Alpsegen - Alptraum

Fuer eine Tourismusentwicklung im Einklang
mit Mensch und Natur

Autor: Michael Stenschke
12. Klasse
Geographie Leistungskurs 1995

Berlin, der 17.05.1995


Inhaltsverzeichnis

  • Vorwort
  • Geographie und Geologie
  • Der Mensch und die Alpen
    Die ersten Bewohner
    Die Bergbauern
    Die Entwicklung ab 1850
    Neue Nutzungsformen der Alpen
    Der Massentourismus
    Die Umwelt in den Ballungsgebieten
    Die Rettung der Alpen?
  • Zusammenfassung
  • Quellenangabe


  • Vorwort

    Die Alpen sind fuer uns das klassische Hochgebirge: Es ist nicht nur das naechstgelegene, sondern es wurden hier viele grundlegende Erkenntnisse ueber Bau, Entstehung und Entwicklung eines Hochgebirges, ueber die Hoehenstufengliederung und den Charakter der einzelnen Stufen sowie der Wald und Baumgrenze, ueber Nutzungsmoeglichkeiten hinsichtlich Energie- und Rohstoffressourcen und die verkehrsmaessige Erschliessung gewonnen. Die Alpen sind das am dichtesten besiedelte Gebirgsmassiv der Erde.

    "Dem Alpenraum kommen im wesentlichen drei Grundfunktionen zu:
    - Lebens- und Wirtschaftsraum fuer die Einheimische Bevoelkerung
    - grossraeumiger naturnaher Erholungsraum europaeischer Bedeutung
    - grossraeumiger oekologischer Ausgleichsraum von europaeischer Bedeutung."
    (Dr. Fritz Maerz, Deutscher Alpenverein, 1980)

    Diese Funktionen werden durch sogenannte zivilisatorische Eingriffe immer mehr beeintraechtigt. Die Alpen verlieren ihr natuerliches Gesicht, und es kommt zu Katastrophen, die haetten vermieden werden koennen.

    Aber es gibt Vorschlaege und die ersten Musterbeispiele, wie die Natur nicht mehr nur ausgebeutet wird, sondern auch wieder hergestellt wird bzw. von Anfang an richtig geschuetzt. Es existieren auch diverse Schutzvereine, z.B. der Deutsche Alpenverein oder die Internationale Alpenschutzkommision CIPRA.

    In diesem Referat werde ich kurz die Entstehung der Alpen beschreiben und dann den Einfluss des Menschen von seinem ersten Auftritt bis heute darstellen. Dabei gehe ich auf die Bergbauern ein, die fuer das heutige Aussehen der Almen ausschlaggebend waren, und dann vor allem der Tourismus und andere oekologische Ausbeutungen der Alpen. Vorschlaege und auch schon die ersten Ansaetze werde ich zeigen. Man kann auch wieder einige, beinahe ausgestorbene Tierarten wieder in den Alpen finden, wie zum Beispiel der Alpensteinbock.

    Die Alpen ist ein wichtiges natuerliches Zentrum in Europa, welches nicht zerstoert werden darf.


    Geographie und Geologie

    Die Alpen sind das umfangreichste, hoechste und am staerksten differenzierte Gebirge Europas. Mit einer Nord-Sued-Ausdehnung von 150 bis 250 km und einer West-Ost-Ausdehnung von rund 1000 km bedecken sie eine Grundflaeche von mehr als 200000 kmý. An der Nordkueste des westlichen Mittelmeeres, am Golf von Genova, steigen die Bergmassive der Alpen mit den Ligurischen, Provenzalischen und Meeralpen rasch vom Meeresniveau bis auf 3397 m (Meeralpen) an, finden nach Norden in Cottischen und Dauphin‚-Alpen ihre Fortsetzung und erreichen in den Savoyer, Berner und Walliser Alpen die groessten Hoehen. Hier gibt es mehr als 10 Gipfel ueber 4000m, darunter die zwei hoechsten Berge, den Montblanc mit 4808 m und den Monte Rosa mit 4634 m. Hier befinden sich auch die vier groessten Alpengletscher mit dem rund 115 kmý grossen Aletschgletscher.

    Die Bergketten schwenken ihre Richtung von nord-suedlich (Savoyer Alpen und suedlich davon) auf eine West-Ost-Richtung in den Berner und Walliser Alpen. Diese Orientierung behalten sie nordoestlich und oestlich davon im wesentlichen bei, wie in den ™tztaler Alpen, den Hohen und Niederen Tauern, den Karnischen Alpen, Karawanken, Bayerischen Alpen mit Wetterstein- und Karwendelgebirge sowie den Nordtiroler und Salzburger Kalkalpen. Dieser Bogen wird im Osten durch die bis 2863 m hohen Julischen Alpen, deren Kaemme in nordwest-suedoestlicher Richtung ziehen, geschlossen.

    Die Entstehung der Alpen begann vor rund 100 Millionen Jahren. Sie entstanden an der Nordseite einer alten Geosynklinale, des Ur-Mittelmeers (Thetys), im Laufe von Prozessen, die in der Kreidezeit begannen, also kurz vor dem Ende der Saurierzeit. Den Hoehepunkt in der Faltung und Hebung war im Jungtertiaer. Die Alpen entstanden in einem Gebiet, in dem sich vorwiegend Sedimente aus dem Erdmittelalter (Jura) und aus dem Alttertiaer an der Oberflaeche befanden. Durch den Druck den die afrikanische Platte von Sueden her auf die eurasische ausuebte, kam es zur Faltung der Alpen. Gleichzeitig kam auch Druck von unten, so dass sich die Alpen auch in die Hoehe entwickeln konnten. Die Alpen haetten so leicht eine Hoehe von ueber 10000 m erreicht, wenn da nicht die andauernde Verwitterung und Abtragung waere, die auf unseren Planeten ueberall zu finden. Viele Falten sind auch aufgebrochen, weil das Gestein teilweise sehr bruechig ist, aber die eckigen Taeler, die so entstehen wuerden, existieren heute nicht mehr, weil sie durch das Eis im Pleistozaen zu Trogtaeler umgeformt wurden. Viermal wurde das Gebirge durch einen Eispanzer fast voellig eingehuellt, schoben sich die Gletscher talwaerts und formten nicht nur die tiefen Trogtaeler, sondern auch viele typische Bildungen der Hochgebirgsregion, die spitzen Felsgrate und Tuerme der Kammregionen, die steilen Pyramiden und tiefen Kare. Durch die Talwanderung der Gletscher und durch das viermalige fast voellige Abtauen des Eispanzers wurden riesige Mengen Schutt sowie grober und feiner Sedimente zu Tal getragen und an den Talausgaengen sowie im Vorland des Gebirges abgelagert.

