Christo, der Verhüllungskünstler

(schriftliche Hausarbeit)

Autor: Andreas Körner
11. Klasse
Kunst Basiskurs 1993/94

Berlin, der 24.04.1994


Inhaltsverzeichnis

  • Pont-Neuf
  • Surrounded Islands
  • Das Reichstag-Projekt

  • * * *


    Einleitung



    Neben den uns bekannten Kunstrichtungen Malerei und Plastik entwickelte sich eine besondere Art von Kunst, die sogenannte Verpackungskunst. Diese wurde geprägt von einem einzigen Mann, dessen Name auch in jüngster Zeit wieder Schlagzeilen machte, Christo. Er machte sich auch einen Namen in z.B. Paris, Miami, Kalifornien und in anderen Ländern der Welt. Viele Menschen haben schon mal etwas von den spektakulären Projekten Christos gehört. Christo ist ein gebürtiger Bulgare, wo er am 13. Juni 1935 das Licht der Welt erblickte. In Bulgarien lebte er 22 Jahre, bis 1957. Er selbst sagt, es war schön, aber man konnte sich nicht richtig entfalten. In den folgenden Jahren begann er zu porträtieren. In der Zeit zwischen 1960-1980 plante er fast alle folgenden "Projekte", wie er sie nannte. Der Mensch Christo ist eine Art Weltenbummler, er pendelte oft zwischen USA und Europa. 1959 lernte er die ehemalige Air-France-Stewardess Jeanne Claude kennen und heiratete sie. Sie spielt eine wichtige Rolle in Christos Leben, denn sie gibt ihm Mut, wenn ein Projekt z.B. abgelehnt wird oder er Probleme bei der Überzeugung von Behörden hat.

