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Ausgabe #5

Locus Ausgabe Nr.5



Das Haber-Bosch-Verfahren

Heute will ich euch einmal etwas über das Haber-Bosch-Verfahren erzählen. Einige von Euch werden jetzt in ihrem Gehirnkasten kramen und auch relativ schnell fündig werden (is ja auch sonst nich so viel drin). Irgendwas mit Chemie war das doch...
HA! Falsch! Ein klassischer Fall von einem Irrtum. Kann jedem passieren. Auch Lehrern. Und: "Nicht alles, was in einem Lehrbuch steht, ist richtig", um eine Lehrerin unserer Schule zu zitieren.
Also: wie der Name schon sagt, war das Haber-Bosch-Verfahren ein Verfahren und somit in den Bereich Rechtsgeschichte einzuordnen. Es wurde nach den beiden Angeklagten Haber + Bosch benannt, vor dem königlich-preußischen Gerichtshof in Potsdam angestrengt und schuf einen Präzedenzfall, der wie nie ein Fall zuvor die künftige deutsche Rechtsprechung beeinflussen sollte.
Aber fangen wir ganz von vorne an:
1840. Wir erinnern uns, die Biedermeierphase war auf dem Höhepunkt, Spießertum ohnegleichen: Familienidylle, das traute Heim war das Höchste der Glückseligkeit, der Walzer erfreute sich allgemeiner Beliebtheit.
Die Jugend war natürlich gelangweilt und rebellierte. Aufgestachelt durch Schriften der Dichter des "Neuen Deutschland" protestierten sie offen. Die Mädchen ließen sich die Haare langwachsen, die Hausaufgaben wurden schlampig erledigt und der Spinat wurde nicht aufgegessen. Abends trieben sie sich in Musikschuppen herum, wo sie zu den Klängen der Streichercombo Pogo tanzten, der damals noch ohne Körperkontakt war.
Um die Gemeinheit auf die Spitze zu treiben, ließ sich die rotzfreche Jugend etwas ganz besonders Schäbiges einfallen, nämlich die Klobesetzungen. Es kam also immer öfter vor, daß ein rechtschaffener Mieter sich mit letzter Not und einem zum Bersten gefüllten Mastdarm auf den Hinterhof gerettet hatte, draußen am Klohäuschen aber ein Schild "Besetzt" hing und aus dem Herzchenfenster obendrein eine hämische Jungbubenfresse grinste. Tja, und der Mieter hatte dann 'nen Scheiß und machte sich in die Hose.
Waren solche Klobesetzungen anfangs noch Einzelaktionen, so formierte sich ab 1847/48 eine regelrechter Klobesetzerbewegung, an deren Spitze Haber und Bosch standen. Anfangs war auch noch ein gewisser Karl Marx mit dabei, begabter Schriftsteller, dessen größtes Werk die Satire "Manifest der Kommunistischen Partei" war, wie vielleicht einige von Euch wissen. Als sich die Lage dann aber im Vormärz 1848 zuspitzte, flüchtete er sich ins bürgerliche Leben, wurde Steuerberater und Herausgeber des Finanzmagazins "Das Kapital".
Haber und Bosch aber blieben der Sache treu. Beide waren sehr ehrgeizig und wollten die Besetzerbewegung weg von den Hinterhöfen, rauf auf die Tummelplätze der Bourgeoisie verlagern, um diese dort zu treffen, wo sie am empfindlichsten war - auf den öffentlichen Toiletten. Denn das Bürgertum hatte sich gerade erst, auf dem Höhepunkt seines Selbstbewußtseins, auf den Berliner Straßen selbst ein Denkmal gesetzt - in Form von öffentliche Toiletten, dem sogenannten "Café - Sechseck". Dort traf sich alles, was Rang und Namen hatte zur gemeinschaftlichen Scheißerei, man kam, um zu sehen und um gesehen zu werden.
So. Und am 13. März zogen Sympathisanten und Mitglieder des inzwischen legendär gewordenen Haber-Bosch-Kommandos zum größten und schönsten Scheißhaus dieser Art, welches auf dem Alex in Berlin stand und besetzten es kurzerhand. Dort riefen sie die erste sozialistische Räterepublik aus. Das rief natürlich die Ordnungshüter auf den Plan: zwei komplette Fünferschaften marschierten auf, brachten sich in Stellung und riefen im Chor: "Aufhören, bitte aufhören!" Und was taten die Chaoten? Die ließen dreist ihre Beine vom Dach baumeln, bewarfen die Staatsmacht mit Klopapierkügelchen und machten sich über diese auch noch lustig.
Solchen Erniedrigungen waren die Polizisten nervlich nicht gewachsen. Passanten mußten die von Weinkrämpfen geschüttelten und in Tränen aufgelösten Beamten wegtragen, aus ihrem Schluchzen hörte man immer wieder "Ich mach das nicht mehr mit" und "das halte ich nicht länger aus" heraus. Erst nach 10 Wochen Gruppentherapie und E-Schockbehandlung in einer geschlossenen Rehabilitationsklinik waren sie soweit, daß sie nicht mehr versuchten, sich an jedem kleinen Faden aufzuhängen.
Zum Glück berichtete die Presse von dem Ereignis und ein Aufschrei der Empörung ging durch Deutschland. Und wie es in Zeiten politischer Instabilität und handlungsunfähiger Staatsmacht ist - die Bürger griffen selber zur Waffe.
Heiße Straßenschlachten zwischen Bürgern und jugendlichen Klobesetzern in ganz Berlin entbrannten - der Generationskonflikt war geboren. Irgendwann brach der Widerstand der belagerten Klobesetzer zusammen (in Folge von Aushungerung - man konnte sich schließlich nicht ewig von Kernseife ernähren). Die Rädelsführer Haber und Bosch wurden ergriffen und vor Gericht gezerrt.
Bloß da tat sich der demokratische Rechtsstaat etwas schwer: er war nämlich noch keiner und hatte nicht mal ein Gesetz, das Klobesetzungen unter Strafe stellte. So konnten sie nur wegen Betruges verurteilt werden, denn sie hatten vergessen, ordnungsgemäß bei der Klofrau zu bezahlen.
So wurden beide zu je 3 1/2 Stunden gesellschaftlich nützlicher Arbeit verurteilt. Den Bürgern Berlins aber war es ganz furchtbar peinlich, daß die halbe Stadt nur wegen eines Scheißhauses verwüstet worden war und sie dachten mit Schrecken daran, wie sich die kommenden Generationen über sie lustig machen würden und so beschlossen sie, die Geschichte umzuschreiben. So entstand die Legende von der bürgerlich-demokratischen Revolution , die jeder glauben und die Wahrheit vergessen sollte. Und ihr seht ja selbst, unsere klugen Lehrer sind darauf reingefallen. Aber ihr wißt es ja nun besser.
St


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