Die schmerzende Wunde der
Kindheit
Jean-Paul Sartre wurde am 21. 6. 1905 in Paris geboren.
1907 stirbt Jean-Pauls Vater, und der Großvater übernimmt seine
Erziehung. Das Aufwachsen in der "fremden" Familie empfand das
kleine Kind als Selbstbehauptung, denn es glaubte, sich der Aufnahme würdig
zeigen zu müssen. Es spürte die Beurteilung und fürchtete
die Verurteilung. Familiäre Geborgenheit war kein selbstverständliches
Geschenk, sondern mußte verdient werden. Diese frühkindliche
Erfahrung war Nährboden seiner späteren philosophischen Position,
menschliche Existenz sei eine Aufgabe, die leistend bewältigt werden
müsse.
Die Erfahrungen der Kindheit prägten jedoch nicht allein Sartres philosophisches
Verhältnis zur menschlichen Existenz im allgemeinen. Hier wurzeln
sein Haß auf die bürgerliche Klasse und seine große Sympathie
für benachteiligte und unterdrückte Gruppen der kapitalistischen
Gesellschaft. Bis zu seinem Lebensende wird er die Arroganz von Macht und
Geld bekämpfen und den Einflußlosen und Besitzlosen engagiert
beistehen.
Sein familiäres "Fremd-sein" setzt sich als allgemeines
Lebensgefühl in der Schule fort, ja steigert sich, da Sartre glaubt,
häßlich zu sein. Er folgt dem Verhaltensmuster seiner Kindheit
und versucht erfolgreich, sich Anerkennung durch überragende geistige
Leistungen zu verschaffen. Es gelingt ihm, in die Pariser Elite-Hochschule
École normale supérieur aufgenommen zu werden, an der er
1929 sein Abschlußexamen in Philosophie ablegt. Hier lernt Sartre
seine Lebensgefährtin Simone de Beauvoir kennen, die durch zahlreiche
literarische und wissenschaftliche Veröffentlichungen zur Galionsfigur
der modernen Frauenbewegung wird.
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