    Die unmittelbaren Folgen der Gebirgsbildung erstreckten sich natuerlich nicht nur auf das Gebirge selbst, sondern erfassten auch das noerdlich liegende Vorland. Dort wurde die Vortiefe des entstandenen Gebirges zunaechst vom Molassemeer angefuellt. In diese Senke schuetteten die aus den Alpen kommenden Fluesse grosse Mengen an Abtragungsschutt, der sich mehr oder weniger verfestigte und gegen Ende des Tertiaer zusammen mit dem Gebirge emporgehoben wurde. Die dadurch entstandene, nach Norden geneigte Flaeche wurde von den Alpenfluessen zerschnitten und erhielt im Pleistozaen teils von den Gletschern, teils auch von den abfliessenden Wassermassen ihr heutiges Gepraege. So entstand eine abwechslungsreiche Landschaft, in der Grund- und Endmoraenen, mehrere groessere Seen ( u.a. Ammersee, Chiemsee, Starnberger See ), Molasseberge und von den aktuellen Fluessen aufgeschuettete Schotterdecken das Bild bestimmen. Der Lauf der Donau wurde nach Norden gegen den Bayerischen und Boehmerwald abgedraengt, In dieser Zeit bildete sich auch der Bodensee.

    Im Sueden wurde die Erde vom Meer bedeckt. Die aus den Alpen kommenden Mengen von groben und feinen Sedimenten kamen, gelangten in diese Senke und fuellten sie auf. Ein grosser Teil der fliessenden Gewaesser fand schliesslich in dem aus den Cottischen Alpen kommenden Wasserlauf, der heute den Namen Po traegt, einen gemeinsamen, sich in das Adriatische Meer ergiessenden Abfluss. Die Menge der Sinkstoffe, die noch heute ueber den Po die Adria erreicht, ist so gewaltig, dass das Delta jaehrlich bis zu 76 m ins Meer hinauswaechst.

    Im Holozaen, also in den letzten rund 15000 Jahren, setzen sich die oberflaechenformenden Prozesse fort, hauptsaechlich in Form der physikalischen Verwitterung, des Schutt- und Geroelltransports, der Gletscherbewegungen und der verschiedenen Wirkungen des Wassers (Erosion, Denudation). Seit dieser Zeit griff auch der Mensch immer mehr in diese Prozesse ein, indem er sie beschleunigte und verstaerkte, wie z.B. die Erosion durch Abholzen der Waelder.


    Der Mensch und die Alpen

    Die ersten Bewohner

    Die bisher fruehesten archaeologischen Funde von Menschen in ganz Europa stammen vom Rande der Alpen, und zwar von de Rivera zwischen Nizza und Imperia; sie sind ca. eine Million Jahre alt. Offenbar kamen diese ersten Europaeer ueber das Mittelmeer und fanden in dieser unwirtlichen Zeit - mitten waehrend der dritten Eiszeit - hier gute Lebensbedingungen. Obwohl neben der Rivera auch die alpennahe Provence in Suedfrankreich bald bevorzugtes Siedlungsgebiet der ersten Europaeer wurde, stammen die ersten gesicherten Funde von Menschen im Alpenraum erst aus der Zeit vor etwa 100000 Jahren, also aus der letzten Zwischenzeit. Es ist aber anzunehmen, dass auch in den beiden davor liegenden Zwischenzeiten der Mensch als Sammler und Jaeger die Alpen durchstreift und saisonal ( im Sommer) bewohnt hat. Diese Nutzung blieb aber nur sporadisch und fluechtig.

    Das Sammler- und Jaegerstadium (das Palaeolithikum) wurde von der neolithischen Revolution abgeloest, d.h. durch die Faehigkeit, Haustiere zu zuechten, Getreide anzubauen und Keramik herzustellen. Nach Europa gelangten diese Kenntnisse aus dem Nahen Osten ueber das Mittelmeer schnell an die Rivera (um 5500 v.Chr.), waehrend der Ostalpenrand auf dem Weg ueber den Balkan gut 1000 Jahre spaeter erreicht wurde. Offenbar verdraengten die neuen neolithischen Gesellschaften die alten palaeolithischen Staemme, die sich teilweise in den Alpenraum zurueckzogen und dort noch relativ lange ihr herkoemmliches Leben fortfuehrten.

    Der damalige Naturraum Alpen war wegen seiner dichten Waldbedeckung fuer den Ackerbau erst gar nicht zu gebrauchen, aber fuer die Viehzucht erlangte er bald Bedeutung: Rivera, Provence und Rhonetal, in neolithischen Zeiten relativ dicht bevoelkert, unterliegen dem Mittelmeerklima, das durch relativ milde und feuchte Winter und trockene und warme Sommer gekennzeichnet ist. Waehrend im Spaetherbst, Winter und Fruehjahr diese Gebiete gute Weidemoeglichkeiten bieten, ist der Sommer wegen der anhaltenden Trockenzeit ziemlich unguenstig. Die Mattenregion der Alpen oberhalb der Baumgrenze ist dagegen in dieser Jahreszeit gerade schneefrei, kennt keine Trockenheit und bietet ein optimales Weidegebiet. So kam es, dass man die Tiere, vor allem die Schafe, im Sommer in die Alpen zu schicken und im Winter in der Naehe der Kueste zu halten, diese Wanderschaft nennt man auch Transhumance (Wanderschafhaltung).

    Die naechste Neuerung - die Erfindung der Metallverarbeitung - kam um 2000 v.Chr. wieder ueber das Mittelmeer bzw. ueber den Balken in die Alpen, weil solche Fundstellen in Europa ziemlich selten waren. Diese lagen in sehr grossen Hoehen, fast immer oberhalb der Baumgrenze, teilweise direkt unterhalb der Schneegrenze, und das zeigt, dass der erste menschliche Nutzungsraum in den Alpen in den oberen Regionen lag, in solchen Regionen also, die nicht nur vom Gelaende ( relativ eben) und vom Klima her bevorzugt waren, sondern wo auch weder der ansonsten dichte Wald noch die unzaehmbaren Fluesse den Menschen vor besondere Schwierigkeiten stellten. Bergbau und transhumante Almnutzung haben sich offenbar gegenseitig bestaerkt und vorangetrieben, so dass wir ab 2000 v.Chr. eine intensivere Nutzung der oberen Alpenregion feststellen koennen. Und damit gehoeren die Alpen seit dieser Zeit nicht mehr zu den Randgebieten Europas (wie z.B. die deutschen Mittelgebirge, die erst im Mittelalter besiedelt wurden).

