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Locus Ausgabe Nr.6
Wie vom Pferd getreten
Galoppierende Rhytmen aus Berlin: Mr. Ed Jumps The Gun veröffentlichten
ihr Debütalbum "Boom Boom"
Der Beginn der CD unterscheidet sich kaum von anderen: "And now we
proudly present: Misteeerr Eeeed Jumps The Gun": Doch was dann
über den Hörer hereinbricht, ist Kick-Ass-Crossover vom Feinsten.
Crossover, den es in Deutschland - wo die meisten Bands
irgendwelchen Idolen hinterherhecheln - schon lange nicht mehr
gab.
Verantwortlich dafür sind Mr. Ed Jumps The Gun. Vier rotzfreche
Lümmel, die sich irgendwie und -wann und -wo in der Provinz
kennenlernten und seit einigen Jahren in Berlin leben - ein Umzug,
der nicht nur sie, sondern auch ihre Musik prägte.
Gemeinsame Interessen hatten die Mr.Ed-Gründungsmitglieder M.C.O.
(vocals), J.D. (guitar. vocals), Big H (bass) und Mr.HO (drums)
damals schon: Hardrock und Hip Hop, Flaschenbier und
Trainingsanzüge. Allerdings - zur Bandgründung kam es erst im
Spätsommer 1992. Es galt eine Privatparty zu beschallen, und
anstatt das Feld einem unqualifizierten Privat-DJ zu überlassen,
sorgte das Quartett für einen Gig, der ihr Leben schlagartig
veränderte. Bereits beim "Bands United" am 1.Mai 1993 im Tempodrom
spielten die Vier vor 3000 Zuhörern, und spätestens seit ihrer
Zeit als Vorband der Dog Eat Dog-Deutschlandtour haben sich Mr.Ed
Jumps The Gun an die Spitze der hiesigen Crossover-Szene
katapultiert. Mit ihrem Debütalbum "Boom Boom" werden sie diese
Position jedenfalls nicht so schnell wieder abgeben.
Übrigens: Ihr Gruppenname resultiert aus der gemeinsamen Vorliebe
für Pferderennen. Mr.Ed ist ein sprechendes Pferd aus einer
Comedy-Serie der fünfziger Jahre, und "to jump the gun" ist ein im
Pferderennsport geläufiger Terminus für einen Fehlstart.
Genug der theoretischen Weisheiten, kommen wir zum Praktischen:
der Musik an sich. Bevor man jedoch die Play-Taste drückt, sollte
man sich entscheiden, ob man dieses brachiale Crossover-Gewitter
sitzend oder stehend auf sich einstürzen läßt. Mein Tip: Bleibt
lieber gleich stehen, denn früher oder später jumped man doch mit.
Gleich mit dem ersten Lied ("Boom Boom") zeigen die Jungs, wo das
Pferd lang läuft: Die drei Hürden Punk, Hip Hop und Hardrock nimmt
es mit einem Sprung, während ihm sein Jockey mit treffsicheren
Reimsalven die Sporen gibt. Dazu die energetisch anfeuernde
Guitarre und der fordernde Bass, und damit der Gaul nicht aus dem
Rhythmus kommt: der peitschende Beat des Drummers Mr. HO.
So geht's dann galoppierend weiter zu "Break da noise", dem
erfrischenden Wassergraben der CD. Mit witzigen und coolen Reimen,
unterlegt von einem wunderbar groovenden Beat, putscht M.C.O. den
Gaul durch das kühle Naß. Unterstützt wird er dabei von den
wunderschönen Stimmen der Lemonbabies, die ebenfalls mit an der
Rennbahn präsent sind.
Dann geht es auch schon auf die erste Gerade zu, an deren Ende die
Jugendhelden von Mr. Ed Jumps The Gun stehen: Bon Scott und Co.
(AC/DC) und die Troggs. Mit dem rauhen und ehrlichen Sound hauchen
die vier Debütanten nicht nur den kongenial interpretierten
Coverversionen ("T.N.T." /"Wild Thing", hier: "Wild Thang") neues
Leben ein, sondern auch ihrem Pferd. Spritzigkeit und
effektvolles Zusammenspiel zwischen Raps, Guitarre, Bass und Drums
heißen die Zutaten für den belebenden Extrakt.
Noch einmal geht es vorbei an den Lemonbabies ("Boobietown"), die
mit ihren klaren Stimmen dem kräftigen, pulsierenden und mitunter
auch ein wenig hektischen Gitarrensound ein wenig Sinnlichkeit
verleihen. Endlich im Ziel, bekommt der dampfende Gaul erst einmal
eine viertelstündige Verschnaufpause, um dann noch eine
wohlverdiente Ehrenrunde zu amerikanischen Weast Coast-Hip Hop
("...look for pussy), durchmischt mit lässigen Reimen M.C.O.s, zu
drehen. Boom Boom!
Alexander Eschment
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