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Ausgabe #6

Locus Ausgabe Nr.6



Mut zu neuen Wegen

oder Versuch einer Infragestellung der bisherigen Drogenpolitik

Als im vergangenen Jahr die "weichen" Drogen quasi freigegeben wurden, bekamen es viele mit der Angst zu tun. Für sie war das der Anfang vom Ende, daß bald die ganze Jugend an der Nadel hängen würde und man Heroin im Supermarkt würde kaufen können. Grund dafür war wohl fehlende Differenzierung zwischen weichen und harten Drogen bzw. deren Gefahren und Wirkung, als auch Panikmache á la Springer.
Harte Drogen sind nicht zu unterschätzen. Das - "nur mal probieren" - wollen endet in der Regel für jeden in einer leidvollen Sucht. Die starke körperliche Abhängigkeit zwingt den Konsumenten ständig Drogen einzunehmen. Sein ganzes Denken rangt sich um die Beschaffung. Tut er das nicht, wird er immer nervöser und es kommt schließlich zu schlimmen Entzugserscheinungen wie Angstzustände, Schweißausbrüche, Nerven - und Körperflattern, starke Schmerzen usw.. Weil man neben der seelischen Abhängigkeit vom erlösenden "Kick" im Teufelskreis der körperlichen Sucht gefangen ist, macht vor allem Heroin so heimtückisch. Der Körper aber gewöhnt sich allmählich an den Stoff, so daß die Dosis immer mehr erhöht werden muß, um die gleiche Wirkung zu erzielen.

Aufgrund oftmals mangelnder Akzeptanz von seiten Bekannter und Arbeitgeber oder fehlender sozialer Bindungen, so wie der zunehmenden Unfähigkeit der Drögler sich zu konzentrieren, ist der soziale Abstieg vorprogrammiert. Wird er krimminell, was bei einem monatlichen Bedarf von 4000,- DM allein für den Stoff wahrscheinlich ist, wird dieser Vorgang im Falle des Auffliegens beschleunigt.
Das Leben in der Drogenszene ist kaum als solches zu bezeichnen. Ein extremes Beispiel liefert hier der Züricher Lettenbahnhof. 6000 Fixer aus der gesamten Schweiz hielten sich hier regelmäßig auf. Der Weg des Elends führte hier durch Blut, Exkremente und Verpackungen von Einwegspritzen bis in die angrenzenden Wohngebiete. Überall völlig verwahrloste Gestalten, manch einer schon auf Krücken, der Schuß wurde sich im Dreck oder im Laufen gesetzt. Unzählige Kleindealer verkauften endlos gestrecktes Heroin um ihre eigene Abhängigkeit zu finanzieren. Das mit Seifenpulver, Zucker oder Mehl durchsetzte Zeug enthält nur zu 10% reinen Stoff. Streitigkeiten zwischen den Konkurrenten führten oft zu Ausbrüchen von Brutalität. Vor ein paar Wochen wurde die Szene auch von dort mittels Polizeigroßeinsatz vertrieben.
Konzentriert sich die Szene in Deutschland auch nicht in dem Maße wie in Zürich, so geht es hier ähnlich zu. Von der Polizei immer wieder verjagt sind meistens Spielplätze, Hauseingänge oder Parkanlagen "Druckplätze".
Die derzeitige Drogenpolitik ist von repressiven Maßnahmen geprägt, Konsumenten und Kleindealer werden bestraft, während die Großdealer der Mafia weiterhin mächtig sind, was auch die gelegentlichen Erfolge der Drogenfahndung nicht ändern. Fixerräume wurden bis vor kurzem verweigert.
Ist auch die Zahl der Drogentoten seit 1993 leicht rückläufig, so sind juristische und polizeiliche Mittel die falschen im Kampf gegen die Abhängigkeit - im Gegenteil - in den Knästen blüht der Drogenhandel. Und auch das angebliche Wundermittel Entzugstherapie hat ohne anschließende Job - und Wohnprojekte recht dünnen Erfolg - 90% der Patienten werden wieder rückfällig.

In der Schweiz ist nun mit diesen Erkenntnissen ein umstrittenes Projekt angelaufen, daß neue Wege weist. Seit Januar 1994 läuft hier "Lifeline", ein Versuch, unter ärztlicher Kontrolle offiziell Heroin an vorerst 500 Schwerstabhängige abzugeben. In den hygienischen, hellen Räumen einer Poliklinik setzen sich die Fixer in aller Ruhe dreimal am Tag ihren Schuß, die Dosis ist vom Arzt festgelegt. Das aus Frankreich importierte synthetisch hergestellte Heroin ist von bester Qualität, das Gramm für ein fünfzehntel des Schwarzmarktpreises. Die Gegner des Projektes warten nur auf einen Mißerfolg, doch die ersten Erfahrungen sind positiv : die durch die Verunreinigungen des Schwarzmarktheroins hervorgerufenen Krankheiten verschwinden, Beulen und Ekzeme verschwinden, der Blick klart und beruhigt sich, das Leichenhafte verschwindet. In dieser Atmosphäre fangen die Abhängigen an, sich wie Menschen zu fühlen.
Die Strategie der Ärzte und Kommunalpolitiker setzt auf Hilfen, die die Sucht zunächst einmal akzeptieren. Die Hilfen sollen Leben retten. Der Zwang, sich durch Überfälle, Einbrüche und Prostitution das Geld für die Sucht zu beschaffen, entfällt. Eine breite Palette begleitender Therapie und Beratung soll für ein Drogenfreies Leben motivieren.