    Der naechste Schritt in der Nutzung der Alpen ging dann dahin, dass die Menschen das Gebirge nicht nur im Sommer nutzten, sondern sich dort Dauersiedlungsplaetze schufen, was durch zahlreiche kriegerische Ereignisse vorangetrieben wurde. Mit der Sesshaftigkeit mussten aber alle notwendigen Lebensmittel vor Ort produziert werden, und das bedeutete, dass die Milch- und Fleischproduktion durch den Ackerbau ergaenzt werden mussten, um eine komplette Versorgung und ein autarkes Wirtschaften zu gewaehrleisten. Damit war die Lage der ersten Dauersiedlungsplaetze an den Bereich des Getreideanbaus gebunden (heutige Obergrenze zwischen 1100 m in den Randgebieten und 2200 m in den zentralen Alpen, damals duerfte diese Grenze aufgrund des etwas waermeren Klimas ca. 300 m hoeher verlaufen sein).

    Fuer solche Siedlungen boten sich eine Reihe von Plaetzen an, wo der Wald bereits gelichtet war, was die Rodungsarbeiten sehr erleichterte: In den Taeler der zahlreichen kleineren Seiten- und Nebentaeler war der Talboden meist eben und in voller Breite erhalten, denn kleinere Seen die sich hier einmal befanden sind verlandet. Der Wirtschaftsraum der Alpennutzer aenderte sich also durch die Sesshaftigkeit, wenngleich der Ackerbau anfangs nur eine Ergaenzung der Viehwirtschaft bedeutete. Ackerbau wurde auf den Rodungsflaechen rings um die Dauersiedlungsplaetze betrieben, und diese Flaechen waren lange Zeit sehr klein. Die dagegen vergleichsweise grossen Mattengebiete brachten zwar im Sommer einen recht guten Ertrag, waren dafuer aber nur ca. 100 Tage im Jahr zu nutzen. Aus diesen Bedingungen heraus entwickelten die Bergbauern das System der Almwirtschaft, das sich diesen Bedingungen optimal anpasste:

    Hauptproduktionszeit und -ort ist der kurze Hochsommer auf der Alm, der so produktiv sein muss, dass mit seinen Ertraegen der lange Winter durchgestanden werden kann. Voraussetzung dafuer ist die Faehigkeit, die Almprodukte (also im wesentlichen die Milch durch Umwandlung in Kaese) halt- und lagerbar zu machen. Das aelteste, noch praehistorische Verfahren war die Sauerkaeserei, bei der die Milch durch laengeres Stehenlassen auf natuerliche Weise gerinnt und der Kaese - ohne grosse weitere Bearbeitung - relativ fluessig bleibt; er durch die Roemer wurde dann spaeter die Labkaeserei eingefuehrt ( die wohl im Vorderen Orient entstanden ist), die Gerinnung der Milch mittels Kaelbermagenbeize, die die Haltbarkeit und Transportfaehigkeit des Kaeses deutlich verbesserte. Durch Ackerbau, Heugewinnung und etwas Gartenkultur sowie durch die Nutzung des Waldes (als Waldweide und als Rohstoff- und Futterlieferant ) wurde die Almproduktion ergaenzt und erweitert. Auf diese Weise gelang es den Menschen, sich in die Alpen Lebensmoeglichkeiten auch im Winter zu schaffen - in einer Zeit, die eigentlich "natuerlicherweise" dem Menschen keine Lebensmoeglichkeit bietet.


    Die Bergbauern

    Durch die Voelkerwanderung verursacht, dringen ab dem 6. Jahrhundert n.Chr. langsam neue Staemme in den Alpraum, die die Almwirtschaft bereits als eine fertig ausgebildete Betriebsform vorfinden und uebernehmen. Das Wachstum der Bevoelkerung fuehrt zu einer Ausweitung des Siedlungsgebietes mittels Rodungen. Den Hoehepunkt bildet dabei das hohe Mittelalter (11. bis 14. Jahrhundert): Der Siedlungsraum wird in dieser Zeit ganz erheblich vergroessert, und er wird an vielen Stellen bis an die Grenzen des Moeglichen vorangetrieben. Damals wurde das Alpenbild gepraegt so wie wir es heute vorfinden bzw. bis vor 30 Jahren noch vorgefunden haben.

    Durch diesen Siedlungsbau wurde das alpine oekologische Gleichgewicht in wesentlichen Teilen veraendert. Dies setzte natuerlich nicht schlagartig ein, es war ein jahrunderte- und jahrtausendelanger Prozess, der hier nur zu einem Hoehepunkt gekommen ist. Die Veraenderungen durch den Menschen bestanden in den folgenden drei Punkten:
    1. Schaffung der Kulturstufe der Almen durch Vergroesserung der alpinen Matten mittels Rodungen und durch Veraenderung der Vegetationsdecke;
    2. Schaffung der talnahen Kulturstufe mittels Rodungen;
    3. Entsumpfung der grossen Talboeden.
    Dieser dritte Punkt hat den Menschen am laengsten Schwierigkeiten bereitet, er wurde im Mittelalter erst langsam begonnen, die Entsumpfung der grossen Alpentaeler von Rhone, Rhein, Inn usw. ist erst Ergebnis des 19. und 20. Jahrhunderts.

