Alpsegen - Alptraum
Fuer eine Tourismusentwicklung im Einklang
mit Mensch und Natur
Autor: Michael Stenschke
12. Klasse
Geographie Leistungskurs 1995
Berlin, der 17.05.1995
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Die Alpen sind fuer uns das klassische Hochgebirge: Es ist nicht
nur das naechstgelegene, sondern es wurden hier viele
grundlegende Erkenntnisse ueber Bau, Entstehung und Entwicklung
eines Hochgebirges, ueber die Hoehenstufengliederung und den
Charakter der einzelnen Stufen sowie der Wald und Baumgrenze,
ueber Nutzungsmoeglichkeiten hinsichtlich Energie- und
Rohstoffressourcen und die verkehrsmaessige Erschliessung gewonnen.
Die Alpen sind das am dichtesten besiedelte Gebirgsmassiv der
Erde.
-
"Dem Alpenraum kommen im wesentlichen drei Grundfunktionen zu:
- - Lebens- und Wirtschaftsraum fuer die Einheimische Bevoelkerung
- - grossraeumiger naturnaher Erholungsraum europaeischer Bedeutung
- - grossraeumiger oekologischer Ausgleichsraum von europaeischer
Bedeutung."
- (Dr. Fritz Maerz, Deutscher Alpenverein, 1980)
Diese Funktionen werden durch sogenannte zivilisatorische
Eingriffe immer mehr beeintraechtigt. Die Alpen verlieren ihr
natuerliches Gesicht, und es kommt zu Katastrophen, die haetten
vermieden werden koennen.
Aber es gibt Vorschlaege und die ersten Musterbeispiele, wie die
Natur nicht mehr nur ausgebeutet wird, sondern auch wieder
hergestellt wird bzw. von Anfang an richtig geschuetzt. Es
existieren auch diverse Schutzvereine, z.B. der Deutsche
Alpenverein oder die Internationale Alpenschutzkommision CIPRA.
In diesem Referat werde ich kurz die Entstehung der Alpen
beschreiben und dann den Einfluss des Menschen von seinem ersten
Auftritt bis heute darstellen. Dabei gehe ich auf die Bergbauern
ein, die fuer das heutige Aussehen der Almen ausschlaggebend
waren, und dann vor allem der Tourismus und andere oekologische
Ausbeutungen der Alpen. Vorschlaege und auch schon die ersten
Ansaetze werde ich zeigen. Man kann auch wieder einige, beinahe
ausgestorbene Tierarten wieder in den Alpen finden, wie zum
Beispiel der Alpensteinbock.
Die Alpen ist ein wichtiges natuerliches Zentrum in Europa,
welches nicht zerstoert werden darf.
Geographie und Geologie
Die Alpen sind das umfangreichste, hoechste und am staerksten
differenzierte Gebirge Europas. Mit einer Nord-Sued-Ausdehnung
von 150 bis 250 km und einer West-Ost-Ausdehnung von rund 1000
km bedecken sie eine Grundflaeche von mehr als 200000 kmý. An der
Nordkueste des westlichen Mittelmeeres, am Golf von Genova,
steigen die Bergmassive der Alpen mit den Ligurischen,
Provenzalischen und Meeralpen rasch vom Meeresniveau bis auf
3397 m (Meeralpen) an, finden nach Norden in Cottischen und
Dauphin‚-Alpen ihre Fortsetzung und erreichen in den Savoyer,
Berner und Walliser Alpen die groessten Hoehen. Hier gibt es mehr
als 10 Gipfel ueber 4000m, darunter die zwei hoechsten Berge, den
Montblanc mit 4808 m und den Monte Rosa mit 4634 m. Hier
befinden sich auch die vier groessten Alpengletscher mit dem rund
115 kmý grossen Aletschgletscher.
Die Bergketten schwenken ihre Richtung von nord-suedlich (Savoyer
Alpen und suedlich davon) auf eine West-Ost-Richtung in den
Berner und Walliser Alpen. Diese Orientierung behalten sie
nordoestlich und oestlich davon im wesentlichen bei, wie in den
™tztaler Alpen, den Hohen und Niederen Tauern, den Karnischen
Alpen, Karawanken, Bayerischen Alpen mit Wetterstein- und
Karwendelgebirge sowie den Nordtiroler und Salzburger Kalkalpen.
Dieser Bogen wird im Osten durch die bis 2863 m hohen Julischen
Alpen, deren Kaemme in nordwest-suedoestlicher Richtung ziehen,
geschlossen.
Die Entstehung der Alpen begann vor rund 100 Millionen Jahren.
Sie entstanden an der Nordseite einer alten Geosynklinale, des
Ur-Mittelmeers (Thetys), im Laufe von Prozessen, die in der
Kreidezeit begannen, also kurz vor dem Ende der Saurierzeit. Den
Hoehepunkt in der Faltung und Hebung war im Jungtertiaer. Die
Alpen entstanden in einem Gebiet, in dem sich vorwiegend
Sedimente aus dem Erdmittelalter (Jura) und aus dem Alttertiaer
an der Oberflaeche befanden. Durch den Druck den die afrikanische
Platte von Sueden her auf die eurasische ausuebte, kam es zur
Faltung der Alpen. Gleichzeitig kam auch Druck von unten, so dass
sich die Alpen auch in die Hoehe entwickeln konnten. Die Alpen
haetten so leicht eine Hoehe von ueber 10000 m erreicht, wenn da
nicht die andauernde Verwitterung und Abtragung waere, die auf
unseren Planeten ueberall zu finden. Viele Falten sind auch
aufgebrochen, weil das Gestein teilweise sehr bruechig ist, aber
die eckigen Taeler, die so entstehen wuerden, existieren heute
nicht mehr, weil sie durch das Eis im Pleistozaen zu Trogtaeler
umgeformt wurden. Viermal wurde das Gebirge durch einen
Eispanzer fast voellig eingehuellt, schoben sich die Gletscher
talwaerts und formten nicht nur die tiefen Trogtaeler, sondern
auch viele typische Bildungen der Hochgebirgsregion, die spitzen
Felsgrate und Tuerme der Kammregionen, die steilen Pyramiden und
tiefen Kare. Durch die Talwanderung der Gletscher und durch das
viermalige fast voellige Abtauen des Eispanzers wurden riesige
Mengen Schutt sowie grober und feiner Sedimente zu Tal getragen
und an den Talausgaengen sowie im Vorland des Gebirges
abgelagert.