    Pont-Neuf


    Die PONT-NEUF ist die älteste noch erhaltende Brücke in Paris. Im Juni 1606 wurde die Brücke unter Heinrich IV fertiggestellt. Für viele Pariser ist die PONT-NEUF die schönste Brücke in Paris. Dies hängt mit der topographischen Situation der wunderschönen Plastiken zusammen, welche der Brücke ihre einzigartige Pracht gibt. In den Jahren 1578 - 1890 hat sich das Aussehen der Brücke ständig verändert, manchmal sogar zu extravaganten Zügen. Solche Veränderungen wurden immer zeitabhängig gemacht und der zur Zeit herschenden Kunstepoche unterworfen. Seit dem Jahre 1975 beschäftigte sich Christo mit dem Projekt "Die PONT-NEUF-Einpackung". Dieses Projekt ist zwar nicht sein erstes in Paris aber sein zunächst spektakulärstes Projekt in Paris. Sein erstes öffentliches Projekt überhaupt hatte er 1962, wo er die Rue Visconti in Paris mit 240 verschiedenfarbigen Fässern versperrte. Mit der "PONT- NEUF-Einpackung" geht er nun sozusagen an seine Ursprünge zurück.
    Am Anfang eines jeden Projekts steht die Idee. Die hatte Christo, wie gesagt, bereits 1975. Zur damaligen Zeit lehnte aber der Bürgermeister Jacquess Chirac das Projekt ab. Christo jedoch weiß aus eigener Erfahrung bei anderen Projekten, daß er nicht aufgeben darf und zäh bleiben muß. Er hatte den Gedanken, an den er sich immer wieder erinnert, wenn er eine Absage erhält: "Als ich 1957 zum ersten mal nach Paris kam und eine Picasso-Ausstellung sah, da fand ich 22jähriger Bengel alles, was da hing, dumm, ordinär, banal und trivial. Sehe ich heute Picasso, dann sage ich: Er war phantastisch. So ändern sich Ansichten." (Christo) Daran finde ich, sollten wir uns auch ein Beispiel nehmen, und nicht gleich beim ersten Bild von einem Künstler über seine gesamte Kunst richten und sie ablehnen.
    Nachdem die Idee geboren war, war Christo nicht mehr davon abzubringen, sie auch in die Realität umzusetzen. Damit war das Projekt PONT-NEUF geboren. Aber er hatte noch einen harten Weg vor sich, den es zu meistern galt. Christo machte nun einige Anläufe bei den zuständigen Behörden, um eine Genehmigung zur Verhüllung der Brücke zu erhalten. Da er weiß, daß die meisten Projekte am Anfang abgelehnt werden, plant er seine Projekte, ohne zu wissen, wann sie in die Realität umgesetzt werden. Daraus folgt zwangsweise, daß Christo, wenn er nicht in eine Sackgasse fahren will, immer an mehreren Projekten gleichzeitig arbeiten muß. Meines Wissens arbeitete er, als er an das Projekt PONT- NEUF ging, gleichzeitig an "Surrounded Islands" und an den Anfängen zum Reichstags-Projekt.
    Um sich ein Bild von seinen Projekt zu machen, fertigt er viele Zeichnungen, Fotos und Modelle der Brücke an. Die Zeichnungen von Christo sind immer auf das wesentliche beschränkt, also auf das Projekt. In der Zeichnung der "PONT-NEUF-Einpackung" sieht man die Brücke PONT-NEUF, wie sie von dem linken Bildvordergrund in den rechten Bildmittelgrund verläuft. Auf das Wasser unter der Brücke verzichtete Christo, da er meinte, daß es überflüssig in der Zeichnung ist und erst seine Bedeutung im Original-Projekt entfaltet. Der Bildhintergrund ist genau so gemalt, wie er auch im Original zu sehen ist von dem Standpunkt aus. Christo ist ein Liebhaber von Falten. Als Begründung dafür gibt er die Ägypter an: "Schon die Ägypter haben sich in ihren bildIichen Darstellungen für den Faltenwurf interessiert.'' (Christo). Diese Vorliebe von Falten sieht man auch in seinen Bildern, in denen sein Projekt eingehüllt ist. Dabei gibt er besonderes Augenmerk auf den richtigen Sitz von allen Schnüren und