    Zu 1. muss gesagt werden, dass dieser Schritt auch seine Zeit dauerte, denn fuer die Bauern normal, das Vieh in den Wald zu treiben, und auf der Alm galt das besonders, weil der Wald die beste Zuflucht bei Unwetter oder bei sengender Sonne war. Und diese sogenannte Waldweide schadet dem Wald ungemein: Die jungen Baumschoesslinge und die frischen Triebe an den Žsten werden von den Ziegen besonders gerne abgefressen, und durch den Tritt der Tiere wird der Waldboden so verdichtet, dass neue Schoesslinge nur noch schwer durchkommen. Waldweide ueber einen laengeren Zeitraum hinweg fuehrt dazu, dass der Wald sich nicht mehr regenerieren kann und langsam abstirbt. Hinzu kommt, dass die Almwirtschaft staendig einen sehr grossen Holzbedarf hat - abgesehen von Holz fuer Bauten, Zaeune, Werkzeuge usw. verlangt die Kaeseherstellung Tag fuer Tag ein starkes Feuer unter dem grossen Kaesekessel. Da damals noch sehr viel Wald in den Alpen existierte, bediente sich die Bergbauern ohne Ruecksicht. Ziemlich bald aber bemerkten die Bergbauern einen Nebeneffekt: Der klimatisch beguenstigte Raum hoert ja nicht abrupt bei der Waldgrenze auf sondern reicht auch noch ein gutes Stueck abwaerts. Und je tiefer man kommt, desto besser waechst das Gras auf den gerodeten Stellen und desto hoeher wird der Ertrag der Almwirtschaft. Daher war es irgendwann selbstverstaendlich die Almflaechen systematisch nach unten zu erweitern. Hinzu kam noch der Holzbedarf fuer Bergbau und Erzverarbeitung.

    Zu 2. Die Kulturstufe des Talbereichs: Aus gehend von den ersten Siedlungen im Talschluss der Seitentaeler begann der Mensch immer groessere Teile in Talnaehe zu und sich neue Siedlungsplaetze zu erschliessen. Diese lagen nicht in den Taelern unten am Wasser, weil dort die šberschwemmungsgefahr zu gross und die Sonneneinstrahlung zu gering war. Die neuen Orte lagen fast alle auf den sued-exponierten Haengen oberhalb des Talbodens, auf Hangterassen oder Schwemmkegeln von Seitenbaechen. Gerodet wurden daher auch schwerpunktmaessig die Suedhaenge, waehrend die Nordhaenge meist voellig unangetastet blieben und heute noch oft durchgehend bewaldet sind. Bei diesen Rodungen nun haette man irgendwann mit den Rodungen von den ALmen abwaerts zusammenstossen muessen. Aber die Bergbauern merkten ganz frueh, dass dann die Lawinengefahr immens zunimmt und das Kulturland bedroht. Zwischen den beiden Rodungsraeumen wurde daher ein etwas breiterer Streifen Wald als Lawinenschutz stehengelassen, der Bannwald, der bereits in mittelalterlichen Dokumenten als unbedingt schuetzenswert mit bewusstem Verweis auf die oekologischen Probleme beschrieben wird.

    Um die Erosion der gerodeten Haenge zu verhindern, wurden Terrassen angelegt, oder an bestimmten Steilstellen Baeume stehengelassen. Neben den vorbeugenden Massnahmen war dann die regelmaessige Bearbeitung und Pflege des Bodens sehr wichtig, denn eine gleichmaessig-dichte Wiese kann mehr Wasser speichern und ist besser gegen Erosion geschuetzt als eine ungleichmaessige und loechrige Wiese. Und alle beginnenden Erosionsansaetze mussten moeglichst sofort wieder befestigt und gesichert werden. Obwohl die oekologische Stabilitaet durch die Rodungen also labiler und anfaelliger geworden war, erreichten es die Bergbauern, mit ihrer Arbeit dies Labilitaet wettzumachen und dem Kulturland eine Stabilitaet zu geben, die der des Waldes entsprach.

    Fuer den Almbereich gilt das eben Gesagte zur Stabilitaet nicht: Hier befindet sich ja der Solifluktionsbereich, der ein relativ instabiles Gleichgewicht darstellt. Indem der Mensch hier mittels Almwirtschaft eingreift, erhoeht er die oekologische Stabilitaet, indem er die freie zugunsten der gebundenen Solifluktion zurueckdraengt.

    Ein weiterer Eingriff geschah in den inneralpinen Gebieten, die durch ihr kontinentales Klima ziemlich wenig Niederschlaege erhalten. Hier hatten sich auf den sonnenexponierten Haengen eine Steppenvegetation entwickelt, und dies war fuer den Menschen unbrauchbar. Also wurden Bewaesserungssysteme geschaffen, die von den Gletschern ihr Wasser erhielten.

    Auf diese Weise ist der gesamte Alpenraum bis hinein in die oberste Mattenregion grundlegend veraendert worden. Nur die sogenannte Pioniervegetation der Fels- und Eisstufe sowie einige sehr hohe und isolierte Matten sind dieser Veraenderung entgangen. Mit diesen gewaltigen Veraenderungen - die alle Vorstellungen vom Naturraum Alpen ueber den Haufen werfen - musste aber jetzt der Mensch anstelle der Natur die Sicherung und Aufrechterhaltung selbst in die Hand nehmen. Das ist noetig, um seine Lebensbasis zu sichern und zu erhalten, denn ohne die staendige Verausgabung von Arbeit wird die die Labilitaet der alpinen Umwelt so gross, dass die Kulturlandschaft durch "Natur"-Katastrophen radikal bedroht wird und der Mensch wieder die Lebensmoeglichkeiten verliert, die er sich muehsam geschaffen hatte.


    Die Entwicklung ab 1850

    Um 1850 hatten die Alpen das absolute Bevoelkerungsmaximum ihrer gesamten bisherigen Geschichte erreicht, anschliessend nahm die Zahl der Bergbauern aufgrund der immer groesser werdenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten kontinuierlich ab. Dieser Rueckgang hat eine Veraenderung der bergbaeuerlichen Wirtschaft zur Folge , die immer extensiver betrieben wird. Dabei lassen sich folgende Stadien feststellen:
    1. Der Hanf- und Flachsanbau wird aufgegeben, weil Kleidung und Arbeitsmaterialien industriell so billig hergestellt werden, dass die eigene Produktion nicht mehr lohnt.
    2. Der arbeitsintensive Ackerbau wird zugunsten der extensiveren Viehwirtschaft ganz aufgegeben oder auf einige Kartoffelfelder beschraenkt, die Felder werden in Gruenland umgewandelt.
      Gleichzeitig wird die Viehwirtschaft selbst eingeschraenkt und weit entfernte oder unguenstig gelegene Talwiesen und Almflaechen werden nicht mehr bewirtschaftet.
    3. Die Kaeseproduktion auf der Alm wird eingestellt (zu teurer Arbeitsaufwand fuer kleine Produktionsmenge) und die Milch per Landrover oder Milchpipeline ins Tal zur Verarbeitung abtransportiert.
    4. Die Milchproduktion auf der Alm wird generell eingestellt (immer noch zu arbeitsintensiv), die Kuhalmen werden zu reinen Galtviehalmen, also Jungrinderaufzucht, umgewandelt (der Bauer braucht nur noch zweimal am Tag mit dem Landrover zum Fuettern zu kommen), und alle hoeher gelegenen Almen werden aufgelassen, d.h. nicht mehr genutzt.
    5. Die Viehwirtschaft wird generell auf den hofnahen Talbereich beschraenkt, die Almregion wird vollstaendig aufgegeben.