Die unmittelbaren Folgen der Gebirgsbildung erstreckten sich
natuerlich nicht nur auf das Gebirge selbst, sondern erfassten
auch das noerdlich liegende Vorland. Dort wurde die Vortiefe des
entstandenen Gebirges zunaechst vom Molassemeer angefuellt. In
diese Senke schuetteten die aus den Alpen kommenden Fluesse grosse
Mengen an Abtragungsschutt, der sich mehr oder weniger
verfestigte und gegen Ende des Tertiaer zusammen mit dem Gebirge
emporgehoben wurde. Die dadurch entstandene, nach Norden
geneigte Flaeche wurde von den Alpenfluessen zerschnitten und
erhielt im Pleistozaen teils von den Gletschern, teils auch von
den abfliessenden Wassermassen ihr heutiges Gepraege. So entstand
eine abwechslungsreiche Landschaft, in der Grund- und
Endmoraenen, mehrere groessere Seen ( u.a. Ammersee, Chiemsee,
Starnberger See ), Molasseberge und von den aktuellen Fluessen
aufgeschuettete Schotterdecken das Bild bestimmen. Der Lauf der
Donau wurde nach Norden gegen den Bayerischen und Boehmerwald
abgedraengt, In dieser Zeit bildete sich auch der Bodensee.
Im Sueden wurde die Erde vom Meer bedeckt. Die aus den Alpen
kommenden Mengen von groben und feinen Sedimenten kamen,
gelangten in diese Senke und fuellten sie auf. Ein grosser Teil
der fliessenden Gewaesser fand schliesslich in dem aus den
Cottischen Alpen kommenden Wasserlauf, der heute den Namen Po
traegt, einen gemeinsamen, sich in das Adriatische Meer
ergiessenden Abfluss. Die Menge der Sinkstoffe, die noch heute
ueber den Po die Adria erreicht, ist so gewaltig, dass das Delta
jaehrlich bis zu 76 m ins Meer hinauswaechst.
Im Holozaen, also in den letzten rund 15000 Jahren, setzen sich
die oberflaechenformenden Prozesse fort, hauptsaechlich in Form
der physikalischen Verwitterung, des Schutt- und
Geroelltransports, der Gletscherbewegungen und der verschiedenen
Wirkungen des Wassers (Erosion, Denudation). Seit dieser Zeit
griff auch der Mensch immer mehr in diese Prozesse ein, indem er
sie beschleunigte und verstaerkte, wie z.B. die Erosion durch
Abholzen der Waelder.
Der Mensch und die Alpen
Die ersten Bewohner
Die bisher fruehesten archaeologischen Funde von Menschen in ganz
Europa stammen vom Rande der Alpen, und zwar von de Rivera
zwischen Nizza und Imperia; sie sind ca. eine Million Jahre alt.
Offenbar kamen diese ersten Europaeer ueber das Mittelmeer und
fanden in dieser unwirtlichen Zeit - mitten waehrend der dritten
Eiszeit - hier gute Lebensbedingungen. Obwohl neben der Rivera
auch die alpennahe Provence in Suedfrankreich bald bevorzugtes
Siedlungsgebiet der ersten Europaeer wurde, stammen die ersten
gesicherten Funde von Menschen im Alpenraum erst aus der Zeit
vor etwa 100000 Jahren, also aus der letzten Zwischenzeit. Es
ist aber anzunehmen, dass auch in den beiden davor liegenden
Zwischenzeiten der Mensch als Sammler und Jaeger die Alpen
durchstreift und saisonal ( im Sommer) bewohnt hat. Diese
Nutzung blieb aber nur sporadisch und fluechtig.
Das Sammler- und Jaegerstadium (das Palaeolithikum) wurde von der
neolithischen Revolution abgeloest, d.h. durch die Faehigkeit,
Haustiere zu zuechten, Getreide anzubauen und Keramik
herzustellen. Nach Europa gelangten diese Kenntnisse aus dem
Nahen Osten ueber das Mittelmeer schnell an die Rivera (um 5500
v.Chr.), waehrend der Ostalpenrand auf dem Weg ueber den Balkan
gut 1000 Jahre spaeter erreicht wurde. Offenbar verdraengten die
neuen neolithischen Gesellschaften die alten palaeolithischen
Staemme, die sich teilweise in den Alpenraum zurueckzogen und dort
noch relativ lange ihr herkoemmliches Leben fortfuehrten.
Der damalige Naturraum Alpen war wegen seiner dichten
Waldbedeckung fuer den Ackerbau erst gar nicht zu gebrauchen,
aber fuer die Viehzucht erlangte er bald Bedeutung: Rivera,
Provence und Rhonetal, in neolithischen Zeiten relativ dicht
bevoelkert, unterliegen dem Mittelmeerklima, das durch relativ
milde und feuchte Winter und trockene und warme Sommer
gekennzeichnet ist. Waehrend im Spaetherbst, Winter und Fruehjahr
diese Gebiete gute Weidemoeglichkeiten bieten, ist der Sommer
wegen der anhaltenden Trockenzeit ziemlich unguenstig. Die
Mattenregion der Alpen oberhalb der Baumgrenze ist dagegen in
dieser Jahreszeit gerade schneefrei, kennt keine Trockenheit und
bietet ein optimales Weidegebiet. So kam es, dass man die Tiere,
vor allem die Schafe, im Sommer in die Alpen zu schicken und im
Winter in der Naehe der Kueste zu halten, diese Wanderschaft nennt
man auch Transhumance (Wanderschafhaltung).
Die naechste Neuerung - die Erfindung der Metallverarbeitung -
kam um 2000 v.Chr. wieder ueber das Mittelmeer bzw. ueber den
Balken in die Alpen, weil solche Fundstellen in Europa ziemlich
selten waren. Diese lagen in sehr grossen Hoehen, fast immer
oberhalb der Baumgrenze, teilweise direkt unterhalb der
Schneegrenze, und das zeigt, dass der erste menschliche
Nutzungsraum in den Alpen in den oberen Regionen lag, in solchen
Regionen also, die nicht nur vom Gelaende ( relativ eben) und vom
Klima her bevorzugt waren, sondern wo auch weder der ansonsten
dichte Wald noch die unzaehmbaren Fluesse den Menschen vor
besondere Schwierigkeiten stellten. Bergbau und transhumante
Almnutzung haben sich offenbar gegenseitig bestaerkt und
vorangetrieben, so dass wir ab 2000 v.Chr. eine intensivere
Nutzung der oberen Alpenregion feststellen koennen. Und damit
gehoeren die Alpen seit dieser Zeit nicht mehr zu den
Randgebieten Europas (wie z.B. die deutschen Mittelgebirge, die
erst im Mittelalter besiedelt wurden).
