DER ZWEITE GOLFKRIEG - URSACHEN UND LEGITIMATION
AUS IRAKISCHER U.S.AMERIKANISCHER SICHT
Autor: Sebastian Schmidt
12. Klasse
Politische Weltkunde Leistungskurs 1995
Inhaltsverzeichnis
- Vorwort
- Voraussetzungen
- 2.1. Einleitung
- 2.2. Zum Konzept des "Heiligen Krieges"
- 2.3. Traditionelle Kriegsfuehrung
- 2.4. Die Muslime und ihr Umgang mit Andersglaeubigen
- 2.5. Der Aufstieg des arabischen Nationalismus
- 2.6. "Radikale" und "Konservative"
- 2.7. Die Verschiebung der politischen Konstellation seit 1979
- 2.8. Der orientalische Staat und sein Renten-Einkommen
- 2.9. Der Irak: Rentierstaat in der Krise
- 2.10. Der juedisch-arabische Gegensatz
- Die Invasion
- 3.1. Warum Saddam Hussein in Kuwait einmarschierte
- 3.2. Das Militaerpotential des Irak
- Reaktionen
- 4.1. Die Reaktionen in der Golfregion
-
- 4.2. Die Strategie der USA am Golf
- 4.2.1. Die Bush-Administration
- 4.2.2. Die Oeffentlichkeit
- 4.2.3. Der Sieg und moegliche Folgen
- Konfliktanalyse
-
- 5.1. Besonderheiten des Golfkonflikts
- 5.1.1. Konfliktinformation (Besonderheiten)
- 5.1.2. Konflikteskalation
- 5.1.3. Konfliktursachen
- 5.2. Embargo contra Waffengewalt
- Anhang
Anhang A: Glossar
Anhang B: Quellenverzeichnis
Anhang C: Bildmaterial
1. Vorwort
In meinem Referat ueber den zweiten Golfkrieg 1990/1991 werde ich
weniger auf den Ablauf des Krieges eingehen, der in
einer entsprechenden Kurzform im Anhang nachzulesen ist, als
vielmehr die Ursachen des Konflikts zu ergruenden, die Besonderheiten
des Konflikts herauszustellen und zu der Art der
westlich-alliierten Konfliktloesung argumentieren.
Weiterhin werde ich nicht auf die gesamten westlichen Positionen
eingehen, sondern ich werde mich in meiner Ausfuehrung
lediglich auf die USA konzentrieren, welche im wesentlichen
Masse an der Entstehung sowie der vermeintlichen Loesung des
Golfkonflikts nicht nur teil hat, sondern die entscheidende
Fuehrungsposition einnimmt.
2. Voraussetzungen
2.1 Einleitung
Gerade von diesem Krieg ging weltweit Druck aus, Partei zu
ergreifen. Im Nahen und Mittleren Osten fuer den Rebellen
Saddam Hussein, der gegen die reichen Scheichs und ihre
westlichen Verbuendeten aufbegehrte; im Westen fuer Recht und
Ordnung gegen den Aggressor, der sich gegen alle Spielregeln
verging.
2.2 Zum Konzept des "Heiligen" Krieges
Hatte sich Saddam Hussein noch waehrend des Konflikts mit dem
Iran als Verfechter der saekularistischen, nationalistischen
Baath-Ideologie gegen einen von ihm als extremistisch bezeichneten
Islam gewandt, so rief er nun im Namen desselben
Islam zum "Heiligen" Krieg gegen die "Unglaeubigen" auf,
offenbar im Bestreben, damit auch ausserhalb des Irak Gefuehle
der Solidaritaet zu wecken. Der Diktator huellte seinen Krieg
in einen religioesen Mantel, den er zuvor bekaempft hatte.
Mehrfach wird im Koran hervorgehoben, dass dieser Kampf
verdienstvoll ist, dass er belohnt wird, dass man sich durch
Teilnahme daran jenseitigen Lohn geradezu erkaufen kann und
dass diejenigen, die um die Sache Gottes getoetet werden,
nicht tot sind, sondern leben - "bei ihrem Herrn
wohlversorgt" (Koran 3,169).
Von hier aus ist die unter Muslimen der verschiedensten
Gruppierungen weit verbreitete Ueberzeugung zu verstehen, dass
ein Maertyrer, d.h. jemand der "fuer die Sache Gottes" im
"Dschihad" sein Leben laesst, sofort ins Paradies gelangt.
2.3 Traditionelle Kriegsfuehrung
Was die fruehislamischen Eroberungszuege angeht, so bestand
das Ziel nicht in erster Linie darin, die Unterworfenen zum
Islam zu bekehren, sondern Beute zu machen und den
arabischmuslimischen Herrschaftsbereich auszuweiten.
2.4 Die Muslime und ihr Umgang mit Andersglaeubigen
Die Muslime haben ein ausgepraegtes Selbstbewusstsein und
somit ein extremes Ueberlegenheitsgefuehl allen anderen
Religionen und deren Anhaenger gegenueber.
2.5 Der Aufstieg des arabischen Nationalismus
Zur wichtigsten Kraft des arabischen Nationalismus
entwickelte sich die 1947 in Syrien gegruendete Arabische
Sozialistische Baath (Wiedererweckungs)-Partei.
2.6 "Radikale" und "Konservative"
1968 putschten im Irak baathische Offiziere, die allerdings
einem Parteifluegel angehoerten, der zwei Jahre zuvor bei
einem innerparteilichem Putsch in Syrien unterlegen war.
Dieses Regime verstand sich als fortschrittlich,
sozialistisch und vor allem arabisch-national.
In den 1970er Jahren stieg Saudi-Arabien zur mit Abstand
staerksten Wirtschaftsmacht auf, und arabische Politik wurde
zunehmend von der moderaten, prowestlichen Haltung der Saudis
bestimmt.
