robin Goodridge an einem Tisch zu sitzen. Exklusiv für LOCUS stellte ich ihnen einige Fragen zu ihrer Musik und zu ihrem neuen Album "Razorblade Suitcase".
LOCUS: Robin, Dave - wie hat sich euer Leben nach dem großen Erfolg des neuen Bush-Albums verändert?
Robin: Wir wohnen in besseren Hotels.
Dave: ... und schlafen doch immer noch manche Nacht im Bus..
Robin: ... weil wir leider nicht teleportiert werden können. Nur so konnten wir von Oslo schnell hierher nach Berlin kommen. Aber die Band hat jetzt einen eigenen Bus für sich, ohne die Crew. Unsere Finanzlage hat sich deutlich verbessert - das ist wirklich sehr angenehm.
LOCUS: Welches war deine erste von eigenem Geld gekaufte Platte?
Dave: Ich hatte Bruder und Schwester, bei denen ich viel Musik hörte. Ich glaube, mein erstes selbstgekauftes Album war von Clash.
LOCUS: Und dein letzter Einkauf?
Dave: Eine Horace-Andy-CD. Horace ist Reggae-Sänger, der auch mit Massive Attack zusammenarbeitete.
Robin: Ich hörte die Musik meines großen Bruders. Ich vermute, daß mein erstes selbstgekauftes Album "Fresh fruit for rotting vegetables" von den Dead Kennedies war. Die erste Single war "Jeepster" von T.Rex. Frage mich nicht, warum. Die letzte war ein Horace-Andy-Album, auf Rat von Dave!
LOCUS: Dave, hast du in einer Schülerband gespielt?
Dave: Schon als kleiner Junge besaß ich eine Gitarre. Manchmal baten mich meine Klassenkameraden, ihnen ein paar Akkorde zu spielen. Eines Tages kamen ältere Mitschüler und sagten, sie hätten ihren Bassisten verloren, und ob ich Lust hätte, seinen Platz einzunehmen. Erst zierte ich mich sehr, spielte aber schließlich mit. So kam ich an den Baß.
LOCUS: Ihr geltet als Londoner Band.
Dave: Wir sind dort nicht geboren, aber leben dort. Ich wohne in West-London, Notting Hill. In allen britischen Städten sind übrigens die nettesten Plätze im Westteil...
LOCUS: Eure Musik ist schwer verständlich.
Robin: Wie bei einem Film, kannst Du dich ihr auf verschiedenen Ebenen nähern: Genau hinhören, oder ein Buch daneben lesen, oder über die Textfragmente nachdenken und sie doch nicht verstehen. In jedem Fall aber speicherst die Eindrücke unserer Musik in dir, und irgendwann weißt du, was sie dir persönlich bedeutet.
LOCUS: Ein Song eurer neuen CD - "History" - ist sogar ein Walzer!
Robin: Du kannst dieses Lied nicht so knallhart spielen, der Sechsachtel-Rhythmus bringt den Song zum Schwingen.
LOCUS: Das Lied ist eure einzige Ähnlichkeit zu den Beatles, die sangen nämlich auch mal einen Walzer, "Babies in black".
Robin: Die Beatles haben musikalisch wirklich alles probiert, selbst eine Blaskapelle eingesetzt. Manches geschah nur des Humors wegen.
LOCUS: Apropos ...
Robin: (lacht) Humor gibt es in unserer Musik nicht!
LOCUS: Auf "Mouth" bist du an deinen Drums in Hochform.
Robin: Von allen Songs mußte ich auf "Mouth" am härtesten arbeiten. Was immer ich tat, Gavin - unser Sänger und Komponist - haßte es, er fand es immer zu ruppig. Der Song hatte keine klare Struktur, Rhythmus und Tempo wurden durch den Text bestimmt. Das gibt es selten in der Rockmusik.
LOCUS: Mit welchem Drummer könntest du dich vergleichen?
Robin: Mit Steve Wonder auf seinem Album "Music of my mind". Er spielt dort absolut von Herzen. Keith Moons Mischung aus Sponaneität und Wahnsinn ist natürlich unerreichbar.
LOCUS:Welcher Bassist-Typ bist du, Dave?
Dave: Der Bassist von Joy Division, Peter Hook, spielt sehr clever, auch Robby Shakespeare gefällt mir sehr gut. Ich betrachte den Baß als rhythmisches und perkussives Instrument, den Jack-Bruce-Stil mag ich nicht.
LOCUS: Sehen wir uns in eineinhalb Jahren wieder?
Robin: (lacht) Wenn es hier noch bessere Hotels gibt...
LOCUS: Habt ihr je im berühmten Londoner Marquee-Club gespielt?
Dave: Das Konzert werde ich nie vergessen. Es war am Tag, an dem mein Lieblingsteam das englische FA-Cupfinale verlor!