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Ausgabe #6

Locus Ausgabe Nr.6



LOCUS-Plattentips

Auf ihren ersten beiden Platten boten die LASSIE SINGERS noch beschwinglichen Folkpop mit wunderschönen, dreistimmigen Refrains. Nachdem sich allerdings die halbe Band verdünnisiert hat, bescherte das Schicksal den verbliebenen Lassies den 'hundsgemeinen' Ideal-Gitarristen F. J. Krüger als neues Bandmitglied. Auf dem neuen Werk STADT, LAND, VERBRECHEN sorgte sein bekanntermaßen schweinös-rockendes Instrument für einen gewissen Drive. Diese schnellere Gangart ist für den alten Fan der Hamburgerinnen etwas gewöhnungsbedürftig, doch schon bald lernt er die selbstironische Rockability als neues Element ihrer größten Stärke - der Parodie - schätzen, zumal den restlichen Ladies auch diesmal flotte Zeilen gelangen. Die Wochenend-Romantik aus der Rama-Werbung wird hier genauso durch den Kakao gezogen wie schlampige Jungs und nette Mädels, die für alles Verständnis haben, also für nichts.

GIANT SAND veröffentlichten in den letzten acht Jahren 17 Alben, wobei das letzte Meisterwerk, das nicht aus uninspirierten Soundcollagen besteht, schon zwei Jährchen zurückliegt. Für den Neuling GLUM nahmen sich die Wüstensöhne aus den Tiefen Arizonas außergewöhnlich viel Zeit. Die 'Geduld' des Fans hat sich gelohnt, denn Bandchef Howe Gelb offenbarte sich diesmal mit einem für seine Verhältnisse konventionellen Songwriting, welches 'Glum' auch für Giant-Sand-Neulinge interessant macht: Song-Schätze wie "I'm so lonesome I could cry" sprengen das Minderheiten-Verdikt angeblich schwer genießbarer Untergrund-Klänge. Dabei werden allerdings nicht die alten Stärken der Verrückt-Genialen verwässert: rohe Punkenergie trifft auf folknahe Erzähltradition und sparsame Arrangements konkurrieren mit wütenden Feedback-Orgien. Durch den gekonnten Umgang mit diesen diversen Spielarten pflegen Giant Sand ohne Frage den eigenen Kult.

Alle Gerüchte um eine schwere Krankheit und eine Schaffenskrise straft JONI MITCHELL mit TURBULENT INDIGO, ihrem 17. Album lügen. Im Gegenteil - mit diesem poetisch und musikalisch hochintelligenten Werk unterstreicht die 51-jährige Kanadierin ihre Sonderstellung unter Amerikas Singer/Songwriterinnen. Orientieren sich die beiden Vorgängerplatten eher am Mainstream-Pop, so knüpft die blonde Wahlkalifornierin diesmal an ihre impressionistischen Veröffentlichungen aus den Früh-Siebzigern (wie etwa 'Blue') an. Mit der gleichen zurückhaltenden Instrumentierung verbindet Joni Mitchell wiederum akustischen Folk mit Elementen des Jazz zu elf diffizilen und zugleich melodisch zugänglichen Song-Kunstwerken. Beachtung sollte auch das Cover-Selbstportrait der Hobby-Malerin a la van Gogh finden.

Der Live-Klassiker MC5 'Kick out the jams' "Für einen kurzen und gloriosen Augenblick", urteilte die US-Presse Ende der Sechziger Jahre, waren MC5 "die aufregendste Band Amerikas". Kein Wunder, denn das radikale Quartett aus Detroit gilt mit seiner kraftvollen Fusion aus Rhythm'n'Blues, Jazz und harten Rockklängen als Wegbereiter des Alternativ-Rock. Die unglaubliche Energie, mit der die Truppe die Gehörgänge auf diesem Live-Album attackieren, beinhaltet schon alles, was Punk-Rock später angeblich so neu und anders machte. Folglich beschrieb der 'Rolling Stone' MC5 einmal als "die erste 70er-Band der Sechziger Jahre". Ideologisch hatten die Motor City Five, wie sie eigentlich hießen, dagegen so gut wie nichts mit dem Nihilismus des Punk zu tun. Sie waren extrem politisch und fochten für mehr oder weniger utopische Ziele: Abschaffung allen Geldes, Sex auf der Straße, freie Liebe, kostenlose Drogen. Ihr Lebensstil, der diesem Hippie-Revolutionsprogramm entsprach, forderte allerdings seinen Tribut, denn der Sänger Rob Tyner und seit kurzem auch der Gitarrist Fred 'Sonic' Smith sind tot. Das heute noch elektrisierend wirkende Album wurde während eines Konzerts im explosiven Jahr 1968 mitgeschnitten - inmitten der Krawalle, die den Parteitag der Demokraten in Chicago begleiteten. Das Werk landete zunächst wegen des einleitenden Ausrufs "Kick out the jams, motherfuckers !" fast überall auf dem Index. Da dieses "Schmeißt alle Hemmungen weg, Arschlöcher" gleichzeitig als Motto galt, war es um so schändlicher, daß die Band wenig später eine 'saubere' Fassung aufnahm, in der sie den beanstandeten Terminus durch "Brothers and sisters" ersetzten. Das sollte aber zurecht nichts daran ändern, daß sich die nach zwei weiteren Alben (bereits 1971) auflösenden MC5 heute uneingeschränkten Legendenstatus genießen.
ME/ Spex/ Torsten Steiger