2.7 Die Verschiebung der politischen Konstellation seit 1979
Beides, der Alleingang Aegyptens (Friedensvertrag mit Israel)
und die iranische Revolution, foerderte das Streben des Irak
nach regionaler Hegemonie. Bagdad lud 1979 zur Arabischen
Gipfelkonferenz ein, die die Isolation Aegyptens beschloss,
und meldete damit seinen Fuehrungsanspruch in der arabischen
Welt an.
2.8 Der orientalische Staat und sein Renten-Einkommen
Rentierstaaten leben nicht primaer von internen
Steuereinnahmen, sondern von Bezuegen, die sie im
Weltwirtschaftssystem oder in der internationalen Politik
einwerben:
- Oelrenten (Profite aus extrem guenstigen natuerlichen
Produktionsbedingungen)
- Lagerenten (Kanalgebuehren ect.)
- Effektenrenten (angelegte Kapitalien, mit deren andere
arbeiten)
- "politische" Renten (Entwicklungshilfe aus politischen und
strategischen Gruenden, Entschaedigungen).
Der Irak ist besonders privilegiert durch seine hohen
Oeleinnahmen.
2.9 Der Irak: Rentierstaat in der Krise
Iran und Irak wurden zu zentralen Stuetzen der britischen
Energieversorgung. Nach dem Zweiten Weltkrieg uebernahmen die
USA die Fuehrungsrolle im Mittleren Osten. Ihr
Hauptinstrument der Kontrolle war das Konsortiengeflecht
der Oelfirmen
mit seiner politischen Einflussnahme. 1972 verstaatlichte das
Baath-Regime die multinationale Oelindustrie.
Zum Rentierstaat schlechthin wurde der Irak nach dem Wandel
im Energiesystem 1973/74. Die Oelrente von $575 Mio. (1972)
stieg auf
$6 Mrd. (1974) und bis 1980 sogar auf $26,5 Mrd.
Das Baath-Regime liess die Koalition mit den Unter- und
Mittelschichten fallen zugunsten einer Koalition mit der
nationalen Bourgeoisie und dem Auslandskapital. Das Regime
setzte nun auf einen massiven, hochtechnologischen Aufbau
der Infrastruktur und der Industrie, dabei vor allem auf den
Erdoelkomplex und die davon abgeleiteten Industrien
(Petrochemie, Kunststoff, Eisen und Stahl). Dafuer oeffnete
es dem
Auslandskapital die Grenzen, das nunmehr die
Entwicklungsstandards diktierte und die Rentenverwertung
mitbestimmte.
Innergesellschaftlich stuetzte sich das Regime zunehmend auf
eine neue buergerliche Schicht, die durch interne
Rentenzuteilung in den Wirtschafts- und Entwicklungsprozess
integriert wurde (Bauindustrie, Transportgewerbe,
Nahrungsmittel- und Textilindustrie sowie Zulieferbetriebe).
Innerpolitisch fuehrte der neue Kurs zum Aufbau eines
machtvollen Kontrollapparates durch Partei und Staatsbuerokratie.
Dies war auch die Aera Saddam Husseins, der jetzt innerhalb
der Staatsklasse ins Zentrum rueckte. Aussenpolitisch gab das
Regime seine selbstgewaehlte Isolation auf, verbesserte seine
Beziehungen zu den konservativen Nachbarstaaten und dem
Westen und loeste seine engeren Bindungen an Moskau.
Der achtjaehrige Krieg mit dem Iran hatte das Land oekonomisch
ruiniert. Das Militaerpotential entsprach nicht mehr seiner
wirtschaftlichen und finanziellen Basis. Damit waren die
zentralen Funktionen des Rentierstaates blockiert: die das
Wirtschaftssystem antreibenden Kapitalinfusionen, die
Legitimationsbeschaffung und die Kommunikation mit den
Rentenadressaten. Das Regime wurde auf Repression und
Ideologie als Mittel
interner Stabilisierung zurueckgeworfen.
Im Fruehjahr 1990 wurden die amerikanischen
Nahrungsmittelkredite an das Regime radikal gekuerzt.
Das Ziel war, den
Irak in die Zange des internationalen Waehrungsfonds zu nehmen,
um ihn ueber wirtschaftliche und innenpolitische Auflagen zu
Reformen zu zwingen.
2.10 Der israelisch-arabische Konflikt
Gegen Ende des Ersten Weltkrieges wurde das Werben der Juden
um europaeische Protektion erhoert: Der britische
Aussenminister Balfour erklaerte im November 1917, seine
Regierung betrachte die Errichtung einer juedischen
Heimstaette in Palaestina mit Wohlwollen, vorausgesetzt, die
Rechte der dort
lebenden "nicht-juedischen" (der arabischen Bevoelkerungsmehrheit
also) blieben gewahrt.
1918 eroberten britische Truppen Palaestina. Nach der Aufloesung
des osmanischen Reiches fiel es 1920 als Voelkerbundmandat an
Grossbritannien. Die ersten zionistischen Siedler waren
bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts ins Land gekommen;
die Masse der juedischen Einwanderer gelangte jdoch erst
mit der nationalsozialistischen Verfolgung nach Palaestina.
Unter britischer Mandatsherrschaft gelang es den Einwanderern,
die wirtschaftlichen, sozialen und politischen Strukturen der
juedischen Heimstaette zu festigen. Waehrenddessen
verschaerften sich die Spannungen mit der arabischen
Bevoelkerungsmehrheit. Alle Bemuehungen um einen friedlichen
Ausgleich der Interessen schlugen fehl, die Briten kuendigten
1947 schliesslich ihren Rueckzug aus Palaestina an. Ein
Teilungsplan der Vereinten Nationen vom November 1947 wies die
arabische Seite zurueck; die juedische hingegen nahm ihn an
und proklamierte in der Nacht zum 15. Mai 1948 den Staat
Israel.
Im Kern geht es im arabisch-israelischen Konflikt um den Anspruch
zweier Gemeinschaften, die sich selbst als Volk definieren, auf
ein und dasselbe Land - Palaestina.
Ein dauerhafter Streit zwischen den arabischen Voelkern und
Israel war vorprogrammiert.