Die Erkenntnis, daß die repressive Drogenpolitik gescheitert ist, setzt sich auch in Deutschland langsam durch. Als Anfang wurden im Dezember vergangenen Jahres in Frankfurt a.M. zwei sogenannte Fixerräume genehmigt und eingerichtet. Dort können sich die Drögler unter hygienischen Bedingungen und medizinischem Rat selbst mitgebrachten Stoff spritzen.
Doch nur wenige wagen über das Tabuthema krontrollierte Abgabe von harten Drogen zu sprechen. Welche weitreichenden Konsequenzen, nicht nur für die Abhängigen selbst, sondern auch bezüglich der Kriminalität, der Mafia und der Bürger haben würde, deutete der Bonner Polizeipräsident Michael Kniesel in einem Gespräch mit der "Frankfurter Rundschau" an. Ihm zufolge wäre die Freigabe weicher Drogen und eine staatlich kontrollierte Abgabe harter Drogen eine "Kriegserklärung an die Drogenmafia". Nach seinen Erfahrungen ist das geltende Strafrecht im Kampf gegen die Drogen geradezu kontraproduktiv. Das offizielle Verbot habe nur den Preis hochgetrieben, was die Konsumenten entweder zu Raub und Diebstahl, zum Dealertum oder zur Prostitution zwinge. Kniesel bezeichnet eine Entkriminalisierung als "kriminalstrategisches Mittel" um die Kräfte der Polizei gegen die Drogenbosse konzentrieren zu können. Die Verfolgung der kleinen Fische "bindet 80-90% unserer Kräfte, wir haben dadurch keine Zeit und keine Kapazitäten, um gegen die Drogenmafia vorzugehen". Abgabe unter staatlicher und ärztlicher Aufsicht würde nicht nur den illegalen Drogenmarkt sofort zusammenbrechen lassen, sondern der Staat könnte die Reinheit der Drogen kontrollieren und damit die Zahl der Drogentoten erheblich verringern.
All das leuchtet ein. Etwa 60% der Diebstähle, Einbrüche und Überfälle gehen auf das Konto von Drogensüchtigen. Bekämen sie die Drogen zum Herstellungspreis von 10DM pro Tagesration, würde all dies entfallen. Die bedeutendste Folge aber wäre, daß die Mafia ihre größte Einnahmequelle verlieren würde. Eine ärztlich Kontrollierte Ausgabe würde die Beschwerden und Krankheiten, vor allem AIDS, verhindern die durch verkeimtes Fixerbesteck und gestreckten Stoff hervorgerufen werden. Durch die Festlegung der Dosis könnte aber auch die Sache mit der Überdosis verhindert werden. Die meisten Drogentoten kommen zustande, wenn sich teilweise Entwöhnte auch nur einen Bruchteil ihrer alten Ration spritzen, die dann aber auf sie tötlich wirkt. Denn der Körper hat die Eigenschaft, sich an das Gift zu gewöhnen oder sich zu entwöhnen. Für die Kontrolle könnte es spezielle Drogenärzte geben, denn nicht zugelassene Mediziner gibt es genügend.
Und auch das, was Anwohner von Fixertreffpunkten zurecht beklagen, wäre vom Tisch. Derzeit finden sie auf Spielplätzen im Park oder vor dem Haus blutige Spritzen, eitrige Wattetupfer - ersteres ist wegen der AIDS-Infektionsgefahr recht gefährlich.
Es ist also an der Zeit, etwas zu ändern, damit die Sucht kontrolliert werden kann und die Gesellschaft von den Begleiterscheinungen befreit wird.



Harte Drogen:

Opium
Getrocknete Milch aus dem Kapseln des Schlafmohns, verbreitet vor allem im Orient und im fernen Osten, wird geraucht - körperliche Abhängigkeit.
Heroin
Veredeltes Opium, hochwirksames weißes Pulver, wird gelöst in die Vene gespritzt oder geraucht, gefährlichste Droge, starke körperliche Abhängigkeit
Kokain
Weißes Pulver, wird gewonnen aus den Blättern des Kokastrauches, verschafft kurzzeitigen Rauschblitz, wird geschnüffelt - High-Society Droge - , auch als Cocktail mit Heroin gespritzt
Crack
Gemisch aus Kokain unsd Backpulver, besonders verbreitet in den USA, körperliche Abhängigkeit
Synthetische Drogen
Chemisches Zeugs in Pillenform
Methadon
Ungefährlichere Ersatzdroge, in der Wirkung dem Heroin ähnlich, erleichtert den Ausstieg



StS