Der naechste Schritt in der Nutzung der Alpen ging dann dahin,
dass die Menschen das Gebirge nicht nur im Sommer nutzten,
sondern sich dort Dauersiedlungsplaetze schufen, was durch
zahlreiche kriegerische Ereignisse vorangetrieben wurde. Mit der
Sesshaftigkeit mussten aber alle notwendigen Lebensmittel vor Ort
produziert werden, und das bedeutete, dass die Milch- und
Fleischproduktion durch den Ackerbau ergaenzt werden mussten, um
eine komplette Versorgung und ein autarkes Wirtschaften zu
gewaehrleisten. Damit war die Lage der ersten
Dauersiedlungsplaetze an den Bereich des Getreideanbaus gebunden
(heutige Obergrenze zwischen 1100 m in den Randgebieten und 2200
m in den zentralen Alpen, damals duerfte diese Grenze aufgrund
des etwas waermeren Klimas ca. 300 m hoeher verlaufen sein).
Fuer solche Siedlungen boten sich eine Reihe von Plaetzen an, wo
der Wald bereits gelichtet war, was die Rodungsarbeiten sehr
erleichterte: In den Taeler der zahlreichen kleineren Seiten- und
Nebentaeler war der Talboden meist eben und in voller Breite
erhalten, denn kleinere Seen die sich hier einmal befanden sind
verlandet. Der Wirtschaftsraum der Alpennutzer aenderte sich also
durch die Sesshaftigkeit, wenngleich der Ackerbau anfangs nur
eine Ergaenzung der Viehwirtschaft bedeutete. Ackerbau wurde auf
den Rodungsflaechen rings um die Dauersiedlungsplaetze betrieben,
und diese Flaechen waren lange Zeit sehr klein. Die dagegen
vergleichsweise grossen Mattengebiete brachten zwar im Sommer
einen recht guten Ertrag, waren dafuer aber nur ca. 100 Tage im
Jahr zu nutzen. Aus diesen Bedingungen heraus entwickelten die
Bergbauern das System der Almwirtschaft, das sich diesen
Bedingungen optimal anpasste:
Hauptproduktionszeit und -ort ist der kurze Hochsommer auf der
Alm, der so produktiv sein muss, dass mit seinen Ertraegen der
lange Winter durchgestanden werden kann. Voraussetzung dafuer ist
die Faehigkeit, die Almprodukte (also im wesentlichen die Milch
durch Umwandlung in Kaese) halt- und lagerbar zu machen. Das
aelteste, noch praehistorische Verfahren war die Sauerkaeserei, bei
der die Milch durch laengeres Stehenlassen auf natuerliche Weise
gerinnt und der Kaese - ohne grosse weitere Bearbeitung - relativ
fluessig bleibt; er durch die Roemer wurde dann spaeter die
Labkaeserei eingefuehrt ( die wohl im Vorderen Orient entstanden
ist), die Gerinnung der Milch mittels Kaelbermagenbeize, die die
Haltbarkeit und Transportfaehigkeit des Kaeses deutlich
verbesserte. Durch Ackerbau, Heugewinnung und etwas Gartenkultur
sowie durch die Nutzung des Waldes (als Waldweide und als
Rohstoff- und Futterlieferant ) wurde die Almproduktion ergaenzt
und erweitert. Auf diese Weise gelang es den Menschen, sich in
die Alpen Lebensmoeglichkeiten auch im Winter zu schaffen - in
einer Zeit, die eigentlich "natuerlicherweise" dem Menschen keine
Lebensmoeglichkeit bietet.
Die Bergbauern
Durch die Voelkerwanderung verursacht, dringen ab dem 6.
Jahrhundert n.Chr. langsam neue Staemme in den Alpraum, die die
Almwirtschaft bereits als eine fertig ausgebildete Betriebsform
vorfinden und uebernehmen. Das Wachstum der Bevoelkerung fuehrt zu
einer Ausweitung des Siedlungsgebietes mittels Rodungen. Den
Hoehepunkt bildet dabei das hohe Mittelalter (11. bis 14.
Jahrhundert): Der Siedlungsraum wird in dieser Zeit ganz
erheblich vergroessert, und er wird an vielen Stellen bis an die
Grenzen des Moeglichen vorangetrieben. Damals wurde das Alpenbild
gepraegt so wie wir es heute vorfinden bzw. bis vor 30 Jahren
noch vorgefunden haben.
Durch diesen Siedlungsbau wurde das alpine oekologische
Gleichgewicht in wesentlichen Teilen veraendert. Dies setzte
natuerlich nicht schlagartig ein, es war ein jahrunderte- und
jahrtausendelanger Prozess, der hier nur zu einem Hoehepunkt
gekommen ist. Die Veraenderungen durch den Menschen bestanden in
den folgenden drei Punkten:
- Schaffung der Kulturstufe der Almen durch Vergroesserung der
alpinen Matten mittels Rodungen und durch Veraenderung der
Vegetationsdecke;
- Schaffung der talnahen Kulturstufe mittels Rodungen;
- Entsumpfung der grossen Talboeden.
Dieser dritte Punkt hat den
Menschen am laengsten Schwierigkeiten bereitet, er wurde im
Mittelalter erst langsam begonnen, die Entsumpfung der grossen
Alpentaeler von Rhone, Rhein, Inn usw. ist erst Ergebnis des 19.
und 20. Jahrhunderts.
Zu 1. muss gesagt werden, dass dieser Schritt auch seine Zeit
dauerte, denn fuer die Bauern normal, das Vieh in den Wald zu
treiben, und auf der Alm galt das besonders, weil der Wald die
beste Zuflucht bei Unwetter oder bei sengender Sonne war. Und
diese sogenannte Waldweide schadet dem Wald ungemein: Die jungen
Baumschoesslinge und die frischen Triebe an den Žsten werden von
den Ziegen besonders gerne abgefressen, und durch den Tritt der
Tiere wird der Waldboden so verdichtet, dass neue Schoesslinge nur
noch schwer durchkommen. Waldweide ueber einen laengeren Zeitraum
hinweg fuehrt dazu, dass der Wald sich nicht mehr regenerieren
kann und langsam abstirbt. Hinzu kommt, dass die Almwirtschaft
staendig einen sehr grossen Holzbedarf hat - abgesehen von Holz
fuer Bauten, Zaeune, Werkzeuge usw. verlangt die Kaeseherstellung
Tag fuer Tag ein starkes Feuer unter dem grossen Kaesekessel. Da
damals noch sehr viel Wald in den Alpen existierte, bediente
sich die Bergbauern ohne Ruecksicht. Ziemlich bald aber bemerkten
die Bergbauern einen Nebeneffekt: Der klimatisch beguenstigte
Raum hoert ja nicht abrupt bei der Waldgrenze auf sondern reicht
auch noch ein gutes Stueck abwaerts. Und je tiefer man kommt,
desto besser waechst das Gras auf den gerodeten Stellen und desto
hoeher wird der Ertrag der Almwirtschaft. Daher war es irgendwann
selbstverstaendlich die Almflaechen systematisch nach unten zu
erweitern. Hinzu kam noch der Holzbedarf fuer Bergbau und
Erzverarbeitung.