Araber und Muslime sehen Juden im allgemeinen als
Religionsgemeinschaft, nicht als Volk bzw. als Nation mit
dem Recht
auf einen eigenen Staat. Israelis und Juden wiederum tun
Aehnliches, wenn sie die Palaestinenser als Araber auf die
bereits bestehenden arabischen Staaten verweisen.
3. Die Invasion
2.1 Warum Saddam Hussein in Kuwait einmarschierte
Ein Jahr nach der Beendigung des iranisch-irakischen Krieges
bot sich folgendes Bild: Die jaehrlichen Oeleinnahmen von
$13 Mrd. vermochten nicht einmal die laufenden Ausgaben zu
decken. Die $80 Mrd. Auslandsschulden des Irak drueckten
Hussein um so mehr, als die Zahlungsrueckstaende auslaendischer
Firmen und Regierungen davon abhielten, weitere Kredite an
sein Land zu vergeben.
Auch glaenzende aussenpolitische Erfolge hatte Hussein seinen
Untertanen nicht vorzuweisen. In der Frage eines
Friedensvertrages mit Iran war er auch nicht im geringsten
vorangekommen.
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Schon waehrend des iranisch-irakischen Krieges hatte Saddam
Druck auf die Golfstaaten ausgeuebt, dem Irak seine Schulden
zu erlassen. Auf einem Gipfeltreffen des Rates fuer Arabische
Zusammenarbeit in Amman im Februar 1990 bot Saddam Hussein
Koenig Hussein von Jordanien und Praesident Husni Mubarak von
Aegypten, die Golfstaaten davon in Kenntnis zu setzen, dass
der Irak nicht nur in der Frage des vollstaendigen Erlasses
seiner Kreditschulden unnachgiebig bleiben werde, sondern
dringend und sofort zusaetzliche Finanzspritzen in Hoehe von
ca. $30 Mrd. benoetige. Und er fuegte hinzu: "Sagen Sie den
Herrschern der Golfstaaten, wenn sie mir dieses Geld nicht
geben, wuesste ich schon wie ich es bekaeme." Die Begleitmusik
zu dieser versteckten Drohung waren irakische Manoever in der
neutralen Zone an der kuwaitischen Grenze.
Die Golfstaaten mit Einschuechterungen zum Schuldenerlass fuer
den Irak zu bewegen und so die Staatskasse aufzufuellen, war
der eine Teil der Strategie Saddam Husseins. Der andere,
gleichermassen heikle Teil dieser Politik betraf die
Beeinflussung des Weltoelmarktes zugunsten des irakischen
Finanzbedarfs.
Im Anschluss an den iranisch-irakischen Krieg forderten der
Iran und der Irak, die OPEC-Laender auf ihre Foerderquoten zu
senken, zugunsten einer Erhoehung der Foerderquoten von Iran
und Irak. Diese Forderungen wurden voellig ignoriert. Einige
OPEC-Laender, allen voran Kuwait und die Verienigten
Arabischen Emirate (VAE), produzierten dagegen deutlich ueber
ihren Quoten, wodurch der Weltmarktpreis gedrueckt wurde.
In einer ausserordentlichen, nicht-oeffentlichen Sitzung mit
den arabischen Staatschefs, legte Saddam seine Beschwerden
gegen die Golfstaaten vor. Er beendete seine Rede mit: "Dies
ist [...] eine Form des Krieges gegen den Irak."
Kuwait und die VAE liessen sich durch Husseins offene Drohung
nicht ruehren. Zwar setzte der Emir von Kuwait in der
deutlichen Absicht, den irakischen Fuehrer zu beschwichtigen,
einen neuen Mann auf den Posten des Oelministers, doch war er
weder bereit, die kuwaitische Oelproduktion zu reduzieren,
noch wollte er Bagdad die Milliarden erlassen, die er ihm
waehrend des Krieges zur Verfuegung gestellt hatte, oder ihm
gar neue Zuschuesse gewaehren.
Erst am 10. Juli auf einem Koordinationtreffen der Oelminister
in Dschidda, gaben Kuwait und die VAE dem vereinten
Druck Saudi-Arabiens, Irans und Iraks nach und stimmten zu,
sich an ihre Oelfoerderquoten zu halten. Doch dieses
Zugestaendnis war gering und kam zu spaet. Zu diesem Zeitpunkt
erwartete Hussein viel mehr von Kuwait. Vermutlich stand der
Einmarsch in das kleine Fuerstentum fuer ihn noch nicht fest,
aber er war gewiss entschlossen, zusaetzlich zu einem
vollstaendigen Erlass der Kriegskreditschulden substantielle
Zuschuesse durchzusetzen.
Am 22. Maerz wurde der kanadische Ballistikexperte Dr. Gerald
Bull in Bruessel Opfer eines Attentats. Da Bull mit der
Entwicklung einer "Superkanone" fuer den Irak zu tun hatte,
gingen viele davon aus, er sei von einem westlichen
Geheimdienst oder vom israelischen "Mossad" ermordet worden.
Am 28. Maerz konfiszierten in einer Gemeinschaftsaktion US-
amerikanische und britische Zollfahnder auf dem Londoner
Flughafen Heathrow 40 elektrische Kondensatoren, hochmodernes
Geraet; Verwendungszweck: Zuender fuer Atomwaffen.
Diese Aktionen wurden von Hussein als Verleumdungskampagne
mit dem Ziel der Vorbereitung einer militaerischen Aggression
gegen den Irak interpretiert. Er wurde in seinem Verdacht
noch bestaerkt durch die Ueberzeugung, Israel werde es niemals
zulassen, dass ein arabischer Staat seinen technologischen
Vorsprung gefaehrde. Hussein, der eine syrisch-israelische
Verschwoerung befuerchtete war fest davon ueberzeugt, dass
zumindest ein Angriff Israels unmittelbar bevorstand, so sah
er sich gezwungen, seine Drohungen gegen Israel zu verdeutlichen.
"Bei Gott wir werden halb Israel niederbrennen, wenn
es versucht irgend etwas gegen den Irak zu unternehmen."