Falten. Ansonsten ist zu den Bildern noch zu bemerken, daß es nicht Zeichnungen nur für Ausstellungen oder Museen sind, sondern anhand der Zeichnungen fertigt Christo dann sein Projekt an. Dies sieht man daran, daß das Bild viele Linien und andere zusätzliche Informationen in Form von kleinen Notizen enthält. Wenn die Bilder zu Ausstellungen gebracht werden, werden an den Seiten der Zeichnung Fotos oder Bilder vom Original-Projekt gezeigt. Wenn die Bilder in Ausstellungen gehen, beginnt bereits die Kunst von Christo. Mit den Bildern regt er die Leute an, sich mit dem Thema zu beschäftigen und darüber ihre Meinungen auszutauschen. Damit erreicht er aber nur einen kleinen Teil der Bevölkerung. Um möglichst viele ansprechen zu können und dazu zu bringen, über Kunst zu reden, macht er die spektakulären Projekte. Die Zeichnungen haben aber auch einen finanziellen Hintergrund, mit ihrem Verkauf oder ihren Einnahmen aus Ausstellungen oder Museen finanziert er seine teuren großen Projekte. So ein Projekt kann über mehrere Jahre gehen und über 1 000 000 $ kosten. Zeichnungen reichen ihm aber nicht aus, um einen genauen Überblick über das Projekt zu erhalten, so fertigt er noch Modelle in einem genauen Maßstab an, an dem er dann seinen Faltenwurf, die Seilordnung und das Umfeld genau sortiert. Die Modelle steuern wie auch die Zeichnungen Geld zum eigentlichen Projekt hinzu. Die Modele haben immer einen sehr einfachen Aufbau und enthalten wie die Bilder nur die wichtigsten Gebäude und Teile des Umfeldes. Mit Hilfe der Modelle testet er auch die Perspektive des Originals. Dies ist notwendig, wie er sagt, damit man von jedem Standpunkt einen guten Blick auf das Projekt hat. Das Modell der Brücke ist ca 5m x 4m groß. Auf Verschönerungen verzichtet er weitestgehend. In dem Modell sieht man aber auch Menschen herumstehen und Autos, als ob das Projekt bereits existiert, aber nur etwas kleiner. Den Stoff, mit dem er die Brücke einhüllen will, testet er auch erst im Modell. Wenn das Modell fertig ist, so nimmt Christo noch letzte Feinkorrekturen vor. Die farbliche Gestaltung des Modells ist recht einfach, die eingehüllte Brücke hat einen weiß-grauen Stoff als Umhüllung. Die anderen Gebäude im Hintergrund sind größtenteils ebenfalls weiß-grau gehalten. Ansonsten verzichtet Christo auf farbliche Gestaltung.
    Im Jahre 1985 erreichte Christo endlich sein Ziel und erhielt von den Pariser Behörden die Genehmigung zum Einhüllen der Brücke. Dabei mußte er unterschiedlichsten Meinungen der Politiker entgegentreten und entkräften. Eine der größten Konflikte und auch eine der ersten Fragen, die ihm gestellt wurden, waren die der Finanzierung. Christo bezahlt aber all seine Projekte aus seiner eigenen Tasche. Dieses Geld kommt vom Verkauf der Bilder und Modelle, so daß die Stadt keinen Cent bezahlen muß. Viele verstehen es einfach nicht, wie man für ein Projekt, was nur 2 Wochen steht, über 1 Mio $ ausgeben kann, ohne dabei an Profit zu denken. "Für unsere materialistische Cesellschaft sind die Projekte ohne Sinn. Sie sind ein paar Tage da, man kann sie sehen oder nicht, und dann verschwinden sie wieder. Das bringt natürlich die Leute durcheinander." (Christo) Bei seinem PONT-NEUF-Projekt unterstützte wie auch bei anderen Projekten, ihn kräftig sein Schwiegervater und ließ seine Beziehungen spielen. So konnte Christo sogar Michel Debre' (ehemaliger Ministerpräsident) sprechen und ihn von seinen Projekt überzeugen. Im Jahre 1985 kam dann auch das OK vom Pariser Bürgermeister Jacques Chirac. Er fand das Projekt bereits vorher gut, wollte aber die 83er Wahl nicht beeinflussen und seine Wiederwahl nicht gefährden. Außerdem sah er die Gefahr, daß die Projekte einen zu starken politischen Hintergrund bekommen, wenn Christo seine Fürsprecher in hohen Politikerkreisen sucht. Nachdem er die Genehmigung hatte, konnte mit der technischen Umsetzung seines Projektes begonnen werden. Die genauen P1äne hatte Christo bereits vor Jahren ausgearbeitet, so daß sofort begonnen werden konnte. Christo beaufsichtigte das Projekt die ganze Zeit.