Zu 2. Die Kulturstufe des Talbereichs: Aus gehend von den ersten
Siedlungen im Talschluss der Seitentaeler begann der Mensch immer
groessere Teile in Talnaehe zu und sich neue Siedlungsplaetze zu
erschliessen. Diese lagen nicht in den Taelern unten am Wasser,
weil dort die šberschwemmungsgefahr zu gross und die
Sonneneinstrahlung zu gering war. Die neuen Orte lagen fast alle
auf den sued-exponierten Haengen oberhalb des Talbodens, auf
Hangterassen oder Schwemmkegeln von Seitenbaechen. Gerodet wurden
daher auch schwerpunktmaessig die Suedhaenge, waehrend die Nordhaenge
meist voellig unangetastet blieben und heute noch oft durchgehend
bewaldet sind. Bei diesen Rodungen nun haette man irgendwann mit
den Rodungen von den ALmen abwaerts zusammenstossen muessen. Aber
die Bergbauern merkten ganz frueh, dass dann die Lawinengefahr
immens zunimmt und das Kulturland bedroht. Zwischen den beiden
Rodungsraeumen wurde daher ein etwas breiterer Streifen Wald als
Lawinenschutz stehengelassen, der Bannwald, der bereits in
mittelalterlichen Dokumenten als unbedingt schuetzenswert mit
bewusstem Verweis auf die oekologischen Probleme beschrieben wird.
Um die Erosion der gerodeten Haenge zu verhindern, wurden
Terrassen angelegt, oder an bestimmten Steilstellen Baeume
stehengelassen. Neben den vorbeugenden Massnahmen war dann die
regelmaessige Bearbeitung und Pflege des Bodens sehr wichtig, denn
eine gleichmaessig-dichte Wiese kann mehr Wasser speichern und ist
besser gegen Erosion geschuetzt als eine ungleichmaessige und
loechrige Wiese. Und alle beginnenden Erosionsansaetze mussten
moeglichst sofort wieder befestigt und gesichert werden. Obwohl
die oekologische Stabilitaet durch die Rodungen also labiler und
anfaelliger geworden war, erreichten es die Bergbauern, mit ihrer
Arbeit dies Labilitaet wettzumachen und dem Kulturland eine
Stabilitaet zu geben, die der des Waldes entsprach.
Fuer den Almbereich gilt das eben Gesagte zur Stabilitaet nicht:
Hier befindet sich ja der Solifluktionsbereich, der ein relativ
instabiles Gleichgewicht darstellt. Indem der Mensch hier
mittels Almwirtschaft eingreift, erhoeht er die oekologische
Stabilitaet, indem er die freie zugunsten der gebundenen
Solifluktion zurueckdraengt.
Ein weiterer Eingriff geschah in den inneralpinen Gebieten, die durch ihr
kontinentales Klima ziemlich wenig Niederschlaege erhalten. Hier
hatten sich auf den sonnenexponierten Haengen eine
Steppenvegetation entwickelt, und dies war fuer den Menschen
unbrauchbar. Also wurden Bewaesserungssysteme geschaffen, die von
den Gletschern ihr Wasser erhielten.
Auf diese Weise ist der gesamte Alpenraum bis hinein in die
oberste Mattenregion grundlegend veraendert worden. Nur die
sogenannte Pioniervegetation der Fels- und Eisstufe sowie einige
sehr hohe und isolierte Matten sind dieser Veraenderung
entgangen. Mit diesen gewaltigen Veraenderungen - die alle
Vorstellungen vom Naturraum Alpen ueber den Haufen werfen - musste
aber jetzt der Mensch anstelle der Natur die Sicherung und
Aufrechterhaltung selbst in die Hand nehmen. Das ist noetig, um
seine Lebensbasis zu sichern und zu erhalten, denn ohne die
staendige Verausgabung von Arbeit wird die die Labilitaet der
alpinen Umwelt so gross, dass die Kulturlandschaft durch
"Natur"-Katastrophen radikal bedroht wird und der Mensch wieder
die Lebensmoeglichkeiten verliert, die er sich muehsam geschaffen
hatte.
Die Entwicklung ab 1850
Um 1850 hatten die Alpen das absolute Bevoelkerungsmaximum ihrer
gesamten bisherigen Geschichte erreicht, anschliessend nahm die
Zahl der Bergbauern aufgrund der immer groesser werdenden
wirtschaftlichen Schwierigkeiten kontinuierlich ab. Dieser
Rueckgang hat eine Veraenderung der bergbaeuerlichen Wirtschaft zur
Folge , die immer extensiver betrieben wird. Dabei lassen sich
folgende Stadien feststellen:
- Der Hanf- und Flachsanbau wird aufgegeben, weil Kleidung und
Arbeitsmaterialien industriell so billig hergestellt werden, dass
die eigene Produktion nicht mehr lohnt.
- Der arbeitsintensive Ackerbau wird zugunsten der extensiveren
Viehwirtschaft ganz aufgegeben oder auf einige Kartoffelfelder
beschraenkt, die Felder werden in Gruenland umgewandelt.
Gleichzeitig wird die Viehwirtschaft selbst eingeschraenkt und
weit entfernte oder unguenstig gelegene Talwiesen und Almflaechen
werden nicht mehr bewirtschaftet.
- Die Kaeseproduktion auf der Alm wird eingestellt (zu teurer
Arbeitsaufwand fuer kleine Produktionsmenge) und die Milch per
Landrover oder Milchpipeline ins Tal zur Verarbeitung
abtransportiert.