"Aber", so fuegte er hinzu, um den rein defensiven Charakter
seiner Drohung zu unterstreichen, "jeder muss seine Grenzen
kennen. Gott sei Dank kennen wir unsere Grenzen, und wir
werden niemanden angreifen." Gleichzeitig gab er bekannt:
"Der Irak will keinen Krieg, er hat acht Jahre lang gekaempft
und weiss, was Krieg bedeutet."
Es war eine Kombination von tiefer oekonomischer Krise und
Angst vor einem israelischen Angriff einerseits mit einem
unverholenen Gefuehl der gewachsenen eigenen Bedeutung
andererseits, die das Schicksal Kuwaits besiegelte. Die staendige
Gleichgueltigkeit Kuwaits fuer die irakischen Probleme musste
"wie ein vergifteter Dolch im Ruecken der Irakis" wirken.
Wenn er die leere irakische Staatskasse mit dem sagenhaften
kuwaitischen Reichtum auffuellte, so hoffte der Praesident,
koennte er Iraks Auslandsschulden drastisch verringern und
die ehrgeizigen Wiederaufbauprogramme in Angriff nehmen, die
er seinem Volk unmittelbar nach dem iranisch-irakischen
Krieg versprochen hatte. Vor dem Hintergrund von Iraks
historischem Anspruch auf Kuwait koennte dessen Besetzung
Husseins nationales Prestige heben, denn er stuende dann als
Befreier irakischen Territoriums da.
Schliesslich und nicht zuletzt wuerde die Einverleibung Kuwaits
den Irak zur fuehrenden Macht der arabischen Welt
machen und ihm entscheidendes Gewicht in Fragen der
Oelpreisgestaltung verleihen.
Am 25. Juli bestellte er die amerikanische Botschafterin
April Glaspie zu einem Gespraech nach Bagdad, um sich der
Neutralitaet der Amerikaner bezueglich des "Unternehmen
Kuwaits" zu versichern. Ihren Anweisungen zufolge gab sie sich
die groesstmoegliche Muehe, die kriegsluesternen Toene Husseins zu
ignorieren und ihn des Wohlwollens der USA zu versichern.
Hussein betonte seinen Willen nach friedlicher Loesung des
Kuwaitkonflikts: "Wir werden nichts unternehmen, bevor wir
nicht mit ihnen (den Kuwaities) geredet haben. Wenn wir dann
feststellen, dass noch Hoffnung besteht, wird nichts
passieren." In der Ueberzeugung sich auf die Neutralitaet der
Amerikaner verlassen zu koennen, trat Hussein den Schritt zur
letzten Stufe seines Plans. Am 31. Juli gab er Mubarak und
Bush das versprochene Zeichen seiner Bereitschaft zum
politischen Dialog, indem er den stellvertretenden Vorsitzenden
des Revolutionsrates Issat Ibrahim zu Verhandlungen mit
Vertretern Kuwaits nach Dschidda sandte. Auch wenn das Ergebnis
des Gespraechs fuer Hussein vermutlich ohne belang war, da er
sich schon zur Invasion Kuwaits entschlossen hatte, spielten
ihm die Kuwaitis gewiss insofern in die Haende, als sie auch
diesmal bei ihrer trotzigen Verweigerungshaltung gegenueber
den finanziellen Forderungen des Irak blieben. Am 1. August
kam es unter bitteren wechselseitigen Beschuldigungen zum
Abbruch der Verhandlungen. 24 Stunden spaeter war Kuwait kein
souveraener Staat mehr.
3.2 Das Militaerpotential des Irak
Der immense Resourcentransfer von den Industrielaendern in
die OPEC-Staaten seit dem Oelembargo von 1973 und dem Anstieg
der Oelpreise beguenstigte die Militarisierung der gesamten
Golfregion, deren relative Belastung bei den
Ruestungsausgaben fuer fast alle Staaten deutlich
hoeher ist als bei den
europaeischen NATO-Staaten. Die Aufruestung des Irak wurde
besonders beguenstigt durch:
- die Konflikte mit den Kurden zwischen 1961 und 1970,
- eine militaerisch gepraegte Entwicklungspolitik seit der
Machtuebernahme durch die Baath-Partei (1968) und vor allem
seit der Praesidentschaft Saddam Husseins (1979),
- den Anstieg der Oeleinnahmen,
- alte Gebietsansprueche Iraks gegenueber Iran und Kuwait,
- die Ruestungskonkurrenz mit Iran (bis 1979), Saudi-Arabien,
Israel sowie mit Syrien und
- den Krieg mit Iran (1980-1988).
Die irakische Aufruestung hielt nach Ende des ersten
Golfkrieges an. Die irakischen Streitkraefte entsprachen im Juli
1990 einer Kombination der Mannschaftsstaerken von Aegypten,
Syrien, Saudi-Arabien und den Golfscheichtuemern.
Mit Sicherheit ist der Irak im Besitz von C-Waffen. Zudem
mehren sich die Anzeichen dafuer, dass der Irak
nicht-konventionelle biologische Waffen versteckt haelt.
Das Atomwaffenprogramm gilt als eher unbrauchbar.
4. Reaktionen
4.1 Die Reaktionen in der Golfregion
Viele in der arabischen Welt betrachteten das Schicksal der
gefluechteten Kuwaitis mit Gleichgueltigkeit und Haeme. Die
meisten Regierungen lehnten jedoch aus den unterschiedlichsten
Motiven (wirtschaftliche Abhaengigkeit, eigenes Hegemoniestreben,
Furcht vor allgemeiner Neuordnung des regionalen
Staatensystems) die Besetzung des Emirats durch den Irak ab.
Die sozialrevolutionaere Umverteilungspropaganda Bagdads fand
dagegen bei den arabischen "Habenichts"-Staaten am unteren
Ende der Einkommensskala Zuspruch (Jemen, Sudan, Mauretanien).
Jene Staaten, die von einer solchen Umverteilung
Nachteile zu erwarten haetten (Saudi-Arabien, Golfemirate)
befanden sich in der Regel auf westlich-alliierter Seite.
