Junges Möbeldesign der achtziger Jahre
Zeitgeschichtliche Einführung und Zusammenhang :
Sehr lange hatte das Motto des amerikanischen Architekten Louis Sullivan gegolten.
Es heißt „Form follows function“ und beinhaltet die Forderung, daß sich die Form
nach dem Zweck zu richten hat. Auch die Tradition des 1919 gegründeten Bauhauses
forderte werk- und materialgerechtes Design. Bereits am Anfang des 20. Jahrhunderts
wurde das Ornament von dem Wiener Architekt Adolf Loos als Verbrechen verurteilt.
Erst am Ende der siebziger Jahre regten sich in Europa die ersten Widerstände gegen
diese Forderungen. Die ersten Verweigerer kamen aus Italien. Dort zeigten Gruppen.
wie „Alchimia“ und „Memphis“ mit bunten Kunststoffmöbeln, daß Möbel auch
frech und provokant sein können. In Deutschland hatte dieses neue Design einen
schwierigen Start. Der italienische Designer Ettore Sottsass amüsierte sich über seine
deutschen Kollegen. Er sagte :“ Die Deutschen denken immer nur an gute
Verarbeitung und Funktionalität.“ In ihrer Manie, alles so praktisch oder ergonomisch
wie möglich zu gestalten, vergaßen sie völlig, daß Design „keinen Anspruch auf alle
Ewigkeit“ erheben müsse. Ettore Sottsass ist Gründer und Ziehvater der Mailänder
Gruppe „Memphis“, die seit 1980 mit bunten unkonventionellen Möbeln international
Fuore macht. Während viele Firmen in Italien oder auch Frankreich jungen Designern
gern eine Chance in ihrem Unternehmen einräumen, haben es deutsche
Nachwuchsdesigner schon seit Jahrzehnten sehr schwer mit avantgardistischen Ideen
Fuß zu fassen. Die Kundschaft in Deutschland, vom Küchenhersteller bis zur
Porzellanmanufaktur scheut fast immer das Risiko, Produkte mit ungewöhnlicher
Optik auf den Markt zu bringen. Dieter Rams, Braun-Chef-Designer und damit einer
der Väter des Braun-Designs, klagt über den fehlenden Instinkt mancher Manager und
ihre Furcht vor Flops. Diese Mentalität der perfektionierten Langeweile hat sich im
Laufe der Zeit auch auf viele Designer übertragen. Doch zum Glück nicht auf alle.
Zeichen, des neuen avantgardistischen Designs in Deutschalnd, setzten die
Ausstellungen „Möbel perdu“ in Hamburg und die Düsselsdorfer Ausstellung
„Gefühlscollagen - Wohnen von Sinnen“. Auf dieser Ausstellung wurden über 250
Objekte von über 100 Designern ausgestellt. Aufgrund dieser Vielfalt von Objekten
kann die Düsselsdorfer Ausstellung durchaus als repräsentativer Querschnitt des
Möbeldesigns der achtziger Jahre bezeichnet werden. Hier regierten Hirschgeweihe,
Blumenmuster und schreiende Farben.
Charakteristische Forderung an Design und seine künstlerische und ästhetische
Wirkung :
Nachdem jahrzehntelang „gute Form“ erwünscht war ( form follows function ), die
sich der Funktion unterwarf, finden in den achtziger Jahren immer mehr junge
Designer Mut zum Kitsch. Dieser neue Stil wird von einigen bekannten Designern, so
auch von dem Berliner Designer, Journalist und Architekturhistoriker Christian
Borngräber, als „Das häusliche Drama“ bezeichnet. Dieser Stil läßt mit expressiven
Formen und zum Teil banalen Materialien bürgerliche Klischees wiederaufleben,
verfremdet sie dabei aber ironisch. Sie verzichten auf Strenge und Geradlinigkeit und
designen frei nach ihrer Fantasie. Um den neuen Anspruch an die Möbel der achtziger
Jahre zu verdeutlichen, eignet sich folgendes Zitat des Düsselsdorfer Designers
Siegfried Michail Syniuga : „Möbel müssen politisch sein, Erotik ausstrahlen, in
Religion zergehen. Möbel müssen funktionieren, nicht nur unterm Arsch, sondern
auch im Kopf und in der Seele. Alle stilistischen Schweinereien sind erlaubt.“ Seine
Möbel sollen provozieren, verblüffen und zum Lachen anregen. Angst vor
Geschmacklosigkeit hat keiner der jungen Designer. Viele
Designer und Designgruppen suchen sie sogar. So zum Beispiel Uwe van Afferden
aus Düsselsdorf oder die Gruppe „Kunstflug“ aus Krefeld. Charakteristisch für das
junge Möbeldesign der achtziger Jahre ist das sogenannte Mutationsdesign. Objekte,
die aus dem normalen Alltag stammen, werden verändert, kombiniert und zu neuen
Kreationen weiterverarbeitet. Die Materialen dafür stammen aus Kaufhäusern,
Baumärkten oder vom Schrottplatz. Industriell gefertigte Gegenstände dienen nur
noch als Inspiration. Sie werden zerlegt, verfremdet und umfunktioniert. Für viele
Designer ist sowohl die Mobilität der Möbel in sich sehr wichtig, als auch die
Aufgabe der Möbel die Menschen mobil zu machen und die Sinne wachzuhalten. Ein
weiterer Aspekt des Mutationsdesigns ist die versteckte Funktion des Möbelstücks. Es
gibt seine Funktion nicht mehr auf den ersten Blick zu erkennen.
