
Neben den uns bekannten Kunstrichtungen Malerei und Plastik
entwickelte sich eine besondere Art von Kunst, die sogenannte
Verpackungskunst. Diese wurde geprägt von einem einzigen Mann, dessen
Name auch in jüngster Zeit wieder Schlagzeilen machte, Christo. Er
machte sich auch einen Namen in z.B. Paris, Miami, Kalifornien und in
anderen Ländern der Welt. Viele Menschen haben schon mal etwas von
den spektakulären Projekten Christos gehört. Christo ist ein gebürtiger
Bulgare, wo er am 13. Juni 1935 das Licht der Welt erblickte. In Bulgarien
lebte er 22 Jahre, bis 1957. Er selbst sagt, es war schön, aber man konnte
sich nicht richtig entfalten. In den folgenden Jahren begann er zu
porträtieren. In der Zeit zwischen 1960-1980 plante er fast alle folgenden
"Projekte", wie er sie nannte. Der Mensch Christo ist eine Art
Weltenbummler, er pendelte oft zwischen USA und Europa. 1959 lernte er
die ehemalige Air-France-Stewardess Jeanne Claude kennen und
heiratete sie. Sie spielt eine wichtige Rolle in Christos Leben, denn sie
gibt ihm Mut, wenn ein Projekt z.B. abgelehnt wird oder er Probleme bei
der Überzeugung von Behörden hat.
Pont-Neuf
Die PONT-NEUF ist die älteste noch erhaltende Brücke in Paris. Im Juni
1606 wurde die Brücke unter Heinrich IV fertiggestellt. Für viele Pariser
ist die PONT-NEUF die schönste Brücke in Paris. Dies hängt mit der
topographischen Situation der wunderschönen Plastiken zusammen,
welche der Brücke ihre einzigartige Pracht gibt. In den Jahren 1578 - 1890
hat sich das Aussehen der Brücke ständig verändert, manchmal sogar zu
extravaganten Zügen. Solche Veränderungen wurden immer zeitabhängig
gemacht und der zur Zeit herschenden Kunstepoche unterworfen.
Seit dem Jahre 1975 beschäftigte sich Christo mit dem Projekt "Die
PONT-NEUF-Einpackung". Dieses Projekt ist zwar nicht sein erstes in
Paris aber sein zunächst spektakulärstes Projekt in Paris. Sein erstes
öffentliches Projekt überhaupt hatte er 1962, wo er die Rue Visconti in
Paris mit 240 verschiedenfarbigen Fässern versperrte. Mit der "PONT-
NEUF-Einpackung" geht er nun sozusagen an seine Ursprünge zurück.
Am Anfang eines jeden Projekts steht die Idee. Die hatte Christo, wie
gesagt, bereits 1975. Zur damaligen Zeit lehnte aber der Bürgermeister
Jacquess Chirac das Projekt ab. Christo jedoch weiß aus eigener
Erfahrung bei anderen Projekten, daß er nicht aufgeben darf und zäh
bleiben muß. Er hatte den Gedanken, an den er sich immer wieder
erinnert, wenn er eine Absage erhält: "Als ich 1957 zum ersten mal nach
Paris kam und eine Picasso-Ausstellung sah, da fand ich 22jähriger Bengel
alles, was da hing, dumm, ordinär, banal und trivial. Sehe ich heute
Picasso, dann sage ich: Er war phantastisch. So ändern sich Ansichten."
(Christo) Daran finde ich, sollten wir uns auch ein Beispiel nehmen, und
nicht gleich beim ersten Bild von einem Künstler über seine gesamte
Kunst richten und sie ablehnen.