Ausnahmen sind Aegypten, Marokko und Syrien. Die Reaktionen
auf die Niederlage des Irak fielen entsprechend den Positionen aus,
die waehrend der Konfrontation eingenommen wurden.
In Saudi-Arabien und unter den Kuwaitis herrschte zunaechst
grosse Befriedigung ueber die Befreiung Kuwaits. Die kuwaitische
Opposition forderte sogleich eine echte Demokratisierung
des wiederaufzubauenden Staates ein. Bei der Bevoelkerung
wie auch bei den Regierungen in Maghreb stiess die aus
arabischer Sicht uebertriebene und ueber das von der UNO
zugelassene Mass hinausgeehende Gewaltanwendung gegen den Irak
auf harte Kritik. Waehrend es zunaechst kaum levitische Stimmen
ueber die Politik Saddam Husseins gab, wurde den USA
vorgeworfen, die Zerstoerung des Irak angestrebt zu haben, um
eine amerikanische Hegemonie ueber dem Golf zu errichten.
4.2 Die Strategie der USA am Golf
4.2.1 Die Bush-Administration
Aus der Sicht der Bush-Administration ging es darum einen
unberechenbar gewordenen Aggressor einzudaemmen, dessen
ausgepraegte Hegemonieansprueche unannehmbare regionale und
globale Folgen haben wuerden: die militaerische Gefaehrdung des
eng befreundeten Staates Israel sowie die Kontrolle ueber die
Verfuegbarkeit und die Preispolitik des Oels - damit haette der
Diktator in Bagdad die Macht, die Weltwirtschaft
durcheinanderzubringen und politische Instabilitaeten zu schaffen. Zu
den militaerischen und enrgiepolitischen Aspekten kamen fuer
die Administration weltordnungspolitische Dimensionen des
Konflikts hinzu. Die irakische Invasion verletzte die Regeln
des internationalen Zusammenlebens nach dem Ende des Kalten
Krieges. Aggressionen duerften nicht belohnt, sondern muessten
rueckgaengig gemacht werden. Der brutale Einmarsch rufe die
Vereinigten Staaten auf den Plan, nicht weil sie diese Rolle
suchten, sondern weil niemand sonst diese Aufgabe uebernehmen
koenne. Buchstaeblich ueber Nacht wurde aus dem befreundeten
Irak, den die USA bis dahin als Gegengewicht zu Iran vor
allem politisch und wirtschaftlich unterstuetzt hatten, ein
Feindstaat. Um ihre Interessen wahrzunehmen und zu schuetzen
vollzog die Bush-Administration eine Kehrtwende in ihrer
Irak-Politik und formulierte die folgenden Ziele: der
sofortige, bedingungslose und vollstaendige Rueckzug der irakischen
Streitkraefte aus Kuwait; die Wiedereinsetzung der fuer sie
legitimen kuwaitischen Regierung; die Sicherheit und
Stabilitaet der Golfregion; der Schutz der dort ansaessigen
US-Buerger bzw. Freilassung der amerikanischen Geiseln.
Bereits am 4. August legte sie dem UNO-Sicherheitsrat einen
Resolutionsentwurf vor, der breitreichende Sanktionen gegen
das Regime in Bagdad vorsah. Zum anderen beschloss die
US-Regierung nach intensiven diplomatischen Kontakten mit der
saudischen Fuehrung, ein betraechtliches Truppenkontingent am
Golf zu stationieren.
Bereits im August setzten Praesident Bush und
Verteidigungsminister Cheney neue Prioritaeten.
Von nun an galt es sicherzustellen, dass sich der
Diktator aus Kuwait zurueckzieht, und
die Lage in der Region so zu stabilisieren, dass "er niemals
wieder versucht ist zu tun, was er gerade getan hat". Dieses
Ziel erhielt ab der zweiten Oktoberhaelfte mehr und mehr
Gewicht.
Bis zur Wende in der amerikanischen Golfpolitik, Ende Oktober,
hatten die Streitkraefte ausschliesslich eine defensive
Mission: den Irak von weiteren Aggressionen in der Region
abzuschrecken; Saudi-Arabien bei einem Angriff zu schuetzen,
falls eine Abschreckung versagt; die Wirtschaftssanktionen
der UNO durchzusetzen.
Der Praesident selbst hatte sich nahezu von Anfang an
skeptisch zur Wirksamkeit der UN-Massnahmen geaeussert.
Am 30. Oktober faellt Bush nach Konsultationen mit seinen
wichtigsten
Beratern und Ministern den zentralen Golf-Doppelbeschluss.
Die US-Streitkraefte sollten von damals 200.000 in wenigen
Wochen fast verdoppelt, die Truppenkontingente nicht
ausgewechselt werden.
Gerade aber ein wirksames Embargo, das Saddam Hussein dazu
zwingen wuerde, im Sinne der UN-Resolution Kuwait zu verlassen,
loeste den Zielkonflikt nicht, dem sich die Administration
gegenuebersah. Was waere fuer die Sicherheit und Stabilitaet
gewonnen, wenn der brutale Hegemon von Bagdad sein Militaer
potential behalten und in absehbarer Zeit ueber Nuklearwaffen
verfuegen wuerde?
Fraglich ist, ob das Embargo seitens der USA ueberhaupt
ernsthaft als Loesung des Konflikts in Betracht gezogen wurde.
Haetten sich die Irakis rechtzeitig zum 15.Januar zurueckgezogen,
haette man das Ziel der Sicherheit und Stabilitaet am
Golf anders loesen muessen. Somit erhaertet sich der Verdacht,
dass der militaerische Eingriff von anfang an die Zielmethode
gewesen war.
Die umfangreichen Bombardierungen zerstoerten die
Militaermaschinerie des Irak und schafften aus der Sicht der
Allianz
die Voraussetzungen dafuer, dass Sicherheit und Stabilitaet in
der Golfregion wiederhergestellt werden konnten. Mit der
nach Plan einsetzenden Bodenoffensive wurden die Iraker aus
Kuwait vertrieben.