    Neue Nutzungsformen der Alpen

    Die Alpentaeler wurden waehrend des 19. und 20. Jahrhundert entsumpft. Dort entwickelten sich unter anderem hochtechnisierte, intensive Obst- und Gemuesekulturen, die z.b. im Wallis oder in Suedtirol (groesstes geschlossenes Kernobstgebiet Europas) sehr grossen Umfang annahmen. Zum anderen wurden diese Gebiete in der zweiten Haelfte des 19. Jahrhunderts bevorzugte Industriestandorte, weil die neuentwickelte elektrische Energie hier bequem zur Verfuegung stand (damals konnte Strom noch nicht ueber weite Entfernungen transportiert werden) und weil der Anschluss an die grossen internationalen Verkehrsstrecken, z.B. Eisenbahn, gegeben war. Neben dem oesterreichischen Schwerindustrie-Gebiet der Mur-Muerz-Furche und dem franzoesischen sillon alpin am Rand der Savoyer Alpen, die besonders stark industriell gepraegt wurden, entstanden in vielen Alpentaelern v.a. entlang der grossen Verkehrsleitlinien zahlreiche Industrieanlagen. Dadurch wurde bevoelkerungspolitisch zwar ein Gegengewicht zur Abwanderung der Bergbauern gesetzt, aber es sah in vielen Faellen so aus, dass Arbeiter neu in den Alpenraum eingewandert sind, weil sich die Bergbauern vor Ort nicht an solche Arbeitsverhaeltnisse gewoehnen wollten oder konnten. Im Rahmen der juengsten europaeischen Wirtschaftskrise geraten fast alle diese alpinen Industrieanlagen auch in die Krise, zumal sich ihr ehemaliger Standortvorteil laengst in ein Nachteil verwandelt hat. Ihre Zukunft sieht zur Zeit sehr duester aus.

    Eine weitere neue Nutzung ist die Nutzung der Wasserkraft zur Stromerzeugung in den Alpen. Bis 1930 entstanden zahlreiche kleine und dezentrale Anlage, die die Bergbauerngemeinden vom Stromimport unabhaengig gemacht haben, diese aber wurden, ungefaehr ab 1930, zugunsten von grossen Anlagen, die mittels Stauseen auch im Winter groessere Mengen Strom liefern, wieder abgebaut. Heute sind ca. 85 % der nutzbaren Wasserkraft der gesamten Alpen erschlossen. Da nicht in jedem Tal ausreichend Wasser dafuer vorhanden ist, werden auch Nachbartaeler angezapft, das fuehrt dort zu problematischen Grundwasserspiegelsenkungen, die die gesamte Vegetation bedrohen. Ausserdem werden beim anlegen von Stauseen viele Tiere und Pflanzen vernichtet.

    Die wichtigste neue Nutzungsform, die heute oft als die einzige gesehen wird, ist der Tourismus. Er entstand zwar schon am Ende des 18. Jahrhunderts, aber er war bis zum Beginn des Massentourismus - also etwa bis 1955 - ein Phaenomen, das nur ausgewaehlte Orte und kleine Regionen betraf (vor allem die Ufer der Alpenseen, einige Thermalbaeder und einige wenige Bergsteigerdoerfer). Das aenderte sich ab 1955 so grundlegend, dass der Massentourismus-Boom mit keinem anderen historischen Vorgang im Alpenraum zu vergleichen ist! Er veraendert und ueberformt die alpine Landschaft so schnell und so stark, dass Bildbaende aus der Zeit vor 1955 heute bereits einen wichtigen Dokumentationscharakter haben.


    Der Massentourismus

    Dieser Massentourismus-Boom laesst sich in zwei Phasen aufteilen, zuerst den Sommertourismus, und dann den Wintertourismus (ab 1965). Waehrend der Sommertourismus vor allem klimatisch und verkehrsmaessig guenstig gelegene Orte im Tal erschliesst, konzentriert sich der Wintertourismus auf das hohe Gebiet, denn die weiten und sanften Almregionen sind aus klimatischen Gruenden (Schneesicherheit, hohe Sonnenscheindauer) und weil hier keine Baeume das Skifahren behindern das ideale Skigebiet. Und mit Hilfe einiger Schneisen in den Bannwald lassen sich leicht ohne grosse Kosten optimale Skiabfahrten bis hinab ins Tal anlegen. Der Wintertourismus baut daher die hoechstgelegenen Dauersiedlungsplaetze oder ehemalige Almsiedlungen zu Ski-zentren aus oder schafft voellig neue Skiorte aus der Retorte in der Hoehenlage um 2000 m. Die Obergrenze der Dauersiedlungen in den Alpen wird dadurch nach oben verschoben, sofern man diesen Begriff hier ueberhaupt anwenden moechte.

    Sommer- und Wintersportorte werden nicht nur durch Hotelsiedlungen, Pensionen, Einkaufszentren, Kur- und Gaestezentren mit Hallenbad, Tennisanlagen (geheizt) usw. erweitert, sondern auch durch Zweitwohnungen, die dann den groessten Teil des Jahres leerstehen). Diese tragen nicht unwesentlich dazu bei, dass alle Touristenorte immer mehr aus den Naehten platzen, dass die Grenzen zwischen Siedlungsraum und freier Landschaft verwischen und das grossstadtaehnliche Orte entstehen, die fast die gesamte Kulturlandschaft des Talbereichs ueberwuchern. Nicht nur von ihrer Bevoelkerungsdichte (teilweise 1300 Menschen/kmý) und ihrer Architektur, auch von der Umweltverschmutzung (Luftverschmutzung wie in Berlin) her gleichen diese Orte mitteleuropaeischen Grossstaedten. Im Gegensatz zu den Bergbauern, die ihre Orte am liebsten an solchen Stellen gebaut haben, wo nichts oder wenig wuchs, besetzen die Siedlungen heute mit Vorliebe gerade die schoensten und fruchtbarsten Stellen der Kulturlandschaft. Nur der Bereich der mittleren Region hat bisher wenig an diesem Boom teilgehabt, denn zum Skifahren gibt es hier zu wenig Schneesicherheit und zu viel Wald, zum Wandern und Klettern ist die dramatische Fels- und Eisregion zu weit entfernt, und zu Spazierengehen ist es hier zu steil.