- Die Milchproduktion auf der Alm wird generell eingestellt
(immer noch zu arbeitsintensiv), die Kuhalmen werden zu reinen
Galtviehalmen, also Jungrinderaufzucht, umgewandelt (der Bauer
braucht nur noch zweimal am Tag mit dem Landrover zum Fuettern zu
kommen), und alle hoeher gelegenen Almen werden aufgelassen, d.h.
nicht mehr genutzt.
- Die Viehwirtschaft wird generell auf den hofnahen Talbereich
beschraenkt, die Almregion wird vollstaendig aufgegeben.
Neue Nutzungsformen der Alpen
Die Alpentaeler wurden waehrend des 19. und 20. Jahrhundert
entsumpft. Dort entwickelten sich unter anderem
hochtechnisierte, intensive Obst- und Gemuesekulturen, die z.b.
im Wallis oder in Suedtirol (groesstes geschlossenes Kernobstgebiet
Europas) sehr grossen Umfang annahmen. Zum anderen wurden diese
Gebiete in der zweiten Haelfte des 19. Jahrhunderts bevorzugte
Industriestandorte, weil die neuentwickelte elektrische Energie
hier bequem zur Verfuegung stand (damals konnte Strom noch nicht
ueber weite Entfernungen transportiert werden) und weil der
Anschluss an die grossen internationalen Verkehrsstrecken, z.B.
Eisenbahn, gegeben war. Neben dem oesterreichischen
Schwerindustrie-Gebiet der Mur-Muerz-Furche und dem franzoesischen
sillon alpin am Rand der Savoyer Alpen, die besonders stark
industriell gepraegt wurden, entstanden in vielen Alpentaelern
v.a. entlang der grossen Verkehrsleitlinien zahlreiche
Industrieanlagen. Dadurch wurde bevoelkerungspolitisch zwar ein
Gegengewicht zur Abwanderung der Bergbauern gesetzt, aber es sah
in vielen Faellen so aus, dass Arbeiter neu in den Alpenraum
eingewandert sind, weil sich die Bergbauern vor Ort nicht an
solche Arbeitsverhaeltnisse gewoehnen wollten oder konnten. Im
Rahmen der juengsten europaeischen Wirtschaftskrise geraten fast
alle diese alpinen Industrieanlagen auch in die Krise, zumal
sich ihr ehemaliger Standortvorteil laengst in ein Nachteil
verwandelt hat. Ihre Zukunft sieht zur Zeit sehr duester aus.
Eine weitere neue Nutzung ist die Nutzung der Wasserkraft zur
Stromerzeugung in den Alpen. Bis 1930 entstanden zahlreiche
kleine und dezentrale Anlage, die die Bergbauerngemeinden vom
Stromimport unabhaengig gemacht haben, diese aber wurden,
ungefaehr ab 1930, zugunsten von grossen Anlagen, die mittels
Stauseen auch im Winter groessere Mengen Strom liefern, wieder
abgebaut. Heute sind ca. 85 % der nutzbaren Wasserkraft der
gesamten Alpen erschlossen. Da nicht in jedem Tal ausreichend
Wasser dafuer vorhanden ist, werden auch Nachbartaeler angezapft,
das fuehrt dort zu problematischen Grundwasserspiegelsenkungen,
die die gesamte Vegetation bedrohen. Ausserdem werden beim
anlegen von Stauseen viele Tiere und Pflanzen vernichtet.
Die wichtigste neue Nutzungsform, die heute oft als die einzige
gesehen wird, ist der Tourismus. Er entstand zwar schon am Ende
des 18. Jahrhunderts, aber er war bis zum Beginn des
Massentourismus - also etwa bis 1955 - ein Phaenomen, das nur
ausgewaehlte Orte und kleine Regionen betraf (vor allem die Ufer
der Alpenseen, einige Thermalbaeder und einige wenige
Bergsteigerdoerfer). Das aenderte sich ab 1955 so grundlegend, dass
der Massentourismus-Boom mit keinem anderen historischen Vorgang
im Alpenraum zu vergleichen ist! Er veraendert und ueberformt die
alpine Landschaft so schnell und so stark, dass Bildbaende aus der
Zeit vor 1955 heute bereits einen wichtigen
Dokumentationscharakter haben.
Der Massentourismus
Dieser Massentourismus-Boom laesst sich in zwei Phasen aufteilen,
zuerst den Sommertourismus, und dann den Wintertourismus (ab
1965). Waehrend der Sommertourismus vor allem klimatisch und
verkehrsmaessig guenstig gelegene Orte im Tal erschliesst,
konzentriert sich der Wintertourismus auf das hohe Gebiet, denn
die weiten und sanften Almregionen sind aus klimatischen Gruenden
(Schneesicherheit, hohe Sonnenscheindauer) und weil hier keine
Baeume das Skifahren behindern das ideale Skigebiet. Und mit
Hilfe einiger Schneisen in den Bannwald lassen sich leicht ohne
grosse Kosten optimale Skiabfahrten bis hinab ins Tal anlegen.
Der Wintertourismus baut daher die hoechstgelegenen
Dauersiedlungsplaetze oder ehemalige Almsiedlungen zu Ski-zentren
aus oder schafft voellig neue Skiorte aus der Retorte in der
Hoehenlage um 2000 m. Die Obergrenze der Dauersiedlungen in den
Alpen wird dadurch nach oben verschoben, sofern man diesen
Begriff hier ueberhaupt anwenden moechte.
Sommer- und Wintersportorte werden nicht nur durch
Hotelsiedlungen, Pensionen, Einkaufszentren, Kur- und
Gaestezentren mit Hallenbad, Tennisanlagen (geheizt) usw.
erweitert, sondern auch durch Zweitwohnungen, die dann den
groessten Teil des Jahres leerstehen). Diese tragen nicht
unwesentlich dazu bei, dass alle Touristenorte immer mehr aus den
Naehten platzen, dass die Grenzen zwischen Siedlungsraum und
freier Landschaft verwischen und das grossstadtaehnliche Orte
entstehen, die fast die gesamte Kulturlandschaft des Talbereichs
ueberwuchern. Nicht nur von ihrer Bevoelkerungsdichte (teilweise
1300 Menschen/kmý) und ihrer Architektur, auch von der
Umweltverschmutzung (Luftverschmutzung wie in Berlin) her
gleichen diese Orte mitteleuropaeischen Grossstaedten. Im Gegensatz
zu den Bergbauern, die ihre Orte am liebsten an solchen Stellen
gebaut haben, wo nichts oder wenig wuchs, besetzen die
Siedlungen heute mit Vorliebe gerade die schoensten und
fruchtbarsten Stellen der Kulturlandschaft. Nur der Bereich der
mittleren Region hat bisher wenig an diesem Boom teilgehabt,
denn zum Skifahren gibt es hier zu wenig Schneesicherheit und zu
viel Wald, zum Wandern und Klettern ist die dramatische Fels-
und Eisregion zu weit entfernt, und zu Spazierengehen ist es
hier zu steil.