Saddam Hussein nahm den Politikern die Entscheidung ab, die
das militaerische Drohpotential auch dann zerbomben wollten,
wenn der Irak eingelenkt haette.
4.2.2 Die Oeffentlichkeit
Den Beschluss der Regierung, Truppen an den Golf zu entsenden,
hat die Oeffentlichkeit von Anfang an mehrheitlich unterstuetzt.
Eine deutliche Mehrheit plaedierte dafuer, das konventionelle,
das Nuklear- und Chemiewaffenpotential des Irak
zu zerstoeren sowie den Diktator Saddam Hussein zu stuerzen.
In der zentralen Frage, ob die Golf-Krise mit Sanktionen
oder militaerischen Mitteln geloest werden sollte, war die
amerikanische Bevoelkerung in etwa gleiche Teile gespalten.
4.2.3 Der Sieg und moegliche Folgen
Das Vietnam-Trauma duerfte auf absehbare Zeit verringert worden
sein. In der Auseinandersetzung um aussenpolitische Konzepte
duerften neoisolationistische Konzepte vorerst keine
Chance mehr haben. Glaubwuerdig steht der Praesident da. Er
hatte seiner Bevoelkerung im Vorfeld versprochen, dass es kein
zweites Vietnam geben werde. Ausserdem wurde das
Selbstwertgefuehl der Bevoelkerung gesteigert. In der
Staatengemeinschaft haben die USA ihr Image verbessert,
besoders durch
den Beweis ihrer Fuehrungsqualitaeten.
Sie verwiesen die UDSSR wie bei der Beendigung des Kalten
Krieges erneut auf den zweiten Rang, als sich die US-Regierung
nicht auf die Vermittlungsversuche Gorbatschows gegen
Ende des Konflikts einliess. Ferner ist es der
Bush-Administration gelungen, die Sowjetunion innerhalb des
UN-Konsenses zu halten.
Die amerikanischen Technologien stellten sich als ueberlegen
heraus, die amerikanische Entschlossenheit, fuer eine "gute
und gerechte Sache" zu kaempfen, blieb unverrueckt.
Vor allem aber duerften die USA ein Hauptziel auf absehbare
Zeit erreicht haben: die Abschreckung ambitionierter
Regionalmaechte, die gegen US-Interessen verstossen.
5. Konfliktanalyse
5.1 Besonderheiten des Golfkonflikts
5.1.1 Konfliktinformation
Voellig neuartig am Golfkrieg ist die Zustimmung der einen
nuklearen Supermacht zu dem massiven militaerischen
Engagement ihres ehemaligen Hauptgegeners in einem
Regionalkonflikt. Beide haben ihrerseits ueber Stellvertreterkriege und
Klientenbildung zur Militarisierung der Dritten Welt beigetragen.
Der Golfkrieg ist also auch ein Erbe des Ost-Westkonflikts.
Auffallend ist, dass die USA so viel Unterstuetzung erhalten
haben, nicht nur von den ehemaligen westlichen
Kolonialmaechten, sondern auch von vielen kleinen Laendern,
vom ehemaligen Systemgegner, vor allem aus der arabischen
Welt
selbst. Aber fuer viele Menschen in der Dritten Welt waren
nicht die Militaeraktionen der antiirakischen Koalition,
sondern war Saddam Husseins Land- und Bankraub der eigentliche
"Befreiungskrieg". Der Diktator hat sich selbst in die Tradition
des arabischen und islamischen Antikolonialismus gestellt.
5.1.2 Konflikteskalation
In der Eskalation der Golf-Krise waren Entwicklungen zu
beobachten, die auch fuer zahlreiche andere Konflikte typisch
sind. Das gilt z.B. fuer das "strategische Dreieck" von
Abschreckung des Gegners, Erzwingung eines bestimmten
Verhaltens des Gegners und Versicherung um zu gewaehrleisten, dass
die eigene Abschreckung von der anderen Seite nicht als
Bedrohung wahrgenommen wird. Im Golfkrieg haben diese
Strategien versagt.
Statt rechtzeitig eine klare politische Abschreckungsposition
aufzubauen, versicherten die USA Saddam Hussein ihr
Wohlwollen. Als mildernder Umstand laesst sich nur anfuehren,
dass der Irak auch seine arabischen Nachbarn taeuschte, die
bis zuletzt nicht mit der Moeglichkeit einer Invasion rechneten.
Als es dann zu spaet war, wurde der Irak militaerisch zum
Rueckzug gezwungen. Da Saddam Hussein aber von vornherein
lieber den Krieg wollte, als die wirtschaftliche Strangulierung
abzuwarten, kam ihm die kompromisslose Linie der Regierung
Bush sogar entgegen.
Die Politik des Irak traegt "autistische" Zuege. Der
Realitaetsverlust Saddam Husseins zeigt sich in der Bewertung der
Annexion Kuwaits. Die irakische Fuehrung hat die (welt-)
politische Bedeutung ihres gewalttaetigen Rechtsbruchs nie
begriffen. Und wie konnte der Diktator erwarten, er werde aus
dem Duell mit dem Rest der Welt als Sieger hervorgehen?
Neben den Fehleinschaetzungen spielten
Bedrohtheitsvorstellungen eine wichtige Rolle in der Eskalation des Konflikts:
der traditionelle Konflikt mit Kuwait und Israel und seine
"Verschwoerungstheorie" der westlichen Welt gegen den Irak.
5.1.3. Konfliktursachen
Es ging zunaechst um eine ganz konkrete materielle
Auseinandersetzung zwischen dem Irak und den reichen Golfmonarchien.
Dass Kuwait Opfer wurde lag an seiner Halsstarrigkeit und an
den traditionellen Anspruechen des Irak gegenueber seinem
kleinen Nachbarland. Erst durch das Interesse und den
massiven Widerstand der Vereinigten Staaten erhielt der Konflikt
seine weltweite Dimension.
Die vorher aufgezeigten Beispiele fuer Fehleinschaetzungen
haben den Konflikt verschaerft, aber im Kern war es ein
Machtkonflikt um Einfluss und Kontrolle in der Region, politisch,
wirtschaftlich und militaerisch.