    Am 22. September 1985 vollendeten 300 höchstspezialisierte Arbeiter das Kunstwerk von Christo "Die eingepackte PONT-NEUF-Brücke". Nach Christos Plan sollten die Seiten und die Gewölbe der 12 Brückenbögen, die Geländer bis zum Bürgersteig, die Bürgersteige und Rinnsteine, die Straßenlaternen zu beiden Seiten der Brücke, die waagerechten Teile des steilen Ufers von Ile bis in die Stadt und der Vorplatz von Vert-Galant in einen seidig glänzenden Stoff eingehüllt werden. Der Stoff wurde von 13000m Seil und 12.lt Stahlseil getragen. Dabei spielten die Stahlseile die Verankerung im Wasser, wo sie Haufen zu je einem Meter unter Wasser bilden. Ingenieurtechnisch hatten die Christo-Mitarbeiter viel Unterstützung von Gerüstbauern in Paris. Nachdem die Brücke eingehüllt war, war die Kunst für Christo aber nicht zu ende, sondern fing erst an. Mit einem Team von 40 Personen und 600 Betreuern vergewisserte sich Christo alle 24 Stunden der guten Instandhaltung des Projekts. Und er machte das, was ihm am meisten liegt, er diskutierte über seine Kunst mit Passanten. Dies gehört, wie er selbst sagt, zu den wichtigsten Aufgaben eines Künstlers. Dabei stellte er fest, daß seine Projekte meist eine eigene Identität aufbauen und so auch die unterschiedlichsten Interpretationen zulassen. Er sagt selbst: "In gewisser Weise weiß ich selbst nicht, was es letztlich ist.". (Christo)
    Man darf bei einer Interpretation von Christos Projekt nicht nur das spektakuläre des realen Projektes sehen, sondern muß auch die Bilder und Modelle mit einbeziehen. Seine Bilder und Modelle der PONT-NEUF vermitteln mir etwas Schlichtes und auf das Wesentliche bezogene. Christo setzt mit seinem Projekt der PONT-NEUF-Brücke die Tradition der erfolgreichen Umwandlung und Umgestaltung der Brücke durch sein Einpacken fort. Er zeigt damit auch eine neue skulpturelle Dimension, die 14tägige Transformation eines alten Kunstwerkes in ein neues modernes Kunstwerk. Die seidige Leinwand, welche an der Struktur der Brücke festgemacht und mit Seilen unterstützt wurde, unterstreicht die Art des Reliefs und die besondere Form dieser Brücke, welche die steilen Ufer der Seine und der Ile mit der mit der City, dem Herzen von Paris seit mehr als 1000 Jahren verbindet. Bei Christos Kunst, finde ich, wird ein altes Kunstwerk wieder zum Leben erweckt, und man entdeckt es wieder neu. Dies läßt sich so erklären: Der Mensch nimmt Gegenstände, die er ständig sieht, als gegeben hin und beschäftigt sich nicht weiter mit ihnen. Aber wenn ein Gebäude plötzlich verschwindet oder ihm ein anderes Aussehen gegeben wird, so macht man sich schon Gedanken über dieses. Wenn die Transformation abgeschlossen ist und das alte Gebäude wieder zum Vorschein kommt, sieht man die Brücke aus einem ganz anderen Licht. Ein anderer wichtiger Aspekt in der Kunst von Christo ist, daß er mit seinen Projekten die Sensationslust der Menschen befriedigt. Denn viele Menschen fühlen sich nur angesprochen, wenn irgend etwas aufregendes Neues in ihrer Umgebung auf sie einwirkt und sich viele auf einmal damit beschäftigen.