    Die Auswirkungen dieses Boom, der innerhalb von 30 Jahren das traditionelle Bild des Alpenraums stellenweise bis zur Unkenntlichkeit veraendert hat, sind kaum zu ueberschaetzen: Der Tourismus hat die Alpen voellig neu gepraegt und die herkoemmlichen Lebensformen ins Abseits gedraengt. Aus dem landwirtschaftlich gepraegten Raum ist ein Dienstleistungszentrum von europaeischen Rang geworden, und aus den selbstaendigen Bauern sind Angestellte im tertiaeren Sektor geworden. Die Bevoelkerungszahlen sprechen eine deutliche Sprache: Um 1900 betrug die Gesamtbevoelkerung der Alpen ca. acht bis neun Millionen Menschen. Diese Zahl duerfte bis 1955 in etwa gleich geblieben sein, weil die Abwanderung der Bauern durch die zusaetzlichen Arbeitsplaetze in Industrie und Tourismus ausgeglichen worden sein duerfte. Ab 1955 setzt dann der Boom ein: 1970 = 12,3 Millionen und 1982 = 17 Millionen Alpengesamtbevoelkerung. Damit hat sich die Einwohnerzahl der Alpen in 30 Jahren verdoppelt. Das sind Bevoelkerungswachstumsraten, wie wir sie sonst nur aus Entwicklungslaendern kennen! Hinzu kommen 60 Millionen Kurz- und Wochenendurlauber und 40 Millionen laengerbleibende Urlauber pro Jahr, die die Alpen regelmaessig ueberfluten. Dass die Bauern in dieser Menschenflut untergehen und von ihr aufgesogen werden, ist nicht verwunderlich.

    Aber es gleich zu sagen, diese Entwicklung verlaeuft nicht im gesamten Alpenraum so, und der Tourismus ballt sich nur auf einigen Gemeinden. Die 49 Millionen šbernachtungen in Bayrischen Alpen z.B. verteilen sich zu 75 % in bloss 23 Gemeinden. Oder in Graubuenden und im Wallis verdichtet sich der Fremdenverkehr jeweils zu 60 % in nur zehn Orten. Genauso verhaelt es sich auf der Ebene der Alpenregionen untereinander: Der Tourismus ballt sich in den bekannten Gebieten, den "Modegebieten", waehrend grosse unbekannte Alpenregionen (z.B. Cottische, Ligurische, Orobische Alpen usw.) nur von wenigen Touristen besucht werden.

    Die Alpen zerfallen also in zwei Bereiche, die sich voellig unterschiedlich entwickeln, ein Teil wird bestimmt durch industrielle Nutzung, moderne landwirtschaftliche Intensiv-Kulturen, vor allem aber durch die Entwicklung des Massentourismus, und er bringt grossstadtaehnliche Agglomerationen in einem begrenzten punkt- und bandfoermigen Bereich hervor. Der andere Teil ist durch die zerfallende Bergbauernwirtschaft als Abwanderungsgebiet charakterisiert, in ihm sind zahlreiche Orte wuest geworden, oder werden nur noch von wenigen, meist alten Menschen bewohnt. Die Entwicklung der letzten 30 Jahre heisst also: flaechenmaessige Einsiedlung des Alpenraums bei grossstadtaehnlicher Bevoelkerungsballung in den groesseren Taelern und an wenigen ausgewaehlten Punkten.


    Die Umwelt in den Ballungsgebieten

    Die oekologische Stabilitaet wird durch diese gegensaetzliche Entwicklung auf sehr unterschiedliche Weise betroffen, deshalb muss man beide Raeume getrennt betrachten, ich werde dabei besonders auf Gebiete des Massentourismus eingehen, und von den anderen Raeumen nur ein paar Punkte erwaehnen.

    Was die Nutzung der Alpen in den expandierenden Gebieten betrifft, so liegt die oekologische Belastung durch Industrie, Wasserkraft, Verkehr, Jagd und durch die Bautaetigkeit des Tourismus und seiner Abfaelle auf der Hand. All diese - auch aus dem Flachland bekannten - Umweltbelastungen wirken sich aber in den Alpen verstaerkt aus, denn inneralpine Becken- und Tallandschaften lassen die verschmutzte Luft nur schwer entweichen, und haeufig anzutreffende Inversions-Wetterlagen verstaerken dies noch - die Luftverschmutzung konzentriert sich daher erheblich staerker als im Flachland. Dadurch wird die Sonneneinstrahlung verringert und das Wachstum der Pflanzen geht zurueck, abgesehen von den direkten Vergiftungserscheinungen bei Pflanze, Tier und Mensch. Beim Wasser werden ebenso alle Verunreinigungen konzentriert, weil Gebiete mit sehr grosser Oberflaeche alle in den selben Bach entwaessern. Besonders gravierend wirkt sich die Erschliessung der Gletscher fuer den Sommertourismus und den Sommerskilauf aus, was bereits das Quellgebiet verschmutzt. Dadurch werden nicht nur die Alpen belastet, die groessere Gefahr liegt darin, dass die Alpen als europaeisches Trinkwasser-Reservoir umkippen.

    Hinzu kommt die Belastung durch den sauren Regen, die in der juengsten Zeit in katastrophaler Weise am Nordrand der Alpen zugenommen hat. Galten zum Beispiel in Vorarlberg nach offiziellen Angaben Ende 1982 nur weniger als 20 % des Waldbestands als bedroht, so waren es im Sommer 1983 bereits 30 - 40 %, im Herbst 1983 45 % und im Januar 1984 50 - 60 %.. Damit rueckt das grossflaechige Absterben des Bergwaldes in greifbare Naehe, durch das die Haenge ihren wichtigsten Erosionsschutz verlieren. Neben Muren-, Bergsturz- und Lawinenkatastrophen drohen šberschwemmungen grossen Ausmasses, die sogar das Alpenvorland bedrohen.