Nachdem die Idee geboren war, war Christo nicht mehr davon
abzubringen, sie auch in die Realität umzusetzen. Damit war das Projekt
PONT-NEUF geboren. Aber er hatte noch einen harten Weg vor sich, den
es zu meistern galt. Christo machte nun einige Anläufe bei den
zuständigen Behörden, um eine Genehmigung zur Verhüllung der Brücke
zu erhalten. Da er weiß, daß die meisten Projekte am Anfang abgelehnt
werden, plant er seine Projekte, ohne zu wissen, wann sie in die Realität
umgesetzt werden. Daraus folgt zwangsweise, daß Christo, wenn er nicht
in eine Sackgasse fahren will, immer an mehreren Projekten gleichzeitig
arbeiten muß. Meines Wissens arbeitete er, als er an das Projekt PONT-
NEUF ging, gleichzeitig an "Surrounded Islands" und an den Anfängen
zum Reichstags-Projekt.
Um sich ein Bild von seinen Projekt zu machen, fertigt er viele
Zeichnungen, Fotos und Modelle der Brücke an. Die Zeichnungen von
Christo sind immer auf das wesentliche beschränkt, also auf das Projekt.
In der Zeichnung der "PONT-NEUF-Einpackung" sieht man die Brücke
PONT-NEUF, wie sie von dem linken Bildvordergrund in den rechten
Bildmittelgrund verläuft. Auf das Wasser unter der Brücke verzichtete
Christo, da er meinte, daß es überflüssig in der Zeichnung ist und erst
seine Bedeutung im Original-Projekt entfaltet. Der Bildhintergrund ist
genau so gemalt, wie er auch im Original zu sehen ist von dem Standpunkt
aus. Christo ist ein Liebhaber von Falten. Als Begründung dafür gibt er
die Ägypter an: "Schon die Ägypter haben sich in ihren bildIichen
Darstellungen für den Faltenwurf interessiert.'' (Christo). Diese Vorliebe
von Falten sieht man auch in seinen Bildern, in denen sein Projekt
eingehüllt ist. Dabei gibt er besonderes Augenmerk auf den richtigen Sitz
von allen Schnüren und Falten. Ansonsten ist zu den Bildern noch zu
bemerken, daß es nicht Zeichnungen nur für Ausstellungen oder Museen
sind, sondern anhand der Zeichnungen fertigt Christo dann sein Projekt
an. Dies sieht man daran, daß das Bild viele Linien und andere zusätzliche
Informationen in Form von kleinen Notizen enthält. Wenn die Bilder zu
Ausstellungen gebracht werden, werden an den Seiten der Zeichnung
Fotos oder Bilder vom Original-Projekt gezeigt. Wenn die Bilder in
Ausstellungen gehen, beginnt bereits die Kunst von Christo. Mit den
Bildern regt er die Leute an, sich mit dem Thema zu beschäftigen und
darüber ihre Meinungen auszutauschen. Damit erreicht er aber nur einen
kleinen Teil der Bevölkerung. Um möglichst viele ansprechen zu können
und dazu zu bringen, über Kunst zu reden, macht er die spektakulären
Projekte. Die Zeichnungen haben aber auch einen finanziellen
Hintergrund, mit ihrem Verkauf oder ihren Einnahmen aus Ausstellungen
oder Museen finanziert er seine teuren großen Projekte. So ein Projekt
kann über mehrere Jahre gehen und über 1 000 000 $ kosten. Zeichnungen
reichen ihm aber nicht aus, um einen genauen Überblick über das Projekt
zu erhalten, so fertigt er noch Modelle in einem genauen Maßstab an, an
dem er dann seinen Faltenwurf, die Seilordnung und das Umfeld genau
sortiert. Die Modelle steuern wie auch die Zeichnungen Geld zum
eigentlichen Projekt hinzu. Die Modele haben immer einen sehr einfachen
Aufbau und enthalten wie die Bilder nur die wichtigsten Gebäude und
Teile des Umfeldes. Mit Hilfe der Modelle testet er auch die Perspektive
des Originals. Dies ist notwendig, wie er sagt, damit man von jedem
Standpunkt einen guten Blick auf das Projekt hat. Das Modell der Brücke
ist ca 5m x 4m groß. Auf Verschönerungen verzichtet er weitestgehend. In
dem Modell sieht man aber auch Menschen herumstehen und Autos, als
ob das Projekt bereits existiert, aber nur etwas kleiner. Den Stoff, mit dem
er die Brücke einhüllen will, testet er auch erst im Modell. Wenn das
Modell fertig ist, so nimmt Christo noch letzte Feinkorrekturen vor. Die
farbliche Gestaltung des Modells ist recht einfach, die eingehüllte Brücke
hat einen weiß-grauen Stoff als Umhüllung. Die anderen Gebäude im
Hintergrund sind größtenteils ebenfalls weiß-grau gehalten. Ansonsten
verzichtet Christo auf farbliche Gestaltung.