    Surrounded Islands


    Das Projekt "Surrounded Islands" war zeitlich gesehen vor dem PONT- NEUF-Projekt. Im Jahre 1974 kam Christo die Idee zu den Surrounded Islands. Das Projekt beruht auf den Bildern von Claude Monet. Er war ein französischer Impressionist. Das Bild "Die Seerosen" malte er nach 1890, Es gehört zu seinen späteren Werken. In diesen Werken ist der Gegenstand zugunsten der farbigen Erscheinung weitgehend aufgelöst. Dieses Bild muß Christo das erste mal gesehen haben, als er nach Paris ging. Wahrscheinlich beeindruckte ihn die farbige Gestaltung so sehr, daß er daraus ein Projekt machen wollte, die "Surrounded Islands".
    Wie beim PONT-NEUF-Projekt bereits beschrieben, fing er als erstes wieder an, Bilder und Zeichnungen zu fertigen. Für das erste Bild, das er anfertigte, nahm er eine Luftaufnahme und fügte mit rosa Faserschreiber die Umrandung der Inseln hinzu. Später fertigte er auch seine Zeichnungen, nach denen er wieder sein Projekt aufbaut. Bereits die Bilder strahlen mit einem intensiven Rosa und geben auch schon einen Ausblick auf das große Projekt. In seinen Zeichnungen sieht man nicht alle Inseln auf einmal, sondern nur eine kleine Inselgruppe. Im Vordergrund des Bildes sieht man eine einzelne Insel, wie sie während des Projektes aussieht. Diese Insel wurde mit einer rosa Umrandung eingefaßt. Die Insel stammt aus der Biscayne Bay von Miami. Im Hintergrund des Bildes sieht man noch weitere Inseln, die die Vermutung zulassen, daß das Projekt ein größeres Ausmaß annimmt. Weiterhin sieht man im Hintergrund noch Teile der Stadt Miami. Insgesamt umrandete Christo 11 Inseln in der Biscayne Bay. Christo wählte den Ort, wo er sein Projekt machen wollte, wohl aus verschiedenen Gründen aus. Der erste Grund könnten vielleicht die starken Probleme von Miami sein. Miami hat sich einen Namen als Seniorenheim der USA gemacht. Ein weiteres Problem sind die hohen Arbeitslosenzahlen und der Rückgang des Tourismus. Außerdem kommt noch die hohe Zahl der unwillkommenen F1üchtiinge aus Kuba hinzu. Aber nicht nur Probleme ließen Christo diese Inseln auswählen, sondern auch die geographische Lage. Die Lage ist deshalb so wichtig, da man die Inseln von vielen verschiedenen Standpunkten aus sehen kann. Die Inseln sind im Jahre i920 entstanden, als man den Schutt aus zahlreichen Kanälen in der Bay ablagerte und sich so Inseln bildeten. Christo war bei seinem ersten Besuch der Bay von den kleinen Inseln beeindruckt. "Ich war beeindruckt von der flachen, horizontal gegliederten Landschaft, aber auch von der Art und Weise, wie hier Erde und Wasser ineinanderfließen." (Christo)
    Christo sein Projekt lief auch wie alle anderen darauf hinaus, erst einmal die Behörden in Florida von seinem Projekt zu überzeugen. Nach einigen vergeblichen Versuchen gelang es ihm aber dennoch, und er konnte sein Projekt starten.
    Als Christo Arbeiter für sein Projekt sucht, fanden sich bald genug Helfer. Bei einem Arbeitslohn von 28$ pro Tag und einer sengenden Sonne fingen die Arbeiten an. Nach anfänglichen Schwierigkeiten mit dem Wetter ging dann alies gut voran. Während der Arbeit kamen sich Christo und die Arbeiter, die meist Studenten oder andere Kunstbegeisterte waren, immer näher. Dabei schaltete er sich in viele Diskussionen ein, um aufkommende Fragen und Details zu erläutern.
    Die Surrounded Islands sehen bereits in ihrer Entstehungsphase herrlich aus. Wenn man die Phasen der Entstehung von oben betrachtet, sieht es aus, als ob jemand Pinselstriche in der Landschaft verteilt und sie dann ausmalt. Christo wählte Pink für seine Surrounded Islands, weil es eine so "südliche, aber auch künstliche Farbe ist, ganz anders als die natürlichen Töne". Außerdem "reagiert dieses Rosa außerordentlich sensibel auf Reflexe". (ART 7/83) Als das Projekt fertig war, sah man, daß das Pink wunderschön mit dem hellgrün des Wassers harmonierte und weithin sichtbar war. Christo selbst sagt, daß die Inseln erblühen, wie die Seerosen auf den Bildern von Claude Monet. "Die riesigen Dimensionen und die ganze Schönheit des Projekts werden sichtbar vom Himmel aus: ein Gemälde aus Bäumen, Folie und Wasser. Visionen eines Realisten, Utopien eines Handwerkers, der mit seinen "Seerosen", mit dieser "poetischen Geste" (Christo), nicht nur eine riesige moderne Version der berühmten Bilderfolge des Impressionisten Claude Monet ins Meer malt, sondern zugleich etwas von der Kraft des Renaissance-Menschen und Allround-Künstlers Leonardo da Vinci in die Gegenwart überträgt. (ART 7/83) Dazu möchte ich noch sagen, daß das gewählte Pink für das Projekt lebensnotwendig ist, denn keine andere Farbe stellt sich dem Betrachter mehr in den Vordergrund als Pink oder andere Rosatöne. Nachdem dieses große Projekt geklappt hat und Christo schöpfte neuen Mut für die folgenden Projekte.