    Darueberhinaus gibt es eine besondere Belastung des alpinen ™ko-Systems durch den Tourismus: Durch die Seilbahnen und Sessellifte ist die Almregion fuer den Massentourismus im Sommer und Winter sehr gut erschlossen. Dieser Bereich ist aber durch die Solifluktionserscheinungen ziemlich labil und wenig belastbar. Schon Massen von Spaziergaengern, die kreuz und quer umherstreifen, erschuettern das labile Gleichgewicht, was zum Aufreissen der Vegetationsdecke fuehren kann, oder treten die Vegetation so haeufig nieder, dass sie dadurch ernsthaft Schaden nimmt. Noch groesseren Schaden richtet aber der Pistenskilauf an, denn durch das staendige Befahren der Piste wird der Schnee zusammengedrueckt und teilweise in Eis verwandelt, bei Pisten die durch die Pistenfahrzeuge geglaettet werden ist es noch schlimmer. Diese Stellen tauen dann im Fruehling erheblich spaeter auf, und die Verkuerzung der Vegetationsperiode um zwei bis drei Wochen ist in der Almregion ein ganz entscheidender Faktor. Leicht Buckel auf der Piste werden von den Skifahrern schnell vom Schnee blankgefahren, und die scharfen Skikanten rasieren die Vegetation ab. Der allergroesste Schaden wird aber da angerichtet, wo Skipisten ueberhaupt erst im unebenen Gelaende mittels Abschuerfungen und Begradigungen des Bodens durch Planierraupen geschaffen werden, denn dann werden grosse Flaechen von der schuetzenden Vegetationsdecke beraubt.

    Durch all diese Belastungen wird die Vegetationsdecke beschaedigt, aufgerissen oder ganz weggeraeumt. Der blanke Erdboden wird im Fruehjahr bei der Schneeschmelze oder bei starken Gewitterguessen im Sommer leicht erodiert, weil er ohne schuetzende Vegetationsdecke kaum Wasser halten kann und alles Wasser oberirdisch abfliessen muss, wobei die schon erwaehnten Muren entstehen, gegen die es kaum Schutzmassnahmen gibt. Muren sind ein schlammartiges Gemisch aus Wasser, Erdreich und Steinen.

    Ausserdem koennen auf solch blanken Stellen im Fruehjahr leichter Lawinen abgehen, die einen weiteren Teil des Bodens mitreissen. Durch Muren, Lawinen und Erosion wird das sanfte, wellige Almgebiet so zerfurcht, dass nach einigen Jahren sogar Probleme fuer die Skifahrer entstehen, die dann durch Planierraupen beseitigt werden - Ausgangspunkt fuer neue, groessere Schaeden.

    Da zu einem "richtigen" Skigebiet mehrere Abfahrten von ganz oben ins Tal hinab gehoeren, ist im Rahmen der Wintererschliessung der Alpen eine Menge des wertvollen Bannwaldes gerodet worden und wird heute auch noch taeglich gerodet. Die Lawinengefahr steigt dadurch erheblich. Sie wird aber noch zusaetzlich weiter verstaerkt: Die alten Bergbauernsiedlungen waren aufgrund jahrtausendlanger Erfahrung ziemlich lawinensicher ausgelegt. Heute uebergeht man solche Erfahrung, wenn eine schneesichere Lage, gute Erreichbarkeit und eine praechtige Fernsicht hohen Profit versprechen - und das Ergebnis sind dann die sogenannten "Natur"-Katastrophen. Der groesste Teil solcher Naturkatastrophen laesst sich auf schwerwiegende Stoerungen und Eingriffe in das oekologische Gleichgewicht zurueckfuehren, sie sind also ganz direkt vom Menschen verschuldet.

    In den nicht mehr benutzen Gebieten, wo sich die Bergbauernkultur zurueckgezogen hat und es auch kein Massentourismus gibt, entstehen auch grosse Erosionsschaeden. Die nicht bearbeiteten Wiesen entwickeln eine ungleichmaessigen Wuchs, das ungemaehte Gras wird ziemlich lang, es legt sich im Winter nach unten und verzoegert das neue Wachstum um ca. 2 Wochen. Das lange, nach unten gedrueckte Gras bietet im Winter und vor allem im Fruehling sehr gute Rutschbahnen fuer den Schnee, die Lawinengefahr wird deutlich erhoeht, und mit diesen Lawinen wird oft ein Teil der Vegetationsdecke mitgerissen, weil das lange Gras stellenweise am Schnee festfriert. Die Vegetationsdecke wird so immer mehr durchloechert, die Erosion greift aus.


    Die Rettung der Alpen?

    Nach den Vorstellungen einiger Naturschutzgruppen sollten die Alpen in ein riesiges Naturschutzgebiet umgewandelt werden, ohne den Massentourismus und ohne die Land- und Forstwirtschaft, wozu auch die Almwirtschaft gehoert:

    "Es gibt zahlreiche Probleme in den Alpen: der ueberbordende Tourismus mit Strassen, anderen Infrastrukturen und dem Zweitwohnungsboom ist nur der bekannteste Gegner der Umwelt. Dann auch die Land- und Forstwirtschaft, wo auch die Almwirtschaft dazugehoert ..."
    (Klaus Gerosa, Alpen vor dem Tod - Berg heul, aus Umweltmagazin Juni/Juli 1984)

    Die Bergbauern sollten nur kleine Gebiete zugewiesen bekommen, und sie sollten ihr Land wir vor 150 Jahren bearbeiten. Dass man das nicht machen kann, ist klar.

    Eine Zukunft fuer den Alpenraum kann nicht in einer Festschreibung oder Wiederherstellung bestimmter historischer Verhaeltnisse bestehen, sondern es geht darum, neue Nutzungsweisen und -moeglichkeiten zu entwickeln, die die positive Seite der modernen Entwicklung festhalten und weiterentwickeln, ohne gleichzeitig die negativen Seiten zu uebernehmen.

    Um die Lawinengefahr zu verringern, gab es in der Schweiz schon 1876 ein Forstgesetz, es sah vor, dass nur noch so viel Holz geschlagen werden darf, wie im gleichen Jahr nachwaechst. Absoluten Schutz sollten fortan die Schutzwaelder geniessen. Es schuetzt sie aber nicht vor der chemischen Belastung durch die Luftverschmutzung.