Die Auswirkungen dieses Boom, der innerhalb von 30 Jahren das
traditionelle Bild des Alpenraums stellenweise bis zur
Unkenntlichkeit veraendert hat, sind kaum zu ueberschaetzen: Der
Tourismus hat die Alpen voellig neu gepraegt und die herkoemmlichen
Lebensformen ins Abseits gedraengt. Aus dem landwirtschaftlich
gepraegten Raum ist ein Dienstleistungszentrum von europaeischen
Rang geworden, und aus den selbstaendigen Bauern sind Angestellte
im tertiaeren Sektor geworden. Die Bevoelkerungszahlen sprechen
eine deutliche Sprache: Um 1900 betrug die Gesamtbevoelkerung der
Alpen ca. acht bis neun Millionen Menschen. Diese Zahl duerfte
bis 1955 in etwa gleich geblieben sein, weil die Abwanderung der
Bauern durch die zusaetzlichen Arbeitsplaetze in Industrie und
Tourismus ausgeglichen worden sein duerfte. Ab 1955 setzt dann
der Boom ein: 1970 = 12,3 Millionen und 1982 = 17 Millionen
Alpengesamtbevoelkerung. Damit hat sich die Einwohnerzahl der
Alpen in 30 Jahren verdoppelt. Das sind
Bevoelkerungswachstumsraten, wie wir sie sonst nur aus
Entwicklungslaendern kennen! Hinzu kommen 60 Millionen Kurz- und
Wochenendurlauber und 40 Millionen laengerbleibende Urlauber pro
Jahr, die die Alpen regelmaessig ueberfluten. Dass die Bauern in
dieser Menschenflut untergehen und von ihr aufgesogen werden,
ist nicht verwunderlich.
Aber es gleich zu sagen, diese Entwicklung verlaeuft nicht im
gesamten Alpenraum so, und der Tourismus ballt sich nur auf
einigen Gemeinden. Die 49 Millionen šbernachtungen in Bayrischen
Alpen z.B. verteilen sich zu 75 % in bloss 23 Gemeinden. Oder in
Graubuenden und im Wallis verdichtet sich der Fremdenverkehr
jeweils zu 60 % in nur zehn Orten. Genauso verhaelt es sich auf
der Ebene der Alpenregionen untereinander: Der Tourismus ballt
sich in den bekannten Gebieten, den "Modegebieten", waehrend
grosse unbekannte Alpenregionen (z.B. Cottische, Ligurische,
Orobische Alpen usw.) nur von wenigen Touristen besucht werden.
Die Alpen zerfallen also in zwei Bereiche, die sich voellig
unterschiedlich entwickeln, ein Teil wird bestimmt durch
industrielle Nutzung, moderne landwirtschaftliche
Intensiv-Kulturen, vor allem aber durch die Entwicklung des
Massentourismus, und er bringt grossstadtaehnliche Agglomerationen
in einem begrenzten punkt- und bandfoermigen Bereich hervor. Der
andere Teil ist durch die zerfallende Bergbauernwirtschaft als
Abwanderungsgebiet charakterisiert, in ihm sind zahlreiche Orte
wuest geworden, oder werden nur noch von wenigen, meist alten
Menschen bewohnt. Die Entwicklung der letzten 30 Jahre heisst
also: flaechenmaessige Einsiedlung des Alpenraums bei
grossstadtaehnlicher Bevoelkerungsballung in den groesseren Taelern
und an wenigen ausgewaehlten Punkten.
Die Umwelt in den Ballungsgebieten
Die oekologische Stabilitaet wird durch diese gegensaetzliche
Entwicklung auf sehr unterschiedliche Weise betroffen, deshalb
muss man beide Raeume getrennt betrachten, ich werde dabei
besonders auf Gebiete des Massentourismus eingehen, und von den
anderen Raeumen nur ein paar Punkte erwaehnen.
Was die Nutzung der Alpen in den expandierenden Gebieten
betrifft, so liegt die oekologische Belastung durch Industrie,
Wasserkraft, Verkehr, Jagd und durch die Bautaetigkeit des
Tourismus und seiner Abfaelle auf der Hand. All diese - auch aus
dem Flachland bekannten - Umweltbelastungen wirken sich aber in
den Alpen verstaerkt aus, denn inneralpine Becken- und
Tallandschaften lassen die verschmutzte Luft nur schwer
entweichen, und haeufig anzutreffende Inversions-Wetterlagen
verstaerken dies noch - die Luftverschmutzung konzentriert sich
daher erheblich staerker als im Flachland. Dadurch wird die
Sonneneinstrahlung verringert und das Wachstum der Pflanzen geht
zurueck, abgesehen von den direkten Vergiftungserscheinungen bei
Pflanze, Tier und Mensch. Beim Wasser werden ebenso alle
Verunreinigungen konzentriert, weil Gebiete mit sehr grosser
Oberflaeche alle in den selben Bach entwaessern. Besonders
gravierend wirkt sich die Erschliessung der Gletscher fuer den
Sommertourismus und den Sommerskilauf aus, was bereits das
Quellgebiet verschmutzt. Dadurch werden nicht nur die Alpen
belastet, die groessere Gefahr liegt darin, dass die Alpen als
europaeisches Trinkwasser-Reservoir umkippen.
Hinzu kommt die Belastung durch den sauren Regen, die in der
juengsten Zeit in katastrophaler Weise am Nordrand der Alpen
zugenommen hat. Galten zum Beispiel in Vorarlberg nach
offiziellen Angaben Ende 1982 nur weniger als 20 % des
Waldbestands als bedroht, so waren es im Sommer 1983 bereits 30
- 40 %, im Herbst 1983 45 % und im Januar 1984 50 - 60 %.. Damit
rueckt das grossflaechige Absterben des Bergwaldes in greifbare
Naehe, durch das die Haenge ihren wichtigsten Erosionsschutz
verlieren. Neben Muren-, Bergsturz- und Lawinenkatastrophen
drohen šberschwemmungen grossen Ausmasses, die sogar das
Alpenvorland bedrohen.