Analyse eines repräsentativen Designobjektes :

Ein bezeichnendes Beispiel für das Möbeldesign der achtziger Jahre und speziell das
Mutationsdesign ist der Drahtsessel „Consumer’s Rest“. Der Berliner Designer
Stiletto brachte von einem seiner Einkäufe außer einigen Lebensmitteln auch eine
äußerst interessante Idee mit nach Hause. Er besorgte sich einen verchromten
Einkaufswagen und verwandelte ihn mittels Winkelschleifer, Zange, Feile, Hammer
und Lötkolben zum Sessel „Consumer’s Rest“. Später gesellte er diesem, Couch,
Tisch und Bank aus dem selben Material hinzu. Der „Consumer’ Rest“ ist einfach zu
beschreiben. Er besteht aus einem verchromten Einkaufswagen, wahlweise mit oder
ohne Rollen. Dieser wird im Prinzip durch 4 Schnitte verändert. Zwei Schnitte
trennen die Rückwand und die Seitenwände auf einer Länge von ca. 15 cm. Mit zwei
weiteren Schnitten wird die komplette Vorderwand von den Seitenwänden
abgetrennt. Nun werden die Seitenwände, auf der vorhin angesprochenen Länge von
ca. 15 cm, nach außen umgebogen und dadurch in die Armlehnen des Sessels
umfunktioniert. Daraufhin wird die Vorderwand auf der ganzen Länge nach vorne
umgebogen. Fertig ist der Drahtsessel. Ansonsten ist der Wagen geblieben wie er war.
Er ist somit charakteristisch für das schon erwähnte Mutationsdesign. Ein allen
bekannter, langweiliger Industrieartikel wird durch wenige Handgriffe und kleine
Veränderungen in ein kreatives Einzelstück verändert. In den achtziger Jahren war
dieses Möbelstück auf Bestellung lieferbar und war erhältlich ab etwa 415 Mark.
Seine praktische Funktion erfüllt dieses Möbelstück wahrscheinlich nur teilweise.
Denn es ist unwahrscheinlich, daß dieser Sessel auch für längere Aufenthalte geeignet
ist. Für normalgebaute Menschen und kürzere Aufenthalte könnte dieser Sessel aber
durchaus geeignet sein. Für die Sicherheit ist durch Abschleifen aller scharfen Kanten
auch gesorgt. Durch die große Auflagefläche und die allgemein bekannte Stabilität
von großen Einkaufswagen ist auch ein sicheres Sitzen garantiert. Die Entsorgung
dürfte auch kein Problem sein, da ein Einkaufswagen ohne Rollen und Plastikteile
einfach eingeschmolzen werden kann. ästhetisch sprechen die weichen Rundungen
der Armlehnen und der Vorderpartie an. Für den Transport ist der Sessel eher
ungeeignet, da er sehr sperrig ist. Aber welcher Sessel ist das nicht? Auch der
Barockokostil ist ein Teil des neuen Möbeldesigns. Er spiegelt die wiedererwachte
Liebe vieler Designer zu Pomp und Glitter, zu Verspieltem und Verschnörkeltem
wieder. Eine Grundsatzforderung dieses Designstils ist der Wegfall von Realismus,
Kopf und Vernunft. Erwünscht sind das „hemmungslose Wildern in vergangenen
Jahrhunderten“ und das „Mixen und Zitieren von Zeiten und Orten“. Die Stoffe,
vergangener Kunstepochen, werden wiederentdeckt und verwendet. Samt und Seide,
Quasten und Bordüren, Falten und Spitze, Straß und Perlen, Plüsch und Tüll, Brokat
und Goldlame’ sind typische Vertreter des neuen Barockoko. Im starken Kontrast
zum Barockoko steht die „neue Einfachheit“. Sie ist durch stereometrische Körper,
klare Farben und glatte Materialien charakterisiert. Neu an ihr ist, daß die Objekte
trotz ihrer Strenge und scheinbar klaren, unverschnörkelten Form eine Spur von Witz
zeigen. Aber auch hier folgt die Form nicht der Funktion, sondern einzig und allein
der Fantasie. überflüssige Formelemente sind erlaubt, allerdings unter der
Vorraussetzung, daß sie sich optisch nicht zu sehr in den Vordergrund spielen. Ein
typisches Beispiel für das Design der achtziger Jahre ist sich die New Yorker
Diskothek „Palladium“. Im Mai 1985 wurde die etwa 10400 Quadratmetern
einnehmende Diskothek eröffnet. Sie vereint scheinbar gegensätzliche Trends aus
Mode, Kunst und Architektur und setzt neue Maßstäbe in der Innenausstattung von
Diskotheken. Nächtliche,illuminierte Rasterfassaden und klinisch, kaltes High-Tech-
Interieur des Japaners Arata Isozaki sind eingerahmt von Resten prächtiger
Ornamente in Gold, welche aus der Geschichte der Opernzeit des Gebäudes stammen.
