Memphis 1981 bis 1988

Designanalyse


Ein typisches Memphis Produkt benötigt nach einer Definition eine heterogene Zusammensetzung einzeln individuell gestalteter Formelemente, sodaß nicht eine geschlossene Gesamtgestalt entsteht, sondern ein stark kontrastiertes Konglomerat von Formen, Farben und Materialien. Um dies zu verdeutlichen bedienen wir uns eines Beispielobjektes. Es ist ein Werk von Ettore Sottsass aus der ersten Memphis Ausstellung im Jahre 1981. Es handelt sich um das Bücherregal Carlton .
Der Korpus besteht aus mehreren kleineren Körpern. Den Fuß bildet ein Kasten. Auf ihn aufgesetzt befindet sich ein Sechseck, wobei es auf einer Seitenfläche liegt. Auf der parallel laufenden Seitenfläche des Sechseckes befindet sich ein Trapez, welches die Schmalseite als Grundfläche hat. Auf diesem aufgesetzt befindet sich ein ebenso großes Trapez mit gleicher Lage. Die Spitze bilden drei gleichgroße Quader, welche pyramidenförmig angeordnet sind.
Die Körperformen werden manchmal an ihren Oberkanten unterbrochen, wie am oberen Trapez, wo die Deckfläche nur an den Grenzflächen mit den Quadraten vorhanden ist. Das gleiche gilt an den unteren zwei Quadern der Pyramide. Getragen wird die Pyramide durch ein gleichschenkliges Dreieck, welches in der Mitte des oberen Trapezes steht.
In den Raum, welchen die schrägen Seitenflächen des unteren Trapezes mit den sich senkrecht dazu befindenden Seitenflächen des Sechseckes einschließt, wurde jeweils ein quaderförmiger Kasten angedeutet.
In das Sechseck wurde senkrecht zum Boden ein rechteckiger Körper eingefügt, welcher in den oberen 2/3 von zwei Schubladen ausgefüllt ist.
Auffällig ist, daß zwei Bildachsen durch das Werk verlaufen. Zum einen eine Horizontalachse, welche durch die verlängerte Grenzlinie der beiden Trapeze gebildet wird. Diese Achse teilt das Werk Horizontal in zwei etwa gleich große Körper. Die Trennwirkung wird durch das starke, hellgrün verstärkt.
Die zweite Bildachse verläuft vertikal durch das Werk. Auch diese ist zentriert und verläuft durch alle Körper mit Ausnahme der zwei Quader, welche sich an den Grenzflächen des Trapezes und des Sechseckes befinden. Sie bildet gleichzeitig eine Symmetrieachse.
Um jetzt auf die wesentlichen Merkmale des Memphis Designs zu kommen, ist zu erwähnen, daß das Objekt horizontal betrachtet den Anschein gibt, als fiele es auseinander, hervorgerufen durch die nach außen laufenden Seitenflächen der Trapeze und des Sechsecks, wobei beim letzteren eine Verstärkung durch die angesetzten Quadrate entsteht. Vertikal betrachtet wirkt das Objekt geschlossen, stabil. Eine ähnliche Beobachtung ist bei den Farben möglich. Hier ist auffallend, daß das Zugehörigkeitsgefühl genau umkehrt ist. Hier existiert horizontal ein Gefühl, welches ein geschlossenes Bild erscheinen läßt. Vertikal kommt es zu einem Gefühl der vollkommenen Zersetzung. Bei den Farben existiert aber ein Bruch, welcher gleich mit der Horizontalachse ist.
Das Objekt erscheint wie ein Sammelsurium von Objekten, welche nicht richtig zueinander passen wollen und trotzdem eine Einheit bilden.
Der Nutzen ist nicht eindeutig zu erkennen. Dieser Eindruck entsteht durch die schräg verlaufenden Seitenbretter. Zum einem erscheinen sie vorteilhaft zum Anlehnen von Büchern, zum anderen entstehen durch diese schrägen Räume, welche nicht von Büchern ausgefüllt werden kann. Dies läßt auf einen Mischnutzung dieses Objektes schließen. Diese Mischnutzung kann sich aber wiederum nur auf Objekte mit repräsentativen Anspruch von Seiten des Benutzers beziehen, da durch die freundliche, farbenvielfältige, glatten Oberfläche und durch die offenen Formen das Objekt ein Gefühl von Transparenz vermittelt. Dies ist ein memphistypischer Fakt. Ihr Bestreben war es, sich von vorbestimmten Regeln zu trennen und so sollte der Verwendungszweck dem Benutzer überlassen sein.
Die ästethische Funktion des Objektes ist so angelegt, daß der Betrachter ein persöhnliches Gefühl mit dem Objekt in Verbindung bringt. Das Objekt wirkt freundlich und zeigt ein verspieltes Wesen, welches durch die angenehme Mischung von kräftigen mit zurückhaltenden Farben stark unterstützt wird. Das Objekt wirk proportional ausgeglichen und drückt somit ein Gefühl von Standfestigkeit und Ruhe aus.