Im Jahre 1985 erreichte Christo endlich sein Ziel und erhielt von den
Pariser Behörden die Genehmigung zum Einhüllen der Brücke. Dabei
mußte er unterschiedlichsten Meinungen der Politiker entgegentreten und
entkräften. Eine der größten Konflikte und auch eine der ersten Fragen,
die ihm gestellt wurden, waren die der Finanzierung. Christo bezahlt aber
all seine Projekte aus seiner eigenen Tasche. Dieses Geld kommt vom
Verkauf der Bilder und Modelle, so daß die Stadt keinen Cent bezahlen
muß. Viele verstehen es einfach nicht, wie man für ein Projekt, was nur 2
Wochen steht, über 1 Mio $ ausgeben kann, ohne dabei an Profit zu
denken. "Für unsere materialistische Cesellschaft sind die Projekte ohne
Sinn. Sie sind ein paar Tage da, man kann sie sehen oder nicht, und dann
verschwinden sie wieder. Das bringt natürlich die Leute durcheinander."
(Christo) Bei seinem PONT-NEUF-Projekt unterstützte wie auch bei
anderen Projekten, ihn kräftig sein Schwiegervater und ließ seine
Beziehungen spielen. So konnte Christo sogar Michel Debre' (ehemaliger
Ministerpräsident) sprechen und ihn von seinen Projekt überzeugen. Im
Jahre 1985 kam dann auch das OK vom Pariser Bürgermeister Jacques
Chirac. Er fand das Projekt bereits vorher gut, wollte aber die 83er Wahl
nicht beeinflussen und seine Wiederwahl nicht gefährden. Außerdem sah
er die Gefahr, daß die Projekte einen zu starken politischen Hintergrund
bekommen, wenn Christo seine Fürsprecher in hohen Politikerkreisen
sucht. Nachdem er die Genehmigung hatte, konnte mit der technischen
Umsetzung seines Projektes begonnen werden. Die genauen P1äne hatte
Christo bereits vor Jahren ausgearbeitet, so daß sofort begonnen werden
konnte. Christo beaufsichtigte das Projekt die ganze Zeit.
Am 22. September 1985 vollendeten 300 höchstspezialisierte Arbeiter das
Kunstwerk von Christo "Die eingepackte PONT-NEUF-Brücke". Nach
Christos Plan sollten die Seiten und die Gewölbe der 12 Brückenbögen,
die Geländer bis zum Bürgersteig, die Bürgersteige und Rinnsteine, die
Straßenlaternen zu beiden Seiten der Brücke, die waagerechten Teile des
steilen Ufers von Ile bis in die Stadt und der Vorplatz von Vert-Galant in
einen seidig glänzenden Stoff eingehüllt werden. Der Stoff wurde von
13000m Seil und 12.lt Stahlseil getragen. Dabei spielten die Stahlseile
die Verankerung im Wasser, wo sie Haufen zu je einem Meter unter
Wasser bilden. Ingenieurtechnisch hatten die Christo-Mitarbeiter viel
Unterstützung von Gerüstbauern in Paris. Nachdem die Brücke eingehüllt
war, war die Kunst für Christo aber nicht zu ende, sondern fing erst an. Mit
einem Team von 40 Personen und 600 Betreuern vergewisserte sich
Christo alle 24 Stunden der guten Instandhaltung des Projekts. Und er
machte das, was ihm am meisten liegt, er diskutierte über seine Kunst mit
Passanten. Dies gehört, wie er selbst sagt, zu den wichtigsten Aufgaben
eines Künstlers. Dabei stellte er fest, daß seine Projekte meist eine eigene
Identität aufbauen und so auch die unterschiedlichsten Interpretationen
zulassen. Er sagt selbst: "In gewisser Weise weiß ich selbst nicht, was es
letztlich ist.". (Christo)
Man darf bei einer Interpretation von Christos Projekt nicht nur das
spektakuläre des realen Projektes sehen, sondern muß auch die Bilder und
Modelle mit einbeziehen. Seine Bilder und Modelle der PONT-NEUF
vermitteln mir etwas Schlichtes und auf das Wesentliche bezogene.