Darueberhinaus gibt es eine besondere Belastung des alpinen
™ko-Systems durch den Tourismus: Durch die Seilbahnen und
Sessellifte ist die Almregion fuer den Massentourismus im Sommer
und Winter sehr gut erschlossen. Dieser Bereich ist aber durch
die Solifluktionserscheinungen ziemlich labil und wenig
belastbar. Schon Massen von Spaziergaengern, die kreuz und quer
umherstreifen, erschuettern das labile Gleichgewicht, was zum
Aufreissen der Vegetationsdecke fuehren kann, oder treten die
Vegetation so haeufig nieder, dass sie dadurch ernsthaft Schaden
nimmt. Noch groesseren Schaden richtet aber der Pistenskilauf an,
denn durch das staendige Befahren der Piste wird der Schnee
zusammengedrueckt und teilweise in Eis verwandelt, bei Pisten die
durch die Pistenfahrzeuge geglaettet werden ist es noch
schlimmer. Diese Stellen tauen dann im Fruehling erheblich spaeter
auf, und die Verkuerzung der Vegetationsperiode um zwei bis drei
Wochen ist in der Almregion ein ganz entscheidender Faktor.
Leicht Buckel auf der Piste werden von den Skifahrern schnell
vom Schnee blankgefahren, und die scharfen Skikanten rasieren
die Vegetation ab. Der allergroesste Schaden wird aber da
angerichtet, wo Skipisten ueberhaupt erst im unebenen Gelaende
mittels Abschuerfungen und Begradigungen des Bodens durch
Planierraupen geschaffen werden, denn dann werden grosse Flaechen
von der schuetzenden Vegetationsdecke beraubt.
Durch all diese Belastungen wird die Vegetationsdecke
beschaedigt, aufgerissen oder ganz weggeraeumt. Der blanke
Erdboden wird im Fruehjahr bei der Schneeschmelze oder bei
starken Gewitterguessen im Sommer leicht erodiert, weil er ohne
schuetzende Vegetationsdecke kaum Wasser halten kann und alles
Wasser oberirdisch abfliessen muss, wobei die schon erwaehnten
Muren entstehen, gegen die es kaum Schutzmassnahmen gibt. Muren
sind ein schlammartiges Gemisch aus Wasser, Erdreich und Steinen.
Ausserdem koennen auf solch blanken Stellen im Fruehjahr leichter
Lawinen abgehen, die einen weiteren Teil des Bodens mitreissen.
Durch Muren, Lawinen und Erosion wird das sanfte, wellige
Almgebiet so zerfurcht, dass nach einigen Jahren sogar Probleme
fuer die Skifahrer entstehen, die dann durch Planierraupen
beseitigt werden - Ausgangspunkt fuer neue, groessere Schaeden.
Da zu einem "richtigen" Skigebiet mehrere Abfahrten von ganz
oben ins Tal hinab gehoeren, ist im Rahmen der Wintererschliessung
der Alpen eine Menge des wertvollen Bannwaldes gerodet worden
und wird heute auch noch taeglich gerodet. Die Lawinengefahr
steigt dadurch erheblich. Sie wird aber noch zusaetzlich weiter
verstaerkt: Die alten Bergbauernsiedlungen waren aufgrund
jahrtausendlanger Erfahrung ziemlich lawinensicher ausgelegt.
Heute uebergeht man solche Erfahrung, wenn eine schneesichere
Lage, gute Erreichbarkeit und eine praechtige Fernsicht hohen
Profit versprechen - und das Ergebnis sind dann die sogenannten
"Natur"-Katastrophen. Der groesste Teil solcher Naturkatastrophen
laesst sich auf schwerwiegende Stoerungen und Eingriffe in das
oekologische Gleichgewicht zurueckfuehren, sie sind also ganz
direkt vom Menschen verschuldet.
In den nicht mehr benutzen Gebieten, wo sich die
Bergbauernkultur zurueckgezogen hat und es auch kein
Massentourismus gibt, entstehen auch grosse Erosionsschaeden. Die
nicht bearbeiteten Wiesen entwickeln eine ungleichmaessigen Wuchs,
das ungemaehte Gras wird ziemlich lang, es legt sich im Winter
nach unten und verzoegert das neue Wachstum um ca. 2 Wochen. Das
lange, nach unten gedrueckte Gras bietet im Winter und vor allem
im Fruehling sehr gute Rutschbahnen fuer den Schnee, die
Lawinengefahr wird deutlich erhoeht, und mit diesen Lawinen wird
oft ein Teil der Vegetationsdecke mitgerissen, weil das lange
Gras stellenweise am Schnee festfriert. Die Vegetationsdecke
wird so immer mehr durchloechert, die Erosion greift aus.
Die Rettung der Alpen?
Nach den Vorstellungen einiger Naturschutzgruppen sollten die
Alpen in ein riesiges Naturschutzgebiet umgewandelt werden, ohne
den Massentourismus und ohne die Land- und Forstwirtschaft, wozu
auch die Almwirtschaft gehoert:
"Es gibt zahlreiche Probleme in den Alpen: der ueberbordende
Tourismus mit Strassen, anderen Infrastrukturen und dem
Zweitwohnungsboom ist nur der bekannteste Gegner der Umwelt.
Dann auch die Land- und Forstwirtschaft, wo auch die
Almwirtschaft dazugehoert ..."
(Klaus Gerosa, Alpen vor dem Tod - Berg heul, aus Umweltmagazin
Juni/Juli 1984)
Die Bergbauern sollten nur kleine Gebiete zugewiesen bekommen,
und sie sollten ihr Land wir vor 150 Jahren bearbeiten. Dass man
das nicht machen kann, ist klar.
Eine Zukunft fuer den Alpenraum kann nicht in einer
Festschreibung oder Wiederherstellung bestimmter historischer
Verhaeltnisse bestehen, sondern es geht darum, neue
Nutzungsweisen und -moeglichkeiten zu entwickeln, die die
positive Seite der modernen Entwicklung festhalten und
weiterentwickeln, ohne gleichzeitig die negativen Seiten zu
uebernehmen.
Um die Lawinengefahr zu verringern, gab es in der Schweiz schon
1876 ein Forstgesetz, es sah vor, dass nur noch so viel Holz
geschlagen werden darf, wie im gleichen Jahr nachwaechst.
Absoluten Schutz sollten fortan die Schutzwaelder geniessen. Es
schuetzt sie aber nicht vor der chemischen Belastung durch die
Luftverschmutzung.