Der Irak hatte seine internen Probleme nach aussen verlagert.
Er war stark und schwach zugleich, militaerisch weit
uebergeruestet, wirtschaftlich gelaehmt - beides ein Ergebnis des
achtjaehrigen Krieges mit Iran, insofern ist auch hier der
Krieg der Vater des Krieges.
Auf amerikanischer Seite spielt die selbstverschuldete
Oelabhaengigkeit eine wichtige Rolle. Bekanntlich haben sie ja
gerade seit den 1980er Jahren auf Energiepolitik verzichtet.
5.2 Embargo contra Waffengewalt
In diesem Kapitel soll geklaert werden, ob ein militaerischer
Eingriff notwendig gewesen waere. Dazu werde ich jetzt
anhand bestimmter Fakten das Fuer und Wider abwaegen.
- Artikel 51 der UN-Charta erlaubt ausdruecklich individuelle
oder kollektive militaerische Notabwehrmassnahmen in solchen
Situationen. Haette man die Aggressionen des Irak hingenommen,
waere die Chance einer neuen Weltordnung, in der nicht
das Gesetz des Dschungels, sondern das Recht gilt, von
vornherein vertan worden.
Militaerische Mittel sind dennoch erst angebracht, wenn
vorher die nicht-militaerischen voellig ausgereizt worden sind.
Die Wirksamkeit eines Embargos wurde aber nicht ausreichend
getestet. Unuebersehbar ist, dass die westlichen Staaten nicht
zum Schutz der territorialen Ordnung interveniert haetten
ohne handfeste Interessen (Israel, Oel, Hegemonialpolitik).
- Auf seiten des Irak gab es weit ueber 100.000 Tote, die
meisten waren unschuldig. Verwuestungen und oekologische
Schaeden waren enormen Ausmassen. Es stellte sich z.B.
heraus, dass
die USA erstmals panzerbrechende Munition (Uranmantel)
verwendet hat. Die Verseuchung durch diese radioaktive Munition
betrifft nicht nur die Irakis, sondern auch die U.S.amerikanischen
Soldaten, die nicht ueber die Gefahren dieser Muni-
tion aufgeklaert waren. Fraglich ist daneben insbesondere, ob
die umfassende Zerstoerung der Infrastruktur des Irak und die
massive Bombardierung von Fronttruppen notwendig war.
- Das alternative Embargo waere ein erhoehter Aussendruck
gewesen, der die Kreativitaet und Innovationsfaehigkeit des Irak
und damit auch die Autarkie moeglicherweise haette verstaerken
koennen. Auch haette das Embargo vermutlich unterlaufen werden
koennen. Und es waere hauptsaechlich die zivile Bevoelkerung,
die unter dem Embargo haette leiden muessen.
Aber der Irak ist extrem auf Aussenwirtschaftsbeziehungen
angewiesen (2/3 der Nahrungsmittel muessen eingefuehrt werden).
Und das Embargo im Rahmen der Vereinten Nationen liess
Lieferungen von Medikamenten und Lebensmitteln in Notsituationen
zu. Letztlich waere ein Krieg immernoch grausamer fuer die
Bevoelkerung als ein Embargo. Nahostexperten zufolge haette
schon der Rueckgang der Oeleinnahmen zu einer Krise des
gesamten Systems gefuehrt.
- Andererseits schaetzen Nahostexperten, dass es ca. 2 Jahre
gedauert haette, bis die Sanktionen zum politischen Erfolg
gefuehrt haetten. In der Zeit haette Saddam Hussein die
Bevoelkerung gegen den Westen radikal aufzuhetzen versucht. Und
die dauerhafte Stationierung von 200.000 - 400.000 Soldaten
waere sehr teuer gewesen. Auch haette der Irak in dieser Zeit
sein Militaer und seine Massenvernichtungsmittel ausbauen
koennen. Auch stellt sich noch die Frage: Wie haette die
Androhung des Embargos Saddam zum Rueckzug bewegen koennen, wenn
dies nicht einmal die Androhung von Krieg schaffte?
Jedoch, sollte der Irak auseinanderbrechen nach einem
militaerischen Eingreifen der westlich-alliierten, drohen
langwierige Nachfolgekriege in dieser generell instabilen
Region. Das Embargo haette Schaetzungen zufolge bereits nach
9 Monaten die Funktionsfaehigkeit des Heeres beeintraechtigt.
Die Zerstoerung der irakischen Massenvernichtungsmittel war
von einer entsprechenden UNO-Resolution gedeckt. Und haette
es Hussein geschafft, eine Atombombe zu vollenden, haetten
ihm immernoch die entsprechenden Transportmittel gefehlt, um
sie gegen Israel einzusetzen.
Aus diesem Fuer und Wider ergibt sich fuer mich: Auch wenn die
Embargostrategie erhebliche Risiken enthielt - die militaerische
Moeglichkeit war mit noch groesseren Risiken und
schlimmeren Folgen verbunden. Die Anwendung von Gewalt hat hier
in keinster Weise dazu beigetragen, groesseres Leid zu
verhindern. Auch wurden nicht alle politischen Mittel vor
dem Waffeneinsatz ausgeschoepft. Angesichts der Informationszensur
laesst sich kein vernuenftiger Vergleich zwischen Gewinn und
Verlust ziehen; es gibt jedoch deutliche Anzeichen dafuer,
dass schon die unmittelbaren Kosten und Verluste des Krieges
wesentlich groesser sind, als die demonstrativ zur Schau
gestellte Siegeseuphorie glauben machen will.
Die Gruende gegen den Einsatz von Waffengewalt und fuer ein
Embargo wiegen dagegen schwer. Das militaerische Eingreifen
war nicht nur vermeidbar gewesen, sondern auch nicht
gerechtfertigt. Der UNO und der neuen Weltordnung wurde mit
der Entscheidung, den Krieg zu fuehren, bevor das Embargo
eine faire Chance bekommen hatte, ein schlechter Dienst
erwiesen.