Christo setzt mit seinem Projekt der PONT-NEUF-Brücke die Tradition
der erfolgreichen Umwandlung und Umgestaltung der Brücke durch sein
Einpacken fort. Er zeigt damit auch eine neue skulpturelle Dimension, die
14tägige Transformation eines alten Kunstwerkes in ein neues modernes
Kunstwerk. Die seidige Leinwand, welche an der Struktur der Brücke
festgemacht und mit Seilen unterstützt wurde, unterstreicht die Art des
Reliefs und die besondere Form dieser Brücke, welche die steilen Ufer
der Seine und der Ile mit der mit der City, dem Herzen von Paris seit mehr
als 1000 Jahren verbindet. Bei Christos Kunst, finde ich, wird ein altes
Kunstwerk wieder zum Leben erweckt, und man entdeckt es wieder neu.
Dies läßt sich so erklären: Der Mensch nimmt Gegenstände, die er ständig
sieht, als gegeben hin und beschäftigt sich nicht weiter mit ihnen. Aber
wenn ein Gebäude plötzlich verschwindet oder ihm ein anderes Aussehen
gegeben wird, so macht man sich schon Gedanken über dieses. Wenn die
Transformation abgeschlossen ist und das alte Gebäude wieder zum
Vorschein kommt, sieht man die Brücke aus einem ganz anderen Licht.
Ein anderer wichtiger Aspekt in der Kunst von Christo ist, daß er mit
seinen Projekten die Sensationslust der Menschen befriedigt. Denn viele
Menschen fühlen sich nur angesprochen, wenn irgend etwas aufregendes
Neues in ihrer Umgebung auf sie einwirkt und sich viele auf einmal damit
beschäftigen.
Surrounded Islands
Das Projekt "Surrounded Islands" war zeitlich gesehen vor dem PONT-
NEUF-Projekt. Im Jahre 1974 kam Christo die Idee zu den Surrounded
Islands. Das Projekt beruht auf den Bildern von Claude Monet. Er war ein
französischer Impressionist. Das Bild "Die Seerosen" malte er nach 1890,
Es gehört zu seinen späteren Werken. In diesen Werken ist der
Gegenstand zugunsten der farbigen Erscheinung weitgehend aufgelöst.
Dieses Bild muß Christo das erste mal gesehen haben, als er nach Paris
ging. Wahrscheinlich beeindruckte ihn die farbige Gestaltung so sehr, daß
er daraus ein Projekt machen wollte, die "Surrounded Islands".