    Reichstag


    Eines seiner neuesten Projekte ist das Reichstag-Projekt, wo er den Deutschen-Reichstag in Stoff einhüllen will. Genau 23 Jahre brauchte Christo, um an die Verwirklichung seines Kunst-Projektes denken zu können. Der Mann der Christo auf diese Idee brachte, war Michaei S. Cullen. "ich kannte Christo im Sommer 1971. noch nicht persönlich. Ein Bekannter von mir reiste in die USA, um einen Dokumentarfilm über ihn zu drehen, dem gab ich eine Postkarte des alten deutschen Parlaments mit" (Cullen) Die Bekanntschaft wurde bald darauf, im Dezember 1971, in Zürich geschlossen. "Wir hatten uns verabredet, damit ich ihm Fotos, Grundrisse und Ansichten des Reichstags geben konnte." Als der damalige Bundestagspräsident Karl Carstens 1977 die Verpackung des Gebäudes ablehnte, wollte Christo sich damit nicht abfinden. "Er bat mich, Literatur zusammenzustellen, aber ich fand nur sehr wenig, was ihm nutzen konnte." Und da Cullen "genau wie Christo ein zäher und hartnäckiger Typ" (Cullen) ist, gab er sich nicht zufrieden und fertigte selbst einige Bücher an.
    Der Reichstag, den Christo einhüllen will wurde von Paul Wallot konstruiert. Paul Wallot lebte von i841-19i2 und wurde in Frankfurt geboren. Als damals der Reichstag unter der Regierung des Kaisers gebaut wurde, entstanden viele Mißverständnisse zwischen Wallot und dem Kaiser. Der Reichstag war für damalige Verhältnisse ein moderner und sehr symbolischer Bau. Das zeigt sich zum Beispiel an der Kuppel, über die heute so gestritten wird. Die sollte in ihrer Höhe das Selbstbewußtsein des Parlaments ausdrücken. Deshalb fand sie der Kaiser auch gar nicht gut. Sie mußte auf seinen Befehl hin verkleinert werden, weil sie nicht höher sein durfte, als das Berliner Schloß. Auch die Inschrift "Dem deutschen Volke" wollte anfangs der Kaiser nicht, Erst 1916 wurde sie angebracht. Die Inschrift soll die Verbundenheit des deutschen Volkes mit diesem Gebäude und dem darin befindlichen Parlament erdeutlichen. Das Kunstwerk hat schon begonnen, im Frühjahr 1995 wird es sichtbar. Der Countdown für das Christo-Projekt "Wrapped Reichstag" (Verhüllter Reichstag) läuft unmerklich, aber intensiv. Christo und seine Frau Jeanne Claude gründeten erst kürzlich eine GmbH, um dem Reichstags-Eigen- tümer Bundesrepublik gegenüber rechtlich als Vertragspartner zur Verfügung zu stehen. Die Geschäftsführer: Roland Specker, Christos Mitstreiter in Berlin und seit 25 Jahren im Baugeschäft, sowie Wolfgang Volz, Projekmanager und Fotograf aus Düsseldorf. Priorität des Verpackungsteams: die Sicherheit.
    Der Reichstag wird mit Hilfe von 100 000 Metern Polypropylen-Gewebe in ein silbrig-glänzendes Kunstwerk verwandelt. Etwa 10 Millionen Mark müssen Christo und Jeanne Claude aufbringen. "Jedes Projekt kostet das gleiche: Alles, was wir haben und alles, was wir uns leihen können", so sieht es Christos Frau. Christo kommt für alles auf, was mit dem Projekt in Zusammenhang steht, Dazu gehören Sicherheitskräfte, Material, Vor- und Nacharbeitungskosten.
    Zur Zeit beschäftigen sich die Macher, die gegen ihre Erwartungen in Berlin bei den Behörden "offene Türen einrennen", mit den Sicherheitsfragen. Eine noch ungeklärte Frage ist die Feuerfestigkeit des Gewebes, das Christo verwenden will. Um die Sicherheitsauflagen, die auch Christo beachten muß, zu erfüllen, muß das zu verwendende Gewebe erst noch in der BAM untersucht werden.
