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Locus Ausgabe Nr.15
Ratternde Ruhe
Eben noch waren ihre Gedanken ohne äußere Störung völlig ungeordnet von diesem zu jenem geschweift, gleichgültig gegenüber dem Knistern von Zeitungsseiten, dem Scharren von Füßen, dem Rattern des rot-gelben S-Bahn-Zuges, dem so typischem Dönergeruch, der aus dem Mund ihres Sitznachbars in die begrenzte Weite des Waggons strömte. Was hätte sie auch anderes tun sollen, als in die Leere zu starren, an alles und nichts zu denken? Sicher, wie so immer für die langen S-Bahnfahrten hatte sie sich vorsorglich ein Buch eingesteckt, um die Zeit des Fahrens zum Lesen zu nutzen. Aber so bald sie sich zu einem leeren Sitzplatz vorgearbeitet hatte, war sie in diese sinnierende, scheinbar so bewegungslose, unproduktive Stimmung verfallen. Nur ihre Augen waren in völlig willkürlicher Reihenfolge von einem zum nächsten Fahrgast gesprungen. Gedanken schossen in ihr auf, um im nächsten Augenblick von neuen verdrängt zu werden. Nichts hätte sie mehr dazu bewegen können, ihre Beobachterrolle aufzugeben, um sich in ein Buch hineinzuversetzen. Nach und nach waren die um sie herumsitzenden Personen mit ihren Geräuschen und Gerüchen in die Ferne gerückt, verschwommen zu nur noch ahnbaren Schatten. Ihre Gedanken schwirrten durch den freien Raum - dank der routinemäßigen S-Bahn-Fahrt, die es ihr ermöglichte, wenigstens für einen Moment aus ihren zeitlich genauestens verplanten Arbeitsstationen herauszuschlüpfen, der Zeit- und Streßfalle zu entkommen. Niemand störte sich daran, daß ihre Augen einen nicht existenten Punkt irgendwo jenseits des ruckelnden Waggons anvisierten. Im Gegenteil, auch andere Passagiere starrten in die Leere, hingen ihren eigenen Gedanken nach. Es schien, als genösse jeder die kurzweilige Verschnaufpause, diesen kurzen Augenblick der Ruhe, das Losgelöstsein von der alltäglichen Hektik.
In letzter Zeit waren aber die vor sich hin Dösenden desöfteren unsanft aus ihrem Dämmerzustand geweckt worden. Und auch heute war es wieder so gekommen. Ein Wort des zugestiegenen Mannes hatte genügt, schon war eine spürbare Veränderung durch die Gesichter des Zuges gegangen. Eben noch entspannte, unverkrampfte Gesichter hatten sich sorgenvoll verhärtet. Eva blickte umher. Kaum ein Gesicht war unberührt von den bei ihm angekommenen, schon fast vertrauten Wortfetzen geblieben. Der Bittext des Mannes, die monotone, sich dem Rattern des Zuges perfekt angepaßte Stimme, die bekannten, ja fast abgedroschen klingenden Formulierungen hatten Eva und ihre Mitfahrer aus ihrem routinierten S-Bahn-Fahrtzustand herausgerissen. Eva spürte, daß sie die Einzige war, die die Veränderung im Zug bewußt wahrgenommen hatte. Vielleicht lag es ja daran, daß sie nur für den Bruchteil einer Sekunde angedauert hatte. Zu mehr reichte dieses schon im Gedächtnis unter der Rubrik "ignorierbar" gespeicherte "Entschuldigen-Sie-die-Störung-aber-eine-kleine-Spende-Danke" nicht mehr aus. Was war es aber gewesen, dieses Zucken, das sie geglaubt hatte auf den Gesichtern der Menschen zu sehen? Mitleid, Angst, Ekel, Schmerz, Betroffenheit? Ein unangenehmes Berührtsein? Sie wußte es nicht. Vielleicht war es nicht mehr und nicht weniger als ein gedankenvoller Blick. Aber lag da nicht über allem ein Hauch von unerwünschter, nicht abstellbarer Routine? Ihr war, als hätten alle Zuginsassen den Mann am liebsten vollständig ignoriert. Weil sie die Prozedur schon zu gut kannten, um schon wieder ihre volle Aufmerksamkeit dem um eine Spende Bittenden zu widmen? Was hätten sie auch tun sollen, hier in der Bahn, Schwierigkeiten des Tages mit Job, Studium, Schule, sich und der Welt und der ungewissen Zukunft im Allgemeinen hinter sich lassend und den eigenen Problemen zu Hause entgegenfahrend? Ja, was konnten sie denn tun? - Sie redeten einfach weiter, als wäre nichts geschehen. Evas Nachbar vertiefte sich wieder in seine Zeitung. Das allgemeine Rascheln nahm zu und übertönte schließlich sogar die Lautsprecherdurchsage des Bahnhofsansagers. Eva konnte gerade noch sehen, wie der Mann über den Bahnsteig schlich, um in einem anderen Zug zu verschwinden.
Karo
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