________________________
Anhang
Anhang A: Glossar
- Golfkrieg: 2. um die Befreiung des vom Irak annektierten
Kuwaits 1991 gefuehrter Krieg zwischen dem
Irak und einem multinationalen Streitkraefteverband
unter Fuehrung der USA. Der Konflikt
wurde eingeleitet durch den Vorwurf Iraks,
Kuwait halte irakische Gebiete im Norden des
Oelfeldes von Rumaila besetzt und entziehe dem
Irak dadurch Erdoeleinnahmen. Nach vergeblichen
Vermittlungsbemuehungen anderer arabischer
Staaten marschierten am 2.8. 1990
irakische Truppen in Kuwait ein. Das Emirat
wurde zur 19. irakischen Provinz erklaert. Als
Reaktion verhaengte der UN-Sicherheitsrat ein
Handelsembargo gegen den Irak. Gleichzeitig
leiteten die USA die "Operation Wuestenschild"
ein und verlegte Truppenverbaende nach Saudi-
Arabien und in den Persischen Golf. Andere
Staaten schlossen sich an. Am 29.11.1990
verabschiedete der UN- Sicherheitsrat eine
Resolution, die die multinationalen Truppen fuer
den Fall, dass der Irak Kuwait nicht bis zum
15.1.1991 raeumen wuerde, zur Anwendung von
Gewalt autorisierte. Die alliierten Truppen
begannen am 17.1.1991 mit dem Luftkrieg gegen
den Irak. Die am 24.2.1991 eingeleitete
Bodenoffensive fuehrte zur voelligen Niederlage
der irakischen Truppen sowie zur Befreiung
Kuwaits. Nach der am 28.2.1991 vereinbarten
Waffenruhe trat am 11.4.1991 ein
Waffenstillstandsabkommen in Kraft.
Lit.: (Zitat aus) Bertelsmann Lexikon Bnd. 6
- neoisolationistisch: Tendenzen der Politik, sich auf
innere eigene Angelegenheiten zu
konzentrieren, anstatt sich staendig
um Recht und Ordnung in grossen
weiten Welt zu kuemmern.
Lit: Krieg und Frieden am Golf
- Zionismus: eine national-juedische Bewegung auf
internationaler Grundlage, die die Loesung
der sog. Judenfrage durch die Gruendung bzw.
Wiedererrichtung eines jued. Staates in
Palaestina anstrebte. Der Z. fusst auf drei
Grundannahmen:
1. Die Juden sind ein Volk, nicht nur eine
Religionsgemeinschaft; die Judenfrage ist
daher eine nationale Frage. 2. Der
Antisemitismus u. daraus folgende lebensbedrohende
Judenverfolgungen sind eine staendig u.
ueberall vorhandene Gefahr fuer die Juden.
3. Palaestina (das "Land Israel") war u. ist die
Heimat des jued. Volkes.
[...]
Mit der Gruendung des Staates Israel 1948 war
das Ziel des Z. erreicht, wenn auch die
Existenz des jued. Staates noch lange bedroht
blieb. Die Zionist. Organisation besteht weiter.
Sie sieht ihre Hauptaufgabe darin, die
Verbindung zwischen den Juden in aller Welt
u. in Israel aufrechtzuerhalten u. zu foerdern.
Lit: (Zitat aus) Bertelsmann Lexikon Bnd. 15
Anhang B: Quellenverzeichnis
- Albert Hourani: Die Geschichte der arabischen Voelker.
S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 1992.
- Arabien - Mehr als Erdoel und Konflikte.
Hrsg.: Udo Steinbach
Leske + Budrich, Opladen 1992.
- Krieg und Frieden am Golf
Hrsg.: Gert Krell und Bernard W. Kubbig
Fischer Taschenbuch Verlag GmbH, Frankfurt am Main 1991
- Peter Arnett: Unter Einsatz des Lebens
Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf., Muenchen 1994
- Golfkrieg. In: Die grosse Bertelsmann Lexikothek.
Hrsg.: Lexikon-Institut Bertelsmann.
Bertelsmann Lexikothek GmbH, Guetersloh 1993k.
Band6.
- Zionismus. In: Die grosse Bertelsmann Lexikothek.
Hrsg.: Lexikon-Institut Bertelsmann.
Bertelsmann Lexikothek GmbH, Guetersloh 1993k.
Band15.
- Europa zweitrangig. In: Focus 26/1993.
Verleger: Dr. Hubert Burda.
FOCUS Magazin-Verlag GmbH. 1993.
Nr. 26.
- Spiel mit der Angst. In: Focus 14/1993.
Verleger: Dr. Hubert Burda.
FOCUS Magazin-Verlag GmbH. 1993.
Nr. 14.
- Ziel verfehlt. In: Focus 27/1993.
Verleger: Dr. Hubert Burda.
FOCUS Magazin-Verlag GmbH. 1993.
Nr. 27.
- Ein Volk wird geknebelt. In: Focus 40/1993.
Verleger: Dr. Hubert Burda.
FOCUS Magazin-Verlag GmbH. 1993.
Nr. 40.
- Das Raubtier wetzt wieder die Krallen. In: Focus 44/1993.
Verleger: Dr. Hubert Burda.
FOCUS Magazin-Verlag GmbH. 1993.
Nr. 44.
- Islam. In: Focus 14/1993.
Verleger: Dr. Hubert Burda.
FOCUS Magazin-Verlag GmbH. 1993.
Nr. 14.
- Vertagte Reformen. In: Focus 4/1993.
Verleger: Dr. Hubert Burda.
FOCUS Magazin-Verlag GmbH. 1993.
Nr. 4.
- Ein Schlag auf die Finger. In: Focus 3/1993.
Verleger: Dr. Hubert Burda.
FOCUS Magazin-Verlag GmbH. 1993.
Nr. 3.
- Ziel verfehlt. In: Focus 27/1993.
Verleger: Dr. Hubert Burda.
FOCUS Magazin-Verlag GmbH. 1993.
Nr. 27.