Wie beim PONT-NEUF-Projekt bereits beschrieben, fing er als erstes
wieder an, Bilder und Zeichnungen zu fertigen. Für das erste Bild, das er
anfertigte, nahm er eine Luftaufnahme und fügte mit rosa Faserschreiber
die Umrandung der Inseln hinzu. Später fertigte er auch seine
Zeichnungen, nach denen er wieder sein Projekt aufbaut. Bereits die
Bilder strahlen mit einem intensiven Rosa und geben auch schon einen
Ausblick auf das große Projekt. In seinen Zeichnungen sieht man nicht
alle Inseln auf einmal, sondern nur eine kleine Inselgruppe. Im
Vordergrund des Bildes sieht man eine einzelne Insel, wie sie während des
Projektes aussieht. Diese Insel wurde mit einer rosa Umrandung
eingefaßt. Die Insel stammt aus der Biscayne Bay von Miami. Im
Hintergrund des Bildes sieht man noch weitere Inseln, die die Vermutung
zulassen, daß das Projekt ein größeres Ausmaß annimmt. Weiterhin sieht
man im Hintergrund noch Teile der Stadt Miami. Insgesamt umrandete
Christo 11 Inseln in der Biscayne Bay. Christo wählte den Ort, wo er sein
Projekt machen wollte, wohl aus verschiedenen Gründen aus. Der erste
Grund könnten vielleicht die starken Probleme von Miami sein. Miami hat
sich einen Namen als Seniorenheim der USA gemacht. Ein weiteres
Problem sind die hohen Arbeitslosenzahlen und der Rückgang des
Tourismus. Außerdem kommt noch die hohe Zahl der unwillkommenen
F1üchtiinge aus Kuba hinzu. Aber nicht nur Probleme ließen Christo diese
Inseln auswählen, sondern auch die geographische Lage. Die Lage ist
deshalb so wichtig, da man die Inseln von vielen verschiedenen
Standpunkten aus sehen kann. Die Inseln sind im Jahre i920 entstanden,
als man den Schutt aus zahlreichen Kanälen in der Bay ablagerte und sich
so Inseln bildeten. Christo war bei seinem ersten Besuch der Bay von den
kleinen Inseln beeindruckt. "Ich war beeindruckt von der flachen,
horizontal gegliederten Landschaft, aber auch von der Art und Weise, wie
hier Erde und Wasser ineinanderfließen." (Christo)
Christo sein Projekt lief auch wie alle anderen darauf hinaus, erst einmal
die Behörden in Florida von seinem Projekt zu überzeugen. Nach einigen
vergeblichen Versuchen gelang es ihm aber dennoch, und er konnte sein
Projekt starten.
Als Christo Arbeiter für sein Projekt sucht, fanden sich bald genug
Helfer. Bei einem Arbeitslohn von 28$ pro Tag und einer sengenden
Sonne fingen die Arbeiten an. Nach anfänglichen Schwierigkeiten mit dem
Wetter ging dann alies gut voran. Während der Arbeit kamen sich Christo
und die Arbeiter, die meist Studenten oder andere Kunstbegeisterte
waren, immer näher. Dabei schaltete er sich in viele Diskussionen ein, um
aufkommende Fragen und Details zu erläutern.
Die Surrounded Islands sehen bereits in ihrer Entstehungsphase herrlich
aus. Wenn man die Phasen der Entstehung von oben betrachtet, sieht es
aus, als ob jemand Pinselstriche in der Landschaft verteilt und sie dann
ausmalt. Christo wählte Pink für seine Surrounded Islands, weil es eine so
"südliche, aber auch künstliche Farbe ist, ganz anders als die natürlichen
Töne". Außerdem "reagiert dieses Rosa außerordentlich sensibel auf
Reflexe". (ART 7/83) Als das Projekt fertig war, sah man, daß das Pink
wunderschön mit dem hellgrün des Wassers harmonierte und weithin
sichtbar war. Christo selbst sagt, daß die Inseln erblühen, wie die Seerosen
auf den Bildern von Claude Monet. "Die riesigen Dimensionen und die
ganze Schönheit des Projekts werden sichtbar vom Himmel aus: ein
Gemälde aus Bäumen, Folie und Wasser. Visionen eines Realisten,
Utopien eines Handwerkers, der mit seinen "Seerosen", mit dieser
"poetischen Geste" (Christo), nicht nur eine riesige moderne Version der
berühmten Bilderfolge des Impressionisten Claude Monet ins Meer malt,
sondern zugleich etwas von der Kraft des Renaissance-Menschen und
Allround-Künstlers Leonardo da Vinci in die Gegenwart überträgt. (ART
7/83) Dazu möchte ich noch sagen, daß das gewählte Pink für das Projekt
lebensnotwendig ist, denn keine andere Farbe stellt sich dem Betrachter
mehr in den Vordergrund als Pink oder andere Rosatöne. Nachdem dieses
große Projekt geklappt hat und Christo schöpfte neuen Mut für die
folgenden Projekte.