-
Die Muenchner Alpenschutzkonferenz von 1986 schlaegt folgende
Gegenmassnahmen zum Thema Tourismus und Sport vor:
- - Statt einen weiteren quantitativen Ausbau von touristischen
Einrichtungen zu foerdern, sind vorhandene Kapazitaeten besser zu
nutzen. Regenerierbare Ressourcen sollen statt nicht
regenerierbarer verwendet, unrentable Fremdverkehrsanlagen
sollten eingestellt werden.
- - Neu geplante, aber auch bestehende Einrichtungen des
Fremdenverkehrs muessen auf ihre Umwelt-, Kultur und
Sozialvertraeglichkeit geprueft werden, bei negative Pruefergebnis
muessen die Planungen veraendert, noetigenfalls eingestellt werden
oder vorhandene Einrichtungen verbessert werden.
- - Auf touristische Grossprojekte und Neubauten fuer sportliche
Grossveranstalungen, wie beispielsweise die herkoemmlichen
olympischen Winterspiele, ist im gesamten Alpenraum zu
verzichten.
- - Der Einsatz von Schneekanonen zur Verlaengerung der Skisaison
fuehrt zur zusaetzlichen Belastung von Vegetation und Landschaft
und zur Energieverschwendung. Schneekanonen muessen in allen
Alpenlaendern verboten werden, der Einsatz von Pistenraupen ist
einzuschraenken.
- - Der weitere Bau von Zweitwohnungen und ueberhaupt ein
spekulativer Entwicklungsdruck von aussen auf Alpengemeinden ist
durch hohe Zweitwohnungsbesteuerung, restiktive Bauleitplanung
und Abschoepfen von Spekulationsgewinnen unattraktiv zu machen.
- - Zwischen Regionen, die vom Fremdenverkehr profitieren und
Regionen, die aus oekologischen Gruenden nicht fuer den
Fremdenverkehr erschlossen werden sollen, ist ein finanzieller
Ausgleich vorzusehen.
Im langfristigen Interesse der Einheimischen, der
Erholungssuchenden und des Natur- und Landschaftsschutzes ist
das Konzept des "Sanften Tourismus" entwickelt worden. Sanfter
Tourismus soll sozial- und umweltvertraeglicher sein als der
bisher vorherrschende, kapital- und erschliessungsintensive
"Harte Tourismus".
- Das Konzept des "Sanften Tourismus" verlangt:
- - Der Tourismus soll als Erwerbsquelle nicht dominieren. Deshalb
ist die Landwirtschaft zu erhalten, und Handwerk, Gewerbe und
sonstige Dienstleistungen sind zu foerdern.
- - Vorhandene Gebaeude sollen genutzt, ansaessige Arbeitskraefte und
Betriebe beschaeftigt und die landschaftlichen Eigenarten
erhalten werden.
- - Damit Beteiligung und Einflussnahme aller Interessen in einer
Gemeinde oder Talschaft gewaehrleistet werden, sind
beteiligungsfoerdernde Planungsverfahren zu erproben.
- - Sanfter Tourismus heisst auch: Entwicklung in kleinen Schritten
an Stelle von einzelnen, strukturveraendernden Grossprojekten.
Zusammenfassung
Wenn man die eben genannten Regeln befolgen wuerde, und auch den
Transitverkehr einschraenkt und auf Schienen umstellt und andere
oekologische Probleme beachtet, koennten die Alpen wieder zu einem
stabilen ™kosystem werden. Die Bergbauern sollten, mit Hilfe des
Staates und durch die Gemeindeeinkuenfte durch den Tourismus, die
Almen wieder bearbeiten, natuerlich nicht so wie frueher, sondern
nur soweit, wie es die Flaechen nicht von alleine schaffen. Damit
soll die Erosion verhindert werden.
Der Staat muss fuer eine Einschraenkung im Tourismus sorgen, und
vor allem die oben genannten Regeln einhalten bzw. dafuer sorgen,
dass sie eingehalten werden. Die Waelder sollten aufgeforstet
werden, aber davor muss die Luftverschmutzung verringert werden,
da ja sonst wieder die ganzen Baeume erkranken. Dies schafft er
nur durch haertere Gesetze fuer die Industrie und dem Verkehr.
Der Tourist sollte sich beim Wandern oder Skifahren auf den
vorgeschriebenen Wegen bleiben, denn wenn er sie verlaesst,
zerstoert er nicht nur die Vegetation, er stoert die Tierwelt, die
ja schon viel zu viel gelitten hat. Kurz moechte ich noch
erwaehnen, dass die Tiere, vor allem Rotwild, durch den Tourismus
weggedraengt wurden, und so auf kleinere Gebiete verteilt sind,
denn sie koennen ihre ehemaligen Wege nicht mehr begehen, weil da
zum Beispiel jetzt ein grosses Skihotel steht mit vielen
Touristen. Dadurch fehlt den Tieren ihre Weideflaechen, und sie
muessen an den Rinden der Baeume kauen um sich zu ernaehren, dies
schadet wieder den Wald.
Es wird nicht leicht sein aus den Alpen wieder ein vollstaendiges
stabiles ™kosystem, aber durch die Mithilfe aller koennte es
funktionieren. Das viel Geld gebraucht wird, ist klar, aber die
Alpenlaender muessen dabei zusammenarbeiten, und das Geld koennen
sie aus den Tourismuseinkuenften nehmen.
Die Alpen muessen gerettet werden, nicht nur weil es dort viele
einzigartige Tiere und Pflanzen gibt, sondern weil die Alpen
auch Europas Trinkwasserresservoir ist, von dem wir abhaengig
sind.
Quellenangabe
Die Alpen, Naturbearbeitung und Umweltzerstoerung, Werner Baetzing,
Sendler Verlag, Frankfurt am Main 1984
CIPRA, Dokmente, Initiativen, Perspektiven;Fuer eine bessere
Zukunft der Alpen, Red. Dr. Stephan Ortner, 1992
Hochgebirge der Erde und ihre Pflanzen- und Tierwelt, Hrsgb.
Prof. Dr. Gerhard Klotz, Urania Verlag Leipzig - Jena - Berlin
1989
Muenchner Alpenschutzkonferenz der Friedrich-Ebert-Stiftung, 19.
- 21. November 1986, Red. Brigitte Nake-Mann,
Friedrich-Ebert-Stiftung 1987
Umweltvertraegliche Planung im Alpenraum, Hans Joachim Schemel u.
Gernot Ruhl, Deutscher Alpenverein, Muenchen und Berlin 1980
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© 1996 by Michael Stenschke, alle Rechte vorbehalten