    Seine Finanzierung ist zum größten Teil bereits fertig, die er wie immer aus dem Verkauf seiner Zeichnungen bezieht. Allerdings verzichtet Christo auf Marketing, Werbeverträge, Eröffnungsgalas, Exclusiv-Rechte in den Medien und auf Sponsoren, denn er will in allem unabhängig sein. Sogar die Feuerwehr, die die i4 Tage 24 Stunden je Tag Dienst tun soll, wird von Christo bezahlt. "Keine Steuermittel beanspruchen, auch nicht versteckt." (Christo)
    Als er 1971 den Reichstag sah, entdeckte er die besondere Lage dieses Gebäudes, denn es war in Ost und West zu sehen, so konnte er auch seine Kunst hinter den "eisernen Vorhang" bringen. Diese besondere Lage behielt der Reichstag auch nach der Öffnung der Grenze. Behördenmäßig gesehen ist es sein größtes Projekt, denn bis jetzt hatte er es nur mit einer sturen Behörde auf einmal zu tun. Aber um eine Genehmigung zum Reichstags-Projekt zu erhalten, mußte er mit den Behörden von England, Frankreich, USA, Rußland und Deutschland sprechen und sie von seinem Projekt überzeugen.
    Wie bei allen Projekten wurden und werden Zeichnungen und Modelle vom verpackten Reichstag angefertigt. Seinen skizzenhaften Stil führt er auch bei den Reichstags-Zeichnungen weiter. Die Bilder zeigen den Reichstag in verschiedenen Perspektiven. Gestaltungsmäßig fertigt er seine Bilder mit Stiften an, auf Maierfarben verzichtet er. Die Hintergründe in all seinen Reichstags-Bildern werden nur in Umrissen und grob ausgezeichnet. Auf Details wie z.B. Fenster, Menschen, Autos oder anderen Verschönigungen verzichtet er zugunsten des Reichstages, der im Rampenlicht stehen soll. Der Reichstag ist bereits in den späteren Farben gehalten, auch die Seilführung wird in den Bildern beachtet. Christo fügt die technisch notwendigen Stahlseile in sein Kunstwerk mit ein und macht sie zu tragenden Objekten in den Bildern. Wie in all seinen Projekt-Zeichnungen, so sind auch hier wieder Konstruktionslinien zu sehen. Dadurch wird das Bild in kleine Segmente aufgeteilt. Auch vermitteln mir diese Zeichnungen ein gutes Beispiel für konstruiertes Zeichnen. Er wendet dabei die Mittel der Zweipunkt-Perspektive und die Überdeckung an.
    Für die Interpretation von Eingehüllten Gebäuden trifft auch hier im groben die Interpretation der PONT-NEUF-Brücke zu. Christo gibt als eine mögliche Interpretation an, daß er mit der Verhüllung des Reichstages all die Probleme, die Symbole und die politischen Entscheidungen der Vergangenheit einpacken, um sie nachher aus einer anderen Sichtweise zu betrachten ,und regt damit wieder zum Nachdenken über die Probleme und versucht, einen neuen Anfang der deutschen Geschichte aufzuzeigen. Auch die Erneuerung der Sichtweise, daß der Reichstag ein Kunstwerk ist, bekräftigt Christo mit seinem Projekt und setzt den Gedanken von Wallot fort.

    Quellennachweis


    diverse Zeitungsartikel aus Berliner Tageszeitungen (ca 10 verschiedene)
    Video Material "Islands"
    Textmaterial aus ART-Ausgaben
    Vorlesungsmaterial aus der Vorlesung der HU in Berlin am 2. Juni 1994

    © 1996 by Andreas Körner, alle Rechte vorbehalten



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