Reichstag

Eines seiner neuesten Projekte ist das Reichstag-Projekt, wo er den
Deutschen-Reichstag in Stoff einhüllen will. Genau 23 Jahre brauchte
Christo, um an die Verwirklichung seines Kunst-Projektes denken zu
können. Der Mann der Christo auf diese Idee brachte, war Michaei S.
Cullen. "ich kannte Christo im Sommer 1971. noch nicht persönlich. Ein
Bekannter von mir reiste in die USA, um einen Dokumentarfilm über ihn
zu drehen, dem gab ich eine Postkarte des alten deutschen Parlaments
mit" (Cullen) Die Bekanntschaft wurde bald darauf, im Dezember 1971, in
Zürich geschlossen. "Wir hatten uns verabredet, damit ich ihm Fotos,
Grundrisse und Ansichten des Reichstags geben konnte." Als der damalige
Bundestagspräsident Karl Carstens 1977 die Verpackung des Gebäudes
ablehnte, wollte Christo sich damit nicht abfinden. "Er bat mich, Literatur
zusammenzustellen, aber ich fand nur sehr wenig, was ihm nutzen konnte."
Und da Cullen "genau wie Christo ein zäher und hartnäckiger Typ"
(Cullen) ist, gab er sich nicht zufrieden und fertigte selbst einige Bücher
an.
Der Reichstag, den Christo einhüllen will wurde von Paul Wallot
konstruiert. Paul Wallot lebte von i841-19i2 und wurde in Frankfurt
geboren. Als damals der Reichstag unter der Regierung des Kaisers
gebaut wurde, entstanden viele Mißverständnisse zwischen Wallot und
dem Kaiser. Der Reichstag war für damalige Verhältnisse ein moderner
und sehr symbolischer Bau. Das zeigt sich zum Beispiel an der Kuppel,
über die heute so gestritten wird. Die sollte in ihrer Höhe das
Selbstbewußtsein des Parlaments ausdrücken. Deshalb fand sie der Kaiser
auch gar nicht gut. Sie mußte auf seinen Befehl hin verkleinert werden,
weil sie nicht höher sein durfte, als das Berliner Schloß. Auch die Inschrift
"Dem deutschen Volke" wollte anfangs der Kaiser nicht, Erst 1916 wurde
sie angebracht. Die Inschrift soll die Verbundenheit des deutschen Volkes
mit diesem Gebäude und dem darin befindlichen Parlament erdeutlichen.
Das Kunstwerk hat schon begonnen, im Frühjahr 1995 wird es sichtbar.
Der Countdown für das Christo-Projekt "Wrapped Reichstag" (Verhüllter
Reichstag) läuft unmerklich, aber intensiv. Christo und seine Frau Jeanne
Claude gründeten erst kürzlich eine GmbH, um dem Reichstags-Eigen-
tümer Bundesrepublik gegenüber rechtlich als Vertragspartner zur
Verfügung zu stehen. Die Geschäftsführer: Roland Specker, Christos
Mitstreiter in Berlin und seit 25 Jahren im Baugeschäft, sowie Wolfgang
Volz, Projekmanager und Fotograf aus Düsseldorf. Priorität des
Verpackungsteams: die Sicherheit.
Der Reichstag wird mit Hilfe von 100 000 Metern Polypropylen-Gewebe
in ein silbrig-glänzendes Kunstwerk verwandelt. Etwa 10 Millionen Mark
müssen Christo und Jeanne Claude aufbringen. "Jedes Projekt kostet das
gleiche: Alles, was wir haben und alles, was wir uns leihen können", so
sieht es Christos Frau. Christo kommt für alles auf, was mit dem Projekt in
Zusammenhang steht, Dazu gehören Sicherheitskräfte, Material, Vor-
und Nacharbeitungskosten.