Kenny Scharf, international bekannter Spray-Künstler, sorgte mit viel Farbe und
Glitter für die Gestaltung der Lounge. Comic Stories zieren sowohl Wände, als auch
Teile des Mobiliars. Neoprimitive Wandgemälde, riesige Videowände, Grafiken und
Performances runden das bunte Durcheinander ab und schaffen ein sehr eigenes
Ambiente. Der berühmte Pariser Modeschöpfer Azzedine Alaia schuf die Uniformen
für das über 200 Bedienstete zählende Personal. Der international renommierte
Designer Andy Warhol entwarf die Trinkcoupons für das „Palladium“. Das Palladium
ist ein sehr gutes Beispiel, wie Architekture, Kunst, Design, Mode, Video und Musik
sich kontrovers gegenüberstehen, aber trotzdem Hand in Hand existieren können.
Kunst und Architektur im Umfeld :
Auch Kunst und Architektur der achtziger Jahre waren starken Veränderungen
unterworfen. Zu den in den auffälligsten Veränderungen in der Architektur der
achtziger Jahre gehörten die sich ausweitende postmoderne Architektur - mitsamt
ihren Varianten von „High-Tech“ bis „Dekonstruktivismus“ - und die bauliche
Rückgewinnung von historischer Stadtgestaltung. Die historischen Innenstädte
wurden als Wohn- und Lebensraum wiederentdeckt, allerdings nur für
Besserverdienende bezahlbar. Gleichzeitig begann eine Abkehr von den riesigen,
unwirtschaftlichen Mammutprojekten. Es zeigte sich eine neue Kleinteiligkeit, die
sich in postmoderner Fassadengestaltung mit Giebelchen und Erkerchen
wiederspiegelte. Ganz im Gegensatz dazu erhielt auf einmal der Wettlauf um das
„höchste Gebäude der Welt“ neuen Schub. In Paris errichtete der französische Staat
spektakuläre Riesenbauwerke, die „Grands Projets“ ( La Grande Arche, Louvre usw.),
und in London wurde mit Milliardenaufwand die Sanierung der Londoner
„Docklands“ ( alten Hafengebiete ) begonnen. Diese Widersprüche zwischen neuer
Kleinteiligkeit und neuer Gigantomanie sind nur verständlich vor dem Hinergrund der
Krisen und wirtschaftlichen Strukturwandlungen der achtziger Jahre. Die achtziger
Jahre waren ein Jahrzehnt tiefgreifender Kurskorrekturen in Kultur, Wirtschaft und
Gesellschaft. Viele Zukunftsprojekte, Visionen einer schönen neuen Welt, erwiesen
sich immer deutlicher als fragwürdig und unrealisierbar. Ganz anders sah die
Situation in der Kunst aus. Anfang der achtziger Jahre herschte in der Kunstszene
Aufbruchstimmung. Mit großformatigen Bildern, in schrillen Farbakkorden oder
pathetisch düster, vollzog eine neue Künstlergeneration mit heftigem Pinselstrich und
ohne sonderliches Stilbemühen die Abkehr von Minimal art und Konzeptkunst, den
Tendenzen, die in den siebziger Jahren dominiert hatten. Die sogenannten Neuen
Wilden plünderten das Formenvokabular der Trivialkunst. Ihren „Hunger nach
Bildern stillten sie darüber hinaus vor allem durch den zitathaften Zugriff auf das zum
Bildungsgut gewordene Zeichenreservoir der Klassischen Moderne. Auf den ersten
Blick verweisen die Bilder nicht mehr auf eine außerästhetische Sphäre, sonder nur
noch aufs Bildermachen. Der künstlerische Rückzug ins vermeintlich rein Private läßt
sich auch als Symptom eines vorherschenden Krisenbewußtseins interpretieren.
Denn die Bevölkerung war mit einer „neuen Armut“, eskalierender Aufrüstung,
zunehmender Verelendung der 3.Welt und einer drohenden ökologischen Katastrophe
konfrontiert.
persönliche Stellungnahme :
Insgesamt ist das Möbeldesign der achtziger Jahre als kurzzeitiger Ausbruch aus dem
„gewöhnlichem“ Möbeldesign des 20.Jahrhunderts zu betrachten, welcher aber
trotzdem sehr interessante Objekte und Ideen hervorbrachte und die
Vorraussetzungen für das Möbeldesign der folgenden Jahre schuf.