    Die Muenchner Alpenschutzkonferenz von 1986 schlaegt folgende Gegenmassnahmen zum Thema Tourismus und Sport vor:
    - Statt einen weiteren quantitativen Ausbau von touristischen Einrichtungen zu foerdern, sind vorhandene Kapazitaeten besser zu nutzen. Regenerierbare Ressourcen sollen statt nicht regenerierbarer verwendet, unrentable Fremdverkehrsanlagen sollten eingestellt werden.
    - Neu geplante, aber auch bestehende Einrichtungen des Fremdenverkehrs muessen auf ihre Umwelt-, Kultur und Sozialvertraeglichkeit geprueft werden, bei negative Pruefergebnis muessen die Planungen veraendert, noetigenfalls eingestellt werden oder vorhandene Einrichtungen verbessert werden.
    - Auf touristische Grossprojekte und Neubauten fuer sportliche Grossveranstalungen, wie beispielsweise die herkoemmlichen olympischen Winterspiele, ist im gesamten Alpenraum zu verzichten.
    - Der Einsatz von Schneekanonen zur Verlaengerung der Skisaison fuehrt zur zusaetzlichen Belastung von Vegetation und Landschaft und zur Energieverschwendung. Schneekanonen muessen in allen Alpenlaendern verboten werden, der Einsatz von Pistenraupen ist einzuschraenken.
    - Der weitere Bau von Zweitwohnungen und ueberhaupt ein spekulativer Entwicklungsdruck von aussen auf Alpengemeinden ist durch hohe Zweitwohnungsbesteuerung, restiktive Bauleitplanung und Abschoepfen von Spekulationsgewinnen unattraktiv zu machen.
    - Zwischen Regionen, die vom Fremdenverkehr profitieren und Regionen, die aus oekologischen Gruenden nicht fuer den Fremdenverkehr erschlossen werden sollen, ist ein finanzieller Ausgleich vorzusehen.
    Im langfristigen Interesse der Einheimischen, der Erholungssuchenden und des Natur- und Landschaftsschutzes ist das Konzept des "Sanften Tourismus" entwickelt worden. Sanfter Tourismus soll sozial- und umweltvertraeglicher sein als der bisher vorherrschende, kapital- und erschliessungsintensive "Harte Tourismus".
    Das Konzept des "Sanften Tourismus" verlangt:
    - Der Tourismus soll als Erwerbsquelle nicht dominieren. Deshalb ist die Landwirtschaft zu erhalten, und Handwerk, Gewerbe und sonstige Dienstleistungen sind zu foerdern.
    - Vorhandene Gebaeude sollen genutzt, ansaessige Arbeitskraefte und Betriebe beschaeftigt und die landschaftlichen Eigenarten erhalten werden.
    - Damit Beteiligung und Einflussnahme aller Interessen in einer Gemeinde oder Talschaft gewaehrleistet werden, sind beteiligungsfoerdernde Planungsverfahren zu erproben.
    - Sanfter Tourismus heisst auch: Entwicklung in kleinen Schritten an Stelle von einzelnen, strukturveraendernden Grossprojekten.


    Zusammenfassung

    Wenn man die eben genannten Regeln befolgen wuerde, und auch den Transitverkehr einschraenkt und auf Schienen umstellt und andere oekologische Probleme beachtet, koennten die Alpen wieder zu einem stabilen ™kosystem werden. Die Bergbauern sollten, mit Hilfe des Staates und durch die Gemeindeeinkuenfte durch den Tourismus, die Almen wieder bearbeiten, natuerlich nicht so wie frueher, sondern nur soweit, wie es die Flaechen nicht von alleine schaffen. Damit soll die Erosion verhindert werden.

    Der Staat muss fuer eine Einschraenkung im Tourismus sorgen, und vor allem die oben genannten Regeln einhalten bzw. dafuer sorgen, dass sie eingehalten werden. Die Waelder sollten aufgeforstet werden, aber davor muss die Luftverschmutzung verringert werden, da ja sonst wieder die ganzen Baeume erkranken. Dies schafft er nur durch haertere Gesetze fuer die Industrie und dem Verkehr.

    Der Tourist sollte sich beim Wandern oder Skifahren auf den vorgeschriebenen Wegen bleiben, denn wenn er sie verlaesst, zerstoert er nicht nur die Vegetation, er stoert die Tierwelt, die ja schon viel zu viel gelitten hat. Kurz moechte ich noch erwaehnen, dass die Tiere, vor allem Rotwild, durch den Tourismus weggedraengt wurden, und so auf kleinere Gebiete verteilt sind, denn sie koennen ihre ehemaligen Wege nicht mehr begehen, weil da zum Beispiel jetzt ein grosses Skihotel steht mit vielen Touristen. Dadurch fehlt den Tieren ihre Weideflaechen, und sie muessen an den Rinden der Baeume kauen um sich zu ernaehren, dies schadet wieder den Wald.

    Es wird nicht leicht sein aus den Alpen wieder ein vollstaendiges stabiles ™kosystem, aber durch die Mithilfe aller koennte es funktionieren. Das viel Geld gebraucht wird, ist klar, aber die Alpenlaender muessen dabei zusammenarbeiten, und das Geld koennen sie aus den Tourismuseinkuenften nehmen.

    Die Alpen muessen gerettet werden, nicht nur weil es dort viele einzigartige Tiere und Pflanzen gibt, sondern weil die Alpen auch Europas Trinkwasserresservoir ist, von dem wir abhaengig sind.


    Quellenangabe

    Die Alpen, Naturbearbeitung und Umweltzerstoerung, Werner Baetzing, Sendler Verlag, Frankfurt am Main 1984

    CIPRA, Dokmente, Initiativen, Perspektiven;Fuer eine bessere Zukunft der Alpen, Red. Dr. Stephan Ortner, 1992

    Hochgebirge der Erde und ihre Pflanzen- und Tierwelt, Hrsgb. Prof. Dr. Gerhard Klotz, Urania Verlag Leipzig - Jena - Berlin 1989

    Muenchner Alpenschutzkonferenz der Friedrich-Ebert-Stiftung, 19. - 21. November 1986, Red. Brigitte Nake-Mann, Friedrich-Ebert-Stiftung 1987

    Umweltvertraegliche Planung im Alpenraum, Hans Joachim Schemel u. Gernot Ruhl, Deutscher Alpenverein, Muenchen und Berlin 1980

    VIDEO:
    Die Natur raecht sich, Weltweite Zunahme von Naturkatastrophen, Ein FIlm von Bernd Dost

    Die Rache der Alpen, Ein FIlm von Guenter Goldmann

    Der Heinz Sielmann - Report, Sind die Alpen noch zu retten?


    © 1996 by Michael Stenschke, alle Rechte vorbehalten




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