Zur Zeit beschäftigen sich die Macher, die gegen ihre Erwartungen in
Berlin bei den Behörden "offene Türen einrennen", mit den
Sicherheitsfragen. Eine noch ungeklärte Frage ist die Feuerfestigkeit des
Gewebes, das Christo verwenden will. Um die Sicherheitsauflagen, die
auch Christo beachten muß, zu erfüllen, muß das zu verwendende Gewebe
erst noch in der BAM untersucht werden.
Seine Finanzierung ist zum größten Teil bereits fertig, die er wie immer
aus dem Verkauf seiner Zeichnungen bezieht. Allerdings verzichtet
Christo auf Marketing, Werbeverträge, Eröffnungsgalas, Exclusiv-Rechte
in den Medien und auf Sponsoren, denn er will in allem unabhängig sein.
Sogar die Feuerwehr, die die i4 Tage 24 Stunden je Tag Dienst tun soll,
wird von Christo bezahlt. "Keine Steuermittel beanspruchen, auch nicht
versteckt." (Christo)
Als er 1971 den Reichstag sah, entdeckte er die besondere Lage dieses
Gebäudes, denn es war in Ost und West zu sehen, so konnte er auch seine
Kunst hinter den "eisernen Vorhang" bringen. Diese besondere Lage
behielt der Reichstag auch nach der Öffnung der Grenze. Behördenmäßig
gesehen ist es sein größtes Projekt, denn bis jetzt hatte er es nur mit einer
sturen Behörde auf einmal zu tun. Aber um eine Genehmigung zum
Reichstags-Projekt zu erhalten, mußte er mit den Behörden von England,
Frankreich, USA, Rußland und Deutschland sprechen und sie von seinem
Projekt überzeugen.
Wie bei allen Projekten wurden und werden Zeichnungen und Modelle
vom verpackten Reichstag angefertigt. Seinen skizzenhaften Stil führt er
auch bei den Reichstags-Zeichnungen weiter. Die Bilder zeigen den
Reichstag in verschiedenen Perspektiven. Gestaltungsmäßig fertigt er
seine Bilder mit Stiften an, auf Maierfarben verzichtet er. Die
Hintergründe in all seinen Reichstags-Bildern werden nur in Umrissen
und grob ausgezeichnet. Auf Details wie z.B. Fenster, Menschen, Autos
oder anderen Verschönigungen verzichtet er zugunsten des Reichstages,
der im Rampenlicht stehen soll. Der Reichstag ist bereits in den späteren
Farben gehalten, auch die Seilführung wird in den Bildern beachtet.
Christo fügt die technisch notwendigen Stahlseile in sein Kunstwerk mit
ein und macht sie zu tragenden Objekten in den Bildern. Wie in all seinen
Projekt-Zeichnungen, so sind auch hier wieder Konstruktionslinien zu
sehen. Dadurch wird das Bild in kleine Segmente aufgeteilt. Auch
vermitteln mir diese Zeichnungen ein gutes Beispiel für konstruiertes
Zeichnen. Er wendet dabei die Mittel der Zweipunkt-Perspektive und die
Überdeckung an.
Für die Interpretation von Eingehüllten Gebäuden trifft auch hier im
groben die Interpretation der PONT-NEUF-Brücke zu. Christo gibt als
eine mögliche Interpretation an, daß er mit der Verhüllung des
Reichstages all die Probleme, die Symbole und die politischen
Entscheidungen der Vergangenheit einpacken, um sie nachher aus einer
anderen Sichtweise zu betrachten ,und regt damit wieder zum Nachdenken
über die Probleme und versucht, einen neuen Anfang der deutschen
Geschichte aufzuzeigen. Auch die Erneuerung der Sichtweise, daß der
Reichstag ein Kunstwerk ist, bekräftigt Christo mit seinem Projekt und
setzt den Gedanken von Wallot fort.
Quellennachweis
diverse Zeitungsartikel aus Berliner Tageszeitungen (ca 10 verschiedene)
Video Material "Islands"
Textmaterial aus ART-Ausgaben
Vorlesungsmaterial aus der Vorlesung der HU in Berlin am 2. Juni 1994
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